Recherche – Detailansicht

Ausgabe:

1911

Spalte:

717-720

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Müller, Nikolaus

Titel/Untertitel:

Die Wittenberger Bewegung 1521 u. 1522. 2. Aufl 1911

Rezensent:

Bossert, Gustav

Ansicht Scan:

Seite 1, Seite 2

Download Scan:

PDF

717 Theologilche Literaturzeitung 1911 Nr. 23. jig

welcher fchon am Ende des 9. Jahrhunderts jene ganze , die Wittenberger Bewegung 1521I22 ein. Sie ift im erften

Parteifpaltung vorliegt, die feit dem Ende des 11. Jahrhunderts
die Erörterung des Univerfalienproblems be-
herrfcht, wird hier auf Grund der Quellen in wefentlichen
Punkten korrigiert. Zunächft muß fcharf auseinandergehalten
werden i. die Frageftellung der Ifagoge des Por-
phyrius: ,Exiftieren die Gattungen und Arten oder beruhen
fie nur auf leeren Vor Heilungen ?' (S. 12), 2. die
ganz unabhängig davon durch die Gegenüberftellung von
Dingen und Worten in der Logik des Boethius (S. 14)
entftandene Frage: Sind die Gattungen und Arten Dinge
oder Worte? d. h. gehören fie zu den Gegenftänden, mit
denen fich die Phyfik befchäftigt, oder ins Gebiet der
Grammatik und Dialektik? (S. 14). Erft indem fpätere
Lefer der boethianifchen Kommentare diefe letztere Frageftellung
auch auf die Ifagoge des Porphyrius übertrugen

Heft des VIII. Jahrgangs zum Abfchluß gebracht und in
zweiter Auflage als Buch mit zahlreichen Ergänzungen
und Literaturnachträgen, an einzelnen Stellen mit Neubearbeitung
, und einem fehr willkommenen Regifter er-
fchienen, um weiteren Gelehrtenkreifen zugänglich zu fein.
Jetzt läßt fich überfehen, wie groß der Gewinn für die
Sturm- und Drangperiode Wittenbergs, für die Gefchichte
der Univerlität, des Stifts und des Auguftinerklofters ift.
Der erfte Teil, der die Briefe und Akten gibt, (vgl. ThLZ
1910, 175) ift mit Nr. 107 abgefchloffen, der zweite enthält
Perfonalien der in der kritifchen Zeit für Wittenberg
in Betracht kommenden Männer, von denen nur der
geringfte Teil trotz aller Verdienfte von Enders' Brief-
wechfel bisher hinlänglich bekannt war. Müller hat ,nicht
nur den Lebens- und Entwicklungsgang der Vertreter und

(S. 16), entftand die Umwandlung der bisherigen Streit- I Verteidiger der mittelalterlichen Kirche, fondern auch den
frage in die Univerfalienfrage (S. 20). Innerhalb diefer ! der Träger und Anwälte der religiöfen und kirchlichen

Entwicklung unterfcheidet fich wieder derfortgefchrittenere
Nominalismus Abälards von dem primitiveren feines
Lehrers Roscelin. Roscelins Nominalismus befchränkt fich
auf die Behauptung, daß die Gattungen und Arten nicht

Neuerungen in und um Wittenberg nach Möglichkeit ins
Licht geftellt'. Ganz befonders hat er die bisher am
ftiefmütterlichften behandelten neuerungsfeindlichen Mitglieder
des Stiftskapitels der Schloßkirche berückfichtigt

phyfikalifche Dinge, fondern Gegenftände der Logik, d. h. j und dabei feftgeftellt, daß die drei Stiftsherren, welche
gesprochene Worte, durch fukzeffives Ausfprechen der j am längften und hartnäckigften gegen die Einführung des
Laute entftehende voces find (S. 26fj. Nach Abälard Evangeliums in die Schloßkirche kämpften, Matth. Beskau,
find die Univerfalien nicht bloß materielle Wortlaute j Ge. Pilner, Joh. Volmar als Anhänger der Reformation
(voces), fondern sermones oder nomina = voces signifi- , aus dem Leben fchieden und aus Feinden zu Kronzeugen'
cativae (S. 49), d. h. Wortlaute, die vermöge ihrer Er- j derfelben wurden (S. 195. 2. A. 224). Das Verhältnis der

findung vonfeiten der Menfchen (S. 47) zur Bezeichnung
der Dinge dienen (S. 48). Die Gattungen und Arten
exiftieren deshalb auch dann noch weiter, wenn
die voces nicht ausgefprochen werden. Der Fehler
der bisherigen Auffaffung, in den auch Prantl verfallen
ift, beftände alfo nach Reiners darin, daß man in eine
Entwicklungsperiode des logifchen Denkens, in der nur
die boethianifche Alternative: Worte oder Dinge vorhanden
war, den fpäteren Begriff des Begriffs eintrug,
der weder für Boethius noch für Roscelin noch lür Abälard
vorhanden war. ,Roscelin hat an die Begriffe'überhaupt
nicht gedacht' (S. 30), alfo auch nicht die Exiftenz

Univerfität zum Stift, die finanzielle Bafierung der erfteren
auf kirchliche Pfründen, die Verfaffung des Stifts mit
feinen Dignitäten und deren Aufgaben, die fürftliche
Kapelle unter Kon. Ruppfchs Leitung, die Verödung
des Auguftinerklofters treten in helles Licht. Die Reihenfolge
der Pröpfte und Dekane des Stifts ift gefichert,
fobald die Müller entgangene Identität von Joh. Mogen-
hofer und Monhofer anerkannt ift (S. 356, 2. A. S. 316).
Im Febr. 1522 fleht an der Spitze des Auguftinerklofters
ein Diakon. .Vermutlich waren die Titel Prior und Sub-
prior mißliebig geworden', aber im Mai 1522 kommt der
Priortitel wieder zu Ehren (S. 189 Anm. 6). Unter den

der Begriffe geleugnet. Significatio bei Abälard heißt 1 Biographien find die von Chr. Blank und Paul Knod
nicht Begriff (S. 49), vox significativa oder sermo nicht j befonders warm gehalten. Willkommen find die der

Urteil, wie Prantl meint (S. 45). Abälard will darum auch
nicht die Objektivität des Begriffs leugnen (S. 52). ,Der
Nominalismus kommt über das Wort, der ariftotelifche
Realismus über die finnfälligen Dinge nicht hinaus, den

Staatsmänner Joh. von Dölzig (S. 404fr.), Plug, von Ein-
fiedel und der beiden Hirfchfeld (8. Jahrg. S. 1, ioff. Beachte
die kritifche Note S. 1, Anm. 21). Wie eindringend
Müllers Arbeit ift, zeigt fich an der umfaffenden Durch-

Begriff laffen beide außer Acht' (S. 60). forfchung aller erdenklichen Quellen. Selbft die fürftliche

Gegen diefe Ausfchaltung der fpäteren Prageftellung Küchenrechnung von 1513 muß eine Notiz liefern, die
aus der frühmittelalterlichen" Gefchichte der Logik wird nicht nur für die Biographie von Kon. Ruppfch und die
fich nur das eine Bedenken erheben, daß fich doch der ! Sängerei, fondern auch für die Entftehung des Purften-
Begriff des Begriffs aus der ariftotelifchen Definition des | bunds von 1516 von Wert ift (VIII. J. S. 31; 2. A. S. 402).
XfdhöXov nicht'völlig eliminieren läßt, wie fie fich in den j Friedensburg fetzt fich mit Brieger über die
Kommentaren des Boethius findet: Dico autem univer- I religiöfe Frage im Speirer Reichstagsabfchied 1526
sale, quod de pluribus natum est praedicari. Daß bei j auseinander und macht gegenüber Briegers Verteidigung
Abälard der sermo fich nicht auf ein Ding, fondern auf j der älteren Auffaffung von Gewährung des Reformations-
viele Individuen ,zufammenfaffend' (S. 51) fignifikativ be- 1 rechts geltend, daß die bekannte Formel nur ein vorzieht
, das gibt ihm notwendig in irgendeinem Sinne die ! läufiges tatlächliches Gewährenlaffen, aber keineswegs

Bedeutung des Begriffs,

Halle a. S. K. Heim.

Archiv für Reformationsgefchichte. Texte u. Unterlüchgn. In

Verbindg. in. dem Ver. f. Reformationsgefch. hrsg. von

D. W. Friedensburg. Nr. 25—28. 7. Jahrg. 4 Hefte

(460S.) gr. 8°. Leipzig,M.HeinfiusNachf. 1910. M. i3.6o
Müller, Prof. D. Dr. NikoL: Die Wittenberger Bewegung

1521 u. 1522. Die Vorgänge in u. um Wittenberg

während Luthers Wartburgaufenthalt. Briefe, Akten

u. dgl. u. Perfonalien. 2. Aufl. (VI, 423 S.) gr. 8°.

Ebd. 1911. M. 6 —

Ein Drittel des VII. Jahrgangs nimmt die Fortfetzung
der wichtigen und reichhaltigen Arbeit von N. Müller über | fchung am vollftändigften und handlichften wiedergeben

einen Rechtstitel in fich fchloß (S. 93 ff). In ein fehr
bedenkliches Licht rückt P. Vetter Juftus Jonas im
Streit gegen Jak. Schenk, den er Luther entfremdete.
Vetter ftellt damit Jonas' Verfahren gegen Witzel und
Cordatus zufammen (S. I23ff). Kroker fetzt feine Unter-
fuchung von Rörers Handfchriftenbänden und Luthers
Tifchreden (ThLZ 1909, Sp. 271) fort. Er behandelt das
Verhältnis Rörers zu Schlaginhaufen und zu dem bisher
unbekannten Ludwig Rabe (Corvinus) und ihren
Aufzeichnungen in lichtvoller Weife, und befpricht die
Grundfätze, nach denen er die Tifchreden in der Weimarer
Ausgabe herauszugeben gedenkt, und fetzt fich dabei
mit Koffmane (S. 82) auseinander. Die Präge wird fein,
ob die Ausgabe nach Krokers Plan nicht atlzu umfangreich
wird, während fie ficher das Material für die For-