Recherche – Detailansicht

Ausgabe:

1911 Nr. 16

Spalte:

487-489

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Robertson, John M.

Titel/Untertitel:

Die Evangelien-Mythen. 2. Tsd 1911

Rezensent:

Dibelius, Martin

Ansicht Scan:

Seite 1, Seite 2

Download Scan:

PDF

487

Theologifche Literaturzeitung 1911 Nr. 16.

488

anderen Satzes oder Wortes ergaben; folche Komplexe 1
von Einzeldeutungen bildeten die urfprünglichen, die echten
Pethihoth (S. 7.). Aus den echten Pethihoth, die nach
Belieben umgearbeitet, zugeftutzt oder erweitert wurden,
find die uns vorliegenden, unechten Pethihoth hervorgegangen
, welche in der Pefiqta gefammelt wurden, fo daß
die Pefiqta im gründe nichts anderes ift, als Pethiha-
formularien für die ausgezeichneten Sabbathe und Fefte,
wobei man einige fortlaufende Erklärungen zu einigen |
Sätzen der Lektion noch mit übernahm (S. 35.). Für diefe
Aufftellung bietet der Verfaffer keinen anderen Beweis,
als die Tatfache, daß nnB auch ,Auffchluß geben' ,er-
fchließen' bedeutet; nur in diefem Sinne fei es — fo meint |
der Verfaffer — ein rabbinifcher Terminus, fo daß die übliche
Terminologie einer Pethiha nriD '5 "l überfetzt werden
muß: ,Rabbi P. gab folgenden Auffchluß', nicht aber,
wie bisher ftets gefchehen: /Rabbi P. begann' (nämlich
feinen Vortrag).

Daß ntiB in dem angegebenen Sinne mehr als ein
anfchaulicher, tropifcher Ausdruck, daß es ein wirklicher
Terminus ift, hat der Verfaffer vergebens zu erweifen geflieht
. Hingegen hat er die einfehlägige Literatur über
die Pethiha (Monatsfchr. f. Gefchichte u. Wiffenfch. d.
Judent. 1879 Jahrg. 28. S. 97 ff. —'das. 1885 J. 34. S. 174 ff.)-
gar nicht berückfichtigt und ift ebenfo wenig auf die bisherigen
Anfchauungen irgendwie eingegangen, um fie zu
widerlegen. Es ift ihm fogar das entfeheidende Moment
entgangen, welches gerade in der Pefiqta fo augenfällig
hervortritt, daß nämlich die Pethiha ftets nur an den
erften Vers des Abfchnittes oder der Lektion anknüpft,
niemals an einen Vers in der Mitte oder am Ende. Es
wird auch nirgends zwifchen Pethiha und Pethira vom
Verfaffer unterfchieden. Seltfam berührt die Manier, mit
der Affyrer, Babyloner und Araber aufgeboten werden,
um die ganze Agada als eine Rätfeiliteratur nachzuweifen.
Der Verfaffer fährt dann (S. 9.) fort: ,Nach all dem Ge-
fagten dürfte die Agada (man, fiTSt) nicht von T553
(Tfon), fondern man und Tat: von jener uralten Orakel-
Terminologie herftammen. man ift die Entfcheidung, die
Deutung, Tat: der (das) Entfeheidende, der (das) Deutende
'. ■— Diefe Probe allein genügt wohl fchon, um fich
ein Urteil über den wiffenfehaftlichen Wert des Schriftchens
zu bilden. Der Grundgedanke, der über das Wefen
der Pethiha ausgefprochen wird, ift ein reines Spiel der
Phantafie, findet in dem verhandenen Pethihoth-Material
keine Begründung. Was der Verfaffer an Etymologien
und Parallelen dafür vorbringt, muß als völlig verfehlt
bezeichnet werden.

Pofen. Philipp Bloch.

Robert Ton, John M.: Die Evangelien-Mythen. Mit Vorwort
des Verf. f. die deutfehe Ausg. Berechtigte Uberfetzg.
aus dem Engl. 2. Tauf. (241 S.) 8°. Jena, E. Die-
derichs 1910. M. 3—; geb. M. 4 —

Dies Buch bildet den dritten Teil der Unterfuchungen
Robertfons über ,Chriftentum und Mythologie', deren erfte
Abfchnitte fich mit dem ,Fortfchritt der Mythologie' und
.Chriftus und Krifchna' befaffen. Die Grundthefe diefes
Teils gibt der Autor felbft in dem Satze an, ,daß eine
Anzahl von Data wunderbarer und nicht wunderbarer

Natur in den chriftlichen Evangelien..........in

Wirklichkeit lediglich Adaptierungen von Mythen weit
höheren Alters find, und daß infolgedeffen die behauptete
oder erfchloffene Perfönlichkeit des Stifters unter dem
unaufhebbaren Verdacht fteht, ebenfo fehr mythifchen
Charakters zu fein wie die Perfönlichkeit der Halbgötter
der älteren Volksfagen' (S. 8) — oder um die Sache mit
der nicht gerade fchönen Terminologie diefer deutfehen
Überfetzung auszudrücken: ,der Chriftismus war nur auf
Judaismus gepfropfter Neo-Paganismus'.

Die Grundzüge von Robertfons Anfchauung find aus

der Drews-Debatte zur Genüge1|bekannt. Es darf alfo
nicht wunder nehmen, daß wir hier drei typifchen Kennzeichen
diefer Debatte wieder begegnen: 1) ,mythifch' wird
unterfchiedslos auf Sage und Mythus angewendet, 2) es
werden Beweife für die Geltung der Tradition beanfprucht,
wo doch denen die Beweispflicht obliegt, die der Tradition
die Zuverläffigkeit in Baufch und Bogen abfprechen (d. h.
der evangelifchen Tradition — der ,fchattenhafte Jefus
Ben Pandira des Talmud' ,mag für irgendwelche vergeffene
Irrlehre 100 Jahre „vor Chriftus" geftorben fein' S. 216),
3) die Analyfe der einzelnen evangelifchen Perikopen
vermag uns kein Bild von der Entftehung der evangelifchen
Überlieferung zu geben.

Rundet fich die Darfteilung alfo auch nicht zu einem
Gefchichtsbild, fo ift der Autor doch bemüht, den Prozeß
aufzuzeigen, in dem fich Mythen zu evangelifchen Traditionen
gewandelt haben. Nur daß folche Darfteilung,
auch wenn fie richtig wäre, wohl die Exiftenz urchrift-
licher Theologumena erklären würde, nicht aber das Vorhandenfein
unferer Evangelien, die den Widerfpruch
zwifchen Tradition und Legende deutlich erkennen laffen.
Diefer Widerfpruch ift dem Autor auch keineswsgs entgangen
; allein er will ihn faft durchweg — nur die Kreuzigung
des Jefus Ben Pandira wird als möglicherweife
hiftorifch angenommen (S. 145) — durch die Annahme
erklären, ein Mythus fei auf den anderen aufgepfropft
worden.

So ift nach Robertfon die Tradition, von einem menfchlichen Vater
Jefu — eigentlich ,vom Standpunkte des Mythologen wie von dem des
Gläubigen' ,etwas wie ein Crux (sie!) in der Legende' — aus der Erwartung
des Meffias Ben Jofef entftanden (S. 40). Die Differenzen der Sal-
bungsperikopen werden mit der Annahme erklärt, eine mythifche Epifode
fei von den einen ,knapp und zeremoniell', von den andern ,pathetifch
und emotional' gehaltet worden (S. 88) (die Kunft, die ftiliftifche
Eigenart einer Erzählung zu charakterifieren, ift dem Autor nicht gerade
geläufig). Die legendären Tendenzen auffällig widerfprechende Verleug-
nungsgefchichte ift nach R. dennoch ein ,Mythus'. Entweder führte die
Identifizierung des Petrus mit Mithras oder Janus ,zur Erfindung der Gefchichte
mit dem Zweck, die „zwei Gefichter" zu erklären'; oder ein von
einer feindlichen Partei gegen das Andenken des Petrus gefchleuderter
Vorwurf bewirkte die Identifizierung ,mit dem doppelgefichtigen Janus
oder dem unbeftändigen Proteus' (S. 107).

Bei der Übertragung heidnifcher Mythen ins Chrift-
liche läßt R. mehrfach ein primitives jefuiftifchesMyfterien-
drama' eine Rolle fpielen. Daneben fcheinen ihm als
Faktoren in dem von ihm konftruierten Prozeß der Mythenbildung
befonders Werke der bildenden Kunft in Betracht
zu kommen.

,Die Darftellung eines vornüber gebeugten Atlas auf einem Bergesgipfel
, wie er dem Sonnengott den Erdball hinhält, konnte .... einem
Urchrifteu als die Geftalt des Böfen erfcheinen, der Jefus die Königreiche
der Erde anbietet' (S. 68). Und auf die — m. E. überflüffige — Frage
nach der Siebenzahl in Joh. 21 antwortet R., daß ,der Schlüffel hierzu
in den mithraiftifchen Katakombenreften bereitliege' — er meint die
Septem pii sacerdotes der Vincentiusgruft in der Prätextatkatakombe der
Via Appia (S. 151).

Eines dürfte fich aus den zitierten Beifpielen bereits
ergeben: Der oberfte Grundfatz religionsvergleichender
Forfchung, Entlehnungshypothefen nur dann aufzuftellen,
wenn näherliegende Erklärungen vertagen, und andernfalls
nur von Analogie, nicht aber von Genealogie zu reden —
diefer Grundfatz exiftiert für Robertfon nicht, weil er von
vornherein davon überzeugt ift, das ,chriftliche Syftem'
fei ,ein Flickwerk aus hunderten von fuggerierten Stücken,
wie fie von heidnifcher Kunft und rituellen Bräuchen
ausgingen'. So kann der Lefer unmöglich zu einer Freude
an manchen beachtenswerten Hinweifen auf religions-
gefchichtliche Parallelen kommen, weil diefe Parallelen
methodifch mißbraucht werden. Zudem entfpricht der
offenbar refpektablen Belefenheit des Autors auf dem
Gebiet der Religionsgefchichte feine Kenntnis neuteftament-
licher Forfchung keineswegs. Sonft würde er in dem
zweiten Teil (,Mythen der Lehre') nicht offene Türen
einrennen, indem er auf die Unftimmigkeiten in den
Perikopeneinleitungen verweift (vgl. dazu meine foeben
erfcheinende Unterfuchung ,die urchriftl. Überlieferung
von Johannes dem Täufer' S. 4 ff), die Varianten der