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Ausgabe:

1911

Spalte:

649-652

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Schultz, Wolfgang

Titel/Untertitel:

Dokumente der Gnosis 1911

Rezensent:

Koetschau, Paul

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Theologifche Literaturzeituug 19 r i Nr. 21.

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zu machen, die chriftliche und die vorchriftliclie Welt als
Einheit zufammenzufaffen, auch die griechifche und die I
jüdifche Welt als Offenbarung des Logos anzuerkennen,
die in der chriftlichen erft vollendet wird, in der oXov rb '
Xoyixov gegeben ift.

Inbezug auf Gott den Vater meint er, Juftin habe
den überweltlichen, tranfzendenten Gott Plato's und brauche
deshalb den Logos als Weltbildner, als Mittler zwifchen
dem Vater und der Welt; zu diefem Zweck fei er als
Hypoftafe von Gott unterfchieden, mit dem er urfprüng-
lich eins fei, und fo fei er fubordiniert. Es mag richtig
fein, daß Juftin das Verhältnis des Logos zum Vater nicht
völlig klar behandelt hat. Aber jedenfalls ift ihm der
Logos auch Gott und kann alfo auch der Welt Göttliches
mitteilen. Der Verf. beachtet nicht genug, daß gerade I
diefe Logoslehre es ihm ermöglicht, die Tranfzendenz
Gottes, die übrigens ebenfo jüdifch wie Platonifch ift,
mit feiner Immanenz in der Welt zu verbinden. Wenn |
der Verf. übrigens felbft fagt, daß der Demiurg des Plato
für Juftin Gott der Vater fei, fo liegt doch darin, daß
auch der Vater die Welt fchaffen will, alfo nicht völlig
weltfremd ift, wenn er auch in den Raum nicht eingeht.

Man wird bei Juftin nicht die einzelnen Ausfagen auf
die Goldwage legen können. Die Bedeutung feiner Logoslehre
liegt in dem Verfuche, die Immanenz Gottes und [
feine Tranfzendenz, die Vernunft mit der Offenbarung, i
die Schöpfung mit der Erlöfung zu einer einheitlichen j
Weltanfchauung zu verbinden und den ganzen Zufammen-
hang der Gefchichte unter einen einheitlichen Gefichts-
punkt zu ftellen. Damit wurde das Chriftentum mit der
Kulturmacht der Philofophie verbunden und erft voll in
feiner weltumfaffenden Bedeutung ergriffen.

Der leitende Gefichtspunkt, von dem aus der Ver-
faffer feine ganze Frageftellung beftimmt, ift der Standpunkt
der Kirchenlehre. Für ihn ift die Hauptfrage: Ift
Juftin kirchlich orthodox oder Irrlehrer, wenn ihm auch j
naives Irren zugebilligt wird. Die Beeinfluffung von Plato [
foll fchließlich beweifen, daß er nicht kirchlich lehre. Was
helfen aber alle exakten Interpretationen und Forfchungen,
wenn von vorneherein festgelegte Maßftäbe an die hifto-
rifchen Objekte herangebracht werden, und fo die ganze J
Forfchung von dogmatischem Gefichtspunkte geleitet ift.
Es ift hiftorifche Scholaftik, die hiftorifchen Objekte einem
ein für allemal feftftehenden Standpunkte zur Beurteilung
zu unterwerfen, mag diefer Standpunkt die als feft angenommene
kirchliche Lehre oder eine für den Forfcher 1
als Werturteil feftftehende perfönliche Anficht fein, ftatt
die hiftorifchen Erfcheinungen aus ihrer Zeit und ihrem
zeitlichen Zufammenhang zu verftehen.

Der Anhang des Werkes bemüht ftch, die Kompofition
der beiden Apologien klarzumachen und eine Dispofition
in ihnen nachzuweifen, indem er zwifchen der Anficht
Wehofers, daß Juftin ein berechnender Redner fei, und der
Raufchen's und Geffckens, daß er kaum eine erkennbare
Dispofition habe, eine mittlere Stellung einnimmt.
Königsberg i/Pr. A. Dorner.

Schultz, Wolfg.: Dokumente der Gnosis. (XCI, 244 S.) 8°.
Jena, E. Diederichs 1910. M. 8 —; geb. M. 9.50

In unferer Zeit liebt man es, die Ergebniffe der
Wiffenfchaft weiteren Kreifen in P'orm von populären
Darftellungen mitzuteilen oder altklaffifche Texte durch
Überfetzungen und Erläuterungen für die Gegenwart neu
zu beleben. Ohne Zweifel ift die Herausgabe guter
Überfetzungen umfo wünfchenswerter, je kleiner die Zahl
derjenigen wird, die die Originale felbft zu verftehen im-
ftande find. Dem Verlangen des nichtphilologifchen
Publikums nach Bekanntfchaft mit den Hauptwerken des
griechifchen Altertums kommt jetzt vor allem in anerkennenswerter
Weife die Verlagsbuchhandlung von
Eugen Diederichs in Jena entgegen. Auch das vorliegende
Buch ift dort erfchienen und in der bekannten

vortrefflichen Weife, diesmal auch mit befonderem bildlichen
Schmuck, ausgestattet. Der Inhalt des Buches
befteht aus einer Einleitung, die nach dem Vorwort
S. II zur Orientierung des Lefers ,über die Gnofis als
Ganzes, über ihren Urfprung, ihre Verbreitung, ihre
Lehrer und Lehren' beftimmt ift und die Seiten III—XCI
ausfüllt. Dann folgt von S. I—230 der Hauptteil, der
in 7 Abfchnitten eine Auswahl von gnoftifchen Quellen-
fchriften in deutfcher überfetzung mit Erläuterungen
enthält. Als Anhang ift der Nachweis der Quellen
S. 231—241 beigegeben.

Bei Beurteilung des Buches muß man zunächft
billigerweife hervorheben, daß es dem Bedürfniffe ,nach
einer gemeinverständlichen und umfaffenden Darfteilung
der Gnofis' (Vorwort S. I) Rechnung tragen will und Sich
deshalb nicht an die Gelehrten, fondern an das Publikum
' wendet; mit Rückficht auf diefes Publikum hat der
Verf. ,alles wiffenfchaftliche Rüftzeug möglichst ferne zu
halten' geftrebt, d. h. den Nachweis der Quellen für den
Hauptteil nur ganz fummarifch im Anhang gegeben und
in der Einleitung überhaupt weggelaffen. Ein folches
Verfahren erfchwert natürlich die Nachprüfung. Dazu
kommt, daß man oft nicht weiß, welchen Text der
Verf. überfetzt hat. Denn nach S. 232, wo der Verf. über
fein Verfahren redet, fcheint es Sich in feinem Buche
vielmehr um eine Bearbeitung, als um eine bloße Überfetzung
der Texte zu handeln. Bei dem Stand der Überlieferung
der gnoftifchen Quellenfchriften wird man einem
Überfetzer und Bearbeiter einerfeits das Recht zugeftehen,
Zufätze des chriftlichen Berichterstatters wegzulaffen, die
direkte Rede herzustellen, die Fragmente in die richtige
Reihenfolge zu bringen u. dgl., andererfeits aber auch
von ihm fordern, daß er der nachprüfenden Kritik
Rechenfchaft von feiner Neugestaltung der überlieferten
Texte gibt. Wenn nun der Verf. nach feiner Erklärung
auf S. 233 diefem berechtigten Verlangen nach Kundgabe
der von ihm rekonstruierten Texte in dem vorliegenden
Buche ,mit Rückficht auf das Publikum' nicht
nachkommen wollte, ja Sogar da, wo er ,durch kleine Zufätze
, Weglaffungen oder felbft bewußte Abweichungen
dem Verftändniffe des Lefers entgegen kam, jeden Hinweis
hierauf ... grundfätzlich unterließ', fo hätte er
den gelehrten Anhang, der u. a. auch eine Reihe von
fehr wenig überzeugenden Textänderungen des Verf.
enthält, hier wohl beffer grundfätzlich ganz weggelaffen
und dafür in einer längeren gelehrten Unterfuchung vor
Herausgabe der von ihm bearbeiteten Dokumente der
Gnofis feine hierbei angewandten Grundfätze dargelegt.
Er felbft fcheint nach feinen Bemerkungen S. 240 die
Notwendigkeit diefer Darlegung zu fühlen; diefe durfte
aber nicht erft nachkommen, fondern mußte vorausgehen.
Daher fcheint mir der Verf. feine Aufgabe am falfchen
Ende in Angriff genommen zu haben.

Eine Überfetzung gnoftifcher Quellen ift keine leichte
Arbeit, fondern erfordert außer einer umfaffenden philologischen
und theologifchen Allgemeinbildung noch besonderes
Verftändnis der eigenartigen Sprache, ruhiges
Urteil und wiederholtes Nachdenken bei Schwierigeren
Stellen. Hier gibt es für die Philologen noch genug
textkritifche Probleme zu löfen. Auch der Verf. hat Sich
daran verfucht, leider mit wenig Glück. Wie unficher er
Sich auf dem Gebiet der griechifchen Sprache fühlt, beweift
z. B. S. 237 Z. 4S v. o., wo er drucken läßt: ,S. 26
Z. 2 v. u. riet ich: „vereint mit dem Guten"; im Texte
fteht p. 224,64 xQarrid-tiQ xm dyaO-m' und die Zeile darauf
, wo er das überlieferte olxovorjc; in otxovorjv ver-
beffert. Diefen Proben entfpricht die Überfetzung im
allgemeinen: faft auf jeder Seite trifft man beim Vergleich
mit dem griechifchen Text (auch wo diefer ganz
richtig und verständlich ift) auf Fehler, Flüchtigkeiten und
willkürliche Änderungen.

Die von Otto Stählin in der Wochenfchrift f. klaff. Phil. 1910 Nr. 44
Sp. 1202—1204 mitgeteilte Lifte von Überfetzungsfehlern foll hier weder

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