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Ausgabe:

1911 Nr. 17

Spalte:

537-539

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Eckert, Alfred

Titel/Untertitel:

Probleme und Aufgaben des ländlichen Pfarramtes 1911

Rezensent:

Drews, Paul

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Theologifche Literaturzeitung 1911 Nr. 17.

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begründet find, hat für jeden, der fich mit Erziehungsfragen
wiffenfchaftlich befchäftigen will, einen großen
Wert. Diefer Wert ift an fich fchon darin begründet,
daß der Verf. mit großer Sachkenntnis und unbefangenem
Urteile das wirklich Bedeutungsvolle aus der Gefchichte
der pädagogifchen Theorie herauszuheben beftrebt ge-
wefen ift. Daß er dabei Männer wie Luther und Melanch-
thon gleichfam nur im Vorbeigehen erwähnt, und Männer
wie Wimpfeling, Erasmus, Bugenhagen und Weigel überhaupt
nicht nennt, ift zu bedauern, erklärt fich aber wohl
aus der Enge des Rahmens, in welchen er feine Darfteilung
einzufpannen fich gezwungen gefehen hat, wogegen
die Sonderftudien, welche er über den Philanthropen
Trapp betrieben hat, ihn veranlaßt haben, von
diefem Manne S. 47—49 ziemlich ausführlich zu berichten,
als komme ihm in der Gefchichte der Pädagogik eine
größere Bedeutung zu, als er wirklich befitzt. Was aber
den Wert der Andreaefchen Arbeit noch fteigert, ift dies:
Sie bietet lichtvolles Gedankenmaterial zur kritifchen Beleuchtung
der überaus verworrenen Beftrebungen und
Zuftände der pädagogifchen Gegenwart. Diefe fchildert
der Verf. durchaus zutreffend S. V mit folgenden Worten:
,Das Kind wird zu einem Gegenftand der Unterfuchung
und Erforfchung gemacht gleich einer Bazillenkultur und
die Pädagogik foll vom Laboratorium aus reformiert
werden . . . Man wirft fich auf die praktifche Arbeit,
gleitet vom Zentrum in die Peripherie. Schulorganifations-
fragen, Fach- und Arbeitsunterricht, Kochfchulen und
Mädchengymnafien, Examensnöte und Berechtigungen,
Unterrichtshygiene und Jugendfpiele, Verkürzung der
Unterrichtszeit und Abfchaffung der Nachmittagsftunden,
ftaatsbürgerliche Erziehung und fexuelle Aufklärung,
Verfuchsfchulen und „Geniebildungsanftalten" ufw. — das
ungefähr find die Themen, die mit Vorliebe diskutiert,
die Ziele, die verfolgt werden'. Befonders lichtvoll find
des Verfaffers kritifche Bemerkungen zu den Beftrebungen
der .experimentellen Pädagogik', die einen hervorragenden
Vertreter in Meumann gefunden haben (S. 167 fr.).
Sie gipfeln in dem Gedanken: ,Das Schulkind ift kein
Bündel von pfychifchen Funktionen, die der Analyfe
warten, fondern ein eigengeartetes Wefen, das auf Sympathie
und Teilnahme rechnet, kein Objekt des auf For-
fchung und methodifche Beobachtung eingeftellten Pfycho-
logen, fondern ein Gegenftand der forgenden Liebe des
Lehrers, welcher fich unmittelbar in feine Intereffenfphäre
zu verfetzen weiß'. Man kann nur wünfchen, daß die
geiftvollen Ausführungen des Verf. dazu beitragen werden
, daß der Unfug gewalttätiger Mißhandlung der kindlichen
Pfyche, der in erfchrecklich fich mehrender Weife
feinen Einzug in unfere Schulen zu halten begonnen hat,
um u. a. auch Beobachtungsmaterial für Differtationen zur
Promotion in der ,experimentellen Pfychologie' zu gewinnen
, nicht weiter um fich greift. Schon um deswillen
verdient die Andreaefche Schrift die ernftefte Beachtung
aller pädagogifch intereffierten Kreife.

Göttingen. K. Knoke.

Eckert, Pfr. Lic. Alfred: Probleme und Aufgaben des ländlichen
Pfarramtes. (182 S.) gr. 8°. Berlin, Deutfche Landbuchhandlung
1910. M. 3 —

Das Büchlein vereinigt Auffätze, die der Verf. anderwärts
veröffentlicht hat. Nach einer kurzen Einleitung
folgen 10 Nummern: Das Martyrium des Landpfarrers
(S. 9—39); Bauer, Tagelöhner, Gefinde (S. 39—49); Op-
timiftifche und peffimiftifche Auffaffung des Bauerntums
(S. 49—f5o); Bildung und Predigt im Dorf (S. 60—69);
Religion auf dem Lande (S. 70—95); Chriftliche Sitte und
Aberglaube — ihre Pflege und Bekämpfung (S. 95—113);
die Not der Landgemeinden und ihrer Pfarrer (S. 113—132);
das Problem der Dorfpredigt (S. 132—142); das Land
und die Innere Miffion (S. 143—162); Wie ich meiner
Gemeinde ihre Gefchichte erzählte (S. 163—182). Das

Buch hätte nur gewonnen, wenn der Verf., ftatt bereits
veröffentlichte Auffätze nur wieder abzudrucken, das
Material von neuem zu einem Ganzen zufammengearbeitet
hätte. Es hätte an Gefchloffenheit gewonnen, unnötige
Wiederholungen wären weggefallen und auch Auseinan-
derfetzungen des Verfaffers mit Kritikern früherer Schriften,
für die der Lefer kein fonderliches Intereffe gewinnt; endlich
wäre vielleicht auch das Ich des Verfaffers weniger
hervorgetreten, als es an einigen Stellen des Buches der
Fall ift. Eine folche Umarbeitung wünfcht man um fo
mehr, als es fich wirklich um ein ernftes und alles Nachdenkens
wertes Problem handelt, das ja neuerdings auch
lebhaft erörtert zu werden pflegt, und als das, was der
Verf. zur Sache beibringt, in vieler Beziehung trefflich
und beachtenswert ift. Ich hebe beifpielshalber heraus,
was er über die Schwierigkeit, ja Unmöglichkeit fagt, zu
kleine ländliche Gemeinden mit Erfolge zu paftorieren,
und was er als Aufgabe hinftellt: Schaffung von größeren
Landgemeinden, die erft eine lebensfähige foziale Or-
ganifation und Körperfchaft bilden. Ferner hebe ich
heraus die richtige Erkenntnis, daß die paftorale Arbeit
vielfach erft dann auf Erfolg rechnen kann, wenn ftaat-
licherfeits beftimmte foziale Reformen durchgeführt find,
fo daß E. es alfo rund zugibt, daß es ,das Wort' allein
nicht mehr tut oder richtiger: nie getan hat und nie tun
wird. Auf gleicher Linie liegt es, wenn er — ganz im
Gegenfatz zu der bekannten Einfeitigkeit L'Houet's —
energifche Kulturarbeit auf dem Lande fordert, eine
Arbeit, an der auch der Pfarrer gegebenenfalls ernftlich
fich beteiligen foll. Wenn E. dabei die Frage aufwirft,
ob man diefe Arbeit zum ,Amt' des Pfarrers rechnen
dürfe oder nicht, und fich fchließlich dafür entfcheidet,
es gehöre diefe Tätigkeit nicht zum Amt des Pfarrers, fo
ift daran gewiß dies richtig, daß der Mittelpunkt der
pfarramtlichen Tätigkeit immer die Wortverkündigung in
ihren verfchiedenen Formen bleiben muß, daß es aber
zur Pflicht des Pfarrers gehört, nach Kräften alle Hin-
derniffe, die dem Evangelium entgegenftehen, zu befeitigen.
Daß dies mit zu feiner amtlichen Wirkfamkeit gehöre,
davon wird jeder rechte Pfarrer, der gerade nichts will,
als Evangelium bringen, in feinem Gewiffen überzeugt
fein. Erfreulich ift es auch, daß E. gegen die neuerdings
aufgeftellte Thefe, der Pfarrer auf dem Lande müffe womöglich
durch Laienbrüder erfetzt werden, ernftlich
Stellung nimmt: er will mit Recht die Paftorierung nur
in der Hand der Pfarrer und zwar möglichft gebildeter
Pfarrer wiffen.

So bietet das Buch viele gefunde und erfreulich
nüchterne und doch zugleich gefund idealiftifche An-
fchauung. Daneben wird mancher wertvolle Beitrag zur
religiöfen Volkskunde geboten — ich hebe nur heraus,
was E. über die bäuerliche Auffaffung des Gottesdienftes
als ,Feier' fagt. Aber gerade diefe die Art der bäuerlichen
Frömmigkeit betreffenden Abfchnitte haben mir
immer wieder gezeigt, wie unendlich mannigfaltig die
Dinge hier liegen, und daß es ein Fehler ift, in den übrigens
auch E. ab und zu verfällt (vgl. z. B., was E. S. 62
gegen M. Unbekannt, ,Und wenn wir nur Jemandes Gewiffen
wären' fagt), wenn der einzelne Beobachter feine Beobachtungen
gegen die anderer als die allein richtigen
ausfpielt.

Zum Schluß möchte ich noch mein Bedenken äußern
gegen die O. Pfleiderer entlehnte Auffaffung vom Wefen
des Aberglaubens, die E. vorträgt. Aberglaube foll dann
entftehen, ,wenn der einzelne an den religiöfen Formen
und ihren Verbindungen willkürlich ändert, um fie für
befondere felbftifche Zwecke fich dienftbar zu machen'
(S. 98). Weder wird man diefer Definition zuftimmen
können noch der Thefe E.s, daß der Bauernftand faft
ganz frei von Neigung zu Aberglauben fei (S. 108) —
eine Behauptung, die ihre Erklärung in dem richtigen,
von E. felbft ausgefprochenen Satze findet, ,daß alle aber-
gläubifchen Gebräuche vor den Pfarrern geheim gehalten