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Ausgabe:

1911

Spalte:

505-506

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Rieder, Karl

Titel/Untertitel:

Zur innerkirchlichen Krisis des heutigen Protestantismus 1911

Rezensent:

Drews, Paul

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Seite 1

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SOS Theologifche Literaturzeitung 1911 Nr. 16. 506

und auch die kurze Erwähnung: ,daß Jefus uns den Vater
gezeigt habe, wie er ihn tief im Innerften erlebt hat',
reicht nicht an die Quelle evangelifcher Gotteserkenntnis
und Gotteserfahrung heran, die in der Offenbarung Gottes
in Jefus Chriftus (Joh. 14,9. 7,16. 17) uns gegeben ift.
Auch die im übrigen eindrucksvoll und gewiffenfchär-
fende foziale Predigt über Pf. 72, 1 —14, die den miß-
verftändlichen Titel trägt: ,das Königstum der Armen',
ift exegetifch zu beanftanden. Die ,Armen und Elenden'
des Pfalms werden fchlankweg unferen fozialen Proletariern
gleichgefetzt; die Verkennung, daß der Pfalm
von den durch Gewalttat unterdrückten Gottestreuen
redet, führt auch zu falfcher Deutung z. B. von v. 13
und 14, die von der Erlöfung der Armen von Gewalttat
und Frevel, die ihnen angetan werden, reden, nicht aber
von Trug und Frevel, die fie verüben. Die 10. Predigt
(Pf. 90, I. 2) fucht in wiffenfchaftlicher Sprache den Erweis
zu führen, daß ,Darwinismus und Gottesbewußtfein'
nicht unvereinbar find, während die II, Predigt: ,das Lied
vom göttlichen Überfluß' (Pf. 104, 10—18) den frohen und
dankbaren Genuß des Luxus in Kleidung und Einrichtung
der Wohnung, im Genuß von Wein und guten Mahlzeiten
preift: .Einen fröhlichen Effer hat Gott lieb' (106).

An kleinen Verfehen ift mir aufgefallen: S. 1 .Abhaltung
des Gottesdienftes' ftatt .Leitung'; S. 56:
.welch eine Wendung durch Gottes Fügung' ftatt
.Führung'; S. 87 das falfche Zitat von Pf. 73, 23: ,du
hältft mich mit deiner rechten Hand' (ebenfo fchon in
der Predigt aus der Gegenwart S. iöf.), ftatt: ,an meiner
rechten Hand'.

Marburg. E. Chr. A che Iis.

Rieder, DD. Karl: Zur innerkirchlichen KriNs des heutigen
Proteftantismus. Eine Orientierung über moderne Evangeliumsverkündigung
. Freiburg i. B., Herder 1910.
(XVI, 235 S.) gr. 8° M. 4—; geb. M. 5 —

Die vorliegende Schrift befaßt fich ,mit einer Lebensfrage
des heutigen Proteftantismus, mit der großen
Predigtnot, in welche die modern-liberale Theologie
den Proteftantismus geführt hat'. Sie will die Zerriffen-
heit und Zerfahrenheit der proteftantifchen Kirche aufzeigen
, und damit zugleich dem Modernismus in der
katholifchen Kirche entgegenwirken. .Denn nur von hier
aus (nämlich von der proteftantifchen modernen Theologie
aus)', heißt es in der Einleitung, .können wir manche
Erfcheinungen auch im Katholizismus der Gegenwart
begreifen, die diefem gefährlich zu werden drohen und
gegen die das oberfte Lehramt unferer Kirche nicht
umfonft feine warnende Stimme erhebt'. ,Es ift unfere
Pflicht, vor der Falfchmünzerei der modern-liberalen
Theologie, die vielfach auch unfere Kreife berücken möchte,
auf der Hut zu fein'. Nach diefen Äußerungen wird
niemand eine verftändige und fachliche Beurteilung der
modernen Theologie und der auf ihrem Boden erwach-
fenen homiletifchen Frageftellungen und Erzeugniffe
erwarten. In der Tat, wir haben es mit einer Tendenz-
fchrift von reinftem Waffer zu tun. Das bekannte Rezept
Janffenfcher Hiftoriographie wird angewendet: Eine Fülle
von Zitaten erweckt den Schein höchfter Objektivität, aber
die Bemerkungen, die fie begleiten, rücken fie unter ein
ganz beftimmtes Licht. So entfteht ein tendenziöfes Bild.
Zudem fchiebt der Verfaffer in feinem blinden Eifer den
proteftantifchen Autoren oft nicht gerade die edelften
Motive unter: ,Was hier empfohlen wird, gehört in das
Gebiet der verwerflichften Falfchmünzerei, die man außer
bei den neugläubigen Theologen fonft nirgends findet'
(S. 119). ,Man gebraucht noch die alten Formeln, weil
man zu gut weiß, wie fchwer man diefe Dinge dem Volke
nehmen könnte und wie fchnell man mit aller modernen
Theologie abgewirtfchaftet hätte, wenn man offen mit der
Sprache herausrücken würde' (S. 147). An der modernen

Theologie ift natürlich nichts, rein nichts Gutes. Weil
fie ,nur religiös Erlebtes, nur Religion' predigen will,
.führt fie konfequenterweife zur Auflöfung jeder Predigttätigkeit
' (S. 94), ja ,zur Auflöfung jeden Gottesdienftes'
(S. 96). Ihre Anhänger ftehen nicht mehr auf dem Boden
des Chriftentums, verdienen nicht mehr den Namen Chrifti
zu tragen (S. 86). Sie machen nur fchöne Worte und
falbungsvolle Phrafen, ihre Worte find leerer Schall ohne
Inhalt (S. 65. 143 u. ö.). Diefe Proben genügen. Mit folchen
ficher ganz ehrlich gemeinten, aber trotzdem höchft ungerechten
und verftändnislofen Äußerungen wird vor
dem .Modernismus' grufeln gemacht. Pathetifch heißt
es darum im Schlußwort: .Während bei den Altgläubigen
fich immer mehr ein Hinübergleiten zu den liberalen
Ideen bemerkbar macht, während fie tatenlos den deftruk-
tiven Tendenzen der modernen Theologie gegenüber-
ftehen, wacht von hoher Felfenwarte aus das Lehramt
unferer heiligen katholifchen Kirche. Und darum wird
auch recht behalten unfer erhabener Prieftergreis auf
Petri Stuhl, der die ihm anvertraute Herde mit allem
Ernfte vor diefem Gifte warnt und die Quellen zu ver-
ftopfen fucht, die folch trübe Waffer auch in die katho-
lifche Theologie leiten wollen' (S. 215). Ob doch am
Ende eine Geiftesmacht in diefer proteftantifchen Theologie
fteckt? Und — zum verwundern ifts! — der Verf.
läßt fogar an der Form diefer gefährlichen Predigtweife
allerlei Vorbildliches gelten, unfere religiöfe Volkskunde
findet feinen uneingefchränkten Beifall, und daß die katho-
lifche Theologie an den Anregungen, die die Kirchenkunde
bietet, achtlos bisher vorübergegangen ift, darüber
fpricht er fein lebhaftes Bedauern aus (S. 179 f.). Am
Schluffe des Ganzen beklagt fich der Verf., daß man
proteftantifcherfeits die katholifche Lehre nur immer in
einem Zerrbilde darftelle, ,fo daß ein gegenfeitiges Ver-
ftehen und friedliches Zusammenarbeiten zurzeit völlig
unmöglich ift' (S. 235) — ein würdiger Schluß für eine
Schrift, wie diefe.

Halle a. S. Paul Drews.

Manskopf, Johannes: Der Mann Gottes in der bildenden

Kunrt. Mit 15 Bildertaf. u. 8 Abbildgn im Text. Tübingen,
J. C. B. Mohr 1910. (III, 64 S.) 8° M. 2 —; geb. M. 3 —

Wer ift ,der Mann Gottes'? .Mann Gottes' heißt Mofes
Dt- 33, I, Samuel I. Sam. 9,6, Elia I. Kön. 17, 18. 24
II Kön. 1, 10. 12, der wenig bekannte Semaja I. Kön. 12, 22,
alfo der Prophet. Welches ift nun ,der Mann Gottes' in
der bildenden Kunft, den Manskopf fich zum Gegen-
ftand feiner Unterfuchung genommen? Niemand kann es
wiffen, der nicht den erften Abfatz der vorliegenden
Schrift gelefen. Da erfährt der zunächft etwas über-
rafchte Lefer: es handelt fich in den folgenden Ausführungen
nicht um einen Mann Gottes, fondern um
Männer Gottes, und wiederum handelt es fich nicht um
eine Ikonographie der Männer Gottes, fondern: ,um die
Darfteilung der drei größten Perfönlichkeiten aus der
Zahl der Männer Gottes, von denen die Bibel erzählt,
um die des Mofes, des Jeremia, des Paulus, und zwar
vornehmlich um ihre wichtigften Porträts, um den Mofes
und Jeremia von Michelangelo, den Paulus von Dürer
und den Paulus im Gefängnis von Rembrandt (aus dem
Jahre 1627, im Mufeum zu Stuttgart)'. Nachdem nun
aber die ftarke Unklarheit des Titels, aus dem kein
Menfch den wirklichen Inhalt ahnen kann und den der
Verfaffer etwas konkreter hätte geftalten müffen, behoben
, zugleich hinter die Worte, die als die drei größten
Perfönlichkeiten der Bibel Mofes, Jeremias und Paulus
bezeichnen, an den Rand: Und wo bleibt Chriftus 1 ge-
fchrieben, endlich angemerkt ift, daß der Ausdruck
.Porträts' ungenau, erhält der Lefer zu reinem Genuß,
der bis zum Ende anhält und wächft, eine feinfinnige,
tiefe, pfychologifch gerichtete — wiewohl das rein Künft-
lenfche nicht überfehende — Einführung und Einfühlung