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Ausgabe:

1911 Nr. 14

Spalte:

425-426

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Herre, Paul

Titel/Untertitel:

Quellenkunde zur Weltgeschichte. Ein Handbuch 1911

Rezensent:

Ficker, Gerhard

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425

Theologifche Literaturzeitung 1911 Nr. 14.

426

Fehlen von Wort- und Stellenregiftern; für ein Sach-
regifter bietet das Inhaltsverzeichnis nur ungenügenden Erhitz
, befonders im fyntaktifchen Teil; aber offenbar ift das
Buch mehr zum Lefen als zum Nachfchlagen beftimmt.

Gegen den Inhalt ift im Allgemeinen nicht viel einzuwenden
. Natürlich ließen fich manche Einzelverfehen
nachweifen; die dankenswerten Parallelen aus klaffifchem,
helleniftifchem und neugriechifchem Sprachgebrauch, die
in der Syntax wegen des Mangels an Vorarbeiten ftark
zurücktreten, könnten leicht vermehrt werden; wegen
des geringen Umfangs oder der Ausfchaltung einzelner
Kapitel könnte man mit dem Verfaffer rechten; lingui-
ftifche Deutungen fprachlicher"Entwicklungen wären häufiger
erwünfcht. Aber zur Überficht ift das Gebotene
fehr brauchbar.

Beachtenswert ift B.'s Stellung zur Semitismenfrage
. Vermittelnd zwifchen den ,Neo-Helleniften' (Deiß-
mann-Moulton) und den ,Neo-Hebraiften' (Wellhaufen)
erklärt er (I 16) mit Recht, es fcheine ihm unmöglich,
daß geborene Juden mit aramäifcher Erziehung und
aramäifcher Denkart fich das Griechifche völlig zu eigen
gemacht hätten; es feien a priori Aramaismen zu erwarten
; aber bei der befonnenen Beurteilung der Einzelfälle
(I 18—32) geht er in der Annahme von Semitismen
lange nicht foweit wie Wellhaufen. Schon andere haben
hervorgehoben, daß man auch dann von Semitismus
reden darf, wenn eine fprachliche Erfcheinung im NT.
häufig ift, die in echtem Griechifch möglich, auch da und
dort belegt, im Aramäifchen aber Regel ift; B. fügt diefem
Gedanken einen parallelen an: Die nt. Schriften dürfen
als literarifche Werke nicht mit den Produkten ungebildeter
Papyrusfchreiber auf eine Linie geftellt werden,
alfo find im NT. Sprachgewohnheiten, die es mit dem
Aramäifchen (auch dem literarifchen) und mit vulgären
Papyri teilt, nicht Vulgärgräzismen, fondern Aramaismen
(I 16 f; zu einem .literarifchen' Werk gehört nach B. II 140
nur die Begabung oder die Abficht, fich klar und wirk-
fam auszudrücken, keine Rückficht auf Öffentlichkeit oder
Nachwelt). B. tritt alfo für die Abwägung fprachlicher
Parallelen ein — vielleicht das Haupterfordernis in der
heutigen vergleichenden nt. Sprachforfchung.

Schiers (Graubünden). A. Debrunner.

Herre, Priv.-Doz. Dr. Paul: Quellenkunde zur Weltgefchichte.

Ein Handbuch. Unter Mitwirkung von Priv.-Doz. Dr.
Adolf Hofmeifter und Ob.-Lehr. Dr. Rudolf Stübe
bearbeitet und herausgegeben. Leipzig, Dieterich 1910.
(XII, 400 S.) gr. 80 M. 4.80; geb. M. 5.50

Diefes Handbuch hat fich die Aufgabe geftellt, die
gefchichtliche Literatur für fämtliche Völker und Länder
der Erde von der älteften Zeit gefchichtlichen Lebens
bis auf die Gegenwart in einer knappen Auswahl uns
nach zeitlichen wie fyftematifchen Gefichtspunkten über-
fichtlich angeordnet zufammenzuftellen. Es will orientieren
, die Kenntnis der allgemeinen Quellen und Darftellungen
vermitteln und dadurch den Weg weifen zu
der fpeziellen Literatur; es will aber auch die führenden
Quellen der verfchiedenen Zeiten und Völker kenntlich
machen, den Stand der Forfchung zum Ausdruck bringen,
die Beteiligung der verfchiedenen Nationen erkennen laffen.
Daß die deutfche Gefchichte und die deutfche Literatur
in den Vordergrund tritt, halte ich für durchaus richtig,
und ebenfo, daß die Verfaffer fich auf die Literatur in
den führenden germanifchen und romanifchen Sprachen,
fowie in der lateinifchen befchränkt haben, doch find auch
Werke in anderen Sprachen z. B. der ruffifchen aufgenommen
. Es ift auch zu billigen, daß die Überfetzungen
in deutfcher Sprache und die für ein größeres Publikum
berechnete Literatur berückfichtigt worden find. In der
Anordnung der Titel hat die 7. Aufl. des Dahlmann-Waitz
zum Vorbild gedient. Das Werk zerfällt in 4 Teile; im

erften, allgemeinen, Teile wird die umfaffende Literatur
für die Hilfsmittel und Hilfswiffenfchaften, die Univerfal-
gefchichte, Afien und Afrika, Europa; im 2. für das Altertum
, im 3. für das Mittelalter, im 4. für die Neuzeit geboten
. Innerhalb diefer Teile ift wieder nach zeitlichen
und fachlichen Gefichtspunkten gegliedert.

Soweit ich ein Urteil habe, kann ich feftftellen, daß
die Herausgeber ihren Zweck fehr gut erreicht haben;
die Auswahl, die fie aus der großen Menge der Publikationen
getroffen haben, ift mit Umficht und Befonnen-
heit vollzogen; das Wichtige ift von minder Wichtigem
getrennt worden; trotz aller Befchränkung find die gebotenen
Angaben doch auch wieder fehr reichlich; die
verfchiedenften Seiten des gefchichtlichen Lebens find
genügend berückfichtigt worden. Ich habe den Eindruck,
daß mit diefem Buche ein vortreffliches Hilfsmittel für die
gefchichtliche Arbeit geboten wird. Es ift begreiflich,
daß dafür auch das Regifter feine Dienfte leiften wird.

Kiel. G. Ficker.

Bruckner, Pfr. Lic. Albert: Die vier Bücher Julians von
Aeclanum an Turbantius. Ein Beitrag zur Charakteriftik
Julian? und Auguftins. (Neue Studien z. Gesch. d.
Theologie u. d. Kirche. 8. Stück.) Berlin, Trowitzfch
& Sohn 1910. (V, 116 S.) gr. 8° M. 3.80

Der Verfaffer diefes Buches, der fich durch feine
Monographie über Julius von Eclanum' (TU. XV, 3, 1897)
und durch feine ,Quellen zur Gefchichte des Pelagianifchen
Streites' (Sammlung ufw. ed. G. Krüger, 2. Reihe, Heft 7,
1906) vorteilhaft bekannt gemacht hat, gibt hier eine wertvolle
Ergänzung zu feiner Monographie. Er fammelt
unter Hinzufügung vorausgehender einleitender und bei
dem Buche an Turbantius auch nachfolgender beurteilender
Abfchnitte die Fragmente nicht nur der vier Bücher Julians an
den Turbantius, fondern, beffer als Garnier es getan hatte,
auch die aller andern Werke Julians mit Ausnahme der
in Auguftins opus imperfectum vollftändig erhaltenen
erften fechs Bücher der libri octo ad Florum. Vortreffliche
Sachkenntnis und gewiffenhafte Sorgfalt, die auch
Selbftkorrekturen nicht fcheut (vgl. zu S. 105 RE3 XV
771, 10—16 und zu S. 98 ibid. S. 771, 24 f.), haben dabei
zufammengewirkt. Die Forfchung hat allen Grund, diefe
Arbeit mit Dank zu begrüßen. Wenn ich trotzdem einige
Ausftellungen mache, fo möge der Herr Verfaffer darin
keine unfreundliche Einfchränkung diefer Dankesfchuld
fehen. Zweierlei vornehmlich fcheint mir bemerkt werden
zu müffen. Zunächft dies, daß der Verl, den Mitarbeitern
die Nachprüfung etwas mehr hätte erleichtern können.
Das wäre gefchehen, wenn er die 473 Zitate aus den
Büchern an Turbantius, die er zählt (47 + 398 + 28 = 473;
nicht ,471', S. 5), nach der Reihenfolge der inbetracht
kommenden Schriften Auguftins und ihrer Kapitel unter
fortlaufenden Nummern aufgezählt hätte und einerfeits
diefen Nummern einen Hinweis auf die Stelle, da er das
betr. Fragment abgedruckt hat, anderfeits den Fragmenten
unter dem Texte neben den Stellennachweifen diefe Nummern
beigegeben hätte. Da Verf. dies nicht getan hat,
ift die Vollftändigkeit feiner Fragmentenfammlung nur
dem kontrollierbar, der die Arbeit felbft noch einmal
macht. Nebenbei bemerke ich, daß dem Lefer die Überficht
noch dadurch erfchwert wird, daß S. 5 Z. 5 v. u.
irrig ftatt: ,in den fechs Büchern Auguftins gegen Julian'
gefagt ift: ,in der erften Hälfte des zweiten Traktats über
die Ehe und die Gefchlechtsluft'. Sodann glaube ich,
daß der Abdruck der Fragmente aus den Büchern an
den Turbantius überfichtlicher und lesbarer hätte "-eftaltet
werden können. Es hätten zu diefem Zweck erftens die
Auguftinzitate bei Julian curfiv gedruckt werden müflen.
Wer erkennt, da dies nicht gefchehen ift, ohne Rückficht
auf den Inhalt und ohne ein Nachfehen in opus imperf.
1,67 die 5 Zeilen auf S. 26,27—31 oder gar S. 70,1—7 als

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