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Ausgabe:

1911

Spalte:

581

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Wilke, Fritz

Titel/Untertitel:

Das Alte Testament und der christliche Glaube 1911

Rezensent:

Kleinert, Hugo Wilhelm Paul

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Seite 1

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S8i

akt zu tun hätten, wie Mogk fordert?1 Wir haben es
hier keineswegs mit Todesftrafen fakraler Art oder gar mit
Kultakten bezw. -opfern zu tun, aber indem wir diefe
Meinung als irrig ablehnen, befeitigen wir noch nicht die
Thefe, daß es Todesftrafe als Akt eines fakralen Strafrechts
gegeben habe. Nach Mogk foll alles dagegen
Sprechen (S. 43); wir aber halten daran feft, daß Verbrechen
eines Landsgenoffen gegen die Götter oder gegen den
Gottesdienft (Mogk S. 39h) durch Friedlofigkeit beftraft
und der Schuldige aus dem friedlichen Heim der Men-
fchen in die Wildnis verftoßen wurde, wo er als ,warg'
einem fchauerlichenEnde entgegen ging (Beitr. 18,166.175).
Mogk hat auf diefe uns befonders gut bezeugte Art des
Menfchenopfers gar nicht Bedacht genommen.

Kiel. Friedrich Kauffmann.

1) Der Kömer habe irrtümlich als Strafakt aufgefaßt, was in Wirklichkeit
recht wohl ein Kultakt gewefen fein könne (S. 43).

Wilke, Prof. Dr. Fritz: Das Alte Teftament u. der chriftliche

Glaube. Ein Wort zur Verständigung. (112 S.) 8°
Leipzig, Dieterich 1911. M. 1.20

In flüffiger, präzifer und vornehmer Darfteilung bemüht
fich Wilke's apologetifcher Verfuch, die bei aller
Knappheit ausgiebig vorgetragenen Bedenken zu entkräften
, die gegen das Alte Teftament als ,Gefchichtswerk',
als .Erbauungsbuch' und als .Offenbarungsquelle' vorgetragen
werden. (Statt des erften diefer drei Rubrikentitel
wäre wohl die Bezeichnung: Gefchichtsquelle, ftatt
des dritten die Bezeichnung: Offenbarungsurkunde vor-
zuziehn gewefen; vgl. den Autor felbft S. 31 u. HO.) Er
gelangt zu dem Schlußrefultat, daß ,mit der Ausfcheidung
des A. T. aus Kirche und Schule wir uns eines großen
Segens berauben würden'. — Auffallend ift im Aufbau
der Schrift die Trennung des erften und dritten Gefichts-
punkts durch den zweiten. Es fehlt ja doch nicht an
Durftellungen, welche den Wert des A. T. als Gefchichtsquelle
ohne Weiteres anerkennen, aber dem fo gegebenen
hiftorifchen Stoff eine Gefchichtsauffaffung abgewinnen,
die dem Intereffe des chriftlichen Glaubens gleichgültig
oder ausfchließend gegenüberfteht. Erft durch den (dritten)
Nachweis alfo, daß es"im A. T. um Offenbarungsgefchichte
fich handelt, gewinnt die erfte Erörterung eine Wefens-
beziehung zu der Aufgabe, die der Verfaffer fich geftellt.
Beide Teile der Schrift gehören eng zufammen, und ihre
Trennung durch die Frage um den Erbauungswert des A. T.
fällt um fo mehr auf, als diefe naturgemäß ihre Stellung
auf dem Glauben als fubjektiver Funktion nehmen muß,
während für die Frage um den Gefchichts- und Offenbarungswert
der .chriftliche Glaube' als objektive gefchicht-
liche Größe in Betracht kommt, die in der Glaubensgemeinschaft
ihre Erfcheinung hat. — Ohne Zweifel find
Verftändigungsverfuche, die wie der vorliegende das
Recht und die bona fides der Gegenfeite willig anerkennen
, willkommen zu heißen Sie mäßigen die Übertreibung
und fteuern der Verbitterung auf beiden Seiten.
Zweifelhaft aber ift mir, ob nicht die apologetifche Kraft
der kleinen Schrift ftärker und fühlbarer geworden wäre,
wenn fie — nach Luthers Vorgang vgl. S. 84 — auf die
eingängige Durchführung des zweiten Gefichtspunktes,
die Erfahrung vom Erbauungswert des A. T. für den
perfönlichen Glauben, fich konzentriert hätte. Die großen
Probleme, bei denen die wiffenfchaftliche und die fromme
Weife des Erkennens divergiren, laffen fich auf fo engem
Raum kaum behandeln, ohne daß der Eindruck eines
kümmerlichen Feilfehens entfteht, und der Argwohn, ob
auch die Bedenken vollftändig und nach ihrem vollen
Gewichte vorgeführt find, beftehen bleibt.

Berlin. Kle inert.

Preuß, Dr. Julius: Biblilch-talmudilche Medizin. Beiträge zur
Gefchichte der Heilkunde und der Kultur überhaupt.
(VIII, 73s S.) Lex.-8". Berlin, S. Karger 1911.

M. 20 — ; geb. M. 22 —

Es handelt fich hier um ein in jeder Beziehung treffliches
Werk, welches insbesondere Jeder, der über die
einschlägigen Wiffensgebiete fich genauer unterrichten
' oder in denfelben eigene Forschungen anftellen will,
kennen muß. Das Buch gliedert fich in neunzehn Kapitel,
denen eine über Zweck und Ziele des Buches orientierende
Einleitung vorausgeschickt ift. Die einzelnen Kapitel um-
faffen Mitteilungen über den Arzt und das übrige Heil-
perfonal, über die Anatomie und die Phyfiologie des
Körpers, über die allgemeine und fpezielle Pathologie
und Therapie. Der Chirurgie, der Augenheilkunde, der
Zahnheilkunde, der Ohrenheilkunde, den Nafen-, den
Nerven- und Geifteskrankheiten, fowie den Krankheiten
der Haut, den Frauenkrankheiten und der Geburtshilfe
find befondere Kapitel gewidmet; desgleichen auch den
Heilmitteln mit Einfchluß der Diätetik, der Gerokomie,
den Krankenhäufern und der Krankenpflege. Von hervorragendem
Intereffe ift der Abfchnitt über die gerichtliche
Medizin, der die Sexuellen Verhältniffe auf breitefter Grundlage
behandelt, wobei auch deren Verirrungen eine ausführliche
Befprechung erfahren. Unter dem Titel Gefund-
heitspflege werden in einem befonderen Kapitel die
Speife- und Reinheitsgefetze, der Tote und feine Beftattung,
der Selbftmord, die Wafchungen und Bäder, die Befchnei-
dung, derSabbath, fowie die Wafferverforgung, die Aborte
und die Städtereinigung behandelt. Endlich werden unter
dem Titel Diätetik die Eßregeln, die verschiedenen Nahrungsmittel
(Brot, Fleifch, Fifche, Eier, Milch, Honig, Öl,
Vegetabilien, Obft, Getränke, Waffer, Bier, Wein) der
Stuhlgang, das Fallen ausführlich befprochen und endlich
wird hier die Kunft, das menfehliche Leben zu verlängern,
abgehandelt. In dem Schlußkapitel liefert der Verfaffer
eine Überficht über die einschlägige Bibliographie, nämlich
die Aufzählung der Schriften über Medizinisches in
der Bibel und im Talmud. In dem dem Text angegliederten
Regifter finden wir erftens ein Verzeichnis der aus
der Bibel und dem Talmud zitierten Stellen und zweitens
Namen von Körperteilen und Krankheiten, fowie drittens
ein Sachregister. Der letzte Teil des Registers erleichtert
wefentlich das Auffinden der abgehandelten Materialien,
was bei der von dem Verfaffer gewählten Gruppierung
des Stoffs fonft auf manche Schwierigkeiten Stoßen würde.

Ich habe bereits in meinem Buche über die Medizin
im Neuen Teftament und im Talmud Stuttgart 1903, S.
121 ff, J. Preuß, der fich a. a. O. befcheidentlich als einen
philologischen Dilettanten bezeichnet hatte, auf Grund der
mir gewordenen zuverläffigen Informationen über feine
wiffenfehaftlichen Qualitäten als einen in dem Talmud
durchaus bewanderten und in deffen Sprache zweifellos
abfolut vertrauten Forfcher bezeichnet. Er hat felbft in
dem Vorwort zu dem vorliegenden Buche betont, daß es
die erfte das Gefamtgebiet der biblifch-talmudifchen Medizin
umfaffende Arbeit fei, die von einem Arzte verfaßt
und unmittelbar aus den Quellen gefchöpft ift. Wenn
aber bei diefer Gelegenheit Preuß fagt, daß ich lediglich
auf die Benutzung von oberfetzungen angewiefen gewefen
fei, fo möchte ich an diefer Stelle befonders darauf hinweifen
, daß ich grade bei der Bearbeitung der Medizin
im Talmud mich vielfach eines ausgezeichneten Beirats
und Gewährsmannes, des Herrn Dr. Jacob, der damals
Rabbiner in Göttingen war, zu erfreuen hatte. Bei
diefer Gelegenheit konnte ich mich freilich allerdings auf
Schritt und Tritt davon überzeugen, wie vornehmlich
beim Studium des Talmud die landläufigen Überfetzungen
im Stich laffen. Preuß hält es übrigens Schon deshalb,
weil er der erfte ift, der fich diefer Aufgabe unterzogen
hat, für wahrscheinlich, daß feine Arbeit Mängel aufweifen
wird. Soweit ich es überfehe, find die Angaben des