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Ausgabe:

1911 Nr. 14

Spalte:

434-435

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Titel/Untertitel:

Schleiermacher‘s Glaubenslehre. Kritische Ausgabe. 1. Abt.: Einleitung v. Carl Stange 1911

Rezensent:

Mulert, Hermann

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Theologifche Literaturzeitung 1911 Nr. 14.

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book is patriotic, it is to, because I think, that what my
country most needs, is, that the truth should be told
to her. —

Freilich fo gar fchmerzlich ift diefe Wahrheit nicht.
So hält er, obwohl urfprünglich alle Ungarn als Freie
gleich waren, es für richtig für die, welche verfklavt
wurden, Sklaven zu fein und für die, welche durch Gewalt
oder Lift adlig geworden, ihre Vorrechte zu behalten
. Trotz der Zugeftändniffe ihrer Verderbtheit fragt
er: Even if we admit, that the leading gentry were short-
sighted, biassed, corrupt and even ruthless, what other
Hungarian element could have replaced them in the
conduct of the administration? — Doch an diefer Stelle
haben wir nicht das ganze Werk zu befprechen, das fich
in alle mögliche Fragen vertieft, Steuern, Handel, Ackerbau
, Viehzucht (vgl. die Befprechung im Athenaeum 1910,
8. Oktob. und ,Deutfche Lit.-Ztg.' 1911 Sp. 583), fondern
wir haben es hier nur mit dem kirchengefchichtlichen
Kapitel zu tun. M. glaubt, daß die überall zu beobachtende
Verbindung der feindlichen Konfeffionen mit poli-
tifchen und nationalen Elementen kaum irgendwo fo
deutlich zutage tritt wie in Ungarn. (Was hier über
Maximilians II. Schwanken gefagt wird, ift nicht ausreichend
und verrät wieder keine Kenntnis von R. Holtz-
manns genanntem Werk.) Der Proteftantismus wurde
hier gefördert von der nach der Türkei und nach Deutfch-
land um Hilfe ausblickenden Partei. Die Verbindung
mit den Türken erfchien wie eine Verleugnung der
Vergangenheit und Zukunft der Nation. Die fchnelle
Wiedereroberung verlorenen Gebietes durch Pazmany ift
nicht zuletzt feinen nationalen Abfichten zuzufchreiben,
er fchuf eine nationale Kirche. Viele betrachteten die
Proteftanten als ein Überbleibfei des Türkenjochs; wie
Spanien müßte Ungarn ebenfo wie von den Fremden fo
von religiös Diffentierenden gefäubert werden. M. hält
die Errichtung des Regnum Marianum in gewiffem Sinne
für berechtigt. Die Wiederherftellung des Katholizismus
bahnte dem Triumph der nationalen Idee und dem Wachstum
der kgl. Macht den Weg. Aber er gibt doch zu:
Beide Kirchen Ungarns können gleicherweife fich gar
reicher Erinnerungen rühmen an edle Kämpfe für große
Ideen, und die großen Männer in beiden Lagern brachten
nicht nur ihrer Partei, fondern der ganzen Nation Ehre
und Anfehen. Der religiöfe Kampf wurde hauptfächlich
beendet durch den Einfluß der — Freimaurerei. Das
klingt recht altmodifch und nach einem Stichwort der
Ultramontanen. Der allgemeine Begriff der Aufklärung
hätte billig ftatt deffen eingefetzt werden müffen. Jedenfalls
hatte diefe bei Beginn von Jofefs Regierung die
dogmatifchen Gegenfätze zu überbrücken begonnen. Freilich
neigten die Katholiken immer noch mehr zum Alten,

die Proteftanten zum Fortfehritt ...--

3. Von Haus aus deutfeh gefchrieben ift das Buch
des Pfarrers Lic. Veress an der reformierten Gemeinde
zu Bihardioszeg. Er bietet einleitend eine Reformations-
gefchichte Ungarns in der Nuß; dann eine Überficht über
die Hauptprinzipien Calvins; die Einführung der calvi-
nifchen Richtung in Ungarn; das calvinifche Fürftentum
in Siebenbürgen; Gefchichte der ungarifchen Calviniften
von der Aufhebung des unabhängigen Siebenbürgen bis
;iuf die neuefte Zeit; Verfaffung der ungarifchen reformierten
Kirche; literarifche Tätigkeit der ungarifchen
Calviniften; Einfluß des Calvinismus auf das Staatswefen
der Gegenwart; die gegenwärtige Lage der ungarifch-
reformierten Kirche. So gibt V. ein Bild des ungarifchen
Calvinismus von den Anfängen bis heute, nicht nur
theologifch und kirchlich, fondern allgemein kulturell,
;iuch in literarifcher und politifcher Beziehung.

Freilich erhalten wir eigentlich nur eine Lokalge-
efchichte, ohne neue Entdeckungen — archivalifche
orfchung ift ausgefchloffen —, ohne viel Rückficht auf
das gleichzeitige Gefchehen in anderen Ländern. Aber
fein Verdienft beruht darin, daß er die Gefchichte des

ungarifchen Calvinismus und damit des wichtigften Faktors
des ungarifchen Proteftantismus nach den bezeichneten
Richtungen bis auf die jüngfte Zeit fchildert, wobei
die letzten vier Kapitel ein hervorragendes Intereffe in
Anfpruch nehmen, und daß er dies für die deutfehe Welt
tut, die hiervon wenig weiß, wenn auch V. als ftändiger
Korrefpondent der Chronik der Chriftlichen Welt in diefem
Sinne tätig ift.

Er entwickelt gefunde hiftorifche, theologifche, kirchliche
und politifche Grundfätze; ift frei von magyarifchem
Chauvinismus — fo daß man ihm z. B. die Benutzung
der deutfehen ftatt der magyarifchen Ortsnamen vorge-
geworfen hat — und im Ganzen auch von reformiertem
Konfeffionalismus — wie er Unionskeime begrüßt —, wenn
er auch mit gerechtem Stolz auf die epochale Bedeutung
des Calvinismus für fein Vaterland hinweift.

Im einzelnen wäre noch manches richtig zu ftellen
und die Literaturbenutzung follte viel vollftändiger fein!

4. Von vornherein genießt alles, was aus Siebenbürgen
kommt, im,Reich' freundlichft.esEntgegenkommen.
Diesmal handelt es fich allerdings nur um ein Gefetzbuch.
Die neue fünfte Ausgabe (feit 1862) bringt die beftehende
Kirchenverfaffung mit Berückfichtigung der feit 1902 von
den Landeskirchenverfammlungen befchloffenen Änderungen
des Textes und mit Angabe anderer einfehlägiger
Gefetze und Vorfchriften, welche den Inhalt der formell
und textlich nicht abgeänderten Verfaffung fachlich berühren
. Bei diefer Gelegenheit fei auf zwei eben vollendete
wichtige Werke für die Kirchengefchichte Siebenbürgens
hingewiefen; einmal die Biographie des in DeutfchTand
ehrenvoll bekannten Bifchofs Georg Daniel Teutfch, von
Friedrich Teutfch entworfen, ,mit der Pietät des Sohnes
und der Sachkunde des Nachfolgers', fodann das vom
Sohne beendete Werk des Vaters: Gefchichte der Siebenbürger
Sachfen für das fächfifche Volk in drei Bänden.

Man kann fich wohl wundern, daß auch bei Gelehrten
und in Handbüchern die Kenntnis der Kirchengefchichte
Öfterreich-Ungarns recht mangelhaft ift; allein
man kann nicht mehr behaupten, daß die Hilfsmittel
fehlen, dem abzuhelfen.

Wien. Georg Loefche.

Schleiermacher'sGlaubenslehre. Kritifche Ausgabe. Erfte
Abteilung: Einleitung von D. Carl Stange. (Quellen-
fchriften z. Gefell, des Proteftantismus. 9. Heft.) Leipzig
, A. Deichert Nachf. 1910. (VIII, 226 S.) gr.8° M.3.80

Immer mehr achtet man jetzt darauf, wie bedeutfam
für das Verftändnis der Schleiermacherfchen Gedankenwelt
die erfte Auflage der Glaubenslehre ift (1821/22);
der in die Gefamtausgabe übergegangene Text ift bekanntlich
der der zweiten (1830/31), nur daß die Druckfehler
beträchtlich vermehrt find. Rade hat in der .Sammlung
ausgew. kirchengefch. und dogmengefchichtl. Quellen-
fchriften' die Leitfätze beider Ausgaben nebeneinander
abgedruckt, ohne die Ausführungen, die die Hauptmaffe
des Textes bilden. Das Bedürfnis nach einer vollftändigen
kritifchen Ausgabe war entfehieden da; wer beide Auflagen
kannte, wußte freilich auch, wie unendlich mühfam
die Arbeit fein mußte. Denn Schi, hat nicht nur ganze
Abfchnitte umgeftellt — namentlich in der Einleitung —
und an wichtigen Punkten geändert, fondern auch in einer
Menge von Kleinigkeiten. Er hat den Text neu gefchrieben,
ohne daß doch, wie Stange richtig fagt, die Rückficht
auf den Wortlaut der erften Autlage es zu einer ganz
neuen Arbeit hätte kommen laffen. Daß St. den Text
der 1. Ausgabe zu Grunde gelegt hat, war richtig; daß
in diefem Text die Lettern wechfeln und allerlei Einfchübe
kommen, war unvermeidlich; aber aus den Anmerkungen
und aus Stücken des darüberftehenden Textes fich den
Wortlaut der 2. Aufl. zufammenzulefen, ift bis zur Unmöglichkeit
mühfam. Das liegt nicht an irgend welchem

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