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Ausgabe:

1911 Nr. 15

Spalte:

460-463

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Tournebize, Fr.

Titel/Untertitel:

Histoire politique et religieuse de l‘Arménie 1911

Rezensent:

Conybeare, Frederick C.

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Theologifche Literaturzeitung 1911 Nr. 15.

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graphie, die Zunz in feinem Werke ,Zur Gefchichte und
Literatur' (1845) der Gefchichte der Juden in Sizilien
widmete (S. 484—535), nimmt der in vorliegender Schrift
behandelte Zeitraum nur eine geringe Stelle ein; dasfelbe
gilt von dem Kapitel, das Güdmann in feiner Gefchichte
des Unterrichtswefens und der Kultur der Juden in Italien
(1884) den Juden von Sizilien widmete (S. 286—292). Es
liegt dies daran, daß für die Zeit der normannifchen und
ftaufifchen Herrfchaft die Quellen viel geringeren Stoff
bieten, als für das 14. und 15. Jahrhundert. Aber gerade
diefe Zeit des Überganges von der arabifchen Herrfchaft
auf Sizilien zum vollen Siege des Chriftentums begründete
jene Eigenartigkeit der fozialen und rechtlichen Verhält-
niffe der Juden Siziliens, die ihre Gefchichte fich aus der
Gefchichte der Juden im Mittelalter fo merkbar abheben
läßt. Darum war es ein fehr verdienftvolles Unternehmen,
diefen Abfchnitt der jüdifchen Gefchichte zum Gegen-
ftande einer zufammenfaffenden Darfteilung zu machen.
Mit ficherer hiftorifcher Methode und mit Benutzung des
ganzen Quellenmaterials hat der Verfaffer feine Aufgabe
durchgeführt und eine fowohl den allgemein gefchicht-
lichen, als den fpeziellen, aus dem Gegenftande fich ergebenden
Gefichtspunkten gerecht werdende, gut ge-
fchriebene Darftellung geboten, die als willkommener
Beitrag zur Gefchichte der Juden im Mittelalter betrachtet
werden darf. Nach einer über die Literatur Rechenfchaft
gebenden Einleitung (1—4) befpricht Verfaffer die .grundlegenden
politifchen und kulturellen Verhältniffe' (4—17),
fchildert dann die Beziehungen der Juden zum Staate
und zwar ihre ftaatsrechtliche Stellung (17—24), wobei
befonders das Judengefetz Kaifer Friedrichs II. beleuchtet
wird, und ihre Steuern (25—-44), mit eingehender Darlegung
des den Juden zugeftandenen Seide- und Färbereimonopols
, ferner die Stellung der Juden im öffentlichen
Rechte (44—52). Ein befonderes Kapitel behandelt die
rechtlichen Beziehungen der Juden zu den Städten und
zur Kirche (52—62). Im Kapitel über das Wirtfchafts-
leben der Juden (62—74) treten die von den Juden Siziliens
zumeift betriebenen beiden Gewerbe, auf die das
erwähnte Monopol Bezug hat, in den Vordergrund; be-
fondere Beachtung verdient die aus den Quellen fich
ergebende Erfcheinung, daß die Juden auf Sizilien vor-
zugsweife den Handwerkerftand bildeten und nur in
geringem Maße am Großhandel und Darlehensgefchäften
fich beteiligten. Aus dem Kapitel über die innere Ver-
faffung der Juden (75—79) fei die Benennung sacerdos
für den Rabbiner hervorgehoben (in Muzzara wurde er
vom Bifchof der Stadt ernannt), fowie die am Ende des
13. Jahrhunderts kreierte Stellung eines magister Judae-
orum. Im Kapitel über die geiftige Kultur (S. 79—91)
ragt die Geftalt Friedrichs II. ebenfo empor, wie in den
früheren Kapiteln. Seine Beziehungen zu gelehrten Juden
gehören der allgemeinen Kultur- und Literaturgefchichte
an. Erwähnung hätte die intereffante Tatfache verdient,
daß Jakob b. Abbamari Anatoli in feinem philofophifchen
Predigtbuche, dem auch der Verfaffer einige Seiten
widmet, aus dem perfönlichen Verkehr mit dem Kaifer
eine Anficht des letzteren über die biblifchen Opfer-
gefetze mitteilt (Z.d.D. M.G. LXIV, 84—86). Die Schlußbetrachtung
(91—94) betont die hauptfächlichen Ergebniffe
der Darftellung, befonders was die Gefchichte der Juden
Siziliens als ein Stück der fizilifchen Landesgefchichte
und was ihre Eigenart innerhalb der Gefchichte der
europäifchen Juden des Mittelalters betrifft. ,Um die
Nachprüfung des Gefügten zu erleichtern', ftellt der Verfaffer
am Schluffe (95 — 114) die benutzten Belege aus-
zugsweife zufammen; diefe Auszüge beginnen mit dem
Jahre 1086 und fchließen mit 1312.

Budapeft. W. Bacher.

Bettin, Dr. Hans: Heinrich II. von Champagne. Seine Kreuzfahrt
und Wirkfamkeit im heiligen Lande (1190—1197).
(Hiftorifche Studien, veröffentlicht von E. Ebering.
Heft LXXXV.) Berlin, E. Ebering 1910. (151 S. m.
1 Stammtafel.) gr. 8° M. 4 —

Diefe allem Anfcheine nach methodifch und fehr
forgfältig gearbeitete Differtation handelt zur Einführung
von der Stellung der Grafen von Blois-Champagne in
der zweiten Hälfte des 12. Jhs. und von Heinrichs II.
Leben bis zum Aufbruch nach dem heiligen Lande. Im
1. Abfchnitte erzählt fie die Fahrt dorthin; im 2. Ab-
fchnitte fchildert fie die Vorgänge vor Akka, an denen
Heinrich beteiligt war; namentlich kommt fein Verhalten
zu feinen beiden Oheimen, Philipp Auguft und Richard
Löwenherz, in Betracht. In diefem Abfchnitte werden
auch feine Vermählung mit Ifabella und die Umftände,
die dazu führten, dargelegt. Der dritte Abfchnitt hat
es mit feiner Tätigkeit als Herrfcher im heiligen Lande
zu tun (1192—1197); der vierte Abfchnitt berichtet von
feinen letzten Handlungen und feinem Tode und fchließt
mit dem Verfuche einer Würdigung feiner Perfönlichkeit.
Auch hier zeigen fich die Befonnenheit und Umficht des
Verfaffers: er hebt als befonders rühmenswert hervor,
daß Heinrich mit den geringen Mitteln, die ihm zu Gebote
ftanden, im heiligen Lande doch viel erreichte und
energifch daran arbeitete, das wirtfchaftlich vollkommen
darniederliegende Land in anftrengender Friedensarbeit
zu frifcher Blüte und neuem Wohlftand emporzuführen.
Was feine Stellung zur Kirche anbetrifft, fo war er gewiß
ein treuer Sohn feiner Kirche; das hinderte ihn aber
nicht, gegen Andersgläubige hoch ff. tolerant zu fein, was
ihm freilich durch den Unverftand abendländifcher Pilger
fehr fchwer gemacht wurde. Die Früchte feiner Arbeit
zu genießen, war ihm wegen feines frühen tragifchen
Todes nicht vergönnt.

Mir fcheint das Bild, das B. von Heinrich gezeichnet
hat, wohl gelungen zu fein;, als befonders verdien Mich
möchte ich hervorheben, daß er auf das wirtfchaftliche
Leben Paläftinas und die tolerante Gefinnung Heinrichs
hingewiefen hat.

Das Verzeichnis der von dem Verf. benützten Werke
umfaßt 19 Seiten (die Arbeit 122 Seiten); gewiß ein
Zeugnis für einen anerkennswerten Fleiß. Früher pflegten
fich derartige Arbeiten zu legitimieren durch eine kritifche
Aufzählung der Quellen; ich habe das immer für fehr
inftruktiv und zweckmäßig gehalten; es wäre fchade,
wenn es künftig wegfallen follte.

Kiel. G. Ficker.

Tournebize, Fr.: Histoire politique et religieuse de l'Armenie.

Depuis les origines des Armeniens jusqu' ä la mort
de leur dernier roi (l'an 1393). Avec une table alpha-
betique des noms et des matieres et trois cartes.
(872 S.) gr. 8° Paris, A. Picard et Fils (1910). fr. 10 —

Dies Buch hilft einem Mangel ab. Bisher gab es
keine franzöfifch gefchriebene Gefchichte, die des Anfchns
des armenifchen Volkes und feiner Kirche würdig war,
und der Verfaffer, der in Stambul gelebt hat und feine
Vorrede Syrien 1900 datiert, hat mit gutem Erfolge die
vielen franzöfifchen Überfetzungen armenifcher Hiftoriker
fowie die Berichte mittelalterlicher Gefchichtsfchreiber
benutzt. Er ift auch mit den Werken moderner Gelehrter
wie Geizer, Abbe Martin, N. Marr, Weber, Wetter, Gut-
fchmid, Tixeront, Langlois, Nau, Marquart, Carriere, Burkitt
u. a. bekannt.

Die erfte Hälfte des Buches befteht aus Artikeln, die
aus der Revue L'Orient chrctien abgedruckt find. Der
Verfaffer, der Unzulänglichkeit diefer früheren Studien
fich bewußt, fügt in der zweiten Hälfte des Bandes eine
Menge neuerer und reiferer Berichte hinzu, aus Quellen