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Ausgabe:

1911 Nr. 22

Spalte:

691-695

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Weinel, Heinrich

Titel/Untertitel:

Ibsen. Björnson. Nietzsche. Individualismus und Christentum 1911

Rezensent:

Schwartzkopff, Paul

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691

Theologifche Literaturzeitung 1911 Nr. 22.

692

Weinel, Heinrich: Ibfen. Björnfon. Nietzfche. Individualismus
u. Chriftentum. (Lebensfragen. 20.) (VIII, 244 S.)
gr. 8°. Tübingen J. C. B. Mohr 1908. M. 3 —; geb. M.4 —

Fifcher, Prof. Paul: Nietzfche-Zarathultra u. Jefus Chriftus.

(80 S.) gr. 8°. Stuttgart, Verlag der Ev. Gefellfchaft
1910. M. 1.25

Arnold, Dr. Eberh.: Urchriftlichcs im Werdegang Friedrich
Nietzfches. (VIII, 106 S.) 8U. Eilenburg, B. Becker

1910. M. 1 —
Friedlaender, Dr. S.: Friedrich Nietzfche. Eine intellek-

tuale Biographie. (149 S.) 8°. Leipzig. G. J. Göfchen

1911. M. 2.80

Ibfen, Björnfon, Nietzfche, diefe drei, welche die in-
dividualiftifche Bewegung der neueren Zeit am kraft-
vollften gelenkt und zum Gemeingut der modernen Menfch-
heit gemacht haben, gewinnen, wie Weinel ausführt, dem
Individuum, das durch Schopenhauer aller Selbftändig-
keit entleert und in der Konfequenz zum bloßen Schein
geworden war, feine Einzigkeit und Eigenart zurück und
damit das Recht, fich dementsprechend auszuleben. Und
auch heute wird diefes fein Selbftwefen mit Recht betont
, infofern es der Monismus von neuem in der Alleinheit
aufgehen laffen will.

Indeffen liegt das Hauptgewicht des neueren Individualismus
, wie Weinel richtig erkennt, nicht auf meta-
phyfifcher oder erkenntnistheoretifcher, fondern auf erblicher
Seite. Gerade von hier aus hat er die Stimmung
der gefamten Moderne, wenn nicht umgebogen, fo doch
bedeutfam gefärbt. Und zwar mit fcharfer Spitze gegen
das Chriftentum. Diefe Stellung desfelben unterzieht W.
einer in allem Wefentlichen zutreffenden und anregenden
Unterfuchung. Zwar ift das Chriftentum felbft individu-
aliftifch. Vor allem infofern es den unvergleichlichen
Eigenwert der Menfchenfeele betont. Doch ergänzt es
feinen Individualismus durch den kraftvollen Altruismus
und weltumfaffenden Univerfalismus des Gottesreiches.

Die Beweggründe für die Kampfftellung des modernen
Individualismus liegen vor allem, wie W. mit Recht zeigt,
in der Erbärmlichkeit der zwar keineswegs chriftlichen,
aber in der Chriftenheit weitverbreiteten Mifchmafchethik.
Diefe erzeugt eine gefährliche Unwahrhaftigkeit in der
Behandlung des eigenen Ideals. Doch ift die Stellung
der drei Angreifer eine verfchiedene, denn während Ibfen
mit fkeptifcher Ironie über den Unfug fpottet, kämpft
Nietzfche mit den Keulenfchlägen des rückfichtslofen
Atheiften; Björnfon dagegen zieht die Gefährlichkeit des
alten Dogmas vor den allein zuftändigen Richterftuhl der
Liebe und Wahrheit und leiftet damit der Selbftreinigung
der Kirche einen großen Dienft. Wenn N. das Chriftentum
deswegen der Verachtung preisgibt, weil es fein
Ideal durch die Tat verleugne (S. 164h), fo zeigt W., daß
das von ihm Erreichte darum nicht überfehen werden
darf, weil es noch nicht am Ende feiner Weltüberwindung
angekommen ift (165), und weift von neuem darauf hin,
daß die Feindfchaft Ns. gegen jenes Ideal felbft hauptfächlich
aus feiner Verwechslung mit dem buddhiftifchen
herrühre. In diefer Feindfchaft wurde der zunehmend
kränker werdende und im Grunde heroifch gefinnte ,Anti-
chrift' beftärkt, weil ihm die leibliche und geiftige Ge-
fundheit eines übermächtigen Menfchen als Ideal in immer
glänzenderen Farben vor die Seele trat (134 u. f.). Im
übrigen teilte er, trotz feiner vermeintlichen ,Ümwertung'
aller alten Werte, mit dem Chriftentum gerade den Kern
feiner Sittlichkeit. Selbft feine fo gefährlich klingenden
drei Ideale: der Wolluft, Selbftfucht und Herrfchfucht
wollen im Grunde nichts anderes, als das Verhalten der
Menfchen von Kleinheit, Feigheit und Verlogenheit reinigen
(145)- Indeffen irrt N., wenn eine bloße Steigerung
aller im Menfchen angelegten Kräfte, ohne Maß und Ziel
und ohne Unterdrückung der geilen Triebe, den Über-

menfchen hervorbringen foll; übrigens widerfpricht er fich
hierin auch felbft (182). Daß Chrifti felbft den Feinden
vergebende Liebe die letzte Lebensmöglichkeit eines
hyfterifchen, durch und durch dekadenten Gemütes dar-
ftelle, fowie feine bekannten fchiefen Urteile über das Ur-
chriftentum und Paulus, Luther und den Proteftantismus,
bedarf kaum mehr einer gefchichtlichen Widerlegung

(US ff.)

Mit Recht hebtW. fchließlich hervor, was das Chriftentum
allen diefen Angriffen des Individualismus, insbefondere
Ns., trotzdem zu danken hat. Es wurde dadurch gezwungen
, mannhafter und feiner Eigenart bewußter zu
werden, vor allem die Bedeutung feiner ethifchen Grund-
fätze neu zu erfaffen. Zwar läßt auch I. das Ideal des
Chriftentums zeitweife faft fallen, und felbft Björnfon geht
es ,über unfere Kraft'! aber gerade hierin liegt nach W.
die Eigenart des Ideals, vermöge deren es die Menfchen
allein in eine höhere Lebensfphäre zu heben vermag.

Fifcher weift die Überlegenheit Chrifti und feines
Lebensideals gegenüber Nietzfche und dem feinigen nach.
Dies bleibt immer noch notwendig, fo lange die Nietzfche-
orthodoxie den ,Antichriften' als Chrifto überlegen aus-
fpielt. Erfreulicherweife beginnt feit Anfang unfers Jahrhunderts
der zu feinen Lebzeiten faft totgefchwiegene,
verkannte und verketzerte, freilich auch ungeberdige Prophet
, felbft bei feinen Gegnern, in ein objektives Licht zu
treten. Auch die Chriften lernen fich mit ihm abfinden
und ihm für die Aufrüttelung danken, deren fie bedurften.
Diefen Standpunkt hat als einer der erften Leixner vertreten
'. Heute erkennen nunmehr nicht wenige Theologen
, fo auch der Verf. der vorliegenden Schrift, an, daß
Ns. Todfeindfchaft dem Chriftentum mehr genützt hat,
als die fchlaffe Gunft vieler Mitläufer.

Er erklärt den Umfchwung von Ns. Lebensanfch.au-
ung nach der Schopenhauerfchen Periode als extreme
Reaktion des exzentrifchen und willenstrotzigen Gefühls-
menfchen gegen den einfeitigen Kultus, den er feinen
beiden Jugendgötzen gewidmet hatte (S. 20 ff.). Er bekämpfte
dann im Chriftentum den Typus der herrfchen-
den fittlich-religiöfen Wertgebung und fuchte nun eine
gerade entgegengefetzte Wertordnung zu fchaffen. Das
alle Bande zerbrechende FTeiheits- und Wahrheitsftreben
meinte diefe in gänzlicher Loslöfung von den überlieferten
Autoritäten zu finden. So opferte er eine Zeitlang fogar
fein eigenes leidenfchaftlicb.es Temperament, indem er es
zu der kalten Kritik eines zerfetzenden Intellektualismus
zwang. Mit diefem vernichtete er alles Jenfeitige und
erfand ,neue Werte' reiner Diesfeitigkeit. Unter diefem
Gefichtspunkt fank die perfönliche Gottheit wie die persönliche
Schuld dahin. Dagegen fchuf der Mann indi-
viduellfter Selbftart und Selbftändigkeit jetzt nach feinem
BildeMen fc h e ngötter, den ariftokratifchenÜbermenfchen,
das Ziel der Weltentwicklung. ,Zarathuftra', das verleiblichte
Ideal Ns. und feines Ubermenfchen, bedeutet den
Höhepunkt diefer Neufchöpfung. In ihm erfolgte zugleich
der lange verhaltene Durchbruch durch den Bann der
Reflexion, der feinem ,glühenden innerften Wefen' wieder
Raum fchaffte (S. 24).

F. weift nun die Überlegenheit Chrifti und feiner
Sache gegenüber N. und der feinigen unparteilich in den
beiderfeitigen Perfonen und Weltanfchauungen nach. Ich
deute hier nur folgende Grundlinien der Vergleichung an.
Dem vermeintlichen Haß des Chriftentums gegen alles
Große, feiner angeblichen Gleichmacherei, feinem weichlichen
Mitleid, feiner kurzfichtigen Nächftenliebe, feiner
weltflüchtigen und lebensfeindlichen Jenfeitigkeit (97 ff),
ftellt das ,Evangelium' Zs. (31 ff.) die neuen Werte völliger
Diesfeitigkeit, fowie des ,Willens zur Macht', die
freie und ftarke Perfönlichkeit, den harten, ariftokratifchen
Egoismus des werdenden Ubermenfchen mit feinen drei

1) Bald darauf auch ich, ohne die Schrift des letzteren zu kennen
in meiner Brofchüre: Nietzfche der .Antichrift'. Schkeuditz, Schäfer, 1903.