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Ausgabe:

1911

Spalte:

657-659

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Loewenfeld, J. R. von (Hrsg.)

Titel/Untertitel:

Kirchlicher Liberalismus von heute 1911

Rezensent:

Lobstein, Paul

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65«

Kirchlicher Liberalismus von heute. In Verbindung mit ba-
difchen Theologen hrsg. von Pfr. J. R. von Loewen-
feld. Karlsruhe i. B., Ev. Schriftenverein 1910. (141 S.)
kl. 8° M. 1 —

Eine fchwere Anklagefdirift gegen den kirchlichen
Liberalismus, in deffen Verurteilung heben Geiftliche,
von den badifchen Verhältniffen ausgehend, aber auch 1
über die badifchen Grenzen hinaus Intereffe in Anfpruch
nehmend, lieh in der Weife teilen, daß fie auf verfchiedene
Seiten des Gegenftandes ein fcharfes Licht fallen laffen:
Ift der kirchliche Liberalismus modern? (von Loewenfeld-
Wolfsburg), Die liberale Theologie und ihre Methode (J.
Müller-St. Blähen), Die Frömmigkeit des kirchlichen Liberalismus
(Bender-Bruchfal), Steht der Liberalismus auf
reformatorifchem Boden? (Braun-Michelfeld), Liberalismus
und Religionsunterricht (Degen-Aglafterhaufen), Die liberalen
Gemeindeprinzipien nach Theorie und Praxis (Wurth-
Bretten), Der Liberalismus und die badifche Landeskirche
(Herrmann-Wilferdingen). Die ,Pohtiv-Gläubigen' (73) find
hch zwar bewußt, daß ,unfern Pietiftenkreifen die Gefahr
des Pharifäismus oft genug droht', beruhigen hch aber
bei der Erwägung, daß gegenüber den die liberale Aufklärung
zu Jefu Zeiten darftellenden Sadducäern die Phari-
fäer faß: noch eine großartige Erfcheinung zu nennen find'
(13). Muß auch zugegeben werden, daß unter den kirchlich
Liberalen,einige ernfte Theologen, manche gebildete Laien'
zu hnden find, daß ,niancher liberale Pfarrer durch feine
Perfönlichkeit, feine Überzeugungskraft und feinen Wandel
viel Gutes gewirkt hat, daß das liberale Heer in Baden
tüchtige Offiziere aufweifen kann (9. 113. 116), fo ift doch
das Bild des kirchlichen Liberalismus als Gefamtbewegung
ein äußerft klägliches. — Der Liberalismus ift zunächft unmodern
, kein originales Gewächs, von dem lebend, was
nach allerhand Abftrichen vom alten Glauben übrig bleibt.
In wiffenfehaftlicher Beziehung läßt er wirkliche Unbefangenheit
und eine ruhige, möglichft vorurteilsfreie Selbfthingabe
an den Stoff vermiffen. Seiner Frömmigkeit fehlt die richtige
Schätzung der Sünde und Schuld, der lebendige Glaube
an den Gott, der Wunder tut und Gebete erhört; fie leidet
an verfchwommener Gefühlsfeligkeit und an fchreienden
Inkonfequenzen, fie fcheut fich nicht vor Wortumdeutungen
und Begriffsfälfchungen. Ferner hat der Liberalismus nicht
nur mit den Grundanfchauungen der Reformatoren gebrochen
; er hat auch keine Fühlung mehr mit der reli-
giöfen Stimmung unfrer Väter, deren Chriftentum er mit
der Signatur .getrottetes Sündenelend' unter die Religion
und Sittlichkeit eines Pelagius und eines Erasmus ftellt.
Was den Religionsunterricht betrifft, fo find die liberalen
Forderungennach drei Seiten hin bedenklich: in Sachen
der Lehrbücher und der Lehrmethode des Unterrichts,
fowie befonders durch feine Stellung im Gefamtorganis-
mus der Volksfchule, fteuert er einem Ziele zu, das
fchließlich einer Entchriftlichung der Schule und des
öffentlichen Lebens gleichkommen wird. Auch für das
Gemeindeleben hat der kirchliche Liberalismus nur fchein-
bar etwas geleiftet: die Forderung einer größeren Beteiligung
an den kirchlichen Wahlen, die agitatorische Tätigkeit
für Verfaffungsänderungen werfen für das religiöskirchliche
Leben nichts ab. So gereicht die Frage: Was
hat der nun feit 50 Jahren in der badifchen Landeskirche
herrfchende Liberalismus geleiftet? der liberalen Partei
zu tieffter Befchämung. Er hat die der Kirche entfremdeten
, auch die Gebildeten nicht wieder zu gewinnen
vermocht, er bleibt an religiöfer Werbekraft und kirchlicher
Arbeitsfähigkeit hinter dem ,pofitiven Chriftentum'
weit zurück, er hat durch feinen Parteifanatismus die hef-
tigften Streitigkeiten in der Kirche entfeffelt, er hat das
religiöfe Bedürfnis unfres Volkes nicht befriedigt. — Auf
diefem dunkeln Hintergrunde hebt fich die .evangelifche
Konferenz in Baden' als eine verheißungsvolle und bereits
bewährte Lichtgeftalt ab: fie, in welcher fich die Pofitiven
zufammenfchließen, hat fich immer kräftiger zum geiftigen

Mittelpunkt des pofitiv-gläubigen Lebens in Baden herausgearbeitet
. Ihr ift es zu verdanken, daß das evangelifcha
Chriftentum noch nicht aufgehört hat, eine Macht in unferm
Volksleben zu bilden.

Der Maßftab, nach welchem die heben über ihre
Gegner zu Gericht fitzenden Verbündeten den kirchlichen
Liberalismus beurteilen, ift tatfächlich ein doppelter. Einer-
feits ein praktifch-fittlicher: welche Lebensfrüchte hat jene
Geiftesbewegung hervorgebracht? Andrerfeits ein dog-
matifcher, der fchließlich im Fefthalten des Apoftolikums
feinen Ausdruck und feinen Mittelpunkt findet (129). Das
Beftreben der Kritiker geht dahin, dem dogmatifchen Urteil
die grundlegende Bedeutung beizulegen und das praktifche
Unvermögen und die religiöfen Defekte aus der von dem
Bibelwort und dem kirchlichen Bekenntnis abweichenden
Theologie herzuleiten. — Daß die ftrenge Kritik auf wirklich
wunde Punkte den Finger gelegt und mancherlei
Schäden aufgedeckt hat, kann nicht geleugnet werden;
und doch wird man diefen Vorftoß gegen den kirchlichen
Liberalismus im ganzen als koloffale Einfeitigkeit
und Ungerechtigkeit bezeichnen dürfen. Um unfer Urteil
zu begründen, müßten wir jeden der angeregten Punkte
wieder aufnehmen und einer eingehenden Prüfung unterwerfen
. Ich darf mich indeffen auf einige Bemerkungen
befchränken.

Einmal muß feftgeftellt werden, daß eine Reihe der
hier gerügten Mängel von kirchlich Liberalen felber
energifch hervorgehoben und fcharf bekämpft werden.
Die auf manchen Gebieten begangenen Fehler, die oft
geringe Opferwilligkeit, das beinah völlige Verfagen in
Sachen der Miffionstätigkeit (allgem. prot. Miffionsverein),
haben liberale Geiftliche und Laien mit einem Freimut
zugeftanden und mit einer Tapferkeit gegeißelt, die
am beften beweifen dürfte, daß jene Mißftände nicht
notwendig durch die dogmatifche Stellung der Partei
bedingt find. — Zum andern find die außerordentlichen
Schwierigkeiten, unter denen der Liberalismus zu leiden
hatte, nicht zu überfehen. Die theologifche Arbeit, die
er zunächft in Angriff zu nehmen und durchzuführen
hatte, nahm während längerer Zeit feine volle Kraft in
Anfpruch; daß zu diefem Riefenwerk fittliche Kräfte, ja
auch religiöfe Tugenden erforderlich waren und auch in
weitem Umfang geübt wurden, kann nur eine durch Parteieifer
befchränkte und getrübte Einficht in Abrede ftellen.
Dafür haben die fich in obigen Auffätzen äußernden
,Pofitiven' nicht das geringfte Verftändnis. Die hier begangene
Ungerechtigkeit ift um fo fchwerer, als ja auch
die Konfervativen den Grundfätzen wiffenfehaftlicher
Arbeit und hiftorifcher Kritik, die der Liberalismus errungen
und zur Anwendung gebracht hat, fich nicht zu
entziehen vermochten. — Zum Dritten erhalten die gegen
die praktifche Betätigung des Liberalismus gerichteten
Urteile, deren relative Berechtigung wir nicht beftritten
haben, doch bei näherer Betrachtung ein etwas andres
Geficht. Daß in diefem Stücke die liberale Partei noch
an dem Anfang einer von ihr nicht fofort erkannten und
befchrittenen Lautbahn fteht, hätten gerade die Konfervativen
nicht vergeffen follen. Ift es denn der offiziellen
fogen. bibelgläubigen und bekenntnistreuen Kirche anders
ergangen? Wie lang hat die Orthodoxie die Pflichten
verfäumt, deren dringende Notwendigkeit fie nun dem
Gegner mit fo erfchütterndem Pathos einfehärft und
deren Erfüllung fie als die herrliche Frucht ihrer dogmatifchen
Erkenntnis preiftl War es nicht im Namen
diefer Dogmatik, daß die Kirche fich fo energifch gegen
die von den verfchmähten Pietiften getriebene Heiden-
miffion wehrte? Und wie lange dauerte es, bis fie fich
auf die Aufgaben innerer Miffion befann und das durch
Wichern entworfene Programm durchzuführen begann!
Ob alles, was an innerem Leben, an chriftlicher Liebestätigkeit
, an fittlicher und religiöfer Arbeit in der badifchen
Landeskirche vorliegt, auf die Rechnung der Pofitiven
zu fchreiben ift, alle Schatten aber und Fehler, die