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Ausgabe:

1911 Nr. 22

Spalte:

687-688

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Jedele, Eugen

Titel/Untertitel:

Die kirchenpolitischen Anschauungen des Ernst Ludwig von Gerlach 1911

Rezensent:

Stephan, Horst

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Seite 1

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687

Theologifche Literaturzeitung 1911 Nr. 22.

688

frifch und anfchaulich geichrieben und durch die Ein- theologifchen Einflüffe, die L. v. G. durch feinen Bruder
flechtung zahlreicher Äußerungen aus den Briefen und Otto u. A. aufgenommen hat; gerade dabei zeigt J. UnAbhandlungen
belebt. Ein paar Fragezeichen möchte flcherheit.

ich nicht verschweigen. Vor allem fcheint mir die Ver- Marburg a. d. L. H. Stephan.

wandtfchaft Schleiermachers mit Ed. v. Hartmann nicht______

fo groß, wie Braun S. LVIII andeutet. Von Schleier- ... . , . A .. .... , ... .... „ ..

machers kritifcher Befonnenheit ift doch ein recht großer j Weidemann, Auguft: Die religiore Lyrik des deutfchen Katho-
Schritt zur Mythologie des Unbewußten und nicht minder lizismus in der erften Hälfte des 19. Jahrhunderts, unter
von der optimiftifchen Gefchichtsbetrachtung des erfteren I befonderer Berückfichtigung Annettens von Drofte.
zu des letzteren peffimiftifcher Kritik der Kultur. Auch (Probefahrten. Erftlingsarbeiten aus dem Deutfchen
die Behauptung, daß Schleiermachers religiöfe Intereffen , Seminar in Leipzig. 19. Bd.) Leipzig, R. Voigtländer

eine Trübung in feine philofophifche Gedankenbildung
gebracht hätten (S. XCV), ftimmt jedenfalls wenig zu dem
wertvollen Selbftzeugnis Schleiermachers in dem bekannten
Brief an Jacobi (Briefe II, S. 349ff). Gerade eine
für weite Kreife berechnete Ausgabe möchte man von
folchen individuellen und anfechtbaren Gefchmacksurteilen
lieber frei fehen. Im übrigen wünfche ich der verdienft-
lichen und gut ausgeftatteten Sammlung den beften Erfolg
, überzeugt, daß der Mann, deffen Gedanken fie verbreiten
will, uns noch vieles zu fagen hat.

Leipzig. f O. Kirn.

Jedele, Dr. Eugen: Die kirchenpolitifchen Anfchauungen
des Ernft Ludwig von Gerlach. Ein Beitrag zur Ge-
fchichte der religiöfen und polit. Ideen im 19. Jahrh.
(IV, 115 S.) Freiburg i. B., G. Ragoczy 1910. 8°.

M. 1.30

1911. (VIII, 135 S.) 8° M. 4.80

Für den Referenten liegt die Zeit der Rezenfionen
von Spezialfchriften im Grunde weit zurück. Aber die
Stellung, welche Annette von Drofte in der gefamtchrift-
lichen (nicht etwa nur in der katholifchen) Poefie des
19. Jahrhunderts einnimmt, hat mich bewogen, auch die-
fen neuen Beitrag über ihre Schöpfungen nicht unberück-
fichtigt zu laffen. Das Gethfemanelied der weftfälifchen
Dichterin atmet eine Atmofphäre aus, welche über alle
konfefflonellen Gegenfätze bergehoch hinaushebt. Die
beiden — zu fehr verfchiedenen Zeiten, aber doch aus
der gleichen altkatholifchen Anfchauung erwachfenen —
Teile ihres ,Geiftlichen Jahres' erfreuen fleh einer noch
beftändig wachfenden Nachwirkung. Die auf den Ent-
wickelungsgang der Dichterin einwirkenden Perfönlich-
keiten (Sprickmann, Schlüter, Schücking, aber auch die
Bonner IVofefforen Drofte und Braun und der Breslauer
Jungmann) nehmen durch ihre Beziehung zu ihr auch
J. gibt ein anfehauliches und umfaffendes Referat über persönlich ein ftets noch fteigendes Intereffe in Anfpruch.
die Gedanken des Juriften L. v. G. über Religion, Kirche, j Das Gleiche gilt von dem dichterifchen Vorbilde, welches fie

Reich Gottes, Staat, Gefellfchaft, Kultur und ihre poli
tifchen Konfequenzen. Dabei tritt die Sonderftellung
deutlich heraus, die diefer Gerlach neben anderen Gliedern
des chriftlich-germanifchen Kreifes einnimmt. Er ift nicht
nur deshalb intereflant, weil er durch feine publiziftifch

in Freiligrath fah, und von dem Schülerverhältnis, in welches
Tangermann zu ihr trat. Die miteinander ringenden
Kirchen und die verfchiedenen Richtungen in diefen
felber werben förmlich um das Recht, ein mehr oder
weniger großes Stück ihres Geifteslebens für fleh in An-

parlamentarifche Tätigkeit und durch feinen Einfluß auf j fpruch nehmen zu dürfen. Daß in diefer Beziehung nur
Friedrich Wilhelm IV. eine bedeutende Rolle gefpielt, I eine konfequent interkonfeffionelle Gefchichtsbetrachtung,
fondern vor allem auch deshalb, weil er klarer als feine i welche beftändig die Gleichzeitigkeiten in den verfchie-
Geflnnungsverwandten den inneren Sinn der chriftlich- j denen Konfeffionen gleichmäßig ins Auge faßt, das Rich-
germanifchen Grundgedanken zum Ausdruck gebracht j tige trifft, zeigt fchon ein flüchtiger Einblick in die Einhat
. Alle andern haben Kompromiffe mit der Wirklich- j leitung meiner Monographie über das deutfehe Chriftuslied
keit des modernen Staats- und Kirchenlebens gefchloffen j des 19. Jahrhunderts. Die erfte und dritte Periode find
oder fich durch diefe zu andern Idealen der Politik führen Höhepunkte in der kirchlichen Entwickelung des Pro-
laffen, er aber blieb immer derfelbe oder prägte gar die j teftantismus. In der zweiten Periode — feit dem theo-
Konfequenzen feiner Anficht mit wachfender Schärfe aus— logifchen Revolutionsjahr 1835 und der durch dasfelbe
bis hin zu feiner Hofpitantenftellung beim Zentrum. Leider heraufbeschworenen kirchlichen Reaktion — ift in ihm der
hat es freilich J. unterlaffen, die Anficht feines Helden Strom dichterifcher Begeifterung auf diefem Gebiete ver-
hiftorifch zu beleuchten. Gewiß bedeutete fie eine ,groß- fiegt. In die Lücke find nebeneinander die Katholikin
zügige Weltanfchauung und Politik' — aber fie war doch von Drofte und der freireligiöfe Friedrich von Sallet geeinfach
eine befondere Geftaltung der mittelalterlichen Idee treten.

des einheitlichen corpus christianum und der chriftlichen Diefe allgemeinen Gefichtspunkte kommen für die

Einheitskultur. Die Art, wie das Mittelalter ein ener- j Weldemannfche Differtation nicht in Betracht. Dagegen
gifches Chriftentum mit der pofitiven Anerkennung der orientiert diefelbe über eine Reihe von Einzelkontroverfen,
ftändifch-patriarchalifch gegliederten Welt verbunden
hatte, lebt hier, mutatis mutandis und von romantifchem
Schimmer umfloffen, wieder auf; es handelt fich um eine
befondere Phafe der allgemeinen Reaktion gegen die Aufklärung
. Aus Troeltfchs Gefchichte der chriftlichen
Soziallehren hätte J. eine Fülle von wichtigen Gefichts-
punkten für feine Monographie entnehmen können. Dafür
hätte mancher Lefer ihm gern die gelegentlichen Andeutungen
feiner eigenen politifchen und religiöfen Meinung
gefchenkt, zumal fie ja in diefem Zufammenhang gar keine
Ausführung und Begründung erhalten konnten.

Jedenfalls aber dürfen wir J. dankbar fein. Er bringt
allerlei Stoffe, Ergänzungen und Anregungen, die der
Hiftoriker gern verwerten wird. So gelegentliche kleine
Korrekturen an Sätzen von Meinecke oder Rieker (z. B.
bei der Entftehung der Theorie vom landesherrlichen
Kirchenregiment S. 67). Im übrigen Hellt er den Theologen
auch Aufgaben, z. B. die Herausarbeitung der

welche durch die Kreitenfche Tendenzkritik aufgeworfen
find. Das Urteil über den Wert der aus dem Köfterfchen
Seminar in Leipzig hervorgegangenen ,Probefahrt' muß
daher obenan davon abhängen, wie weit die bereits vorhandene
einfchlägige Literatur durch fie gefördert wird.
Die wichtigften Prinzipienfragen find wohl richtig definiert,
fowohl die Vorfrage S. 94 wie die Hauptfrage S. 101.
Die erfterewird dahin formuliert, ob das ,Geiftliche Jahr'
(mit Budde) als individueller Seelenfpiegel' aufzufaffen
fei, oder (nach Kreiten) ,apoftolifche Ablichten' verfolge.
Der Verfaffer glaubt beides miteinander verbinden zu
können, infofern in dem einen Teil die eine, in dem andern
die andere Abficht vorwiege. Der unterrichtete
Lefer wird den diesbezüglichen Unterfuchungen gerne
folgen. Ebenfo auch dem, was W. zu der mit jener Nebenfrage
zufammenhängenden Grundfrage bringt, ob die Dichterin
,eine überzeugungstreue Katholikin' gewefen fei, oder
,eine Zeugin für wahrhaft evangelifches Chriftentum inner-