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1911 Nr. 16

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494-495

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(ohne Kategorisierung)

Titel/Untertitel:

Zwingliana. Mitteilungen zur Geschichte Zwinglis und der Reformation. 1910. (Bd. II, Nr. 11 u. 12.) 1911

Rezensent:

Bossert, Gustav

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Theologifche Literaturzeitung 1911 Nr. 16.

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katholifchen, ernfthafte Wiffenfchaft treibenden Manne
wie G. Akten der Zeit vor 1847 vorenthalten konnte, ift
fchwer zu verftehen. Zwar wird das meifte feiner Ausfuhrungen
durch die fo eifrig gehüteten Akten des Nun-
tiaturarchivs kaum wefentlich verändert werden können;
aber gewiß wären aus ihnen noch manche intereffante
Einzelheiten zu entnehmen gewefen (fo zu S. 116). Die
Darfteilung ift im ganzen glücklich. G. verfteht es, verwickelte
gefchichtliche Vorgänge klar zu fchildern und
die damit verbundenen fchwierigen kirchen- und ftaats-
rechtlichen Fragen gefchickt zu analyfieren. Doch leidet
die Darfteilung darunter, daß er, wohl in dem Streben
nach möglichft gewiffenhafter Berichterftattung, auch
weniger wichtige Begebenheiten in größter Ausführlichkeit
vorführt; Verhandlungen, die fchlechterdings zu keinem
konkreten Ergebnis geführt haben (vgl. z. B. S. 82 ff),
konnten getroft etwas kürzer abgemacht werden; dadurch
hätte das Werk an Plaftik gewonnen. Der Stil ift faft
durchweg fließend, aber nicht frei von gelegentlichen
Ungefchicklichkeiten und fchweizerifchen Eigentümlichkeiten
; dahin gehört auch der fatale Bindestrich zwifchen
Adjektiv und Subftantiv (z.B. .Wiener-Kongreß', .Luzerner-
Projekt'). Der Verfaffer ift offenbar um gerechte Beurteilung
der Handelnden bemüht; ob erfie immer erreicht,
ift eine andere Frage. Gewiß wäre es kleinlich, dem
katholifchen Geiftlichen zu verargen, daß er für den
Landammann Karl von Müller-Friedberg keine Sympathien
befitzt, den eigentlichen Rädelsführer bei der Aufhebung
des altehrwürdigen Klofters St. Gallen und
heftigften Gegner aller Verfuche, es wieder herzuftellen.
Daß die Aufhebung St. Gallens, wie man auch fonft über
fie denken mag, zum minderten ftaatsrechtlich eine
äußern: anfechtbare Maßregel gewefen ift, wird gerade
aus G.s Darlegungen völlig klar (z. B. S. 44; vgl auch
die intereffante Note des Landammanns Peter Glutz,
S. 26—29). In Vorurteilen befangen ift dagegen die
Charakteriftik Weffenbergs und feiner Bemühungen, dem
Bistum Konftanz feine fchweizerifchen Gebiete zu erhalten.
Weffenberg ift nach G. ein .Anhänger des Janfenismus
und Rationalismus, die damals (?) in Mode gekommen
waren und aus denen in der Folge (f) der Jofephinismus
als Amalgam beider entftand'; feine Beftrebungen find
nach G. fchon vor der Lostrennung der fchweizerifchen
Gebiete von Konftanz .kirchenfeindlich', ja die Loslöfung
von Konftanz wird einfach als Gegenfchlag einer tief
religiöfen fchweizerifchen Katholikenpartei gegen das unkirchliche
Treiben Ws, als ,Akt der Notwehr' gefchildert
(S. 53—64). Das ift, mild ausgedrückt, eine ganz ein-
feitige Auffaffung.

G.s Werk ift, alles in allem genommen, als ein lehrreicher
Beitrag zu der verworrenen neueren fchweizerifchen
Kirchengefchichte zu begrüßen. Man lernt durch diefes
Buch verftehen, das die Regelung der kirchlichen Frage,
die mit dem Umfturz von 1798 in der Schweiz aufgeworfen
wurde, fo viele Jahrzehnte erfordert hat, ja im
Grunde heute noch nicht völlig gelöft ift: gibt es doch
Kantone, die nur proviforifch an ein Bistum angefchloffen
find (S. 82). Schuld an diefer Verfchleppung ift die
.Kantönliwirtfchaft' mit allem was daranhängt. Befonders
intereffant ift der Abfchnitt des Werkes, der dem eigenartigen
Doppelbistum Chur-St. Gallen (1824—36) gewidmet
ift. Dies Doppelbistum, das, wie G. nachweift, höchft-
wahrfcheinlich auf einem Einfall des fchweizerifchen
Nuntius Ignatio Nafalli beruht, ift ein kirchenrechtliches
Unikum: zwei völlig felbftändige Bistümer, jedes mit
eigener Kathedrale, eigenem Kapitel,, eigenem Seminar,
doch beide mit einem gemeinfamen bifchöflichen Oberhaupt
, das die eine Hälfte des Jahres in Chur, die andere
in St. Gallen refidiert! Auch die .eigenartige Ausgeftal-
tuug der Autonomie des katholifchen Volksteils im Kanton,
fowie der Einfluß der weltlichen Behörden in kirchlichen
Dingen' im Bistum St. Gallen verdienen Beachtung. Von
den Geftalten, die G.s Darftellung an uns vorüberziehen

läßt, fei noch der letzte Fürltabt von St. Gallen genannt,
der Starrkopf Pankratius Vorfter, der nach feiner Vertreibung
26 Jahre lang ohne Unterlaß für die Wiedergewinnung
feines Stifts kämpft, bis er fleh fchließlich
auch vom päpftlichen Stuhle verlaffen fleht.

Leipzig. Karl Heuffi.

Zwingliana. Mitteilungen zur Gefchichte Zwingiis und der
Reformation. Herausgegeben vom Zwingliverein in
Zürich. Red.: G. Meyer von Knonau. 1910. [Band II.
Nr. 11 u. 12.] Zürich, Zürcher & Furrer. (S. 321—386.)
gr. 8° M. 1.50

Glücklicherweife hält fleh das vielfeitige und anregende
Organ des Zwinglivereins nach E. Eglis Tod auf
feiner Höhe, da in dem fchriftlichen Nachlaß diefes
fleißigen Gelehrten fleh noch eine Reihe Arbeiten fanden,
von denen eine gute Anzahl in Jahrgang 1910 mitgeteilt
werden. In die vorreformatorifche Zeit führt Egli, der
ehemalige Pfarrer von Dinhard, mit Mitteilungen aus den
Rechenrödeln der Kirche dort von 1510—44, welche einen
Blick in die Verwaltung des Kirchenguts vor der Reformation
und die Folgen der Reformation, namentlich
die Organifation der Armenpflege von 1534 an, tun laffen.
Weiter folgt die Fortfetzung der Biographien von Männern
aus Zwingiis Verkehr, Joh. Jak. Zurgilgen von Luzern,
Frid. Brunner, Pfarrer zu Glarus, und Landamman Hans
Äbli in Glarus, dem Stifter des Kappler Friedens 1529
und Begründer der Parität in der Schweiz. Sehr beachtenswert
ift Zwingiis Wort: Der Friede, den ihr wollt,
ift der Krieg. Der Krieg, den ich will, ift der Friede.
Diefes Lebensbild ift S. 370—377 für den Hiftoriker von
hervorragender Wichtigkeit. Das Ergebnis der ehrlichen
Friedenspolitik Äblis gibt Egli mit den Worten: Die
nationale Entwicklung ift auf Jahrhunderte hinaus lahmgelegt
worden (S. 377). Weiter werden die chronikalifchen
Notizen 1508/31 und 1524 fortgefetzt. Meifter Hans
Lördeßly wird ein Mann mit leerer Tafche fein. Die
Lefung ift nicht anzuzweifeln. Lebendig fchildert Egli
die cause celebre der am 26. Juni 1526 vom Landvogt
zu Baden abgefangenen 4 Briefe der Straßburger und
Basler an Zwingli, Pellican und Myconius. Egli ift es
gelungen, die Briefe in deutfeher Überfetzung im Archiv
von Solothurn aufzufinden. Er teilt den von Farel an
O. Myconius vom 4. Juni 1526 und den von Capito an
Pellican vom 11. Juni mit. Sodann ftellt er feft, daß
Bullinger in feiner Reformationsgefchichte 1, 340fr irrtümlich
das Martyrium Hans Hüglins um ein Jahr zufrüh
angefetzt hat. Diefer Anachronismus wird wohl auch
ein Licht auf die zu frühe Datierung des Züricher Religionsmandats
durch Bullinger werfen. Es wird auch hier
gelten, was Egli fagt: Die Länge der Zeit hatte ihm die
richtige Erinnerung verwifcht. In kleinen Notizen gibt
Egli Auskunft über Zwingiis Urgroßmutter und feinen
Großvater, weift eine unbekannte Schrift gegen Zwingli
von Hieron. von Monopolis, Profeffor in Padua, sodalis
des Thomas Rliadinus, zuletzt Erzbifchof in Tarent, nach
und beleuchtet den Verkehr Albrecht Dürers mit Zürich.
Bezeichnend für die mittelalterliche Wertung der P>au
ift das Briefchen eines Knaben an feinen Vater, den Befehlshaber
im Pavierzug 1512, Jak. Stapfer. Der Kleine
bittet feinen Vater, ihn bald nach Italien holen zu laffen,
,denn ich fürcht mir under fo vel wybren. Mir war
heimlicher under dinem volk, weder bi fo vel wybren'
(S. 349). Walther Köhler, der nicht nur als Profeffor,
fondern auch als Mitarbeiter an der Zwingli-Ausgabe
und den Zwingliana in die durch Eglis Tod eingetretene
Lücke getreten ift, hebt aus Daniel Grefers Selbft-
biographie den Abfchnitt über Zwingli in Marburg, der
bisher von den Zwinglibiographen nicht beachtet wurde,
heraus. Ift Brenz der Zimmergenoffe Ökolampads gewefen
, der fein Gebet gehört hat? (S.324). Das Merianfche