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Ausgabe:

1911 Nr. 21

Spalte:

666-668

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Moser, Ad.

Titel/Untertitel:

Religion und Strafrecht, insbesondere die Gotteslästerung 1911

Rezensent:

Köhler, August

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Theologifche Literaturzeitung 1911 Nr. 21.

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in Predigten, zu denen Björnfon und Nietzfche Anlaß
und einen Teil des Inhalts gegeben haben, wie in denen,
welche durch Erfcheinungen des wirtfchaftlichen Lebens
beftimmt find: Die Wohnungsfrage, Die landwirtschaftliche
Ausftellung, Die Fabrik, Der Kampf im Baugewerbe.
Im Eingang der letztgenannten rechtfertigt D. fein Verfahren
, folche irdifchen, weltlichen Dinge in der Predigt
zu behandeln; und daß er es verfteht, fie hoch zu
heben und in das Licht des Evangeliums zu rücken,
zeigen die Predigten felbft. Dabei wird freilich auch er
es erlebt haben, daß grade folche Predigten nicht nur
nicht nach jedermanns Geschmack find, fondern daß fich
manch frommer Chrift, auch wenn er nicht zu den altmodischen
gehört, nicht damit zu befreunden vermag,
wenn das, wovon alle Zeitungen voll find, was an allen
Anfchlagfäulen prangt, nun auch in den Mittelpunkt des
Gottesdienstes fich drängt, daß ein Schweigen davon
grade hier ihm zu der Erlösung vom Alltag gehört,
von der die 2. Adventspredigt gut handelt. Von anderen
fehr guten Predigten nenne ich: Tue recht und fcheue
niemand, in der nicht etwa nach bekannten Muftern das
Wort als oberflächlich bekämpft, fondern gezeigt wird, was für
ein Großes und Schweres es, beim Wort genommen, meint
und in wem es am herrlichsten fich verkörpert hat; Gibt
es Religion ohne Gottesglauben; Die Unfichtbarkeit der
Religion, die den Mitgliedern des Spruchkollegiums fehr
zur Lektüre zu empfehlen find; die Reformationspredigt
über die Verweltlichung der Religion, bezeichnend für Ton
und Farbe der Frömmigkeit diefes Predigers; die überraschende
Silvefterpredigt. Kann man die Vergangenheit
ändern?: die herzerquickende Predigt über die Freundschaft
. Nicht alle find in gleicher Weife gelungen, aber
anfprechend find die meiften, langweilig ift keine, keine
phrafenhaft, jede klingt von perfönlichem Durchdrungenfein
: diefer Prediger ift immer felbft anwefend bei feiner
Predigt, man fpürt perfönliches Leben, ein männliches,
,muskulöfes' Christentum. Und wenn die Perfon Jefu
Christi, nach diefer oder jener Seite ihres Wefens, niemals
ausgefprochener Predigtgegenstand ift, fo fehlt
doch niemals eine Beziehung zu ihr, ein Hinweis auf fie,
nicht gezwungen, fondern immer fo, daß deutlich wird,
was fie dem Prediger bedeutet, daß fie ihm die Vollendung
alles menschlichen Lebens und die volle und
hellste Offenbarung des göttlichen ift.

Somit ift aus diefem Predigtjahrgang viel zu nehmen
und von der Sicherheit, mit der der Prediger ins Gegenwartsleben
hineingreift, von der Frifche und dem Freimut
, mit dem er es darstellt, manches zu lernen. Wenn
er mich bei allem Anfprechenden nicht fo angefaßt, bei
allem Intereflanten nicht fo ergriffen hat, wie von früheren
Holtzmann, H. Hoffmann und Bitzius, von heutigen z. T.
Hackmann, fo scheint mir das daran zu liegen, daß über
dem Streben nach Verweltlichung der Religion im guten
Sinn die Spannung zwischen Gott und Welt, die nun doch
einmal bestehen bleibt, oft nicht genug zur Geltung kommt.
Daher wird für die Rätfei fo vieler menfchlicher Schickfale
die Löfung, für die Bitterkeit menschlichen Leidens der
Trott bisweilen zuversichtlicher gegeben', über das, was
die Macht der Finsternis in Gottes Welt angerichtet hat
und anrichtet, von einigen Paffionspredigten abgefehen,
zwar nicht hinweggefehen, aber mitunter doch leichter
hinweggefetzt, als es die harte Wirklichkeit der Dinge
außerhalb der Predigt erlaubt.

Ob diefer Zug in einem gewiffen Zufammenhang
damit steht, daß als Stoffquelle die Schrift nicht sonderlich
in Betracht kommt? Auch zwischen Predigt und
Text besteht in der Regel nur ein lofes Verhältnis, oft
ift er nicht viel mehr als Motto, die Wielandtfche Forderung
: Nicht der Text, fondern das Leben scheint auch
D.s Grundfatz zu fein. Nun maße ich mir nicht an, eine
ausgeprägte und bewährte Predigerindividualität nach homiletischem
Schema meistern zu wollen, bei diefer Frage
ft> wenig wie bei anderen z. B. der nach dem Verhältnis

des Themas zum Inhalt; aber vorbildlich kann ich feine
Textbehandlung, vielmehr-nichtbehandlung nicht finden,
fondern halte es ganz mit Baffermann: Sowohl der Text
wie das Leben. Wie ich mich denn schon an der Äußerlichkeit
stoße, daß der Text nur bezeichnet, nicht abgedruckt
ift, was doch den vom Verfafler gewiß nicht gewollten
Schein hervorruft, als fei, verglichen mit feinen
Worten, das Schriftwort minder wichtig. Der Gebrauch
als Andachtsbuch, namentlich zum Zweck gemeinfamer
Hausandacht wird dadurch nicht erleichtert; auch dadurch
nicht, daß der Verfafler auf jegliche Abteilung verzichtet
hat. Eine ganze Predigt ift zum Vorlefen zu lang, und
Abschnitte mit Ruhepunkten treten nicht nur nicht hervor
, fondern find oftCtatfächlich nicht vorhanden. Beim
Ausdruck stören mich die vielen Flickwörter und stereotyp
gewordenen Wendungen, das gar zu häufige O und
Nein, nun natürlich, liebe Zeit, und nun fage ich u. a.
Die allzu häufige Anaphora, die vielen kurzen Sätze, die
dem Stil etwas Zerhacktes geben, die nicht feltenen
Breiten in der Darstellung, wodurch der Vorwärts-, der
Aufwärtsbewegung der Predigt Eintrag geschieht. Dagegen
hält fich die Sprache in erfreulicher Weife frei
von Fremdwörtern; feiten hat fich ein entbehrliches eingeschlichen
, wie Niveau, rigoros, Instanz. Ein Provinzialismus
wird das Regenfehauer fein. Häufiger find
rhetorische Wendungen, die zum Widerfpruch reizen, z. B.
! Jefus hat den Weg des Rechtes und der Wahrheit überhaupt
erst entdeckt (S. 392); das lärmende Getriebe der
Fabrik kann ein Heiligtum des Höchsten fein (474); einen
innerlich freien Menschen hält man auch nicht auf die
Dauer in Ketten feit (478) u. a. Etwas gewagt kommt mir
die Beschreibung eines in vielen Schaufenstern ausgestellten
Bildes vor, S. 82, auch die Schilderung der schönen Tat
S. 324 f. und die mehrmalige Rückbeziehung auf fie. Auffallend
feiten ift die Bezugnahme auf die Gemeinde, in
der der Prediger als Seelsorger steht; daß es eine Vorstadtgemeinde
ift, kann man aus manchen Predigten,
wüßte man es nicht, erfehen, viel mehr aber nicht; von
enger Fühlung mit der Gemeinde, einem Zusammenleben
und namentlich einem Zufammenarbeiten mit ihr, erfährt
man nichts, nichts von Aufgaben, die eben diefe Gemeinde
mit ihrem Pfarrer zu beginnen oder zu vollbringen
hätte; man hat das Gefühl, er stehe mehr über
ihr, als in ihr. Aber dies Vermiffen wie jene Ausstellungen
heben das Gefamturteil nicht auf, daß wir es auch bei
dem vorliegenden Predigtjahrgang mit einer homiletischen
Leistung zu tun und eine weit über den Durchschnitt
fich erhebende Erscheinung in ihm zu begrüßen
haben.

Berlin. Ed. Simons.

Mofer, Dr. Ad.: Religion und Strafrecht, insbefondere
die Gotteslästerung. (Strafrechtliche Abhandlungen, 110.
Heft.) Breslau, Schletter. (VI, 105 S.) gr. 8° M. 2.60

Der vielverfprechende Obertitel läßt erwarten, daß der
Verfafler wenigstens einen Uberblick über die Wechfel-
beziehungen zwischen Religion und Strafrecht bieten
werde. Dazu gehört u. a. die Frage, wie fich die Religionen
zu Grund und Zweck der ftaatlichen Strafe, zur
Todesstrafe gestellt haben, welchen veredelnden Einfluß
die christliche Kirche auf die Erfolgshaftung und auf die
Tötungsdelikte ausgeübt hat. Der Verfafler gibt dagegen
nur eine Geschichte, Dogmatik und Exegefe
der Gottesläfteruug unter gelegentlicher und fehr ungleicher
Erwähnung auch anderer Delikte gegen religiöfe
Intereffen. Bei der Exegefe beschränkt er fich auf die
Gotteslästerung. Der hiftorifche Teil fchöpft oft aus
Quellen zweiten Ranges. Im Gegenfatz zu Kahl und
Mommfen wird die Anficht aufgestellt, bereits die heidnischen
Römer hätten die öffentliche Gotteslästerung geahndet
. Den Beweis, daß Fälle vorgekommen feien,
tritt der Verfafler nicht an. Gegenüber gegenteiligen