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Ausgabe:

1911 Nr. 19

Spalte:

583-586

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Brandt, Wilhelm

Titel/Untertitel:

Die jüdischen Baptismen oder das religiöse Waschen und Baden im Judentum mit Einschluß des Judenchristentums 1911

Rezensent:

Hoennicke, Gustav

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Theologifche Literaturzeitung 1911 Nr. 19.

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Verfaffers, was bei Sach- und Sprachkenntnis desfelben
und bei feiner Gewiffenhaftigkeit vorauszufetzen ift, durchaus
korrekt, was aber nicht ausfchließt, daß in fpäteren
Auflagen manche weitere Spezialifierung und Detaillierung
ftattfinden können wird. Der Verfaffer dürfte in diefer
Beziehung vielleicht fein befter Rezenfent fein. Inzwifchen
werden die Lefer des Preußfchen Buches, gleich mir
fich an dem vom Verfaffer Gebotenen fchon jetzt ausreichend
erfreuen und belehren und demfelben für feine
treffliche Darftellung der biblifch-talmudifchen Medizin
dankbar fein.

Göttingen. Wilhelm Ebftein.

Brandt, Wilh.: Die jüdifchen Baptismen oder das religiöfe
Wafchen u. Baden im Judentum mit Einfchluß des Ju-
denchriftentums. (Beihefte zur ZATW XVIII.) Gießen,
A. Töpelmann 1910. (VI, 148 S.) gr. 8" M. 6 —

— Jüdifche Reinheitslehre u. ihre Befchreibung in den Evangelien.

(Beihefte zur ZATW XIX.) Ebd. 1910. (VII, 64 S.)
gr. 8° M. 2.70

Das ift ein dankenswertes Thema, welches B. in diefen
Schriften behandelt. Man empfand es bisher als Lücke,
daß keine gute Monographie über die jüdifchen Wafch-
ungen und über die jüdifche Reinheitslehre exiftierte. B.
hat diefe Lücke befeitigt. Die Grundgedanken, welche im
Judentum über die Reinheit und deren Wiederherftellung
nach gefchehener Verunreinigung vorhanden waren, waren
hinreichend bekannt. Die Schriftgelehrten betrachteten
die Reinheitsgefetze als ein Hauptmittel, um das Volk
national zu erziehen und in feiner Exklufivität zu bewahren
. In den kafuiftifchen Geboten, welche man über
rein und unrein aufftellte, kam das Beftreben zum Ausdruck
, die Heiligkeit Gottes einzufchärfen. Die Unreinheit
wurde als Makel betrachtet, welcher dem Menfchen äußerlich
anhaftet. B. hat in feinen Schriften die jüdifchen
Baptismen in einem großen Zufammenhang beleuchtet,
viele wertvolle Beobachtungen gefammelt und in eine
Reihe von Einzelheiten Licht gebracht. Mit exegetifchen
Darlegungen verbindet er hiftorifche Unterfuchungen.
Überall fpürt man die peinliche Akribie des Forfchers,
der auf das genauefte die Quellen nachprüft. Es finden
fich bei B. keine Hypothefen, denen nicht irgendwie eine
quellenmäßige Stütze gegeben wäre. Seine klare, präzis
gefaßte Darfteilung gibt ein deutliches Bild der oft äußerft
diffizilen Unterfcheidungen über rein und unrein; fie zeigt
aber zugleich, wieviel Fragen noch der Löfung harren.
Die zweite Schrift ift als Ergänzung der Ausführungen
der erften gedacht. Speziell was dort über die Weiterbildung
des gefetzlichen Baptismus gefagt wird, wird
hier ausführlicher behandelt und in etlichen Punkten berichtigt
. Am Schluß der erften Schrift finden fich 22
Argumente und Erläuterungen.

B. beghmt mit einer lexikalifchen Erörterung über ßänxeiv und
ßanx'iQtlv. Er verlieht unter Baptismus die regelmäßige Ausübung des
Badens oder Wafchens zur Erfüllung einer religiöfen Pflicht oder zur Erreichung
eines vorgeftellten religiöfen Zwecks. Im weitern Sinn umfaßt
Baptismus nicht nur die vollftändige Abwafchung des Leibes und das
Tauchbad, fondern auch das Abwaschen einzelner Körperteile, mancher
Geräte, der Speifen; im weitefteu Sinn umfaßt er auch noch den Brauch
des Befprengens.

Nach einem Hinweis darauf, daß den alten jüdifchen
Reinheitsgefetzen mit Animismus verbundene Tabu-
anfchauungen zugrunde liegen, werden die Spuren des
Baptismus unterfucht, welche diefe Religionsübung in den
literarifchen Erzeugniffen der Israeliten hinterlaffen hat,
bevor das Gefetzbuch der poftexilifchen Gemeinde fie an
feine Regeln band. Die Unterwerfung der Religion unter
die Bevormundung der Priefter (in der 2. Hälfte der alten
Königszeit) hatte eine erhebliche Verminderung, anderfeits
eine neue Auffaffung der Reinigungs- und Heiligungsgebräuche
zur Folge. Danach wurde das Gebiet der verunreinigenden
Erfcheinungen kafuiftifch beftimmt. Es

wurde mehr und mehr Grundfatz: die Reinheit führt zur
Abfonderung; die Abfonderung zur Heiligkeit. Die Vorficht,
daß jeder vor dem Tempelbefuch fich reinigen muß,
fehlte infolge des theologifchen Heiligkeitsbegriffs im poftexilifchen
Gefetz. Im Anfchluß daran bietet B. eine Be-
fprechung der gefetzlichen Baptismen nach fpäterer Auffaffung
und der Weiterbildung der Regeln über das
religiöfe Wafchen und Baden im Judentum Paläftinas
fowie der Diafpora. Die in der Diafpora gemachten Erfahrungen
gaben den Anftoß zu den in Paläftina (und in
Babylon) ausgearbeiteten Lehren von den verfchiedenen
Wafferarten und Wafferfammelftellen. Das gefetzlich orthodoxe
Judentum fetzte als gewöhnlichen Brauch voraus,
daß ,miqwot' zu rituellen Reinigungen benutzt wurden.
In diefer Zeit wurde auch für die Badegelegenheit in der
Nähe des Tempels geforgt. Über die Art, wie zum Kultus
Waffer befchafft wurde, wird I, S. 129 eine intereffante
Hypothefe vorgetragen. Wie äußerft kafuiftifch aber die
Beftimmungen betreffs der Reinigungen waren, zeigt B. an
einer Reihe von Punkten, insbefondere an dem fchwierigen
Kapitel der rabbinifchen Lehre von der Verunreinigung
durch Kontakt (vergl. I, S. 38ff. 132).

Von den vielen Einzelheiten fei hier nur folgendes hervorgehoben:
Die Bäder nach der Kohabitation und der nächtlichen Pollution
galten den Rabbinen gleichzeitig als Reinigung und Heiligung für den
Umgang mit dem Gefetz. Erft um die Mitte des 2. Jahrhunderts (befond.
infolge der Lehre R. Meirs) wurde das Händewafchen vor dem Effen
Brauch. Durch orac. sibyll. III, 591 ff. dagegen ift das Reinigen der Hände
zum Morgengebet bezeugt. Der Satz: ,alle heiligen Schriften verunreinigen
die Hände' ift nicht als ein Zeugnis der ehemaligen Gleichbedeutung der
Begriffe unrein und heilig zu verliehen, vielmehr war es offenbar einmal
Brauch, die Hände zu wafchen, bevor man eine Torarolle oder überhaupt
die heiligen Schriften damit anfaßte. Der Autor des Markusevangeliums
bezeugt (7,4) für feine Zeit als religiöfen Gebrauch, nach dem Markt-
befuch zu baden, bevor mau Speife zu fich nimmt. Daß Lukas das für
die Zeit Jefu in Paläftina vorausfetzt, hat hiftorifch keinen Wert. Die
Gepflogenheit, Trink- und Eßgeräte aller Art durch Eintauchen zu
reinigen (vergl. Mark. 7,4) ift aus der jüdifchen Bezeugung nicht nachweisbar
; doch konnte der Inhalt der Tora dazu Anlaß geben, und ift
diefe Praxis im Rahmen der rabbinifchen Exegefe durchaus verftändlich.

Im weiteren wird von B. dargelegt, daß nach dem
Jahre 70, als dem Judentum der religiöfe Mittelpunkt fehlte,
die Meinungen der Rabbinen über die Wafchungen auseinandergingen
. Die religiöfe Praxis wies in den verfchiedenen
Ländern große Ünterfchiede auf. Teilweife trat
der Eifer für die Wafchungen zurück. Die Verpflichtung
zu den im Gefetz vorgefchriebenen Reinigungen wurde
mehr und mehr preisgegeben. Es kam die Lehre auf:
die Reinigungsgebote der Tora find nur für den Verkehr
im Tempel beftimmt gewefen. Teilweife wurden die
Wafchungen eifrig vollzogen, befonders bei den Frühtauchern
und Hemerobaptiften, an deren gefchichtlicher
Exiftenz B. mit Recht (im Gegenfatz zu Schürer) fefthält.
Aus der Tatfache, daß Juden zum Heidentum übertraten,
ging als eine neue Anwendung der Ablution die Profelyten-
taufe hervor. Sie galt nicht als Ritus der Initiation in das
Myfterium der jüdifchen Religion, fondern als Reinigung
vom Heidentum und als Weihe zum Eintritt in den Stand
des Gottesvolkes. Mit Recht wird als wahrfcheinlich erachtet
, daß die Profelytentaufe ebenfo alt oder noch älter
ift als die chriftliche. Gut bezeugt ift fie erft gegen Ende
des I.Jahrhunderts; nur ift fie damals noch nicht in allen
Ländern als zum Übertritt ins Judentum gehörende
Zeremonie betrachtet worden.

In dem nächften Hauptteil befpricht B. die außer
gefetzlichen Baptismen, die vornehmlich fich verbreiteten
feit der Zeit, wo der Hellenismus für das Judentum größere
Bedeutung gewann. Es wurde die Forderung aufgeftellt,
daß die Wafchungen mit kaltem Waffer und die Bäder
in einem Fluß oder in einer Quelle (alfo im PYeien) vorzunehmen
find. Charakteriftifch dafür find die Efläer und
Johannes der Täufer fowie deffen Lehrer Bannus. Im
Gegenfatz zu den phantaftifchen Darlegungen, welche zuletzt
M. Friedländer (,Die religiöfen Bewegungen innerhalb
des Judentums im Zeitalter Jefu') über die Effäer
| dargeboten hat, fucht B. ein möglichft getreues Bild über