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Ausgabe:

1911 Nr. 2

Spalte:

36-38

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Jeremias, Alfred

Titel/Untertitel:

Die Panbabyloniten 1911

Rezensent:

Gressmann, Hugo

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Theologifche Literaturzeitung 1911 Nr. 2.

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ihm zu Rate gezogenen chinefifchen Kommentarwerke
find folche, die fchon James Legge für feine Bearbeitung
ausgebeutet hatte. Vergeblich hat Grill in der Münchener
Hof- und Staatsbibliothek nach Hilfsmitteln gefucht. Für
deren IOOOO Bände umfaffende, 1830 von dem Orientalinnen
Neumann in China erworbene chinefifche Bücherfamm-
lung gibt es noch heute keinen Katalog! Sehr zu bedauern
ift, daß Grill von der bislang noch unverwerteten
manjurifchen Verfion des Tao-te-king keinen Gebrauch
gemacht hat, die der öfterreichifche Konful E. v. Zach
vor einigen Jahren in Peking gefunden. Die China Review
, in welcher der Entdecker feine ,Manchurian Translation
of Lao- Tzu's Tao-te-ching. Romanized Text' mitgeteilt
hat, ift fonft von G. gekannt und oft zitiert.
Schade, daß ihm, wie man annehmen muß, nicht auch
deren XXV. Band zu Geficht gekommen ift?

Indem fich Verf. am Schluß der Einleitung über
die von ihm bei feiner Verdeutfchung befolgten Grund-
fätze äußert, bemerkt er, der alte chinefifche Autor ringe
vielfach mit den armfeligen, rudimentären Mitteln eines
Wortfchatzes, ,dem wir unfrerfeits eine wiffenfchaftliche
Terminologie von fchärferer, beftimmterer Ausprägung
gegenüberftellen können und — müffen' (S. 57). Man ift
daraufhin angenehm enttäufcht zu finden, daß es doch
nur einige wenige Stellen find, an denen es der Über-
fetzer für gut hielt, das philofophifche Stammeln des
alten chinefifchen Metaphyfikers in die Sprache Kants
zu wandeln. Neu ift die etwas reichlich freie Wiedergabe
des Buchtitels ,Vom höchften Wefen und vom
höchften Gut', wörtl.: kanonifches Buch vom Tao und
vom Te (Tugend). Im Text läßt G. den Grundbegriff
Tao, für den fich ein genaues abendländifches Äquivalent
nie finden laffen wird, flehen und fetzt ihm richtig
den fächlichen Artikel vor, während noch Dvofäk
der Tao fchreibt, wie dies fchon Viktor v. Strauß getan,
folcherweife die mit dem fchillernden Ausdruck Tao bezeichnete
abfolute Wefenheit und Urpotenz fälfchlich zu
einem Perfönlichen ftempelnd. Ein Eingehen auf Einzelheiten
der Deutung ift an diefem Ort nicht möglich.
Es wird wohl keinen Lefer diefer neuen Überfetzung
geben, der nicht das Bedürfnis fühlen wird, je und je
eine Stelle, die ihm nicht genug aufgehellt erfcheinen
will, in einer anderen Übertragung nachzulefen. Daß
er dann nur aber ja nicht auf die Bearbeitung von Reinhold
von Plänkner verfalle, dem feltfamerweife Pf leiderer in
,Religion und Religionen' (S. 76 ff.) fich anzuvertrauen für
gut gefunden, obwohl doch feit 1870 auch v. Strauß' geift-
volle Verdeutfchung zur Benützung ftand, welcher felbft
der Sinologe Grube in Bertholets Religionsg. Lefebuch
nur mit geringfügigen Änderungen die mitgeteilten Zitate
entlehnte. Dankenswert find in dem vorliegenden Werke
die Erläuterungen S. 123—202, in denen auch zu den
Erklärungen anderer Kommentatoren vielfach Stellung
genommen wird.

In etwas Unrecht gefchieht Edkins, wenn er S. 138, Note 6 mit
als einer der Erklärer aufgeführt wird, die in den drei Kap. 14 dem Tao
beigelegten Prädikaten l, hl, Ittti den Namen miT1 finden wollten.
Diefe Angabe hat G. offenbar aus Sacr. B. of the East vol. XXXIX,
S. 57 f. übernommen, überfehend, daß fchon Legge felbft auf einem dem
Bande hinter dem Vorwort eingehefteten ,Corrigendum'-Blatt das von ihm
im Text Gefagte richtig ftellte.

In einem Anhang (S. 203—4) find die auffälligsten
neutellamentlichen Parallelen zufammengeftellt, ein Verzeichnis
, das fich jeder achtfame bibelkundige Lefer des
Tao-te-king, nicht nur der theologifche, noch wird vermehren
können.

Dem tüchtigen Werke ift, auch deshalb, weil der
Verlag den Preis fo niedrig geftellt hat, gewiß eine
zweite Auflage ficher.

Für eine folche wird fich eine nochmalige Revifion der Zitationszahlen
empfehlen. (S. 132 z. B. wird auf Dovräk S. 94 verwiefen, die
betr. Deutung fleht in dem genannten Werke auf S. 84. — S. 124 letzte
Zeile ift vor ,p. 29 f.' SBE XL einzufügen). Und noch ein Nebenfachliches
: die Tranfkription chinefifcher Wörter fchließt fich an diejenige
Grubes an. Aber warum dann doch z. B. Szc-hi ftatt Shi-lti, Cheu
(Dynaflie) ftatt Chou, Yen-kuei ftatt Yen Hoei?

Heidelberg. Hans Haas.

Jeremias, Alfred: Die Panbabyloniften. Der Alte Orient und
die Ägyptifche Religion. Mit 6 Abbildungen. Zweite
erweiterte Auflage mitSach- und Autorenregifter. (Im
Kampfe um den Alten Orient. Wehr- undStreitfchriften,
herausgegeben von A. Jeremias und H. Winckler. i.)
Leipzig, J.C. Hinrichs'fche Buchhandlung 1907. (72 S.)
gr. 8° M. —80

Der erfte Teil diefer Brofchüre (S. 1—27) fetzt in
Kürze die Anfchauungen der,Panbabyloniften' auseinander.
Der .Panbabylonismus' will den Nachweis führen, daß die
aftrale Weltauffaffung ,allen(!) Kulturen und Religionen
der Welt ihr Gepräge gegeben hat, daß insbefondere
auch die biblifche Religion ihr Begriffsalphabet aus diefer
Weltanfchauung nimmt' (S. 5). Stucken habe zuerft den
aftralen Charakter ,aller'(!) Mythen erkannt, und Winckler
habe gezeigt, daß die aftrale Mythologie Beftandteil einer
großen Weltanfchauung fei, die aus dem Heimatlande
aller(!) Aftronomie, Babylonien, flamme und fich von
dort über die ganze(!) Welt verbreitet habe. Der Verf.
zählt dann die Forfcher auf, die er als Anhänger feiner
Hypothefe betrachtet, viele davon mit Unrecht, wie Ja-
ftrow, Kugler, Köberle, Sellin. Er muß aber zugeben,
daß die aftrale Weltauffaffung bisher nicht einmal für
Babylonien ficher bewiefen fei, gefchweige denn für die
ganze Welt. Um die Gegner zu widerlegen, die den
.Panbabylonismus' für ein kühnes Phantafiegebilde erklärt
haben, werden drei magere Gründe angeführt; I. ,Faft
auf jedem' babylonifchen Monumente fei die aftrale
Trias: Sonne, Mond und Venus dargeftellt. Diefe Behauptung
entfpricht nicht den Tatfachen und bedarf fehr
der Einfchränkung. 2. wird auf die Omina hingewiefen.
Aber wichtiger als die ,himmlifchen' Vorzeichen war die
Leberfchau. 3. fei ein aftralmythologifcher Einfchlag in
die Gefchichtsdarftellung verwoben. Indeffen ift heute
noch fraglich, ob z. B. die Kindheitslegenden der Könige
wirklich auf aftralen Theorien beruhen. Kein Forfcher
leugnet die Bedeutung der Aftrologie für die babylonifche
Weltanfchauung, wohl aber bedarf die ,panbabyloniftifche'
Hypothefe von der alles beherrfchenden Macht der
Aftrologie ganz anderer Beweife, um einleuchtend zu
fein. In der Auseinanderfetzung mit Wundt, die in der
neuen Auflage erweitert worden ift, glaubt Jeremias auf
dem Wege zu fein' und den Nachweis erbringen zu
können, daß ,in verhältnismäßig hiftorifcher Zeit zum
minderten der größte Teil der Völkerwelt' (!) in geiftigem
Kontakt mit der babylonifchen Weltanfchauung geftanden
habe. Er greift als Beifpiel heraus den ,überall(!) verbreiteten
' Mythus von den Plejaden, deren ,Erfcheinung
eine allenthalben (!) fich findende Erwartung einer neuen
Zeit zum Ausdruck bringt'. Dies könne ,nur auf einer
Lehre beruhen, für deren Entftehung ein beftimmtes
aftronomifch.es Zeitalter vorausgefetzt werden muß, das
wir fehr wohl kennen' (S. 24f.). Aber Jeremias bleibt
den Beweis fchuldig dafür, daß 1. der Plejadenmythus
,überall' verbreitet fei, 2. daß fich die Erwartung einer
neuen Zeit ,allenthalben' finde, und 3. daß beide Vor-
ftellungskreife überall mit einander verbunden feien. Diefe
drei Tatfachen find nicht einmal für Babylonien felbft zu
erhärten, gefchweige für die ganze Welt. Der panbabylonismus
' wird feine Gegner nur dann überzeugen, wenn
er ftatt der Behauptungen zwingende Gründe liefert.

Im zweiten Teil (S. 28—70) will der Verfaffer den
geiftigen Zusammenhang innerhalb der altorientalifchen
Welt aufzeigen. Ägypten ift nur zufällig gewählt worden,
weil dort der Stoff am überfichtlichften durch die Be-