Recherche – Detailansicht

Ausgabe:

1911 Nr. 19

Spalte:

598-599

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Bornhausen, Karl

Titel/Untertitel:

Der religiöse Wahrheitsbegriff in der Philosophie Rudolf Euckens 1911

Rezensent:

Viëtor, L.

Ansicht Scan:

Seite 1, Seite 2

Download Scan:

PDF

597 Theologifche Literaturzeitung 1911 Nr. 19. 598

obigen Lebensbilde vor uns, das uns in jedem Zuge fagt:
fie war eine hochbedeutende Frau im Reiche Gottes. Es
ift von verfchiedenen Händen gezeichnet, verwandten, befreundeten
, befonders von Mitarbeiterinnen. Aus jedem
Wort fpricht eine dankbare Liebe und Verehrung ohnegleichen
, und doch mit der Zurückhaltung, der es eine
Beleidigung der Heimgegangenen Rheinen würde, ihr
Haupt mit Ruhmeskränzen fchmücken zu wollen.

Wen Gott zu fo Großem berufen hat, dem bereitet
er früh die Wege. In knappen Zügen fchildert die
Schwerter ihre fonnigen Jugendtage, über denen die Sonne
echt evangelifcher Frömmigkeit leuchtete, die einen reichen
Verwandtenkreis harmonifch verband. Dann die Jahre
eines jungen Eheglücks auf dem Kapitol in Rom, wo die
Frau des Gefandtfchaftspredigers mit offenem Herzen
alles genoß, was Natur und Kunft, was die Gefchichte
der Vergangenheit und die Gefelligkeit der Gegenwart
bot. Ihre eigentliche Gabe entfaltete fich doch erft in
der St. Petrigemeinde in Berlin. Hier begann fie ein
Liebeswerk nach dem andern, fah diefelben fich immer
weiter ausbreiten, bis fie alle einzelnen in einem Gemeindehaus
muftergültig zufammenfchloß. Was fie befähigte fo
großes zu leiften, daß die Liebestätigkeit in der St. Petri-

Bornhaufen, Priv.-Doz. Lic. Karl: Der religiöle Wahrheitsbegriff
in der Philofophie Rudolf Euckens. [Aus: ,Relig.
u. Geifteskultur'.] (III, 70 S.) gr.8° Göttingen, Vanden-
hoeck & Ruprecht 1910. M. 1.60

Von der weit ausgebreiteten, meift nur referierend
und zuftimmend fich verhaltenden Eucken-Literatur, über
die im Anhang vorliegender Schrift ein orientierender
Überblick gegeben wird, unterfcheidet fich diefe felbft
dadurch fchon vorteilhaft, daß fie in kritifcher Weife dem
Aufbau der in zahlreichen Schriften in fo hinreißender,
im Grunde aber doch recht einheitlicher Form zum Ausdruck
gelangten Weltanfchauung des berühmten Philo-
fophen nachgeht. Diefem Zwecke dient die Herausftel-
lung des in ihr herrfchenden Wahrheitsbegriffes. Nach
einem einleitenden Abfchnitt über das Problem des Wahrheitsbegriffes
wird gezeigt, daß in der Philofophie Euckens
gemeinde bald als ein Mufter hingeftellt und aufgefucht j die ,Wahrheit' gerade darin ihr Merkmal hat, daß fie nicht

das. Es erwärmt die Herzen zur Nachfolge in gleicher
Liebesarbeit, und, indem es ihren Quell und ihren Segen
aufdeckt, leitet es fruchtbringende Ströme fozialer Hilfe
über die dürftenden Felder in den Nöten der Gegenwart.

Berlin. Bernhard Weiß.

wurde, war auch ein feltnes Organifationstalent, waren auch j auf einem Teilgebiet des menfchlichen Geifteslebens, weder
die wohlhabenden und wohlwollenden Gemeindekörper-
fchaften, wie der gleichgefinnte Gemahl mit feinem
wachfenden Einfluß in weiten Kreifen; aber vor allem
doch die warme Liebe, die perfönlich einzugreifen wußte,
wo die Not fie anrief, oder wo es galt, Herzen, Hände

dem des reinen Erkennens, noch in der Ethik (das Gute
= das Wahre), noch in der Religion, abgefondert vom
übrigen Geiftesleben, allein herrfchen, fondern gerade
die verfchiedenen Gebiete miteinander inhaltlich verknüpfen
will. Sie will die Einheit des Geifteslebens zur Er-
und Geldmittel für fie bereit zu machen; eine ruhige Be- fcheinung bringen; ihre Abficht ift, die Einfeitigkeit auf-

fonnenheit, die mit ficherem Blick den Punkt fand, wo
die Hilfe einfetzen mußte, und durch keinen wohlgemeinten
Eifer fich verleiten ließ, mehr zu wollen als man leiften
konnte; eine Schaffenskraft und Arbeitsluft, die kein Ermüden
kannte, bis oft in die fpäte Nacht hinein; eine
Freude an dem Glück, das fie verbreitete, die mit den
Kindern fpielen und mit den Alten fich jedes Sonnen-
fcheins, den fie in ihr Elend brachte, freuen konnte. Aber
auch die weitumfaffenden Pläne ihres Mannes, die ihre
Netze in der Arbeit der .Frauenhilfe' bis in die weiteften
Fernen hinausfpannen, teilte fie mit vollem Herzen und
wohlgefchulter Hand; und kein Liebeswerk, das die Hand
nach ihr ausftreckte, blieb unbeachtet.

Die vorliegenden Erinnerungsblätter legen ein beredtes
Zeugnis dafür ab, daß eine im rechten Sinne geübte
Liebestätigkeit nach außen dem Haufe und feinen Pflichten
nicht zu entfremden braucht. Sie führen uns in den Kreis
der eigenen Kinder, wo die Mutter Jugendfreude zu entzünden
und zu teilen verftand, wo fie die eigene Liebe
zu allem Großen und Schönen, die ihr aus der Jugendzeit
her treu verblieb, in die Herzen pflanzte; freilich
nuch ftets mit dem Blick auf das Ziel, den fröhlichen
Glauben und die hilfbereite Liebe, die ihres Lebens Odem
war, auch in ihnen zu pflegen. Und wenn ihr Gott die
Ereude fchenkte, fich dadurch belohnt zu fehen, daß fie
m einer der Töchter ihre treufte Mitarbeiterin fand, fo
J.egte er ihr doch auch die Probe auf, in fchweren Heim-
fuchungen zu bewahren, daß der Glaube auch unter dem
Kreuz nicht zu wanken und die Liebe nicht zu erkalten
braucht. Die Blätter verfchweigen oder laffen es doch
nur in leifen Tönen hindurchklingen, was fie ihrem Manne
war, aber es ift ein öffentliches Geheimnis, das er nie verhehlen
wollte, wie er in feinem verantwortungsvollen Amtsleben
und in'den fchweren Kämpfen, die er durchmachen
mußte, nie etwas tat, ohne durch ihren Beirat fich geklärt
und geftärkt zu haben.

Man kann dies Büchlein nicht aus der Hand legen
ohne den wärmften Dank für alle, die daran mitgearbeitet
haben, ohne den Wunfeh, daß es weithin verbreitet werden
möge. Es erfetzt endlofe Erörterungen über die rechte
Art der evangelifchen Liebestätigkeit im Haus, in der
Gemeinde und in der inneren Miffion. Es tut mehr als

zuheben, der Mannigfaltigkeit und Zerfplitterung, dem
Auseinanderfallen in einzelne Teilgebiete, vorzubeugen und
dem natürlichen Ablauf der Dinge ein Gefamtleben gegen-
überzuftellen, in das das Einzelne erhoben werden Toll,
um Teil am Ganzen zu erhalten. So erhält die Wahrheit
ihren befonderen fpekulativen Charakter, indem fie die
metaphyfifche Einheit des menfchlichen Geiftes- und
Kulturlebens zum Ausdruck bringen foll. Gefchichtlich
fucht Eucken diefe Wahrheitsauffaffung zu begründen im
Anfchluß an Plotin, der, wie B. zeigt, großen Einfluß auf
ihn ausgeübt hat, dann unter neueren Philofophen an
Spinoza, Fichte und Hegel.

Mit diefem auf fpekulativem Wege gewonnenen Wahrheitsbegriff
hängt nun fehr eng der religiöfe zufammen:

,Nachdem er philofophifch-fpekulativ das Geiftesleben der Menfch-
heit als eine radikal übermenfehliche Größe hingeftellt und ihm allein die
Wahrheit zugefprochen hatte, folgt er mit der Religion auf diefem Wege
nach' (S. 48).

Aus diefer weitgehenden Identifikation von Religion
und Geiftesleben, nach der Eucken z. B. von einer .Religion
des Geifteslebens' fpricht, ergeben fich nun aber die großen
Schwierigkeiten für die Erfaffung eines irgendwie gearteten
felbftandigen religiöfen Lebens. B. macht eindringlich
auf die Gefahr einer folchen Spekulation aufmerkfam:

,Der philofophifche Wahrheitsbegriff Euckens erweift fich als zu
ftark, um irgend welche individuelle Eigenart des religiöfen Phänomens
übrig zu laffen, vielmehr geht die Religion und ihre Begründung reft-
los in der Wahrheit des allgemeinen Geifteslebens auf (S. 49). ,Die
Religion bedeutet kein eigenartiges feelifches Verhältnis, fondern fie ift
nur der höchfte Wertbegriff für alles mögliche Drängen, Kämpfen und
Streben im geiftigen Dafein, das fich durchaus gleichartig auch als Kampf
um einen geiftigen Lebensinhalt oder als Grundlinien einer neuen Lebens-
anfehauung darftellen läßt' (S. 43).

Ein weiterer Mangel diefer ganzen auf das Allgemeine
gerichteten Methode zeigt fich nun aber auch in der Schwierigkeit
, von hier wiederum zu den konkreten Einzelheiten
des Geifteslebens zu gelangen. Bei der engen Beziehung
zwifchen Religion und Geiftesleben rächt es fich namentlich
auch für die Religion, wenn fie losgeriffen wird von
ihren Wurzeln im perfönlichen Seelenleben und nicht als
befonderes Phänomen anerkannt wird.

Hat B. fomit an der Religionsphilofophie Euckens
nachgewiefen, daß der Begriff der Wahrheit als Sammelbegriff
für Religion und Philofophie nur Verwirrung an-