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Ausgabe:

1911 Nr. 23

Spalte:

728-729

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Rittelmeyer, Friedrich

Titel/Untertitel:

Was will Johannes Müller? Kurze Darstellung und Würdigung. 2., durchgearb. Aufl 1911

Rezensent:

Bornemann, Wilhelm

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Theologifche Literaturzeitung 1911 Nr. 23.

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eine Anzahl von Artikeln, die der Mitwirkung mehrerer
Fachgelehrten ihre Entftehung verdanken: der Artikel
Charms und Amulets (392—472) zählt 21 Verfaffer, Calen-
dar 18, Communion with deity 13, Chastity and Children
je 9, Charity-Almsgiving 8, Celibacy 7, Circumcision 5,
Confession und Communion with the dead je 4, Concu-
binage 3, Camel und Coins and Medals je 2. Der
Schwerpunkt der Arbeit liegt auch diesmal in den Beiträgen
zur Kultur-, Religions- und Sittengefchichte,
zur Anthropologie, Ethnographie und Geographie. Man
vergleiche Buddhism in Burma and Assam (G. Scott), California
(Kroeber), Cambodia (A. Cabaton), Celts (MacCul-
loch), Central America (Seier), Central India (Burn), Central
Provinces (Ruffell), Chams (Cabaton), China (Walshe, de
Groot, Hyamfon), Chile (Lewis Spence), Chinooks (Lewis
Spence). Während die eingehenden und gründlichen
Notizen über Cakes and Loaves (MacCulloch), Cannibalism
(MacCulloch), Caste (Gait) Caves (MacRitchie), Coins and
Medals (Hill, Rapfon), ein weites Gebiet kulturgefchicht-
lichen Inhalts umfpannen, handeln die Artikel Candlemas
(Barns), Canonization (Hutton), Catacombs (G.Schneider),
Christmas (Kirfopp Lake), Christmas Customs (Lehmann),
von Einrichtungen chriftlichen, meift katholifchen Ur-
fprungs. Um dem Gefamtwerk gerecht zu fein, werden
die Theologen eingedenk bleiben müffen, daß Hastings'
Enzyklopädie nicht den Anfpruch erhebt, in erfter Linie
eine Fundgrube theologifchen, auch nicht kirchenhifto-
rifchen Wiffens zu fein. Allerdings herrfcht in diefer
Beziehung eine gewiffe Unficherheit in der Wahl und der
Ausarbeitung der einzelnen Artikel. Die Nummer Chri-
stianity (A. E. Garvie), die in der grundlegenden Prinzipienlehre
auf die in Deutfchland durch Harnack und

Standpunkt ; herauswittern' (S. 7). Ganz richtig; und auch
die fcholaftifche Methode. Ob für diefe freilich ,die
Gründe für beide (Wahrheit und Wiffen) in den Dingen
und nur in den Dingen allein maßgebend' find? Zum
.Charakter im Sinne von Kennzeichnung' der fchola-
ftifchen Methode gehört ja doch wohl ein fehr anderes
Verfahren: die Kunft der Begriffsanalyfe und Begriffs-
fpalterei, in welcher auch M. Meifter ift, und die Verwechslung
der .Natur der Dinge' mit einer beftimmten autoritativ
feftftehenden Auffaffung der Dinge (M.s Lex-aeterna-
Lehre).

Lernen kann der anders orientierte Lefer von M.
nichts. Es kommt ihm grade vor, als erhalte er hier von
den .Dingen' felbft fehr wenig und werde ftatt deffen ab-
gefpeift mit bloßen Begriffen. Eine pfychologifche Analyfe
will M. auch garnicht geben; eher eine ethifche Unter-
fuchung. Doch ift es auch das nicht. Vielmehr wird
alles, was bei Charakter gemeint fein kann, aufgezählt,
durchdisponiert und durchdefiniert, auch Charakter im
Sinne körperlicher Eigentümlichkeit. Bewiefen wird
weniger als behauptet; und die große Definierkunft und
Rubrizierkunft fchafft doch kein organifches Ganzes.

Sehr in die Augen fpringt eine beftimmte polemifche
Tendenz. Der Hauptverderber des ,Charakters im Sinne
von Hochfehätzung' ift der moderne Idealismus, über
welchen ganz tolle Dinge gefagt werden, die beweifen,
wie dem Verf. jedes Verftändnis der Sache fehlt, die er
fchmäht. ,Der moderne Idealismus leugnet den Beftand
der uns umgebenden Welt' Das ift nach M. barer Unfinn:
,denn hätten die unabhängig von uns exiftierenden Dinge
keinen Beftand, dann wäre es ja überflüffig, fie zu leugnen
. Die Idealiften leugnen fie aber' (S. 100). Kant

Troeltfch angeregten Verhandlungen genau eingeht, zählt ! alfo hat denen gegenüber, die ihn ähnlich mißdeuteten,
über 20 Seiten; dem Catholicism (J. H. Maude) werden j feine Prolegomena umfonft gefchrieben. Kants .Autono-
keine 3 gewidmet. Der mit einer hiftorifchen Tabelle | mie' ift das Prinzip, ,daß man tun könne, was man wolle
verfehene Artikel Confessions (Curtis) umfaßt 70 Seiten j (104). Der autonome Wille ift (S. 143) .deutfeh' der ,eigen-
(831—901), der Artikel Calvinism famt Calvin (James Orr) i mächtige', ,der als folcher tun kann, was ihm beliebt'
nur 8. Sehr dankenswert find die auf englifche oder , (v. Verf. gefperrt). .Autonomie ift nach ihrer ftrengften
amerikanifche Perfönlichkeiten oder Inftitutionen fich , Faffung nichts anderes als Willkür' (S. 180). Natürlich
beziehenden Notizen, Bushneil und Th. Carlyle (beide ift diefer Kant fchuld am fozialen Umfturz (S. 176). M.s
von Macfayden), Butler (J. H. Bernard), Cambridge Pia- j Kronzeuge ift verfchiedentlich O. Willmann. Amüfant ift
tonists (J. A. Stewart), Chalmers (J. Hastings), Coleridge auch die Charakterifierung Wundts (S. 147), ,daß er die
(M. J. Ryan), British Church (Hugh William), Christian j wefenhafte Seele (Animismus) fowie die Lebenskräfte
science (Lilias Ramfay), Christian endeavour (Clark), Church ' (Vitalismus) leugnet und das ganze Leben auf die Ma-
of England (F. W. Head), Communistic societies of Arne- terie, fowie die ihr innewohnenden Willenskräfte
rica (R. Bruce Taylor). Nach Beiträgen zur Philofophie 1 zurückführt'. So in Ausführungen, die eine Auseinander-
und zur Syftematifchen Theologie wird man nur in fehr fetzung mit dem Voluntarismus fein follen. M. ftützt den
befchränktem Maße fragen dürfen. Nennenswert find in- | Charakter auf die rechte und an fich einzig wirklich
deffen Certainty logical and psyelrological (H. Barker), mögliche Welterkenntnis.

religious (Tasker), Casuistry (R. M. Wenley), Cause, Cau- Dem Buche muß zu gute gehalten werden, daß es

sality (F. R. Tennant), Concept (J. Brough), Conception { apologetifch orientiert ift. Auch die Apologetik auf prote-
(Edgell), befonders auch Conditional immortality (H. W. : ftantifchem Boden verfährt ja oft genug nicht beffer.
Fulford) Die bereits früher (Jahrgang 1909 Num, J2) Gnadenfeld. Th. Steinmann,

hervorgehobene, eine gewiffe Willkür verratende Ver-

fchiebung von Artikeln, die man erwarten durfte, ift auch j Rittelmeyer, Lic. Dr. PTiedrich: Was will Johannes Müller?

in diefem dritten Bande noch wahrzunehmen. Daß Camel I Kurze Darftellung und Würdigung. 2. durchgearb
(Gaudefroy-Demombynes Gray) und Cock(Gray) eine aus- ; Aufl München C. H. Beck 1911. (41 S.) 8« M. - 80.
fuhrhehe Bearbeitung erfahren haben, ift gewiß erfreulich; j , ? t 1

wodurch haben es aberCat und Cattle verdient, einfach unter I Daß dies Büchlein bereits eine zweite Auflage er-
dieAnimals gezählt zu werden? (vgl. Bd. I, 506—509). Doch j lebt hat, ift kein Wunder, da fein Gegenftand Johannes
muß das letzte Wort ein Wort des Dankes für das rafch I Müller, fein Verfaffer Rittelmeyer ift. R. ftellt zunächft
und glücklich geförderte Unternehmen fein, durch welches ' feft, daß er Johannes Müller näher erft kennen gelernt habe,

nachdem er felbft fein Beftes auf andre Weife gefunden
hatte, und gibt dann als ,ein perfönliches Bekenntnis'
,nach Maßgabe des eignen inneren Erlebens' ,auf eigne
Weife und mit eignen Worten' eine lebendige Darfteilung
der Lebensarbeit feines Helden. Nicht auf die äußere
Entwicklung von Johannes Müller kommt es ihm an, fondern
auf den Sinn und die Bedeutung feiner Wirkfam-
keit. R. faßt dies etwa in folgende Worte zufammen.
« faderborn. F. Schöningh 1910. M. 4.60 ; Unfer tranfzendentales Ich muß fich von innen heraus

.»Drüben« wird man in der vorliegenden Schrift fehr i unfer und unfers ganzen Wefens bemächtigen, nicht auf
bald, wie in meinen »Temperamenten« den »fcholaftifchen dem Wege der Reflexion oder der Willensanftrengung,

Herausgeber und Verleger fich ein bleibendes Verdienft
erworben haben.

Straßburg i. E. P. Lobftein.

Muszyhski, Franz: Der Charakter. Seine Bewurzelg. in der
menfchl. Natur, fowie feine Ausreifg. u. Auswirkg. im
Lichte des chriftl. bezw. modernen Idealismus. (281 S.)