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Ausgabe:

1911 Nr. 13

Spalte:

407-411

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Ragaz, Leonhard

Titel/Untertitel:

Dein Reich komme. Predigten. 2., verm. Aufl 1911

Rezensent:

Achelis, Ernst Christian

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Theologifche Literaturzeitung 1911 Nr. 13.

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gekommen, daß zur Bezeichnung der fo gemeinten Lehre
der herkömmliche Terminus irreführend und mißverftänd-
lich ift. Das erhellt aus Belegen, die der Vf. uns felber
liefert. Wenn er fagt, daß Jefus feine Jünger das Dogma
von der Gottesfohnfchaft hat felbft erleben laffen' (123),
oder daß ,in dem Tode Jeiu und in dem Dogma von der
Heilsbedeutung feines Todes der höchfte Lebenswert
fteckt, den es gibt' (126), fo muß man doch vorerft die
evangelifche TJmdeutung des technifchen Ausdrucks vornehmen
, um die Ausfagen des Vfs. in dem richtigen,
von ihm felbft intendierten Sinne zu verftehen.

In dem letzten Stück beleuchtet H. fehr fcharf die
Mängel unfrer Landeskirchen, weift aber nicht minder
entfchieden auf die fachlichen Beweggründe, die zum
Fefthalten an der Landeskirche auch heute noch verpflichten
. Er kommt bei diefer Gelegenheit auf die Bekenntnisfrage
zu fprechen. Der moderne Staat hat die
Rechtsbeftändigkeit des Bekenntniffes in den Landeskirchen
nicht befeitigen. können. Und wenn wir uns auch
hüten müffen vor einer Überfchätzung der faktifchen Wirkungen
, die diefes gebliebene Gut noch heute hervorbringt,
fo dürfen wir uns doch die Überzeugung nicht nehmen
laffen, daß es, recht gehandhabt, auch heute noch ein un-
fchätzbares Gut ift, an dem die Exiftenz unferer Landeskirchen
und die Möglichkeit einer Reformation ihres Däferns
und Lebens hängt' (178—179). ,Recht gehandhabt'!
die Schwierigkeit, die in diefer Einfchränkung liegt, verbirgt
fleh der Vf. nicht. Gleich am Anfang feiner Schrift
erklärt er: ,Es fträubt fleh mein Innerstes gegen alle Ver-
fuche, auf dem Gebiete des religiöfen, kirchlichen und
wiffenfehaftlichen Lebens mit äußern und gewaltfamen
Mitteln reftaurieren zu wollen' (VI). Demgemäß will er
auch nicht ,eine fchneidige Handhabung der Lehrzucht
empfehlen' (187—8); er ift ,ein Gegner kirchenregiment-
licher Maßregeln, wie wohl es Fälle geben kann, wo fie
unvermeidlich find. . . Wir brauchen in unfern theologifchen
Kämpfen Freiheit und Vertrauen... Nur eine Regeneration
von innen heraus kann uns aus diefer Mifere der Be-
kenntnisunficherheit heraushelfen. Wir brauchen eine
entfchloffene kirchliche Theologie im Sinne der Gegenwart
, eine Theologie, die Ernft macht mit dem alten
Glauben und doch mit beiden Füßen auf dem Boden
der Gegenwart flieht.. . Hat die kirchliche Theologie nicht
mehr die innere Kraft, des Zeitgeiftes Herr zu werden,
fo verdient fie den Untergang' (188—189).

Das find tapfere Worte, denen auch derjenige zu-
ftimmen wird, der an manche Ausführungen und Andeutungen
des Vfs. Fragezeichen bringen muß. Die Klarheit
, Kraft und Wärme der Darftellung werden ihm auch
Lefer außerhalb der engeren Zunft der Theologen gewinnen
. Einige Wiederholungen in den vorgetragenen
Gedanken hat H. abfichtlich fliehen laffen (VI); fie froren
nicht weiter und tragen zur Deutlichkeit des Ganzen bei.
Nicht fo günftig wird man Wiederholungen im Ausdruck
beurteilen, zumal wenn fie nur durch wenige Seiten getrennt
find. Seite 107: Johannes, die Jünglingsgeftalt aus
dem Jüngerkreife, fchreibt es, als er von den eisgrauen
Höhen des Alters hinabfehaut in die lachenden Täler
feiner Jugend, mit zitternden Händen und zitterndem
Herzen: Wir fahen feine Herrlichkeit'. — Seite 118: ,Wenn
Johannes von den eisgrauen Höhen des Alters zurück-
fchaut in die lachenden Täler der Jugend, fo fagt er: ,In
ihm war das Leben — in uns der Tod'.

Straßburg i. E. P. Lobftein.

Aefchbacher, Pfr. Robert: Seid Täter des Worts! Predigten
über den Brief des Jakobus. 2. Auflage, mit einem bio-
graphifchen Vorwort von Prof. D. F. Barth. Bern,
A. Franke 1910. (XII, 390 S.) 8° Geb. M. 4 —

Ragaz, ehem.Pfr.Leonhard: Dein Reich komme. Predigten.

2., verm. Auflage. Bafel, Helbing & Lichtenhahn 1911.
(VIII, 551 S.) gr. 8" Geb. M. 5.20

Geyer, Hauptpred.Dr.Chriftian, und Pfr.Lic.Dr.Friedrich
Rittelmeyer: Leben aus Gott. Neuer Jahrgang Predigten.
1. bis 3. Auflage. Ulm, H. Kerler 1911. (VIII, 614 S.)
gr. 8° M. 6—; geb. M. 7.50

1. Robert Aefchbacher hat die 2. Auflage feiner
Predigten nicht mehr erlebt. In dem kraftvollenMannesalter
von 41 Jahren, am 4. Sept. 1910, ift er abgerufen worden.
Prof. D. Fr. Barth hat das Buch mit einem kurzen Lebensabriß
und einer Schilderung feiner Wirkfamkeit gefchmückt.
Aus den Predigten verftehen wir es, wie er fonntäglich
große Scharen von Andächtigen, welche die weiten
Hallen des Berner Münfters füllten, um feine Kanzel ge-
fammelt hielt. In hinreißender, von aller Künftlichkeit
und aller Übertreibung freier Beredfamkeit dringt er auf
ein tätiges Chriftentum, das er, nicht feiten fchonungslos,
denen zur Gewiffensfache macht, die fich zu den Gläubigen
und Frommen zählen. Keineswegs nur Moral predigt er;
die fittlichen Forderungen weiß er, der felbft auf feftem
Glaubensgrunde flieht, religiös zu begründen; die Seligkeit
und Überwindungskraft des evangelifchen Glaubens
preifend deckt er die Kraftlofigkeit und die böfe Saat
des Unglaubens auf, mit fcharfem Wort fchildert er wie
den Betrug der Sünde und der Selbftgerechtigkeit, fo die
religiös-fittlichen Schäden in den fozialen Nöten und
Schwierigkeiten der Gegenwart. Aus den Tagesereig-
niffen auf religiöfen, fozialen, politifchen Gebieten, aus
feelforgerlichen Erlebniffen und Erfahrungen, die er und
andere gefammelt haben, fchöpft er die Fülle feiner Bei-
fpiele und fonftigen Illuftrationen; auch Zitate, auch
Anekdoten werden nicht verfchmäht, er fchreckt auch
nicht vor Ausdrücken zurück, die in ihrer Derbheit um
fo mehr frappieren, als feine Diktion fich durchweg in
edler Höhe hält.

Die Schwäche der Predigten ift formeller Natur. Daß
Thema und Teile nicht angegeben werden, ift nebenfächlich
; daß fie aber nicht vorhanden find, ift mißlich
. Nach Einheitlichkeit der Rede darf man daher
nicht fragen, auch nicht immer nach logifcher Ordnung
in der Gedankenfolge (befonders deutlich in der 16. Predigt
). Daher fehlt jeder Predigt ein Gefamteindruck, die
kräftigen Anregungen fchaden fich gegenfeitig. Barth
billigt es (S. VIII), daß Aefchbacher aus dem Text herausnimmt
, was ihm nützlich und für die Gemeinde notwendig
fcheint. Daher die Vernachläffigung wichtiger Partien,
z.B. in 2, 12—26 und 5, 7—Ii; daher auch die Befeiti-
gung und Abfchwächung von Anfchauungen im Jak.briefe,
die nicht unmittelbar anwendbar find (z. B. in den Predigten
23—27 über das 5. Kapitel). Daher auch der bedenkliche
Rat an die Hörer (S. 222): jeder möge das aus
der Predigt nehmen, was er brauche (und zu brauchen
meint?), obgleich er es tadelt, daß wir aus der hl. Schrift
nehmen, was uns dient, und weglaffen, was uns nicht
paßt (S. 143). Ebenfo dürfte die Empfehlung von Jak.-
texten in der Paffionszeit dem Gefichtspunkt zu verdanken
fein, daß es dem Prediger fo paßt; er würde die
Empfehlung fonft wohl kaum mit den Worten begründen:
,Zuerft muß die Bußpredigt vorausgegangen fein und die
Gewiffen erfchüttert haben, dann erft ift das Feld geackert
für die Botfchaft der Gnade' (S. 223). Jefus hat's
nicht fo gehalten, und des Paulus Art war es auch nicht.
Wann weiß denn auch der Prediger, daß jetzt die Gewiffen
hinlänglich erfchüttert find und er mit der Gnadenpredigt
beginnen kann? — Ohne fich irgend wie gebunden zu
fühlen, läßt Aefchbacher feinen reichen Geift unter dem
Eindruck des Textes oder eines hervorftechenden Gedankens
fich ergehen; nicht feiten kehren auch ähnliche
Gedankengänge wieder. Allein der Prediger weiß der
Ermüdung des Hörers und Lefers zu wehren, er weiß ihn
mit fich fortzureißen, die bekannte Straße noch einmal