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Ausgabe:

1911 Nr. 17

Spalte:

535-536

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Schaeder, Erich

Titel/Untertitel:

Heiliger Geist und Kirche 1911

Rezensent:

Lobstein, Paul

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Seite 1

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Theologifche Literaturzeitung 1911 Nr. 17.

536

Schaeder, Prof. D. Erich: Heiliger Geilt und Kirche. Vortrag
, gehalten auf der Paftoral-Konferenz zu Barmen
am 5. Auguft 1910. (Salz u. Licht. 17.) Barmen, Wuppertaler
Traktat-Gefellfchaft 1910. (29 S.) 8° M. — 40

Die Zentralfrage, die den Gegenftand diefes Vortrags
bildet, ift die: Wie verhält fich unfere empirifche
Kirche zum wahren Wefen der Kirche und woran
bewährt fich der Geiftescharakter der Kirche unfrer
heutigen Wirklichkeit? Die Löfung des Problems fucht
der Verf. im Gegenfatz zu drei in der Gegenwart
hervortretenden Richtungen zu gewinnen: er fetzt fich
auseinander mit dem modernen, auch in der Kirche fich
geltend machenden fchrankenlofen zerfetzenden Individualismus
(5—20), mit der ,von der Kirche der Bekenntnis-
und Glaubensgemeinfchaft' fich loslöfenden Gemeinfchafts-
bewegung (20—25), endlich mit jeder Form des modernen
moniftifchen Naturalismus (25—28). Somit Hellt er den
Geiftescharakter der heutigen Kirche nach drei Seiten
hin feft; derfelbe zeigt fich darin, daß fie 1. bei aller
Würdigung der individuellen Mannigfaltigkeit am Glauben
die heilsgewiffe Zuverficht auf den heiligen gnädigen
Gott und den ihn offenbarenden gottheitlichen Men-
fchen Jefus bildet, 2. das Objektive am Glauben gegenüber
allen verkehrten Heiligungstendenzen hervorhebt,
und 3. fowohl den äfthetifchen als den rohen Naturalismus
mit pofitiven Mitteln abwehrt. — Der Verf. ift redlich
bemüht, die berechtigten Momente in den Pofitionen
feiner Gegner anzuerkennen: der Individualismus hat Recht,
wenn er erklärt, daß für das Wefen der Kirche perfön-
liche, eigene, nicht gedachte und nicht nachgemachte,
fondern erlebte Frömmigkeit oder Religion konftitutiv ift,
und daß die verfchiedenen Glieder der Kirche auch auf
verfchiedenen Wegen zum Heilsftande oder zum Glaubens-
befitze kommen; die Gemeinfchaften haben Recht, wenn
fie behaupten, daß in der empirifchen Kirche manche
Mächte dem heiligen Geifteswirken Gottes Riegel vor-
fchieben und, foweit Menfchen das können, es an vielen
Punkten hindern; der Naturalismus hat darin Recht, daß
er die große Macht des Natürlichen, der Triebe, Phan-
tafieregungen, angeerbten Talente und Belaftungen, guten
und böfen Anlagen in unferem Leben fieht und in Rechnung
ftellt. Auch die an diefen drei Gedankengruppen
geübte Kritik deckt mancherlei Irrtümer, Einfeitigkeiten
und Gefahren auf und muß demnach zu einer ftrengen
Selbftprüfung auffordern. Dagegen wird in erfter Linie
die Erörterung über ,den frömmigkeitsfchillernden, leben-
fchillernden Individiualismus' fragelos den entfchie-
denften und m. E. wohlbegründeten Widerfpruch hervorrufen
. Das Hauptgebrechen jenes Individualismus
fei die ,dogmatifche Indifferenz', die in der Kirche in
Permanenz erklärt wird und die fich feit Jahren auf dem
Boden z.B. der Chriftlichen Welt etabliert hat. Das Schutzmittel
, das Sch. gegen diefen Fehler empfiehlt, hält Ref.
für höchft gefährlich, da es die evangelifche Kirche wieder
unter die Herrfchaft einer ftatutarifchen dogmatifchen Autorität
zurückführen müßte. Das ,apoftolifche Gnadenevangelium
von Chriftus', an welchem ,als dem einen Medium
der eine und gleiche Gottesgeift hängt', ift das Wort
von dem ,wefensmäßig, metaphyfifch zu Gott gehörenden,
gefchichtlich wirkfamen, gekreuzigten und lebendig gegenwärtigen
Chriftus'. Trotz der Klaufein und Kautelen, aus
denen hervorgehn foll, daß der Verf. keine ,engbrüftige
Dogmatifterei treibt', muß es bedenklich erfcheinen, daß
er die .Gottes- und Chriftuswahrheit, das Evangelium, den
bekenntnismäßigen Ausdruck desfelben' in einem Atemzug
aufzählt und auf diefelbe Linie ftellt (15). Aus den weiter
begründenden Ausführungen erhellt auch, daß unter der
Hand ,das biblifche Evangelium' fich wieder in die lehrhafte
Formulierung desfelben umfetzt. ,Wir find doch
in der Kirche durch ein Dogma verbunden, nicht durch
ein Dogma der äußeren, traditionaliftifchen Knechtfchaft
und der bloß formalen oder trotzigen Beugung, fondern

durch ein Dogma lebendigmachender Gotteswahrheit, einer
Wahrheit, bei welcher und in welcher der heilige Geift ift'
(16—17). Daß der Rückzug von der Kirche als Glaubensgemeinfchaft
zur Kirche als theologifcher Lehranftalt und
Schule ein Kriterium der Gegenwart des göttlichen Geiftes
und daher einen Weg der Gefundung und Rettung für uns
bedeuten foll, das zu glauben, verbietet die Eigenart des
evangelifchen Verftändniffes des Chriftentums.

Straßburg i. E. P. Lobftein.

Muff, Geh. Reg.-Rat Rekt. Prof. Dr. Chr.: Idealismus.

5. wefentlich verm. Aufl. (XII, 508 S.) 8°. Halle a. S.,
R. Mühlmann 1911. M. 7—; geb. M. 8 —

Dies bedeutfame, nun fchon in fünfter Auflage vorliegende
Werk ift von einem hervorragenden Kenner
des Idealismus gefchrieben. Es ift eine Apologetik des
Chriftentums, das der Verf. freilich gern mit einer einzelnen
theologifchen Richtung gleichfetzt, fo vortrefflich
er es fonft zu charakterifieren weiß. ,Die Idealität des
Chriftentums ift darum die rechte und echte, weil fie zugleich
volle Realität ift.' ,1m Chriftentum liegt ein mark-
und beinerfchütternder Ernft, und doch ift es nichts weniger
als eine traurige oder finftere Religion.'

M. erörtert zunächft den Begriff des Idealismus im
allgemeinen. ,Es ift diejenige Geiftesrichtung oder Weltanschauung
, die der frohen Gewißheit lebt, daß es über
dem Irdifchen und Vergänglichen, dem Gemeinen und
Böfen reine und göttliche Ideen und Mächte gibt, die
des Lebens Urfprung und letztes Ziel find und es überhaupt
erft lebenswert machen.........'. Darnach

wird der Idealismus und feine Betätigung im befonderen,
in der Religion, in der Wiffenfchaft, in der Kunft und
im Leben vor Augen geführt. Nicht alltägliche Gedanken
enthalten die Abfchnitte über Treue, Freund-
fchaft, (äfthetifche, praktifche, moralifche) Liebe, Ehe,
Charakter. Die einzelnen Berufsarten find meifterhaft
unter den Gefichtspunkt der Idealität geftellt: der Geift-
liche, der Lehrer, der Staatsmann, der Richter, der Arzt,
der Soldat, der Fürft, der Miffionar, der Kaufmann, der
Zeitungsfchreiber, der Arbeiter, der Landwirt, der tech-
nifche Beamte ufw. Auch für die Frau, deren Bedeutung
mir manchmal zu zaghaft gewertet fcheint, findet er doch
goldene Worte. Nicht minder intereffant find die Ausführungen
über die .Völker mit idealem Gepräge'. Durch
das Schlußkapitel mit feiner nüchternen Kritik der Gegenwart
raufcht doch triumphierend das Siegeslied des Idealismus
. — Wir flammen keineswegs allen Urteilen bei, die
in diefem Bnche gefällt werden. Der Verfaffer weiß die
Weite des Chriftentums nicht zu fchätzen, feine Meinung
vom Berliner Weltkongreß für freies Chriftentum klingt

faft naiv, Friedrich Naumann ift verkannt.....An

manchen Stellen hatte ich auch den Wunfeh: ,non multa,
sed multum'. Dennoch verdient die Schrift reichliche
und herzliche Anerkennung.

Dresden. Victor Kühn.

Andreae, Carl: Die Entwicklung der theoretifchen Pädagogik.

Leipzig, B. G. Teubner 1911. (VIII, 188 S.) 8°

M. 2—; geb. M. 2.60

Es find nicht etwa fchlechthin neue Gedanken, welche
der Verf. in diefer Schrift bietet. Sie enthält vielmehr
gleichfam eine Quinteffenz von pädagogifchen Anflehten
und Urteilen, welche in der einfchläglichen Literatur feit
den Tagen des klaffifchen Altertums bis in die jüngfte
Gegenwart hinein einen mehr oder weniger beftimmenden
Einfluß auf die jeweilige Geftaltung des Unterrichts- und
Erziehungswefens ausgeübt haben. Aber gerade diefe
literarhiftorifche Zufammenftellung pädagogischer Grund-
fätze, wie fie im Laufe der Jahrhunderte zum Zwecke
theoretifcher Erwägungen und in der Abficht zielbewußter
Beeinfluffung der ausübenden Praxis ausgefprochen und