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Ausgabe:

1911 Nr. 17

Spalte:

518-519

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Lombard, Emile

Titel/Untertitel:

De la Glossolalie chex les premiers chrétiens et les phénomènes similaires. Étude d’exégèse et de psychologie 1911

Rezensent:

Bauer, Walter

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517 Theologifche Literaturzeitung 1911 Nr. 17. 518

Hände des Bräutigams — nicht der Braut, wie bei den
Arabern — mit Henna (den Blättern der Lawfonia iner-
mis) gefärbt werden. Wie eine unferer Straßburger Hff.
nun ausdrücklich bemerkt, wird dabei getanzt und Lieder,
die man Hadujjöt (pl. von Hadütha) nennt, gehangen.
Mit arab. Hida und Hadi bezeichnet man, nach Dalman,
Paläftin. Diwan p. XVH/XVIII, auch in gewiffen Teilen
Paläftinas beftimmte Hochzeitsgefänge. In der Nacht
zum Mittwoch fchreitet dann der Bräutigam in feierlichem
Aufzuge unter Gehängen zum Haufe der Braut, wo die
Trauung vollzogen wird, und kehrt dann in ebenfolchem
feftlichen Gepränge allein wieder zurück. Am Freitag
Abend wird er zum 2. Mal in ähnlicher Prozefhon dahin
geleitet, und am anderen Morgen die Braut feierlich in
das Haus des Mannes geführt. Daran fchließen hch volle
7 Fefttage. Die bei diefen Prozefhonen vorgetragenen
Lieder heißen Zaffat, was fonft die Umzüge felbft: bedeutet,
die in den Feftwochen bei den Mahlzeiten hebr. Schiröth,
arab. Nusüd. Der letzten Gruppe gehören auch Gefänge
für Sabbat, Feiertage, für die Befchneidung an und eine
kleinere Anzahl ohne religiöfen Hintergrund. In älterer
Zeit beherrfchen die fpanifchen Dichter-Koryphaeen und
Ifrael Nagara das Feld, erft vom 17. Jahrhundert an
treten einheimifche Poeten in größerer Anzahl auf. Der
fruchtbarfte und angefehenfte unter ihnen ift der myftifch
angehauchte Sälim b. Jofef Schibzi. Nach den Akroftichen
in mehreren Gedichten (Nr. 2, 12, 20,46,83), die in die
Buchftaben endigen, möchte ich in ihm einen Vorbeter
fehen. Zur Fixierung feiner Lebenszeit find wir
auf feine Elegien über die Vertreibung der Juden aus
Sana a angewiefen, für die in den verfchiedenften Hff. das
Jahr 1991 Seleucid. angefetzt wird, was in die Regierung
des Imäm Muhammad el-Mehdi (c. 1677—1707) fallen
würde. Das gleiche Ereignis fcheint ein Gedicht eines
bisher unbekannten Dawud b. Sälim Zähir in einer hie-
figen Hf. zu behandeln mit vielen Einzelheiten. Die
Sache bedarf aber noch einer genaueren Unterfuchung.
Nicht beffer fteht es mit dem Kriegszug des Ahmed b.
al-Ahfan, wie derfelbe Codex wiederholt fchreibt, während
al-Hafan zu erwarten wäre. Auch hier kann nur
eine Veröffentlichung der verfchiedenen Texte Auffchluß
geben.

Der Unermüdlichkeit Bachers verdanken wir nun in
diefer Schrift eine genaue Buchung des gefamten Materials
, wie es in den Drucken und in 14 Hff. aufgefpeichert
ift. Bei jedem Autor find die einzelnen Gedichte, unter
Anführung des erften Verfes, alphabetifch geordnet, dahinter
folgt der Nachweis der Quellen, in welchen fie zu
finden find.

Die Dichter aus Jemen flehen in einem befonderen
Alphabet, getrennt von den europäifchen, und unter ihnen
wieder Schibzi an der Spitze. Die Namen mußten zum
großen Teil aus den Akroftichen erft erfchloffen werden,
weshalb auch die Rubrik der Anonymi etwas umfangreich
ausgefallen ift. Mit diefer Inventarifierung hat fich
Bacher aber nicht begnügt; in einer offenbar forgfältigen
Analyfe eines bedeutenden Bruchteils diefer Carmina läßt
er uns ahnen, von welcher Art diefes letzte Aufflackern
der hebr. Dichtkunft ift: Eine gefchickte Aneignung der
von den Arabern geprägten Formen, felbft der komplizierten
, mit befcheidenem geiftigen Inhalt. Nur eine Auswahl
der interefianteften Stücke dürfte einer Veröffentlichung
wert fein, unter Angabe der wichtigeren Varianten
und mit Beifügung eines kurzen Kommentars.

4 Lieder werden uns jeUt fchon als Specimina geboten, darunter ein
niedliches Trinklied, mit dem uns Bacher fchon früher einmal bekannt
gemacht hat. Die Freunde fragen den Dichter, wem er die Tafelrunde
wohl vergleichen möchte, bei der der Becher kreift unter dem Kufe: ,Auf
zur Freude, bannet die Sorge'. Er denkt fich die Genoffen gleich den
Bäumen des Paradiefes, unter welchen die Tochter des Weinftocks wie
der Strom Edens fich verbreitet und nach allen Seiten befruchtend und
anregend wirkt. Im Anfang der letzten Strophe lefe ich mit einem Straßburger
Mf ,we-nahar', was das Metrum verlangt.

Die arabifchen Texte dürften wohl weitere Kreife um

ihrer dialektifchen Eigentümlichkeiten willen intereffieren,
zumal da fie vokalifiert find.

Straßburg i. E S. Landauer.

Lombard, Emile: De la Glossolalie chex les premiers ehre
tiens et les phenomenes similaires. Etüde d'exegese
et de psychologie. Preface de Th. Flournoy. Laufanne
, G. Bridel & Cie. 1910. (XII, 254 p.) 8°

Lombards gediegene und wertvolle Arbeit erörtert
das vielverhandelte Thema des Zungenredens imUrchriften-
tum. Das Problem wird als ein exegetifches und pfycho-
logifches angegriffen. Auf der letzteren Seite liegt der
Nachdruck, und die hierher gehörigen Ausführungen
ftellen in ihrer zufammenfaffenden Art das Neue dar, was
uns L. bietet. In fehr inftruktiver Weife find die in jüngerer
und jüngfter Zeit vorgekommenen Fälle von Zungenreden
— aus Amerika, Großbritannien, Norwegen, Deutfch-
land — fowie die da und dort in aller Herren Länder
gemachten Beobachtungen ähnlicher Zuftände zur Beleuchtung
des urchriftlichen Phänomens verwendet.

Zunächft wird diefes felbft befchrieben, an der Hand
der Paulusbriefe (Kap. 1), nach der Apoftelgefchichte
(Kap. 2) und in feinen antiken Vor- und nachapoftolifchen
Ausläufern (Kap. 3). Das 4. Kapitel handelt von den
pfychologifchen Bedingungen: Erwägungen über die
Pfychologie der Maffe, über Anfteckung und Nachahmung
, über die Pfychologie der Sprache und der
Religion werden angeftellt. Das letzte Kapitel nimmt
eine Anzahl Fragen auf, die im Vorhergehenden noch
keine Erledigung gefunden haben: Urfprung und Sinn
des griechifchen Ausdrucks für Zungenreden, Gloffolalie
und ihre Interpretation, Gloffolalie und Prophetie, Gloffolalie
und Gefang, blasphemifche Ausbrüche (I. Kor. 12,
1—3), Unterfcheidung der Geifter (I. Kor. 12,10). Den
Befchluß macht eine gerecht abwägende Beurteilung der
feltfamen Erfcheinung.

L. unterfcheidet unter ausdrücklicher Anerkennung
der Tatfache, daß es zahlreiche Mittelformen gibt, drei
Arten von Zungenrede, wie ja auch Paulus von yiv>]
yXmaocöv weiß. Einmal unartikulierte Laute, fodann
Äußerungen, die einer Sprache anzugehören Rheinen,
diefen Eindruck aber nur vortäufchen (Gebrauch einer
,Pfeudofprache'), endlich neue Wortbildungen mit ganz
beftimmter Bedeutung. Die Antriebe, denen die Sprachorgane
dabei gehorchen, entflammen in allen Fällen dem
Unterbewußtfein. In Korinth handelte es fich um eine
Pfeudofprache, vermifcht mit unartikulierten Ausrufen
und vielleicht einigen Anfätzen zu Neufchöpfungen. In
Act. 2 findet Verf. unter Abweifung der anderen Meinungen
ein ,philologifches' Wunder. Aber er glaubt nicht,
daß damals wirklich ein Fall von ,Xenologie' vorgekommen
fei. Die an gewiffen Perfönlichkeiten gemachte Beobachtung
, daß fie im Zuftand der Verzückung Sprachkennt-
niffe entfalten, die ihnen fonft abgehen, vermögen die
Erzählung der Apoftelgefchichte nicht annehmbar zu
machen. L. urteilt mit Recht, daß fich in Jerufalem etwas
Ähnliches ereignet habe, wie in Korinth. Die Deutung,
welche der neuteftamentliche Schriftfteller dem Vorfall
angedeihen läßt, ift falfch und vielleicht dadurch veranlaßt
, daß fich der Pfeudofprache der Jünger, was nicht der
Analogie entbehrt, einzelne Elemente aus fremden Sprachen
beigemengt haben.

Das Wort yXmöaa in der griechifchen Wendung ver-
fteht L. als ,Sprache': der Zungenredner bedient fich
einer eigenartigen Sprache, in der eine religiöfe Erreguno-
von ganz befonderer Natur nach einem Ausdruck ringt.
Was, um nur noch dies zu erwähnen, die Auslegung der
Gloffolalie anlangt, fo kann fie durch den Redner felbft erfolgen
. Dann gibt er mit größerer oder geringerer
Genauigkeit die Ideen und Gefühle wieder, deren er fich
als der Begleiterfcheinungen feines Vortrags erinnert.
Aber der Zungenredner kann auch zur Selbftinterpre-

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