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Ausgabe:

1911 Nr. 17

Spalte:

532-534

Autor/Hrsg.:

Galloway, George

Titel/Untertitel:

The principles of religious development 1911

Rezensent:

Mayer, Emil Walter

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Theologifche Literaturzeitung 1911 Nr. 17.

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immer wieder als auf fein Befonderes zurückkommt, allein
in diefem Zufammenhang wirklich wirkungskräftig ift.
Mit diefer feiner befonderen Theorie, nach welcher die
Vorgänge gerade des Blutumlaufs eine weittragende unmittelbare
Bedeutung für das Seelifche befitzen, hängt
überdem auch zufammen, daß Schleich die befondere
Inbeziehungfetzung der feelifchen Vorgänge zum Cerebro-
fpinalfyftem ablehnt; an Stelle des Nervenfyftems tritt ihm
wieder die ungefonderte Einheit des ganzen Organismus:
,Die menfchliche Seele ift der Menfch als Ganzes' (S. 228).

Bei alledem ift fich Schleich aber bewußt, daß die
von ihm verfuchte Methode mechaniftifcher Betrachtung
,immer nur eine Seite des Problems aufzulöfen vermag', j
fofern jeder Vorgang auf Erden und am Himmel einen j
vielleicht erkennbaren Mechanismus hat'. ,Und wenn die
Seele einige erkennbare mechanifche Seiten hat, fo ift
das Wunder darum nicht geringer, das diefe Innenwelt
umfchwebt und durchflutet' (130). Allem Dogmatismus
ift Schleich abhold (264. 270), der hypothetifche Charakter
auch feiner Haupttheorien ift ihm nicht verborgen (95),
bereitwillig anerkennt er das Wunderbare und Unerforfch-
liche (315. 321 ff.), ja als ein deutliches Notabene für alles |
Folgende fchickt er in dem Effay .Rhythmus' feinen fo
materialiftifch klingenden Ausführungen voraus ein Bekenntnis
zu einem eigenartigen Agnoftizismus: nicht die
Kraft felbft kennen wir, im Ganzen wie im Einzelnen,
fondern nur ihre .Hemmungen'. ,Die Kraft und ihr reli-
giöfer Name „Gott" ift kein Gegenftand wiffenfchaftlicher
Analyfen' (14). ,Wer die Hemmungen, unter denen fleh
die feelifche Kraft äußert, ftudiert, präjudiziert ja nichts
über das Wefen, über Göttlichkeit und Unfterblichkeit
der Seele . . . fondern, da er das Bild nicht zu entblößen
vermag, begnügt er fich an dem Studium der Schleier'
(183) — dem Verf. felbft freilich fcheint die Unfterblichkeit
nicht im Transzendenten zu liegen (300), fie ift ihm die
.Unfterblichkeit des menfehlichenTypus' (235 cf. 170. 171).

Aber verträgt es fich wirklich mit diefen Zugeftänd-
niffen, wenn dann doch immer wieder fo geredet wird,
als habe man im Schleier das Bild? Denn wirklich, man
muß fich bei der Lektüre immer wieder wie durch einen
Ruck an jene erkenntnistheoretifchen Zugeftändniffe erinnern
. Sie wirken nicht klärend in alles Weitere hinein,
find eher wie eine Abfchiedsverbeugung an einen läftigen
Begleiter, ehe man fich an die ernfte und erfolgreiche
Arbeit macht, bei welcher dann z. B. ,nichts übrig bleibt'
— da die anerkannte Verfchiedenheit der Menfchen- von
der Tierfeele einer Erklärung bedarf — ,als der Nerven-
fubftanz der menfehlichen Seelenorgane eine im Tier nicht
beobachtbare neue Funktion zuzufchreiben', nämlich ,die
Fähigkeit, nicht nur in der einen Richtung von der Reiz-
ftelle zum Wahrnehmungszentrum, fondern auch in umgekehrter
Richtung .. . bewegt zu werden' (257), ja fogar
eine Erklärung der Entftehung des Lebens durch kühne
Worte und Bilder verfucht wird (23).

Es fteht fchließlich hinter diefen Effays keine bis ins
letzte klar durchdachte Anfchauung. Das verrät fich
namentlich auch bei gelegentlichen Abfchweifungen z. B.
ins Ethifche; da widerfpricht direkt eines dem anderen.
Auch fonft verträgt mancher Einfall nicht eine ftrengere
Kontrolle (z. B. S. 134). Von geiftreichen Effays wird
man aber zumeift mehr Anregung zu erwarten haben,
als Klärung des eigenen Denkens.

Gnadenfeld. Th. Steinmann.

Dunkmann, Pred.-Sem.-Dir. Lic: Das religiöfe Apriori und

die Gelchichte. Ein Beitrag zur Grundlegung der Re-
ligionsphilofophie. (Beiträge zur Förderg. chriftl. Theologie
. 14. Jahrg. 1910. 3. Heft.) Gütersloh, C. Bertelsmann
. (125 S.) 8« M. 2 —

Das Chriftentum will die abfolute Religion fein. Die
Philofophie nennt jede gefchichtliche Erfcheinung zufällig

und fieht das notwendig und allgemein Gültige nur in
dem allen Religionen zugrunde liegenden ,religiöfen Apriori'.
Wie laffen fich apriorifcher Charakter und gefchichtliche
Zufälligkeit vereinigen? Die vorliegende Schritt will helfen,
dies Problem zu löfen durch neue, nicht einfache Gedankengänge
. .Gefchichte'zerfällt dem Verf. inGeiftesgefchichte
und Kulturgefchichte. Das Wefen der Geiftesgefchichte
ift, daß .urteilende Subjekte in Beziehungen flehen'. Diefe
Subjekte exiftieren lediglich ,als beziehentliche Größen',
fo wie die Organe des Körpers nur durch die Wechfel-
wirkung mit den übrigen als Organe da find. Diefe Beziehungen
der Geifter find alfo notwendige Vorausfetzung,
daß die urteilenden Subjekte da fein können. Infofern ift
die (Geiftes-)Gefchichte eben das .Apriori des Geiftes'.
Ähnlich ift die Vorausfetzung aller Religion ein folches
,in Beziehung flehen', nämlich mit Gott, fodaß wahre Religion
ein Stück Geiftesgefchichte ift. Diefe fchöpferifche
Beziehung Gottes zum Geift ift etwas Unveränderliches.
Die Kulturgefchichte dagegen fetzt ein auf der Unterlage
diefer Geiftesgefchichte. Von letzterer ift der Geift .hervorgebracht
', die erftere ift das was er hervorbringt, der
Inbegriff feiner Zwecke, fie ift wandelbar, chaotifch, Gegenftand
der Wiffenfchaft, während die Geiftesgefchichte
wiffenfehaftlich nicht erkenntlich ift, da fie immer fchon
vorausgefetzt werden muß, ehe ein urteilender Geift da ift.
Die chriftliche Religion droht nun der kulturgefchichtlichen
Betrachtung zum Opfer zu fallen. Sie ift aber eben das
religiöfe Apriori, da fie jene vorauszufetzende Gottesbeziehung
rein enthält.

Das fpekulative Intereffe überwiegt in diefer Schrift
weit das hiftorifche. Mit Recht will Verf. die Erklärung
der Gefchichte nicht auf die dürre Formel von Allgemeinem
und Befonderem bringen, denn das philofophifch Allgemeine
, das .Apriori' entwickelt fich nicht. Individuelles,
Perfönlichkeitswerte entwickeln fich. Darum fcheitern aber
auch die Verfuche, Hiflorifches mit dem Apriorifchen zu
identifizieren. So ift auch hier der Gefchichte Zwang angetan
, wenn Verf. eine Art Chriftentum vor Chriftus nötig
hat (S. 102. 107), vom Beginn der Welt her, wenn auch
nur in der negativen Form der .Sünde' (S. noff), und
Chriftus ,nur ein Knotenpunkt der Entwickelung' in diefem
Sinne heißt (S. 102). Ferner ift das Problem u. E. auch
fo nicht gelöft. Denn die fo gefaßte .Gefchichte' ift ja
eben keine Gefchichte fondern etwas Unveränderliches,
und dazu rein Formales, denn wenn es eine inhaltliche
Beftimmung enthielte, könnte es nicht unveränderlich fein.
Das Wefen des Chriftentums aber läßt fich fo doch nicht
charakterifieren.

Göttingen. E. Kohlmeyer.

Galloway, George: The principles of religious development.

London, Macmillan & Co. 1909. (XX, 363 S.) gr. 8°.

Das Buch gehört zu der in England feit Tylor und
Spencer weitverbreitetenGattungreligionswiffenfchaftlicher
Literatur, die auf Grund anthropologifch-pfychologifcher
und religionsgefchichtlicher Unterfuchungen ein Bild vom
Wefen der Religion, von deren Entftehung und Entwicklung
zeichnen will. Der Autor verwirft das fpekulative
Verfahren Cairds, lehnt aber auch die, fonft bei den mit
ähnlichen Methoden wie er arbeitenden, Forfchern beliebte
, naturaliftifche Auffaffung von der gefchichtlichen
Evolution überhaupt ab und vertritt die Thefe, daß in
diefer ein Ziel nur gefunden werden könne, wenn man
es als überzeitliches auffaffe. Als den Anfang der Religion
, die er nach moderner Art fcharf gegen die Magie
abgrenzt, betrachtet er, nicht wie einzelne Neuefte, die er
bekämpft, einen unfertigen Monotheismus, fondern Ani-
mismus und Spiritismus, das heißt, Naturfeelen- und
Geifterkult, wovon Ahnenkult und Totemismus nur be-
ftimmte Spielarten feien. Die Entwicklung bewegt fich
in der Richtung von dem Sinnlichen auf das Geiftige,