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Ausgabe:

1911 Nr. 1

Spalte:

20-22

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Sell, Karl

Titel/Untertitel:

Christentum und Weltgeschichte seit der Reformation. Das Christentum in seiner Entwickelung über die Kirche hinaus 1911

Rezensent:

Stephan, Horst

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Theologifche Literaturzeitung 1911 Nr, 1.

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halten, als die zur Zeit noch vorherrfchende Auffaffung
des Begriffes der Dogmen.

An fich nämlich läßt fich nichts gegen den Vernich erinnern, die j
konkreten Dogmen, deren Gefchichte man fchreiben will, ex eventu als
das zu beftimmen, was fich innerhalb einer theologifchen Entwicklungsperiode
zu einer allgemeineren Anerkennung durchgefetzt hat. Andererseits
bringt die konkrete Anwendung und hiftorifche Durchführung diefes
von Tfchackert vertretenen Dogmenbegriffs doch auch wieder Schwierigkeiten
mit fich, die ich nicht für unerheblich halten Kann. Denn entweder
wird man, um ihm zu entfprechen, feflftellen müifen, was in einer
Kirche öffentliche' Geltung gehabt oder gewonnen hat. Dann bietet
fich jedoch als ein einigermaßen ficheres Kriterium zu deffen Ermittlung '
wieder nur das Zeugnis der Bekenntnisfchriften und ähnlicher Promul- j
gationen offizieller Organe dar. Alfo führt in diefer Anwendung der j
vorausgefetzte Dogmenbegriff einfach auf den katholifierenden Dogmenbegriff
zurück, deffen entfcheidendes Merkmal eben die ausdrückliche
Sanktion der Kirche ift. Oder aber man müßte unter Vorausfetzung des
von dem Verf. empfohlenen Dogmenbegriffs in der theologifchen Literatur
einer beftimmten Zeit nach den Gedanken fuchen, in denen nach
vorangehenden Lehrftreitigkeiten alle oder mindeftens alle führenden
Theologen in einer Kirche übereingekommen find. Diefe in ihrer Weife !
fchon von Calixt, ja von Vincentius geübte Methode führt indeffen lediglich
zu dogmenhiftorifcher Sterilität, da fie bei der Feflftellung des )
consensus omnium die oft fehr viel intereffanteren und hiftorifch wich- j
tigeren Abweichungen von diefem grundfätzlich unter den Tifch fallen
laffen muß. Tfchackert felbft nun hat diefe zweite mögliche Anwendung
feines Dogmenbegriffs durchaus zu vermeiden verftanden. Nicht ebenfo
fchcint er mir der zuerft genannten Konfequenz feines Dogmenbegriffes
entgangen zu fein. Allerdings lehnt er die juriflifche Verpflichtung auf
Glaubensgefetze als unevangelifch ab und fordert nur eine moralifche
Bindung an deren religiöfen Gehalt. Aber in der Dogmengefchichte
felbft handelt es fich ja auch weder um diefe noch um jene Auffaffung
der Kirchlichkeit, fondern um die hiftorifche Erkenntnis der konkreten ,
Dogmen felbft. Was nun in dem alten Proteftantismus zu diefen zu
rechnen ift, das hat Tfchackert im wefentlichen doch nur aus deffen
Bekenntnisfchriften feftgeftellt. Indem er fich allerdings daran nicht hat
genügen laffen, hat er feine Darfteilung der Lehren und Entfcheidungen
der Konkordienformel charakteriftifcherweife ergänzt durch eine Be-
fprechung gerade der Kirchenordnungen. Die theologifchen Privat-
fchriften in der Zeit zwifchen Luthers Tode bis zum Konkordienbuche
hat er dagegen nicht auch zur Ergänzung jener Ermittlungen herangezogen
, fondern nur mehr oder weniger als Quellen für feine Befchreibung
der damals ausgefochtenen Lehrftreitigkeiten verwertet. Andererfeits hat
er jedoch die Privatfchriften der Reformatoren vielmehr zu dem Zwecke
ausgebeutet, deren theologifche Lehre überhaupt (und zwar bei Luther
auch mit der offenbaren Abficht auf relative Vollftändigkeit) darzu-
ftellen. Diefe Ungleichmäßigkeit in der Quellenbenutzung iß: nun 1
zwar hergebracht. Doch kann ich fie darum nicht auch als vorbildlich
gelten laffen.

Unter der Vorausfetzung von Tfchackerts Dogmen- j
begriff ift es freilich nur folgerichtig, wenn fich die
Aufmerksamkeit des Dogmenhiftorikers recht eigentlich
auf die Ablagerungen der theologifchen Gedankenbildung
richtet, die irgendwann und irgendwo erkennbar werden.
Dann aber überwiegt auch ein vorwiegend ftatiftifch.es
Intereffe an dem, was fich als Gemeingut niederfchlägt. |
Das aetiologifch-hiftorifche Intereffe dagegen, das vielmehr
vor allem die Frage Mellen heißt, wie und wodurch
es dahin gekommen ift, daß fich diefe oder jene
wichtigen religiöfen Überzeugungen und theologifchen
Anfchauungen gebildet haben, tritt ebenfo folgerichtig
in den Hintergrund. Gerade Tfchackerts eigne Leiftung
bietet die Probe auf diefes Exempel, indem fie nur allzu
fehr durch das ftatiftifche Intereffe dafür beherrfcht er-
fcheint, welche Anflehten fchon in Luthers und der anderen
Reformatoren Privatfchriften und dann vor allem
in den Bekenntnisfchriften nun einmal fertig ausgeprägt
vorliegen. Wie fie aber geworden find und wie fie fich
zum Teil auch gewandelt haben, diefe Fragen liegen
ihm fehr viel ferner.

Wohl kommt auch einiges von diefer Art, namentlich im Eingange
des Abfchnitts über Luther, vor. Darin aber folgt der Verf. doch vielmehr
den Vorarbeiten anderer, als daß er an der Erforfchung diefer
Dinge fich felbftändig beteiligt hätte. Auch halte ich es nicht für ausreichend
, die Entftehung der Grundgedanken Luthers nur unter dem
relativ äußerlichen Gefichtspunkt ihres Gegenfatzes teils zu den katholi-
fchen, teils zu den fpiritualiftifchen Anfchauungen begreifen zu wollen.
Vollends hat es der Verf. unterlaffen, die Entwicklung der fo überaus
einflußreich gewordenen Theologie Melanchthons genauer zu verfolgen.
Denn was er in § 124 bietet, kommt nicht Uber längft bekannte Allgemeinheiten
hinaus. Überdies fteht Tfchackert noch ganz unter dem Eindruck
von Melanchthons ,Lichtbild' (S. 504). Gibt er auch einige
Schatten darin zu, fo macht er es mir doch zum Vorwurf (S. 375,

Anm. 1), daß ich ,den Charakter Melanchthons aufs fchlimmfte verdächtigt
hätte'. Diefes Urteil ift indeffen nur halbwahr. Wohl habe
ich Melanchthon .verdächtigt', aber doch nur foweit, wie er fich felbft
als nicht immer völlig aufrichtig verdächtig gemacht hat; und Belege
dafür glaube ich hinreichend vorgebracht zu haben. Deshalb aber muß
ich Tfchackerts Zufatz ,aufs fchlimmfte' als eine ftarke Übertreibung
ablehnen.

Das von dem Verf. vorwiegend gepflegte ftatiftifche
Intereffe an den dogmengefchichtlichen Stoffen hängt
alfo eng mit feinem Begriff von den Dogmen zufammen.
Umgekehrt halte ich die Feflftellung der dogmengefchichtlichen
Tatbeftände nur für eine allerdings unerläßliche
Vorarbeit, unter deren Vorausfetzung dann aber
die eigentliche dogmenhiftorifche Hauptarbeit erft beginnt
. Diefe nämlich befteht m. E. darin, die teils auch
durch äußere, teils aber und vor allem durch innere
Gründe beftimmte Entwicklung des theologifchen Denkens
oder das Werden und die Wandlungen der theologifchen
Anflehten genau zu verfolgen und möglichft
auf ihre Urfachen zurückzuführen. Ünd gerade diefes
hiftorifch-aetiologifche Intereffe habe ich in dem von
mir vertretenen Begriffe von den Dogmen und von der
Dogmengefchichte zum Ausdruck zu bringen gefucht.

Deshalb aber mußte ich den allgemeinen Begriff der Dogmen foweit
faffen, daß mir die Dogmengefchichte als Ganzes mit der Gefchichte
der Theologie einfach gleich gilt. In diefem weiteften Umfange jedoch
läßt fich die Dogmengefchichte als Erforfchung der vielfach noch gar nicht
beachteten Zufammenhänge des Einzelnen untereinander nicht treiben. Alfo
bedarf es unumgänglich der Spezialifierung. Indem ich mich nun auf die
proteftantifche Dogmengefchichte befchränke, fuche ich auch in diefer
zunächft vor allem nur erft die Grundzüge in der Entwicklung der kirchlichen
Theologie des Proteftantismus herauszuarbeiten. In diefer Abficht
habe ich als regulatives Prinzip für meine Arbeit, nicht aber als ein
Schema, das ich etwa jedermann aufdrängen zu wollen meinte, aus der
Maffe des Stoffs vier Inftanzen der proteftantifchen Lehr- und Gedankenbildung
herausgefondert und damit die alte, in verfchiedener Hinficht
verfehlte Formel von den beiden Prinzipien des Proteftantismus zugleich
erfetzen und überbieten wollen. Wenn nun Tfchackert gegen diefe
Methode einwendet, in jenen ,vier Loci laffe fich die Totalität der Lehrbildung
des ganzen Proteftantismus nicht unterbringen' (S. 5. Anm. 1), fo
darf ich dagegen bemerken, daß es mir, wie fchon bloß aus dem Untertitel
meiner Dogmengefchichte des Proteftantismus .Grundlagen und Grundzüge
ufw.' erfehen werden kann, überhaupt nicht auf eine extenfive
.Totalität' in der Heranziehung alles möglichen Lehrftoffes ankommt.
Ob es mir aber mißlingen wird, mein Programm durchzuführen und
auch in jenem Schema jedenfalls die Hauptfachen der proteftantifchen
Dogmenentwicklung zu bewältigen, das meine ich, dürfte man ruhig abwarten
, bis meine Arbeit fertig fein wird. Deren bisher vorliegender
erfter Band rechtfertigt vielleicht noch nicht einmal alle Einwendungen,
die ich hier von meinem Standpunkt aus gegen Tfchackerts Werk habe
erheben müffen. Ich hätte deshalb auch gern mit diefer Rezenfion
gewartet, bis die nächfte Fortfetzung meiner Dogmengefchichte erfchienen
wäre. Aber da ich ohnehin fchon Uber ein Jahr habe verftreichen laffen,
feitdem das vorliegende Buch herausgekommen ift, meinte ich doch,
mich den Mahnungen der Redaktion, deffen Befprechung jetzt zu erledigen
, nicht länger mehr entziehen zu dürfen.

Bonn. O. Ritfchl.

Seil, Karl: Chriltentum und Weltgerchichte feit der Reformation
. Das Chriftentum in feiner Entwickelung über
die Kirche hinaus. (Aus Natur und Geifteswelt.
298. Bändchen.) Leipzig, B. G. Teubner 1910. (IV,
123 S.) 8° M. 1—; geb. M. 1.25

Seil fteht unter den Kirchenhiftorikern, die ihre Arbeit
der geiftigen Eroberung der Neuzeit widmen, längft in
der vorderften Reihe. Da wir nun auf feine Kirchen-
gefchichte des 19. Jahrhunderts vergeblich zu warten
icheinen, fo müffen wir den vorliegenden kurzen Abriß
mit defto größerem Intereffe begrüßen.

Der größte Teil des Raumes ift dem neueren Proteftantismus
gewidmet, der ja auch am meiften der wiffen-
fchaftlichen Durcharbeitung bedarf; nur etwa 18 Seiten
hat der Katholizismus, etwa 30 Seiten die Reformation
in ihren verfchiedenen Anfätzen zugebilligt erhalten, die
Zeit der Orthodoxie fällt faft ganz aus. Man fleht alfo
deutlich, wo der Verfaffer mit feiner befonderen Teilnahme
weilt. Dem entfpricht auch der Gedankengang: der leitende
Gefichtspunkt ift überall das Werden der modernen Zu-