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Ausgabe:

1911 Nr. 16

Spalte:

492-494

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Gschwend, Fridolin

Titel/Untertitel:

Die Errichtung des Bist. St. Gallen. 2 Teile 1911

Rezensent:

Heussi, Karl

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Theologifche Literaturzeitung 1911 Nr. 16.

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begegnet uns Gregorovius' Gefchichte der Stadt Rom. Beffer
wäre es ficher gewefen, nur die urfprünglichen Quellen
reden zu laffen: die Tatfachen allein predigen gewöhnlich
eindringlicher als Erörterungen über fie. Dazu kommt
daß durch neuere Forfchungen vieles früher Gültige überholt
ift. Ich greife nur eins heraus. Wenn Weber (vgl.
S. 13, 14) behauptet, Sittlichkeit und Familienleben waren
aus allen Schichten der Gefellfchaft verfchwunden, fo
fteht dem fchroff entgegen, was wir in J. Geffckens Schrift
,Aus der Werdezeit des Chriftentums' (S. 12) lefen. In
Bezug auf die Anmerkung S. 19 ift zu bemerken, daß
fie infofern überflüffig ift, als das dort angezogene Kap. 65
aus Juftins I. Apologie S. 24 f. felbft folgt. Zudem find
Deimels Auseinanderfetzungen zu der Juftinftelle ungenau
. Zu Juftins Zeit kann man doch nicht mehr von den
,erften Chriften' fprechen und noch nicht fagen, es fei
bei den gottesdienftlichen Verfammlungen üblich gewefen
, ,zu wiederholen, was Chriftus bei feinem letzten
Mahle tat, zu opfern und zu kommunizieren'. Ebenfo-
wenig wurde damals nach der ,Kommunion' ,die Ver-
fammlung mit einem gemeinfchaftlichen Mahle (Agape),
zum Zeichen brüderlicher Liebe und Einheit befchloffen'.
Gerade bei Juftin ift die Trennung der Agapen von der
Euchariftie zuerft nachweisbar.

Kann man fich als Proteftant fonft im allgemeinen mit
dem einverftanden erklären, was in der erften Abteilung
von Deimels Werk gefagt ift, fo wird die Sache anders in
dem zweiten Teile, der das Mittelalter zum Gegenftande hat.
Als katholifcher Apologet muß Deimel aus dem katho-
lifchen und proteftantifchen Lager folche Zeugen und von
diefen nur folche Stellen heranziehen, welche die katholifche
Kirche, das Wort im weiteften Sinne genommen, in gün-
ftigem Lichte erfcheinen laffen. Ein Bonifaz 8. wird unter
die größten undmerkwürdigftenPäpfte gerechnet, die Bulle
Unam sanctam nicht nur in ihrem vollen Wortlaut wiedergegeben
: in einem befonderen Abfchnitt wird auch ihr
Gedankengang noch einmal reproduziert. Nikolaus 5. wird
gepriefen als Förderer von Kunft und Wiffenfchaft; daß
er der Papft ift, der alle Reformen vereitelte, die dem
deutfchen Volke 1439 zugefichert worden waren, daß er
Deutfchland finanziell fehr hart bedrückte, davon hören
wir natürlich nichts.

Unter der Überfchrift .Galilei' finden wir zunächft
eine Erörterung aus Weiß' Weltgefchichte. Nachdem
die Proteftanten ohne jeden erfichtlichen Grund an diefer
Stelle fcharf getadelt worden find, daß fie ,die Bibel für
die einzige Quelle des Glaubens halten', wird eine Reihe
von Kirchenlehrern angeführt, die als Träger der Tradition
gelehrt hätten, die Frage nach dem Weltfyftem
fei eine äußere, den chriftlichen Glauben nicht berührende
Angelegenheit, die der freien Forfchung überlaffen werden
rnüfie. Auch Thomas von Aquino kommt zu Wort:
das ptolemäifche Syftem könne gelehrt werden, aber
auch das entgegengefetzte, ohne Gefahr für den Glauben.
Danach follte man meinen, Galilei fei nicht behelligt
worden, als er diefe ,entgegengefetzte' Lehre vortrug.
Aber er hat fie abfchwören müffen und die Abfchwörungs-
formel, wie es bei der Inquifition Sitte war, kniend ver-
lefen. Intereffant ift zu lefen, wie katholifche (auch alt-
katholifche) Schriftfteller das Vorgehen der Kirche zu
rechtfertigen verfuchen. Weiß erklärt, Galilei ,ift nicht
als guter Aftronom, fondern als fchlechter Theolog verfolgt
worden' . .. Das Urteil des Offiziums hatte ,nur
für das Gebiet der Kirchendifziplin Bedeutung, nicht für
die Glaubenslehre'. Und doch haben die Werke des
Kopernikus und Galilei bis 183S auf dem Index geftanden!
— Das Konzil zu Konftanz wird gerühmt als die glän-
zendfte Verfammlung des Mittelalters und als der höchfte
Richterftuhl. Von feinen Befchlüffen über die Stellung
des Papftes zum Konzil hören wir nichts, —

Was wir über die Neuzeit in Deimels Buch finden,
enthält die übliche Schönfärberei alles Katholifchen vor
und nach der Reformation und die bekannte Herabfetzung

alles Proteftantifchen. Nur einiges hebe ich heraus. Aus
Burgs .Proteftantifchen Gefchichtslügen' ift unter der Überfchrift
.Gefchichte und Inhalt der Augsburger Konfeffion'
u. a. der Satz angeführt: Der Dienft der Heiligen wird
nicht ganz verworfen. In Art. 26 wird nach Burg die
Notwendigkeit des Faftens gelehrt; in Wirklichkeit
wird in der Conf. Aug. verworfen, daß man einen
nötigen Dienft aus dem Faften mache.

S. 352 ift die Rede von den wiffenfchaftlichen und
künftlerifchen Leiftungen der Jefuiten. Da werden fie
gepriefen als die Retter alles deffen, was Kunft heißt
gegenüber ,der wahnwitzigen Ikonoklaftie des Pro-
teftantismus'. .Ohne die Weiterpfiege der Kunfttra-
dition durch die Jefuiten würden Leffing und Winckel-
mann gar keine Antiken, kein klaffifches Material des
Studiums mehr gefunden haben'; ohne die Jefuiten .würden
wir heute auch in diefen Dingen in ganz proteftantifcher
Splitternacktheit daftehen'.

Den .geiftigen Strömungen' der Neuzeit find auf
vier Seiten drei Abfchnitte gewidmet: ,Der Rationalismus
. Die romantifche Schule. Die Religionsfeindlichkeit
des Sozialismus'. Auszüge aus dem neuen Syllabus
und aus der Enzyklika .Pascendi dominici gregis' be-
fchließen diefe kirchengefchichtliche Apologie, beffer gefagt
, diefe Apologie der Ultramontanismus.

Wandsbek. Heinrich Rinn.

Gfchwend, Dr. Fridolin: Die Errichtung des Bist. St. Gallen.

2 Tie. (XVI, 506 S.) gr. 8°. Stans, H. v. Matt & Co.
1909. M. 7.20

G. zeichnet ein bis in die Einzelheiten hinein voll-
ftändiges Bild der kirchenrechtlichen Entwicklung, die
die katholifche Kirche in dem feit 1803 zum Kanton
St. Gallen zufammengefchloffenen fchweizerifchen Gebiet
in den Jahren 1798—1847 erlebt hat. Eine kurze Einleitung
(S. XIII—XVI) fchildert die Zerfplitterung, die
vor 1798 in kirchlicher wie politifcher Hinficht in diefem
Gebiete herrfchte. Darauf werden in einem I. Teile
(S. 3—156) die Ereigniffe von der Errichtung der Hel-
vetifchen Republik und der Säkularifation des alten
Stifts St. Gallen (1798) bis zur Errichtung des eigenartigen
Doppelbistums Chur-St. Gallen (1824) dargeftellt.
Der II. Teil (S. 159—249) erzählt von den Schickfalen,
die diefes Kompromißgebilde bis zu feiner kirchlichen
Aufhebung (1836) erfahren hat. Schließlich der III. Teil,
bei weitem der ausführlichfte (S. 253—44.5), ift den langwierigen
, auf die Errichtung eines nicht mit Chur verbundenen
Bistums St. Gallen abzielenden Verhandlungen
und der endgültigen Errichtung diefes Bistums (1847)
gewidmet. In einem Anhang (S. 447—502) find wichtige

! Quellen abgedruckt.

Es ift ein an fehler endlofen Wirren und Kämpfen,
an fchwierigen kirchen- und ftaatsrechlichen Problemen
reicher Ausfchnitt aus der neueren Gefchichte der katholifchen
Kirche, den G. uns vorführt. Sein Werk ift auf
der foliden Grundlage fleißigen Aktenftudiums aufgebaut.
Wie weit das ungedruckte Material im einzelnen richtig
interpretiert ift, wird natürlich erft der künftige Forfcher
erfchöpfend nachprüfen können, der einmal diefelben
Akten durchnehmen wird. G. glaubt das in den Archiven
vorhandene Quellenmaterial .ziemlich vollftändig' gefunden
zu haben. Jedenfalls ift unfer bisheriges Wiffen
um diefen Gegenftand befonders durch den III. Teil des
Werkes erheblich bereichert worden. Aber auch zum
I. und II. Teile hat G. neue Quellen beizubringen gewußt;
ich nenne nur die intereflante Note Napoleons zur Frage
der Wiederaufrichtung des Klofters St. Gallen (S. 450).
Im Intereffe des Buches ift es zu bedauern, daß dem
Verfaffer die Akten des fchweizerifchen Nuntiaturarchivs,
deffen Ort — es galt lange für verfchollen — er nach
vielem Suchen ausfindig gemacht hat, vollftändig ver-

I fchloffen geblieben find (S. V). Daß man einem gut