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Ausgabe:

1911 Nr. 20

Spalte:

627-628

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Reich, Emil

Titel/Untertitel:

Aus Leben u. Dichtung. Aufsätze u. Vorträge 1911

Rezensent:

Berger, Karl

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Theologifche Literaturzeitung 1911 Nr. 20.

628

ficheren Grund unter den Füßen, wenn er fich auf ein
beftimmtes Wort der Schrift berufen kann; auch feine
mit großer Zähigkeit feftgehaltene Überzeugung, daß fein
Lebenswerk eine Erneuerung des .apoftolifchenDiakoniffen-
amtes' fei (Beweis: Phoebe Rm 16I), hat in dem ihm
zur Gewiffensfache gewordenen Biblizismus feinen Grund;
ohne diefen Gehorfam gegen die Schrift würde er wohl
fein ganzes Werk für willkürliches Menfchenwerk gehalten
haben. Selbft für die blaue Farbe der Kleidung feiner
Diakoniffen ift es ihm "entfcheidend, daß blau die Hauptfarbe
der Stiftshütte und der Priefterkleidung gewefen fei
(S. 70). Indem wir endlich darauf hinweifen, daß Fliedner
in feinem Biblizismus fo weit geht, daß er den Tageslauf der
Diakoniffen mit Bibellektionen in großem Umfang geradezu
belaftet — fpäter ift eine Erleichterung eingetreten —,
und daß die ganze Lebenshaltung in Kaiferswerth das
Mögliche an puritanifcher Einfachheit leiftete, obgleich
es Fl. keineswegs an Kunftverftändnis fehlt, daß er ferner
in feiner Anftaltskirche weder Kreuze, noch Bilder, noch
Leuchter ufw. duldet, und bei aller konfeffionellen Weitherzigkeit
das Odium Papae für eine Gewiffensfache hält,
fo find die Züge wohl vollftändig gefammelt, die den
reformierten Typus unwiderleglich beweifen. Daß damit
kein konfeffioneller Mißbrauch, nicht einmal Gebrauch, getrieben
wurde, braucht als völlig felbftverftändlich kaum
erwähnt zu werden.

Wir möchten die Anzeige nicht fchließen, ohne auf
die ihrem Manne gleichgefinnte, in unermüdeter Wirkenskraft
und unerfchöpflicher Liebestreue ebenbürtige Gattin,
geb. Bertheau aus Hamburg, mit der er in zweiter Ehe
vermählt war, hinzuweifen. Ihrer großen Kinderfchar und
allen Diakoniffen war fie treuefte Mutter, ihrem Manne
eine unerfetzliche Gehilfin, dem ganzen großen Werk eine
tatkräftige und weife Vorfteherin. — In den letzten Jahren
feines Lebens wurde Fl. durch ein fchweres Lungenleiden
an das Krankenzimmer gefeffelt, bis zuletzt aber wirkte er
durch Wort und Schrift für feine ihm heilige Diakoniffen-
fache, die er von geringen Anfängen zu einem großen,
von Gott reich gefegneten Bau hatte heranwachfen fehen.

Das Buch hat einen nicht geringen kirchen- und
kulturgefchichtlichen Wert; es fei auf das wärmfte befon-
ders allen Freunden der Innern Miffion auch zur Familienlektüre
empfohlen.

Marburg. E. Chr. Achelis.

Reich, Prof. Emil: Aus Leben u. Dichtung. Auffätze u.
Vorträge. (VIII, 512 S.) gr. 8°. Leipzig, Dr. W. Klinkhardt
1911. M. 4—; geb. M. 4.80

Emil Reich kommt mit diefer Sammlung, in der er
eine fichtende Auswahl feiner an verfchiedenen, fchwer
zugänglichen Orten veröffentlichten Arbeiten aus den
Jahren 1889 bis 1910 darbietet, einem dringenden Wunfche
feiner Freunde entgegen. Aber nicht nur ihnen, auch
weiteren Kreifen, infofern fie fich für eine gründliche, be-
fonnene und aufhellende Behandlung ethifch-foziologifcher
und äfthetifch-literarifcher Gegenftände intereffieren, wird
mit diefem Neudruck ein Dienft erwiefen fein. In der
Förderung der aufwärtsftrebenden Menfchheit fieht Reich
die Aufgabe der praktifchen Philofophie; diefe umfaßt
Ethik und Äfthetik, holt alfo ihren Stoff ,aus dem wirklichen
Dafein auf Erden wie aus der erträumten Welt
des Künftlers', und darum nennt fich die Sammlung treffend
,Aus Leben und Dichtung'. Ihr Inhalt ift bunt und viel-
geftaltig, die wechfelnden Betrachtungen aber werden zu-
fammengehalten und einem einheitlichen Zwecke unterworfen
durch die fortwährende Bemühung um künftlerifche
und wiffenfchaftliche Volksbildung. Zu diefer rechnet
Reich vor allem auch ein erhöhtes Bewußtfein fozialer
Verpflichtung. Die Grundtugend feiner Sozialethik ift
Gerechtigkeit, ihre wichtigfte Forderung: Nicht jedem das
Gleiche, fondern jedem das ihm Gebührende. Gegenüber

j dem Marxismus mit feiner einfeitigen Betonung materia-
liftifcher Entwicklungsmomente werden die ideologifchen
Motive betont. Wem es mit der Pflege fozialethifchen
Denkens und Wiffens, Fühlens und Handelns ernft ift, wer
die marxiftifchen Verftiegenheiten mit Erfolg bekämpfen
will, der wird in Reich einen trefflichen Wegweifer und
waffenkundigen Führer finden. Denn er gehört zu den
Philofophen, die auch mit den Ergebniffen der modernen
ökonomifchen Forfchung gründlich vertraut find. Nichts
weniger als ein befchränkter Fachmann, entnimmt er
überallher Anregungen und gibt fie anregend weiter. Mit
den fozialethifchen Uberzeugungen Reichs hängen aufs
innigfte feine Beftrebungen auf dem Gebiete der Volkserziehung
zufammen. Er ift davon überzeugt, ,daß ftets
dort die Schöpfungen der großen Künftler lebendigften
Anteil bei ihren Volksgenoffen fanden, wo und foweit
ein blühendes, möglichft tief in die Mafien gedrungenes
Kunftgewerbe den Soden dafür bereitet'. Soll die Kunft,
das Wort im allerweiteften Sinne gefaßt, nicht als Zierpflanze
verkümmern, fo bedarf fie der Fühlung mit den
breiteften Schichten der Bevölkerung; eine Kunftpolitik,
die der Menge edelfte Freuden gewährt, gehört deshalb
zu den fozialen Pflichten der Gemeinde. Reich begründet
ausführlich und eindringlich die Notwendigkeit der volkstümlichen
Univerfitätsbewegung; er fordert für die großen
Städte Volksheime zur Veredlung der Volksunterhaltung
und zur Hebung der Volksbildung und bringt verläßliche
Mitteilungen über Gefchichte, Einrichtung, Bedeutung und
Stand diefer Inftitute in den verfchiedenen Ländern. Be-
fonders lehrreich und beherzigenswert find die Auffätze
/Die Kunft und das Volk', ,Die Kunft für das Volk', .Beftrebungen
für Volksanteil an der Kunft'. Es ift nur zu
wahr, was S. 176f. über das Theater von ehedem und
von heute gefagt wird: diefes ift nicht mehr eine Bildungs-
ftätte, fondern ein Ort der Zerftreuung und des Geld-
machens: .nicht Apollo im Chor der Mufen, Merkur, umdrängt
von Venuspriefterinnen, dies wäre der rechte
Schutzgott und das entfprechende Symbol der modernen
Bühne'. Ganz folgerichtig aus Reichs Anfchauung von
der Zufammengehörigkeit von Kunft und Leben fließen
auch feine Betrachtungen über ,Kunft und Moral', deren
Lektüre allen noch nicht ganz und gar an die Devife
l'art pour l'artVerlorenen, aberauch anderen, vernünftigeren
Leuten, jenen zur Kur, diefen zur Beftärkung, empfohlen
fei. Uber Jugendlektüre' hat Reich feine eigenen, guten
Gedanken, die den übertriebenen Forderungen Heinrich
Wolgafts mit trefflichen Gründen entgegentreten, ohne
das Beachtenswerte der Wolgaftfchen Schrift ,Das Elend
der Jugendliteratur' zu überfehen. Mit mehreren Abhandlungen
über Volkelts äfthetifche Werke findet der
Verf. den Übergang zu einer Reihe von Auffätzen, die
Grillparzer, Björnftjerne Björnfon, Ibfens Werken und
Briefen, feiner Perfönlichkeit und feiner Bedeutung, öfter-
reichifchen und anderen Autoren gewidmet find. Wie
man fieht: ein reiches, vielfeitiges und, wie ich verfichern
kann, immer anregendes, gehaltvolles Buch.

Darmftadt. Karl Berg er.

Kronheini, Dr. Hans: Lotzes Kaufaltheorie u. Monismus.

(Abhandlungen z. Philofophie u. ihrer Gefch. 15. Heft.)
(118 S.) 8°. Leipzig, Quelle & Meyer 1910. M. 3.80

Die Arbeit gehört zu dem Erfreulichften, was bisher
über Lotze gefchrieben worden ift. Vf. begnügt fich nicht,
wie es fonft vielfach üblich geworden ift, mit einer nur
an der Oberfläche haftenden Darftellung und rafchen
Abfertigung der Lotze'fchen Gedankengänge. Vielmehr
hat er in fahr forgfältigen Unterfuchungen den wahren,
eigentlichen Sinn diefer Gedankengänge herauszufchälen
und klar zu ftellen fich bemüht, was angefichts mancher
auf den erften Blick widerfprechend fcheinender Erklärungen
Lotze's felbft oft recht mühevolle Arbeit er-