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1911 Nr. 16

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507

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Titel/Untertitel:

Die Philosophie der Zukunft 1911

Rezensent:

Mayer, Emil Walter

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507

Theologifche Literaturzeitung 1911 Nr. 16.

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in die grandiofen Typen, die die genannten Riefen der j
Kunft von den genannten Helden der Religion gefchaffen
haben. Wir fehen zunächft, wie diefe drei Künftler und
fie allein durch ihre Perfönlichkeiten, ihr Seelenleben
und ihr tragifches Schickfal prädeftiniert find kongeniale
Bildner jener drei größten Gottesmänner zu werden
(1—23), lernen dann die Kunftwerke als künftlerifche und
menfchliche Selbftbekenntniffe der Meifter würdigen, wobei
ihnen mit weitem Blick ihr Platz unter den übrigen
Werken angewiefen wird (23—43), um fie zuletzt als fich
ergänzende Darftellungen des in ihnen verkörperten
Typus zu verftehen. Ißt es auch im allgemeinen nicht
eben Neues, was M. zu fagen hat — wer könnte das in
diefem Fall! —, fo ißt es doch alles neu erlebt, und das
macht es, daß nicht fowohl doch auf einzelnes in der
Auffaffung der Künftler neues Licht fällt, fondern daß
man aufs neue ergriffen fteht vor der Größe Gottes, der
folche Wunder an Geift, an Kunft und an Kraft gefchaffen
hat. Die vortrefflichen Tafel- und Textbilder find
eine willkommene Bereicherung des hübfch gedruckten,
mit einigen wenigen Druckfehlerkleinigkeiten bedachten
Büchleins.

Wörth a. Rhein. Georg Stuhlfauth.

Referate.

Die Philorophie der Zukunft. Inhalt: 1. Prof. Dr. R. F. Ksindl: Ein

neuer Durchblick unterer fozialen und ethifchen Verhältniffe. —
2. Johannes Schlaf: Was ift Kultur. — 3. Prof. Graf R. Du Moülin-
Eckart: Das Suchen der Zeit. — 4. Prof. Dr. M. Kleinpeter:
Die Quellen unterer Kultur. — Leipzig, Verlag Deutfche Zukunft
(1910). (41 S.) gr. 8» M. 1 —

Die Schrift bietet vier Abhandlungen dar, ohne recht die Einheit
erkennen zu laffen, die fie verknüpft.

Kaindl-Czernowitz verlangt zur Begründung der ,Zukunftsphilo-
fophie' därkere Pflege der von der Ethnographie und Anthropologie zu
unterfcheidenden Ethnologie, das heißt, der Wiffenfchaft, die es auf die
Erforfchung der gemeinfamen (eo ipso als wertvoll vorausgefetzten) Grund-
Überzeugungen, Gedanken und Vorfiellungen der Menfchheit und auf
die Herausarbeitung ihrer Entwicklungsgefetze abgefehen hat. ■— Schlaf
(teilt eine von dem Begriff der ,Bazillenkultur' ausgehende Definition der
Kultur im allgemeinen auf und fordert für die Kultur eine ,religiöfe
Relation'. — Als das ,Suchen der Zeit' erkennt Graf R. Du Moulin-
Eckart das Verlangen nach Befreiung von dem ,Zwiefpalt zweier Welt-
anfchauungen'; das Mittel zur Befriedigung diefes Begehrens fleht er in
der .Säkularifation' der Weltanfchauung. — Kleinpeter-Gmunden befpricht
die .Quellen' der heutigen Kultur. Deren Überlegenheit über die antike
findet er darin, daß fie nicht wie diefe vom Rationalismus, auch nicht
wie die mittelalterliche von der Autorität, fondern vom Geift des .Empirismus
' beherrfcht ift. In das Loblied auf den letzteren und feine Verdienftc
um die moderne Menfchheit fchleicht fich der inhaltfchwere Satz ein:
,der ftreng gefetzmäßige Gang der Erfcheinungen hat in uns die Wiflenfchaft
der Logik gezeitigt'.

Straßburg i. E. E. W. Mayer.

Boehmer, Prof. Heinrich: Luther im Lichte der neueren Forfchung.
Ein kritifcher Bericht. 2. völlig umgearb. Aufl. Mit 2 Bildniffen
Luthers. (Aus Natur u. Geifteswelt 113.) Leipzig, B. G. Teubner
1910. (VI, 176 S.) 8» M. 1— ; geb. M. 1.25

Die erde Auflage diefer Schrift von Boehmer habe ich Jahrgang 1907
Nr. IO der Theol. Literaturzeitung eingehend befprochen; fie hat fchnell
eine Neuauflage erlebt und verdient das auch vollkommen, da fie die Probleme
gut herausftellt, zwar m. E. nicht immer richtig löft. Im großen
und ganzen ift in der neuen Auflage der alte Aufriß geblieben, fortgefallen
ift der Schlußabfchnitt: Luther der Begründer einer neuen Kultur,
d. h. fein Inhalt ift teilweife in das vorhergehende Kapitel eingearbeitet.
Die Änderungen betreffen Ergänzungen auf Grund neuerer Forfchungen,
Präzifierung der Form, Kürzungen und Erweiterungen, doch ift fehr oft —
mit Recht — der alte Wortlaut einfach herübergenommen worden; eine
Beigabe des Verlags find zwei Lutherporträts, des Cranach'fchen Kupfer-
ftiches von 1521 und des in der Wittenberger Lutherhalle befindlichen
Gemäldes von 1525. Der im erften Abfchnitt gebotene Überblick über
das Lutherbild der Proteftanten hat Stephans hübfehe Darlegung (1907
vgl. diefe Zeitung 1908 Nr. 17) fruktifiziert, dann ift eine Auseinander-
fetzung mit Barges Karlftadt eingefügt, etwas freundlicher als ehedem
urteilt B. über die Wiedertäufer. In dem Kapitel über die erfte Entwicklung
Luthers ift natürlich Fickers Römerbrieffund — den B. merkwürdigerweife
immer nach Vopel zuweift; das ift doch nur formell
richtig, Vopel war nicht mehr als Mandatar Fickers, von dem der An-
ftoß zur Nachforfchung ausging vgl. die gerechte Darfteilung in Fickers
Ausgabe I S. VIII — ausgiebig benutzt worden. Daß aber Luther feine
Vorlefungen, meift auch noch nachträglich äußerft fauber und akkurat
ins reine gefchrieben habe, feine Kolleghefte daher meift fo tadellos
ausfehen wie gute Buchhandfchriften' (S. 30), ift, fo ohne Einfchränkung

gefagt, nicht richtig; wenigftens vermiffe ich den Beweis. Das in WA
Bd. 9 aus der Dresdener Handfchrift gebotene Pfaltervorlefung-Fakfimilc
macht bei näherem Zufchauen keineswegs den Eindruck einer Abfchrift
ins Reine, und die von Ficker veranlaßte Fakfimilierung des Römerbriefkollegheftes
nur im erften Teile. Die Tatfache, daß Luther an einer
Stelle ein fchon befchriebenes Blatt mit feinen Notizen angefüllt ein-
fchob, verbietet für den letzten Teil geradezu die Annahme einer Rein-
lchrift. Ebenfo ift die Weihe Luthers zum Prieftcr (S. 40) mit ,Februar
1507' fchwerlich richtig angefetzt; Oergel, auf den B. fich ftützt, fügt
wenigftens .wahrfcheinlich' hinzu, tatfächlich wird fchwerlich eine vierteljährliche
Paufe zwifchen Primiz, deren Datum wir ja kennen, und Weihe
gelegen haben. Eingehend hat B. (S. 41 ff.) die Bedeutung des Okka-
mismus für Luther dargelegt. Dankenswert ift der Hinweis (S. 47},
daß die Befchäftigung mit der nikomachifchen Ethik des Arifloteles
Luther auf den Begriff der Gerechtigkeit flößen mußte, und er dann
vom philofophifchen Gerechtigkeitsbegriffe aus an Rom. 1,17 herantrat.
Vorfichtiger wird jetzt nur ,vermutet', daß die Geburtsftunde der Reformation
in die Jahre 1508/09 fällt. Die Anfänge des Auguftiuftudiums
Luthers werden auf .fpäteftens 1508' feftgefetzt. Sehr richtig wird
(S. 56 f.) der Einfluß der Myftik auf Luther eingefchränkt (vgl. meine
Kritik Hunzingers im ,Theol. Jahresbericht' 28,512). Die ,Heilsgewißheit'
Luthers nach dem Römerbriefkommentar formuliert B. fo: ,ur eins fehlte
ihm noch, die klare Erkenntnis, daß der Gläubige feiner Erlöfung nicht
bloß gewiß fein dürfe, fonderu auch gewiß fein müffe' (S. 57). Die
Darlegung der Ahlaßentwicklung (S. 67 ff.) wird jetzt in engem Anfchluß
an A. Gottlob geboten, daher auch von Anfang an eine tranfzendentale
Wirkung des Ablaffes behauptet. Darüber läßt fich (breiten. Neu eingefügt
ift die Notiz, daß der Satz: ,Sobald das Geld im Kaden klingt'
etc. fchon 1482 von der Parifer theologifchen Fakultät verdammt wurde.
Die von Luther bei der Verbrennung der Bannandrohungsbulle gefpro-
chenen Worte werden nach Agricola gegeben (S. 81) ohne Angabe, daß
diefe Fällung nicht ganz befriedigt. Daß Barges ,Konflruktion' der Wittenberger
Vorgänge 1521/2 .vielen Beifall gefunden (S. 83) hatte', wüßte
ich nicht; mir id nur der Kreis um Ludwig Keller bekannt geworden,
und Barge hat fich doch dets über die geringe Zudimmung befchwert.
S. 116 id neu eingefügt eine kurze Befprechung des ,doctor plenus' in
dem bekannten Briefe, B. möchte mit anderen doctor Johannes lefen.
Sehr genau id die heffifche Bigamieangelegenheit S. 125 fr. behandelt,
und ich freue mich mit B. zufammen zutreffen in der darken Betonung der
Rolle, die die Hofmeiderin, Margarethens Mutter, in dem Handel
gefpielt hatte. Meine Thefe freilich, an der ich noch fedhalte, daß der
Landgraf das Hoffräulein urfprünglich Uberhaupt nicht habe heiraten
wollen, vielmehr erd die Schwiegermutter ihn dazu zwang, lehnt B. dill-
fchweigend ab. In dem Schlußabfchnitte fetzt B. fich wiederum mit
Troeltfch auseinander. Über Erasmus urteilt er dabei (S. 147 ff) gemäßigter
als ehedem, obwohl mir der Satz: ,Für die Religion befaß Erasmus als
echter Optimid, kluger Weltmenfch und gänzlich unphilofophifch gerichteter
Gelehrter eigentlich kein Organ', nicht glücklich erfcheint. Gegen
Troeltfch id die Formulierung etwas fchärfer geworden, ohne daß fachlich
wefentlich Neues gefagt würde. Ii. will jetzt die .Formel von Troeltfch
geradezu umkehren und datuieren: Luthers Verkündigung id die Löfung
eines neuen religiöfen Problems auf Grund der okkamidifchen Kritik des
katholifchen Sydems und der praktifch-erbaulichen Gedanken der fpät-
mittelalterlichen Mydiker' (S. 159). Die von Tr. herausgehobenen mittelalterlichen
Elemente bei Luther werden als ,gemeinchridliche' gefaßt.
Es hat keinen Zweck, noch einmal die frühere Kritik dem gegenüber
zu wiederholen, die ganze Differenz ruht im letzten Grunde auf einer
verfchiedenartigen Religionsauffaffung, die wieder verfchiedenartige Maß-
däbe bedingt. Die Differenz id tatfächlich nicht fo groß in den Einzelheiten
, wie fie ausfieht, Tr. wertet nur nach dem Kulturbegriff, B. nach
feinem Religionsbegriff. Hinter feine .Gemeinchridlichkeit' fetze ich
freilich rein als Hidoriker ein darkes Fragezeichen. Und der gefchicht-
liche Aufriß, den Tröltfch im .Archiv für Sozialwiffenfchaft' 1899
gegeben hat, zeigt deutlich, daß er nicht, wie B. ihm vorwirft, .feine
ganze Kondruktion nicht von vorn, fondern von hinten entworfen hat'.
Übrigens kommt B. feinem Gegner doch entgegen, wenn er als Luther-
fches Ideal (wie Drews und ich auch) die Versammlung der Chrid-
gläubigen, die fich um Staat und Kultur überhaupt nicht kümmern,
bezeichnet. In der modernen Wertung diefes Gemeinfchaftschridentums —
B. fleht in ihm, wofern es nicht in Sektiererei verfällt, die .rechte Art
der evangelifchen Ordnung' — würde Tr. freilich fchwerlich mit B. gehen.
Da fchiebt fich eben wieder der Kulturbegriff ein; das id die entfehei-
dende Differenz, doch hat m. E. Böhmer nicht recht Tr. verdanden, wenn
er auch jetzt wieder (vgl. meine frühere Polemik dagegen) in Luthers
daatlichem Gemeinwefen ,eine Organifation wie den modernen Kulturdaat'
fleht. Die kirchlich geleitete Lutherfche .Kultur' id ganz etwas
Anderes. Ob Luthers Verzicht auf die Idealgemeinden aus der eschato-
logifchen Erwartung zu erklären id (S.169), fcheint mir fehr fraglich;
er felbd hat doch gefagt, daß er die rechten Leute dazu nicht habe.
Zürich. Walther Köhler.

Kind, Pfr., D. Aug.: Erlöfung und Verlöhnung. Gedanken darüber.
Heidelberg, Evangelifcher Verlag 1910. (26 S.) 8« M.—40

Seinem Kern nach id und will das Chridentum fein: Erlöfung und
Verföhnung, — Erlöfung von Sünde und Schuld, von Übel und Tod,
Verföhnung, durch welche die ganze Menfchheit wieder in ein ungetrübtes
Verhältnis zu Gott tritt. Die Erlöfung hat zu ihrer Vorausfetzung die
Verföhnung: mit Gott wieder eins geworden, miiffen wir Kraft finden,
von der Sünde los zu kommen, das Böfe zu meiden, das Gute zu tun.
Da Erlöfung Änderung unfres Wefens von Grund aus bedeutet, die Sünde