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Ausgabe:

1911 Nr. 23

Spalte:

725-726

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Pinski, F.

Titel/Untertitel:

Der höchste Standpunkt der Transzendentalphilosophie 1911

Rezensent:

Jordan, Bruno

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725

Theologifche Literaturzeitung 1911 Nr. 23.

726

fich haben'. In diefem Sinne ergeht fich der Verfaffer
über allerhand Probleme in den Abfchnitten Natur,
Wiffenfchaft, Religion, Gottesidee, Ethik, Werte und
Ideale, Kultur, Kunft, Kunft des Schauens und gibt
zum Schluß noch eine Sammlung von Sprüchen von
.Meiftern der Weltanschauung', zu denen er Auguftin,
Luther, Kant, Carlyle, Schiller, Goethe, Leibnitz, Friedrich
den Großen, Helmholtz, Liebig, Rückert, Claudius, Max
Müller, Voltaire, Rouffeau, Nietzfche u. a. rechnet. Das
Ganze ift wohlmeinend gefchrieben, zeigt eine Tendenz
auf Harmonie der Gegenfätze von kaufaler und finaler
Betrachtung, von Natur und Geift, von Gott und Welt,
auf Harmonie und Ausgleich der verfchiedenen Sphären.
Aber im Ganzen geht die Arbeit doch nicht tief genug,
ift das Denken zu unbeftimmt, als daß man über den
Verfuch einer liebenswürdigen Perfönlichkeit hinauskäme,
ihre Lebensanfichten zufammenzuftellen. Von allen möglichen
Seiten angeregt, fchwebt der Verfaffer wie ein
Schmetterling über Blumen und nimmt von jeder, was
ihm wertvoll dünkt. Er polemifiert gegen die einfeitig
mechanifche Weltanfchauung, ohne die Prinzipien für
eine andere Weltanfchauung wirklich energifch zu Unteraichen
, wenn man von dem abfieht, was er naturwiffen-
fchaftlich zu Gunften der Teleologie in feiner Dominantentheorie
gefagt hat. Er fagt über all die genannten Themata
allerhand Gutes; aber es fehlt eine kräftige Dialektik
, begriffliche Schärfe. Das Ganze ift das Produkt
einer wohlmeinenden Romantik, der die feften und
klaren Züge gebrechen — ein Produkt der Gegenwart
mit ihren vielfeitigen Intereffen, die nicht zur Einheit
/.ufammengefaßt, fondern nur äußerlich gegen einander
ausgeglichen werden, weil man den tieferen Wurzeln der
verfchiedenen Intereffen nicht nachgräbt, die doch am Ende
auf eine Einheit zurückführen. Statt deffen wird immer
wieder Halt gemacht und an die Grenzen unferes Erkennens
erinnert. Nach diefer Seite tritt einem der
Vergleich mit dem Philofophieren des Cicero nahe.
Königsberg- i. Pr. A. Dorn er.

Pin Ski, Realgymn.-Lehrer F.: Der höchlte Standpunkt der

Transzendentalphilofophie. Verfuch e. Vervollftändigg.
u. fyftemat. Darftellg. der letzten Gedanken Immanuel
Kants. (VII, 151 S.) 8°. Halle, H. Peter 1911.

M. 2 —; geb. M. 2.40

Der Titel diefes Büchleins ift durchaus irreführend.
Der Verfaffer bietet eine fyftematifierende Wiedergabe
des Inhaltes von Kants bekanntem Manufkript: ,Vom
Übergänge von den metaphyfifchen Anfangsgründen der
Naturwiffenfchaft zur Phyfik'. Er Schließt fich dabei eng
an Reickes AufSätze und Mitteilungen an. An fich ift
dieSe Darftellung der letzten Gedanken Kants nicht ohne
Verdienst. Ganz gefchickt werden die Anknüpfungspunkte
in den drei Kritiken aufgefucht. In die Denkweife
und Problemstellung der Handfchrift hat fich der
fleißige Verfaffer gut eingelebt. Aber die ganze Art
und Weife der Wiedergabe ift doch zu mechanifch und
fklavifch, als daß Sie dem Kenner des Manufkriptes Neues
bieten oder den Laien Sicher in diefe Gedankenreihen
einführen könnte.

Vielleicht findet der Verfaffer Zeit und Kraft, die
Probleme noch einmal Scharf und tief durchzudenken
und Sie dann frei in großen allgemeinen Zügen mit um-
faffenderen geschichtlichen Aus- und Rückblicken darzustellen
.

Solange eine beffere zusammenhängende Orientierung,
die auch dem Laien ohne weiteres zugänglich ift, nicht
vorliegt, mag man immerhin das freilich auch ftiliftifch
nicht ganz einwandfreie Büchlein Pinskis zur Hand
nehmen. Doch würde ich raten, auf jeden Fall Stets das
Manufkript felbft mit einzufehen.

Die flache Einleitung, die in jeder Beziehung unzureichend ifl, muß
man freilich ilbcrfchlagen. Wie unficher der Verfaffer ift, geht u. a. daraus
hervor, daß er fich über die Anzahl der Konvolutc des Manufkripts
(nach Reicke 12, nach Kraufe 13) nicht zu entfeheiden wagt. Der Gegen-
fatz zwifchen dem Manufkript als folchem, Werken darüber und Werken
daraus ift völlig verwifcht. Von einer hiftorifchen Würdigung der Handfchrift
findet fich keine Spur. Das Werk wird fogleich kritiklos perfön-
lichen fyftematifchen Intereffen des Verfaffers dienftbar gemacht. Natürlich
fehlt es nicht an gewagten Hypothefen und Konftruktionen, um die
lofen Reflexionen zu einem einheitlichen Ganzen zufammenzufchweißen.
Die Bedeutung der Gedanken wird maßlos überfchätzt. Sie werden als
krönender Abfchluß der drei Kritiken betrachtet und als Fundament und
Organon einer modernen Univerfalphilofophie angefehen. Die Begcifterung
des Verfaffers hat ihn orthodox und engherzig werden laffen. Über Fichte,
Hegel, Schelling fällt er ungerechte harte Urteile. Den alternden Kant
(teilt er mit Unrecht über den ,kritifchen' Kant.

Auf einzelne wichtige Probleme möchte ich den
Lefer befonders aufmerkfam machen. Er wird gut tun
bei Reicke (Altpreuß. Monatsfchrift Bd. 19—21, Jahrg.
1882—1884. Ergänzungen Archiv IV, 731 ff. von Vaihinger)
die Gedanken Kants genauer nachzulefen und nachzuprüfen
.

Im Allgemeinen ift die Stärkere Betonung des Reli-
giöfen von allergrößtem Intereffe. Befonders auffallend ift
der immer wieder betonte Perfonalismus im Gottesbegriff
(S- 335, 333, 348, 324). Kant Scheint fich dem Proteftan-
; tismus wieder Stärker zu nähern. Allerdings wird auch
: hier die Unität Gottes wieder fehr energifch betont.
Über Genefis und Wefen des Gottesbegriffes finden fich
fehr tiefgrabende Reflexionen. Eigentümlich aber ift hier
wie überall die peinlich fcholaftifche Methode, die nir-
; gends fo fehr die lebendigen Gedanken verfchüttet, wie
i gerade in diefen ,religionsphilofophifchen' Partien.

Eine genauere Darfteilung diefer Probleme wäre
dringend erwünfeht.

Befonders lebhaft hat Kant der Weltbegriff beschäftigt
. Man kann nun freilich nicht behaupten, daß
er die kritifchen Bahnen mit Bewußtfein verlaffen hätte,
j Aber fein Denken ift gleichwohl etwas univerfaler, man
muß aber auch fagen, Spekulativer geworden. Es finden
; fich Gedankenreihen, die lebhaft an den fpäteren Jdea-
lismus' Hegels erinnern. Es ift, als ragten die verfchiedenen
Epochen in einander herüber und hinüber. Ich
kann hier naturgemäß auf Einzelheiten nicht eingehen.
! Man wird ohne Frage in Zukunft die Entwicklung Kants
; nach beiden Seiten hin (die Anfänge und das Ende) ge-
i nauer erforfchen muffen; man wird fich aber hüten
nüiffen, zu überfchätzen und zu konstruieren. Man wird
den werdenden Kant anders deuten, als den kritifchen,
und diefen wieder anders, als den alternden. Vielleicht,
daß uns noch einmal ein ganzer Kant in dem ganzen
Reichtum feiner Entwicklung vorgeführt und dargeftellt
wird. Gewiß redet man mit Unrecht von einem .Zerfall'
der Gedankenarbeit des alternden Kant. Aber man follte
doch nicht die .Eigenart' diefer letzten Periode verkennen,
man follte Sie doch nicht immer wieder mit der kritifchen
vergleichen und Sie gar als ihre .Krönung' anfehen!

Einbeck (Hannov.). Bruno-Jordan.

Encyclopaedia of Religion and Ethics. Edited by James
Hastings, M. A., D.D., with the assistance of John
A. Selbie, M. A., D.D. and other scholars. Vol. III.
Burial — Confessions. (XVI, 901 S.) Lex. 8°. Edinburgh,
T. & T. Clark 1910. Geb. s. 28 —

Der dritte Band der großartig angelegten Enzyklopädie
(vgl. Th. Litztg. 1909, Num. 12; 1910, Num. 12) ift,
wie der zweite, nur ein Jahr nach feinem Vorgänger erschienen
. Er geht vom Art. Burial bis zum Art. Confessions
. Selbstverständlich find Anlage, Charakter und
leitende Grundgedanken des Werkes unverändert geblieben
. Die große Mehrzahl der 169 Verfaffer entstammen
Großbritannien, Irland und Amerika; die deutfehe Wiflenfchaft
ift durch Bethe, Deubner, von Dobfchütz, Euchen,
Fick, Hommel, Jacobi, Alf. Jeremias, Kroll, Lehmann, Preuß,
Rademacher, Schneider, Schräder, Seier, Völlers, Wünfch,
vertreten. Wie in den früheren Bänden gibt es in diefem