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Ausgabe:

1911 Nr. 15

Spalte:

453-454

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Meyer, Richard M.

Titel/Untertitel:

Altgermanische Religionsgeschichte 1911

Rezensent:

Kauffmann, Friedrich

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453

Theologifche Literaturzeitung 1911 Nr. 15.

454

tums muten wunderlich an: ift Harnacks Dogmengefchichte
wirklich ein fo entlegenes Buch?

Daß auch die exakten Wiffenfchaften und die
Medizin behandelt werden, und zwar in äußerft feffelnder
Weife durch J. L. Heiberg, muß mit befonderem Danke
anerkannt werden.

So bieten die beiden Bände eine Fülle von Stoff und
von Anregung: glücklich die junge Philologengeneration,
der ein folcher Führer die Wege weift.

Jena. Hans Lietzmann.

Meyer, Richard M.: Altgermanifche Religionsgefchichte. Leipzig
, Quelle & Meyer 1910. (XX, 645 S.) gr. 8°

M. 16 —; geb. M. 17 —

Ein in literarifchen Reminiszenzen und Parallelen
fchwelgender Schrift fiel ler hat federgewandt eine landläufige
Mythologie aus dem äußerlichften aller Gründe
als Religionsgefchichte umgetauft (vgl. das Vorwort),
S. 486 ff. ein Kapitel mit der Überfchrift ,Gefchichte der
altgermanifchen Religion' untergebracht (es ift auf S. 534
fchon zu Endel) und das wichtigfte Ereignis aus der
Religionsgefchichte der Germanen, ihre Bekehrung zum
arianifchen bzw. orthodoxen Chriftentum gar nicht be-
rückfichtigt, obwohl für feine Darfteilung die Zeitgrenze
,mit dem Durchdringen des Chriftentums' gefetzt wurde'.1
Das Befondere an diefem gefchwätzigen und durch Druckfehler
über alle Maßen entftellten Buche ift, daß es vom
.Standpunkt eines aufgeklärten Heiden' (S. 65) in der Literatur
aller Völker und Zeiten orientiert, mit Aphorismen
vieler fchöner Geifter aufgeputzt worden ift, aber an den
deutfchen Volksüberlieferu ngen vorübergeht2. Für die
Stilform volkstümlichen deutfchen Denkens und Dichtens
(S. 595), für die Volkskunde hat der Verf. zuweilen wohl
freundliche Worte gefunden, feiner Kapazität nach fleht
er ihr aber offenbar wefensfremd gegenüber. ,Die Fortdauer
überwundener mythologifch-religiöfer Anfchauungen
in höher flehenden Epochen bezeichnen wir als Aberglauben
' (S. 44); damit ift das Hauptthema germanifcher
Religionsgefchichte berührt3 und dem Forfcher als Ziel
gedeckt, jene fortdauernden mythologifch-religiöfen Anfchauungen
quellenmäßig nachzuweifen. Aber wo unfer
Autor über die Quellen germanifcher Religionsgefchichte
fpricht, begnügt er fich damit, daß er unter den mittelbaren
Zeugniffen angibt .fortdauernde Überlieferungen,
und zwar in Sagen und Märchen, früher dark überfchätzt,
wie jetzt wieder von den atavidifchen Mythenvergleichern,
in Gebräuchen und Sitten (Johannesfeuer, Maifeier, Weihnachten
?)' S. 62; die .Bewertung der (mehr oder minder)
mündlichen Traditionen' lautet S. 64: ,die Folkloriden
find geneigt, diefen immer den erden Platz anzuweifen
... ich meine umgekehrt. . . die Märchen Rheinen mir fehr
oft aus vertrautem Umgang der Phantafie mit längd ge-
fedigten Bildern erd herausgewachfen' — wir aber fragen,
wo bleibt, wenn der Verf. auch noch fo kritifch dem
Märchen gegenüberdehen mag, der Volksbrauch und

1) Vgl. z. B. S. 44: ,Doch liegen auch für die Mifchung germa-
nifchen Heidentums mit dem Chriftentum intereffante Zeugniffe und Unter-
fuchungen vor, deren Analogie für ähnliche Legierungen in früheren
Perioden merkbar ift'.

2) Was uns andern das Folklore ift, das find für ihn aphoriftifche
Analogien. Ein Beifpiel für viele: ,Der Individualismus, der Partikularis-
mus, der Eigenfinn, Trotz und Neid im deutfchen Nationalcharakter.. .
fpiegelt fich in der leicht verworrenen, dnrcheinanderflutenden Götterwelt
ab, die dem Einbruch der Feinde nicht zu wehren weiß. Wie der
Dämon der Gewalt und der Lift ziehen Surt und Loki heran. Da aber,
wie 1813, wie 1870 gelingt das Wunder: Einigkeit, Aufgehen im Gefamt-
willen, Hingabe an den großen Moment; und der heftige Eigenbrödler
Thor, der märkifche Bauer, verfchwindet hinter dem Volkswillen wie
Odin, der fchwäbifche Ideolog, oder Tyr, der Erbe des alten öfter-
feichifchen Kriegsruhmes, wenn man folches Spiel mit Analogien dulden
will — hinter dem doch wohl eine Ahnung dauernder Verhältniffe liegt'
(s- 483).

3) ,Wir müffen von den Rudimenten einer älteren Auffaffung ausgehen
' S. 340.

die mythologifch-religiöfe Anfchauungs- und Denkform
unferes deutfchen Volkes? Wo er das Opferwefen
behandelt, hat er fich mit der Fülle des folkloriftifchen
Materials folgendermaßen abgefunden: ,wem wird geopfert
? allen übermenfehlichen Wefen: dem Fetifch, den
freigewordenen Seelen, den Dämonen ... So reicht noch
heute das erzgebirgifche Mädchen den Waffergeiftern die
erfle von ihr gearbeitete Spitze, der öfterreichifche Bauer
fpendet noch jetzt den Winddämonen; Spuren von Berg-
und Hügelkult leben vielleicht noch in den Höhenfeuern
fort, Sonnenfymbole vielleicht in den Rädern der Feft-
feuer' S. 409. Das heißt doch nichts anderes als auf
hiftorifche Interpretation verzichten1; und haben andere
(wie z. B. E. Lehmann) diefen Sonnenfymbolen ernfte
Forfcherarbeit gewidmet, fo find das nach R. M. Meyer
.kühne Hypothefen', die er ,für durchaus unerwiefene folk-
loriftifche Dogmen halten muß' S. 105. J. Grimm wird
S. 594 als derjenige bezeichnet, von dem die folkloriflifche
Methode in der Mythologie herftammt, der Verf. will
fich fogar wieder ungetrübt feiner .lebendig reinen Schöne'
erfreuen (S. 596), aber daß heute die von J. Grimm her-
ftammende folkloriftifche Mythologie regiert (S. 608), hat
ganz und gar nicht feinen Beifall gefunden; S. 609 wird
Mannhardt als Begründer der folkloriftifchen Mythologie
bezeichnet und ein in feinen Wirkungen fo gewaltiges
Werk wie die Wald- und Feldkulte in einer Zeile erledigt
(S. 610), dann folgen S. 612 Sätze wie ,die Folkloriden
leiften das Befte, foweit fie fich wirklich an ganz
primitive Verhältniffe halten; in ihrer Ausbeutung modernen
Aberglaubens find fie kaum vorfichtiger als
J. Grimm'; aber den ganzen Unmut über die von J. Grimm
abdämmende folkloridifche F'orfchungsmethode entlädt
M. erft S. 625 ff.; obwohl er kondatiert, es werde allgemein
,die Herrfchaft der folkloridifchen Richtung mit
hidorifchen Tendenzen' anzuerkennen fein, handelt es fich
fchließlich (S. 628) dabei nur noch ,um eine Mode oder
fagen wir höflicher, eine Stimmung, die fich der gefamten
Gefchichtsforfchung unferer Tage bemächtigt hat'.

Hiergegen lehnt fich R. M. Meyer auf. Wollte man
dies an fich als erfreulich begrüßen, fo erführe man die
peinliche Überrafchung, daß er fich wohl gegen die
folkloriftifche Richtung erhoben, aber fich — wie fchon
gezeigt wurde — mit ihr nicht abgefunden hat. Denn
feinem Buche fehlt es durchaus an einer felbftändigen Bearbeitung
des Stoffes und an Kritik der Quellen. Weidas
Buch Mey ers benützen will, braucht daneben die
bekannten Dardellungen von Mogk und Golther, um zu-
nächd den mythologifchen Rohdoff kennen zu lernen.
.Perfönlich fühle ich mich der Hilfe Mogks am meiden
verpflichtet, habe aber auch von Golthers überficht-
licher, reicher Stofffammlung und von E. H. Meyers
anfehaulicher Schilderung, zumal der niederen Pfycho-
logie dankbar viel gelernt' (S. 626). Statt die mythologifchen
Quellenftellen in kritifcher Bearbeitung feinen
Lefern vorzulegen, hat er fich begnügt, fie durch Ver-
weife auf feine Vorgänger zu erledigen und als Raifonneur
über den von andern gefammelten Stoff fich zu verbreiten
; wie er W. Müller zitiert, um fich durch ihn
Deckung zu verfchaffen, möge man auf S. 484 nachlefen;
M. hat aber nicht bedacht, daß damit die Forderung
an den Philologen, er habe vor allem feinen Stoff text-
kritifch, quellenkritifch und ftilkritifch zu bearbeiten, wenn
er Gefchichte fchreiben will, nicht illuforifch gemacht
worden ift.

Kiel. Friedrich Kauffmann.

1) Als .fymbolifche Opfer' fieht M. die log. Notfeuer an und fagt
von ihnen: ,der Brand lebt fort im Johannisfeuer. Eigentliches Notfeuer
ward noch 1855 im Braunfchweigifchen angezündet' (S. 417); nicht
einmal einen Hinweis auf die eingehenden Mitteilungen bei Ändree,
Braunschweig. Volkskunde, 2. Aufl., S. 427 ff., hat er feinen Lefern gegönnt
. Mit derfelben Teilnahmsloflgkeit ift er S. 420 an den .Kirmes-
effen' vorübergegangen.