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Ausgabe:

1911

Spalte:

707-709

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Wilhelm, Richard (Übers.)

Titel/Untertitel:

Laotse: Tao te king. Das Buch des Alten vom Sinn und Leben 1911

Rezensent:

Haas, Hans

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Theologifche Literaturzeitung 1911 Nr. 23.

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dem abfieht, was bloß fymbolifche Ausdrucksform ift,
als einem wertenden Verhalten bleibende Bedeutung zukommt
.

Was dem Buch, das bereits in einem der bedeutend-
ften Werke der amerikanifchen Religionspfychologie,
dem Werk von Arnes1, ftark nachwirkt, fein charakte-
riftifches Gepräge und zweifelsohne in den Augen vieler
einen hohen Reiz verleiht, ift das Eingehen desfelben auf
die in der Pfychologie weit verbreitete Tendenz, die Phänomene
des höheren Seelenlebens aus möglichft primären Elementen
zu konftruieren. Wie man etwa neuerdings wohl
den Willen auf bloße Muskelempfindungen zurückführen
möchte, fo foll hier die Religion in letzter Inftanz aus
rein triebartigen oder reflexartigen Bewegungen abgeleitet
werden. Aber der Vernich ift mißlungen. Von den
Ausführungen über die Gottesvorftellung insbefondere
gar nicht zu reden, nicht einmal als bloßes wertendes
Bewußtfein vermag der Autor die Religion auf die betreffende
Weife zu erklären; er fleht fich genötigt, hier
oder dort ein religiöfes Bewußtfein anzuerkennen, das den
dies Bewußtfein fteigernden Handlungen fchon vorausgeht
. In dem vorliegenden Fall kam aber alles auf die
konfequente Durchführung des Prinzips an. Bleibt fie,
weil unmöglich, aus, fo verliert das Buch für die einen
das belle Teil feines Reizes; für andere ift der Mißerfolg
um fo lehrreicher. Im übrigen darf wohl gefagt werden,
daß der Autor dem neuerdings fo oft befprochenen Begriff
des ,Mana' eine größere Verbreitung zufpricht, als
wirklich bis jetzt nachgewiefen werden kann. Von den
generellen Mängeln der Methode, die aus der Betrachtung
der Naturvölker die Art der Entftehung der Religion er-
fchließen will, braucht nicht erft befonders geredet zu
werden.

Straßburg i. E. E. W. Mayer.

1) E. S. Arnes, The Psychology of religious experience, London, 1910.

Laotfe: Tao te king. Das Buch des Alten vom Sinn und
Leben. Aus dem Chinefifchen verdeutfcht und erläutert
von Richard Wilhelm. Jena, E. Diederichs 1911.
(XXXII, 118 S.) 8» M. 3 —

In der älteften biographifchen Notiz über Laotsze, die
fich in der chinefifchen Literatur findet, einem in Sze-ma
Tsiens großem Gefchichtswerke fich findenden Berichte
über eine angebliche Begegnung des Konfuzius mit feinem
älteren Geiftesantipoden, ift zu lefen, daß diefer jenem
fagte: ,Wenn der Edle feine Zeit findet, kommt er vorwärts
; findet er feine Zeit nicht, fo geht er und läßt das
Unkraut fich häufen. Ich habe gehört, ein kluger Kaufmann
verberge feine Vorräte in der Tiefe, fo daß er leer
ausfieht ufw.' Mich haben diefe Worte immer an Ernft
Faber, den Sinologen, erinnert. Er wußte, welcher Gewinn
, materieller wie geiftiger Art, uns aus dem Verkehr
mit der Welt des fernen Oftens erwachfen kann. Und er
war der Mann, die Brücken zu fchlagen, die folchen
Verkehr hätten vermitteln können. Es war dem Edlen
nicht befchieden, ,feine Zeit zu finden'. Seine deutfchen
Bearbeitungen der chinefifchen Philofophen fanden, foweit
ihre Drucklegung ihm durch die Munifizenz des Barons
Diergard ermöglicht wurde, im Land der Denker keinen
Abfatz, kaum Beachtung, oder blieben, bis ein Brand
feines Haufes fie mit verzehrte, als verborgene Schätze
im Manufkript in China liegen. — Fabers Mantel ift auf
Wilhelm gefallen, wie der Dahingeraffte ein Sendbote
des Allg. ev.-prot. Miffionsvereins, und von ihm hoffentlich
wird nun, Jahrzehnte fpäter, gelten, daß er ,feine Zeit
gefunden'. Jedenfalls liegt unverkennbar eben in der
Gegenwart ein Zug zu der Myftik des alten Weifen, deffen
Aphorismen uns W. mit dem vorliegenden Werkchen in
neuer Verdeutfchung darbietet, nachdem uns eine folche
eben erft von Grill (S. meine Befprechung in Nr. 2, Sp.
33—36) befchert war. Wieder, wie vor 40 Jahren Rein-

' hold von Plänckner und Viktor von Strauß, find gleich-
; zeitig zwei des Chinefifchen Kundige an die Aufgabe
! einer Bearbeitung des Tao-teh-king herangetreten, ohne
| daß der eine vom andern wußte, daß er am Werke war.
i Die tertii gaudentes find wir. Wir mehr als die von
1870, denen das Erfcheinen des Strauß'fchen trefflichen
Werkes alsbald die Freude an der Leiftung des anderen
mit ihm in die Schranken Getretenen wieder verkümmern
mußte (Tao-teh-king Kap. 2).

Dem Texte find bei W. nur 30 S. Einleitung vöraus-
gefchickt. S. IV—XIV handeln von der Perfönlichkeit
des Verfaffers und von feiner hiftorifchen Stellung in
1 China. Aus feinen Aphorismen fpricht W. eine originale
S und unnachahmliche Perfönlichkeit an, dies ein Beweis
I für ihre, bekanntlich neuerdings von einer Hyperkritik
angefochtene, Gefchichtlichkeit. Durch das ganze Buch
geht ihm ein ftarker, einheitlicher Geift. Nicht verkannt
wird aber dabei, daß vieles im Tao-teh-king auf ältere
Weisheitsfprüche zurückgeht. Wie denn Laotsze überhaupt
ebenfo gut die Fortfetzung einer alten chinefifchen Geiftes-
richtung bedeutet wie Kungtsze, einer älteren noch dazu.
Im folgenden wird dann kurz auf den Inhalt feiner Schrift
eingegangen. S. XV—-XXV fucht W. die Metaphyfik
des Tao-teh-king zu befchreiben, indem er zuerft gewiffer-
maßen induktiv zu Laotszes Welterklärungsprinzip auffteigt,
um darauf umgekehrt den Weg zu verfolgen, auf dem
der alte Denker von diefem feinem oberften Prinzip aus
deduktiv zur Wirklichkeit fich herabzutaften unternimmt.
Die letzten Seiten der Einleitung find ein Fremdkörper
im Buch.

Was Wilhelms Verdeutfchung des Grundtexts anlangt,
darf gerühmt werden, daß fie in ftiliftifcher Hinficht eines
vor allen bisherigen Übertragungen voraus hat: ohne daß
man fagen könnte, daß fie dadurch dunkler geraten, als
es das Original felbft den heute, wie feit 2000 Jahren, fo
ganz anders geftimmten Chinefen ift, kommt fie in Konzis-
heit und Prägnanz des fprachlichen Ausdrucks eben diefem
Original nahe wie keine andere.

Zur llluftrierung nur eine Probe. Kap. 24 lautet der Anfang in
Ulars Überfetzung: ,S'elever sur les pointes des pieds, ce n'est pas meme
se tenir debout; ecaiter demesurement les jambes, ce n'est pas meme
marcher', bei W. dagegen: ,Wer auf den Zehen fteht, fteht nicht feft.
Wer mit gefpreizten Beinen geht, kommt nicht voran', — eine Stelle, die
ich herausgreife, weil für fie gerade doch auch eine Überfetzung angeführt
werden kann, die ausnahmsweife einmal in ihrer Konzifität noch mehr
als felbft die Wilhelmfche dem chinefifchen Text gleichkommt, Med-
hurfts zufällig durch den englifchen Wortfehatz ermöglichte glückliche
Wiedergabe : ,Who tiptoes, totters. Who straddles, stumbles'.

Wer etwa, indem er die beiden Überfetzungen von
Grill und Wilhelm miteinander vergleicht, es befremdlich
finden wollte, daß fie vielfach fo beträchtlich auseinandergehen
, der möge bedenken, ein wie freier Spielraum der
Deutung bleibt, wenn es der Grundtext ganz dem Lefer
überläßt, im einzelnen Falle zu divinieren, ob Subft., Verb,
Adjekt, ob Akt. oder Paff., Mask. oder Fem., Sing, oder
Plur., welche Perfon, Zeit, Modus ufw. gemeint ift. Es
wäre aber der Wiffenfchaft erfprießlich und gefchähe
manchem ficherlich zu Dank, wenn G. und W. fich wollten
bereit finden laffen, etwa in der Ztfchr. f. Miffionsk. und
Rel.-W., in freundlicher Auseinanderfetzung gegenfeitig
zu ihren divergierenden Interpretationen Stellung zu
nehmen. Es möchte fo noch auf weiter, als es doch
erfreulicherweife auch jetzt fchon der Fall ift, ein consensus
opinionum erzielt werden.

So kann ich mir z. B. Dicht wohl denken, daß G. an feiner Überf.
von Kap. 18 fefthalten wird. So gut der Sinn ift, den fie bietet, fo ohne
I Frage total mißverftanden ift doch hier Laotsze von ihm worden. W.
andererfeits hat, ganz gewiß zwar nicht fich felber, doch aber jedem, dem
nur feine Übertragung zu Geficht kommt, gewiffermaßen Laotszes Text-
gefchmeide eine der fchönften Perlen — die Einfchärfung, Feindfchaft
durch Wohltun zu vergelten (Kap. 63) — ausgebrochen, indem er fich
darauf kaprizierte, teh (virtus, Kraft, Leben, Segenswirken, Gutestun) durchgängig
mit LEBEN wiederzugeben. Sein: ,Er vergilt Groll durch LEBEN'
j wird wohl er wieder fallen laffen. — Auch mit feinem Verfuche, ein
; deutfehes Wort für den Grundbegriff Tao — er fetzt überall SINN dafür
— durchzuführen, fcheint mir nur von neuem erwiefen zu fein, daß es
eben unmöglich ift, ein Äquivalent für diefen Terminus in unferer, wie