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1911 Nr. 21

Spalte:

655-656

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Titel/Untertitel:

Carl Heinrich Rappard. Ein Lebensbild. Von seiner Gattin 1911

Rezensent:

Bornemann, Wilhelm

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Theologifche Literaturzeitung 1911 Nr. 21.

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lieh daher in fich fteigernden Maßen gerade der Kirche ]
zu, je mehr fie aus ihrer bisherigen herrfchenden Stellung
hinausgedrängt, die Paftoren wegen der Rekonverfion
der in der Hungersnot • der vierziger Jahre zur Staatskirche
abgefallenen Letten und Eften drangfaliert wurden.
So wenden fich denn auch diefe beiden frifch gefchriebenen
Schriften an weitere Kreife. Der Verfaffer war wie wenige
zu ihrer Abfaffung berufen. Seine direkten Vorfahren
bis ins dritte Glied haben bereits hervorragende Pfarr-
ftellen und Kirchenämter in Riga bekleidet; in ihrer theo-
logifchen Stellungnahme fpiegelt fich der wechfelnde Geift
der Zeiten wieder, fo daß für des Verfaffers Familien-
gefchichte die Kirchengefchichte Rigas den weiteren
Rahmen bildet. Der warme patriotifche Ton gewinnt
dadurch eine lebensvolle Färbung perfönlicher Intereffiert-
heit. Die aus umfaffenden Studien gebotenen Daten
riechen daher nirgends nach Aktenftaub. In der Ge-
fchichte des 18. Jahrhunderts macht fich der Einfluß der
ruffifchen Okkupation auch kaum bemerkbar, zumal nach
wie vor die Geiftlichen nicht feiten aus Deutfchland
kommen (1765—69 wirkt auch Herder als Lehrer und
Paftor in Riga). Das kirchliche Leben zeigt dasfelbe Gepräge
wie in einer beliebigen deutfehen Hanfaftadt. Das
erfte Anzeichen des Heraufkommens ganz anderer Ver-
hältniffe ift das Hineinftrömen der Letten in die bisher
rein deutfehe Stadt, denen die Johanniskirche überwiefen
wird. Bereits 1819 petitionieren fie beim Rate darum,
daß auch in diefer Kirche alle vierzehn Tage deutfeh
gepredigt würde. Der Rat erfucht hierauf das Rigafche
Kirchenminifterium, ,die . . . Gemeindeglieder der Johanniskirche
, welche nur Modefucht und Neuerungstorheit
verleitet haben, fich ihrer Mutterfprache zu fchämen . ..
ab- und zur Ruhe zu weifen'. In der Folgezeit fchiebt
der Rat der Entfremdung der jungen Letten von ihrer
Nationalität durch Errichtung lettifcher Kirchenfchulen
einen Riegel vor. — Gegen nichts wird häufiger der Vorwurf
politifcher Unklugheit erhoben, als gegen die Unter-
laffung der Germanifierung der Letten und Eften. Und
doch ift fie gerade die Gewiffensbafis für die Oppofition
gegen die Ruffifizierung. Und als neugebackene Deutfehe
wären die Letten und Eften gewiß leicht für einen abermaligen
Wechfel der Nationalität zu haben gewefen fein,
zumal diefer fo überaus vorteilhaft gemacht wurde. Kann
der zwanzig Jahre lang mit allem ftaatlichen Hochdruck
gemachte Verfluch der Ruffifizierung der Oftfeeprovinzen
bereits als gefcheitert angefehen werden, fo liegt die Ur-
fache nicht in dem Widerftande der deutfehen Minorität,
fondern in der völligen Unzugänglichkeit der breiten
Maffe der indigenen Bevölkerung. — Dem Verfaffer in
feiner weiteren Darlegung der äußeren und inneren Wandlungen
zu folgen, verbietet der Raum. Von jenen war
die einfehneidenfte die Aufhebung des Rats 1889, der
feit faft 700 Jahren die Stadt und feit ihrer Entltehung
die lutherifche Kirche geleitet hatte; fielen doch körperliche
und kirchliche Gemeinde zufammen. Seitdem dürfen |
aus dem Stadtfäckel keinerlei Mittel zum Berten der luthe- |
rifchen Kirche fließen. Wie foll da der zumeift aus
Fabrikarbeitern beftehende Zuwachs der aufs dreifache
geftiegenen Bevölkerung (ca. 500000) in genügender Weife
kirchlich organifiert werden? Kein Wunder, daß die bisher
fo friedliche Stadt 1905 und 06 einer der Hauptherde
der Revolution war!

Dorpat. K. Graß.

Carl Heinrich Rappard. Ein Lebensbild. Von feiner Gattin.
Gießen, Buchhandlung der Pilgermiffion 1910. (VIII,
439 S. m. 2 Bildniffen.) 8°. Geb. M. 4 —

Carl Heinrich Rappard (geb. 26. 12. 1837, geft. 21.
9. 1909) war der Enkel des gleichnamigen Pfarrers zu
Neukirchen bei Mörs, der Sohn eines Theologen, der fein
Amt aufgab und auszog, um wahre Chriften zu fuchen
und diefe in Giez, Kanton Waadt, fand, wo er als Lehrer

und Landmann fich niederließ und fich verheiratete.
Später kaufte fich der Vater in der Nähe von Schafthaufen
an und erzog feine zahlreichen Kinder in puri-
tanifchem Sinne und möglichfter Zurückgezogenheit von
der Welk Er geftattete dem älteften Sohne zunächft das
theologifche Studium nicht, fondern bildete ihn zum Landwirt
aus, bis er durch die Einwirkung des Miffionars Hebich
aus feiner Abgefchloffenheit befreit wurde. Nun
fandte er den Sohn auf die von Spittler gegründete und
unterhaltene Anftalt für Pilgermiffion Chrischona bei
Bafel. Dort 1861 —1864 ausgebildet, durch einjährigen
Aufenthalt in Edinburg gefördert, in Leonberg ordiniert,
wurde Carl Heinrich Rappard zunächft als Evangelift für
Spittlers ,Apoftelftraße' nach Alexandrien gefandt, lernte
Gobat und Schneller in Jerufalem kennen, wirkte in
wechfelnder Befchäftigung in Alexandrien und Kairo und
verheiratete fich dann mit der einen Tochter des Bifchofs
Gobat. 1868 wurde er als Infpektor auf die Chrifchona
berufen und leitete von da an, vorübergehend 1883—1890
in Bafel wohnend, diefe Anftalt bis an fein Lebensende.
Er wurde ein Bahnbrecher der Bewegung für Evangelisation
und Gemeinfchaftspflege, unternahm große und
häufige Reifen zu Gunften diefer Beftrebungen, fuchte
z. B. Hunderte von Chrifchonabrüdern in Rußland, Oefter-
reich, Oftpreußen, Amerika usw. auf, machte die Oxforder
Bewegung 1874 perfönlich mit und ftand in naher Beziehung
zu den führenden Männern der Evangelifchen
Allianz, der Gemeinfchaftsbewegung, des Blauen Kreuzes,
der China Inland Miffion und der Zeltmiffion. So übte
er eine fehr ausgebreitete und tiefgehende Wirkfamkeit;
nicht weniger als 62 Vereinshäufer der Pilgermiffion wurden
in der Zeit feines Infpektorates in der Schweiz und
Deutfchland eingeweiht. Die moderne theologifche Wiffen-
fchaft verurteilte er; er wollte fich durchaus nur an die
Schrift halten, die er in geiftvoller und praktifcher Weife,
freilich zuweilen nicht ohne eine gewiffe Manier, Willkür
und Naivetät, auszulegen und als Redner zur Geltung zu
bringen wußte. Er zeigte die bei den Gemeinfchaftsleuten
fo oft vorhandene Gleichgültigkeit gegen die Gefchichte
und die gefchichtlich gewordenen Ordnungen und fuchte
vor allem, in eindringlicher Weife Seelen unmittelbar für
Jefus zu gewinnen und zu erhalten. Mit großer Weisheit
und natürlichem Takt hat er dabei äußerliches Treiben
und moderne Ausartungen, wie die Pfingftbewegung, das
Zungenreden, das Gefundbeten, die Lehre von der Sünd-
lofigkeit der rechten Chriften abgelehnt. Für die Chrifchona
felbft war fein langjähriges Wirken von der aller-
größeften Bedeutung, aber auch für viele andere Kreife
in den verfchiedenften Ländern. Äußerlich eine ftattliche
und fchöne Geftalt, war er innerlich eine in fich ge-
fchloffene, eigenartige und harmonifche Perfönlichkeit,
deren man fich von Herzen freuen kann, auch wenn man
nicht alle feine Urteile, Tendenzen und Maßnahmen billigt.
Seine Gattin hat in dem Buche ihm ein würdiges und
dankenswertes Denkmal gefetzt, fein Charakterbild klar
und einheitlich gezeichnet und viele einzelne wertvolle
Mitteilungen gemacht. An die in den Gemeinfchafts-
kreifen üblichen Wendungen muß man fich freilich erft
gewöhnen. Und zu einer Auseinanderfetzung mit der von
Rappard vertretenen Anfchauung und Sache ift hier nicht
der Ort. Wer dies Lebensbild völlig würdigen und
verliehen will, tut gut, auch die Lebensbefchreibungen
Spittlers, Zellers, Gobats, Schnellers fich zu vergegenwärtigen
und die von Rappard felbft herausgegebene
Gedenkfchrift: .Fünfzig Jahre der Pilgermiffion' zu vergleichen
.

Frankfurt a/M. W. Bornemann.