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Ausgabe:

1911 Nr. 1

Spalte:

17-20

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Tichackert, Paul

Titel/Untertitel:

Die Entstehung der lutherischen und der reformierten Kirchenlehre samt ihren innerprotestantischen Gegensätzen 1911

Rezensent:

Ritschl, Otto

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Theologifche Literaturzeitung 1911 Nr. 1.

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deutlicher zum Ausdruck bringen, orientiert die Einleitung
genugfam, daß man ohne Mühe fich diefelben
rekonstruieren kann.

Den Schluß machen drei kleine, feltene Flugblätter.
Zunächft folgt: ,Abfag oder Fehdfchrift Lucifers an Luther
1524'. Clemen weift fie nicht ohne Grund Erasmus Alber,
dem Verfaffer des ,fchönen Dialogus von Martino Luther
und der gefchickten Botfchaft aus der Hölle' zu. Er
wird darin Recht behalten. Darin möchte ich aber ihm
nicht ohne weiteres zuftimmen, wenn er die Überarbeitung
der zweiten Auflage in Nürnberg entftanden fein läßt.
Stund man in Nürnberg Ende 1524 in folch engem Verkehr
mit Luther, daß man wußte, daß er beabfichtigte,
die Bullen Clemens VII. vom 17. und 19. Dez. mit einer
fatirifchen Vorrede herauszugeben?

Aus altgläubigen Kreifen flammt ,das meifterliche
Gedinge des Abts von Chemnitz' 1522. Ein Glied des
Benediktinerklofters zu Chemnitz nimmt da in ziemlich
gehäffiger Weife gegen den alten Abt Heinrich von
Schleinitz Stellung. Er ift offenbar mit der diefem gewährten
Abfindung unzufrieden.

Des polemifchen Charakters entbehrt gänzlich das
letzte Stück der Sammlung, ,die chriftliche Vermahnung'
des fonft recht wenig bekannten Thomas Stör an den
ebenfo unbekannten Antonius Thurler (1524). Mit allem
Nachdruck wird betont, wie fich der evangelifche Glaube
in Werken der Liebe erzeigen müffe.

Nur bei der vorletzten Schrift könnte man im Zweifel
fein, ob ein Abdruck gerechtfertigt ift. Es wird doch eine
recht interne Angelegenheit behandelt. Aber man merkt
fchon auch hier den Anbruch der neuen Zeit; man fieht,
wie es auch in den altgläubigen Kreifen gährte. Dazu
ift der Druck feiten genug; Clemen waren nur zwei
Exemplare bekannt geworden.

Es ift zu bedauern, daß jetzt erft die Schätze der Rothenburger
Konfiftorialbibliothek infolge der Herausgabe
der ,Miscellanea reformatoria' von Adolf Georgii f und
Aug. Schnizlein (Beilage zum Jahresbericht des Kgl.
Progymnafiums Rothenburg o. T. für das Schuljahr 1909/10
Rothenburg o. T. 1910) erhoben werden können. Hier
finden wir ein reiches Material für die Flugfchriften-
literatur der Reformationszeit. Die meiften der in diefen
beiden letzten Heften befprochenen und abgedruckten
Schriften find hier vorhanden; fo von Stifel: von der
Lehre Luthers Roth. Konf.-Bibl. Nr. 938 (Ausgabe 1);
Antwort Michel Styfels (Flugfchriften S. 268 Anm. 2) I
Nr. 213. Von Erasmus Alber: fchöne Dialogus von
Luther ufw. Roth. Konf.-Bibl. Nr. 285. Von Stör: Schrift
vom Eheftande (S. 380). R. K. B. Nr. 847; vom chrift-
lichen Weingarten Nr. 848.

Alfeld bei Hersbruck. K. Schornbaum.

Tfchackert, Prof. D. Dr. Paul: Die Entftehung der lutheri-
fchen und der reformierten Kirchenlehre famt ihren
innerproteftantifchen Gegenfätzen. Göttingen, Van-
denhoeck & Ruprecht 1910. (X, 645 S.) gr. 8°

M. 16—; geb. M. 18.40

Die Befprechung des vorliegenden umfangreichen
und gelehrten Buches muß für mich ganz von felbft zu
einer mehr oder weniger auch perfönlichen Auseinander-
fetzung mit dem Verf. werden. Haben wir uns beide
doch faft gleichzeitig wieder der lange vernachläffigten
Aufgabe angenommen, den theologifchen Erwerb des
älteften Proteftantismus in ausführlichen Sonderdarfteilungen
dogmenhiftorifch zu behandeln. Aber fowohl
unfere leitenden Gefichtspunkte wie unfer methodifches
Vorgehen find von recht verfchiedener Art. Tfchackert,
obwohl Hiftoriker, beginnt mit fpekulativen Erwägungen,
um feine Begriffe von Dogma und Dogmengefchichte
zu begründen; ich, obwohl in meiner amtlichen Tätigkeit
überwiegend Vertreter der fyftematifchen Theologie
, habe mir den Weg zu einer begründeten Auf-
faffung derfelben Objekte durch hiftorifcheünterfuchungen
zu bahnen verfucht. Tfchackert fieht es unter ausgiebiger
Verwertung der neueren Literatur mehr auf
eine zufammenfaffende Darftellung deffen ab, ,was die
Männer der Reformation wirklich gedacht haben, und
wie durch ihre Gedankenarbeit die lutherifche und die
reformierte Kirchenlehre entftanden ift'. Mir kommt es
vor allem darauf an, die hauptfächlichen Gedankenreihen,
die neben-, mit- und widereinander laufend die Gefchichte
der proteftantifchen Theologie als eine dogmenhiftorifche
Entwicklung von höchft eigentümlicher Art erkennen
und verliehen lehren, in ihrem Werden und in ihren
charakteriftifchen Wandlungen zu verfolgen. Tfchackert
zieht in feine Darfteilung ausführlich auch folche Er-
fcheinungen wie das Wiedertäufertum hinein, um aus
dem Gegenfatz zu ihnen Luthers antifpiritualiftifche
Grundgedanken zu erklären. Er Ipricht auch eingehend
von der Verbreitung der lutherifchen und der calvinifti-
fchen Reformation und von den Fortfehritten und Hemmungen
des Luthertums in Deutfchland bis 1555. Ich
überlaffe diefe Dinge den Kirchenhiftorikern, um keine
Seitenwege zu gehen, die die Durchführung meines
Arbeitsplanes vergrößern und fo vielleicht überhaupt
vereiteln könnten. Tfchackert gibt allerdings zufam-
menhängende Darftellungen der Theologie Luthers und
derjenigen Zwingiis, faßt fich fchon kürzer bei Calvin
und nur allzu kurz bei Melanchthon. Dann aber ftellt
er ,die Fixierung der lutherifchen Grundgedanken in
den genuin lutherifchen Bekenntnisfchriften', ferner den
,Lehrgehalt der calviniftifchen Bekenntnisfchriften' fehr
eingehend dar. Ich dagegen mache grundfätzlich keinen
Unterfchied zwifchen der fymbolifch gewordenen und
der übrigen theologifchen Literatur des 16. Jahrhunderts,
fondern benutze beide Quellengruppen, foweit fie mir
Antwort auf die von mir aulzuwerfenden Fragen zu
geben geeignet erfcheinen. Auch die zahlreichen Kirchenordnungen
des 16. Jahrhunderts befpricht Tfchackert
unter ganz anderen Gefichtspunkten, als unter denen ich
fie verwertet habe. Und vermutlich werde ich fchließ-
lich auch die Lehrftreitigkeiten feit Luthers Tode, zu
deren Erledigung die Konkordienformel hergeftellt worden
ift, fehr viel anders behandeln, als er.

Alle folche Verfchiedenheiten fchließen immerhin die
Übereinftimmung auch in manchen Einzelheiten, die fonft
vielfach ftrittig find, nicht aus. Z. B. bin ich mit dem
Verf. darin einig, daß Luthers .Kloftererlebnis' vor feiner
1509 beginnenden ,intenfiven' Befchäftigung mit Auguftin
anzufetzen ift, und daß Luther fchon von Anfang an
die Buße aus dem Gefetze neben der aus der Liebe zu
Gott und zur Gerechtigkeit vertreten hat. Jene Verfchiedenheiten
aber hindern mich nicht, die mehr auf
extenfive Vollftändigkeit ausgehenden Beftrebungen des
Verf.s ebenfo als in ihrer Art berechtigt anzuerkennen,
wie fich auch Tfchackert nicht hat abhalten laffen,
einige meiner ,Einzelunte,rfuchungen' beifällig zu beurteilen
. Wenn ein in Jahrzehnte langer reformations-
hiftorifcher Arbeit bewährter Gelehrter wie Tfchackert
ein folches zufammenfaffendes Werk wie das vorliegende
herausgibt, fo ift es ja auch felbftverftändlich, daß darin
nichts ohne Sachkunde, das meifte richtig und manches
neu ift. Doch habe auch ich bei diefer Anerkennung
nur wieder die Details im Sinne. Suche ich indeffen
Tfchackerts Leiftung als ganzes zu würdigen, fo muß
ich bekennen, daß ich fie infofern nicht ebenfo einzu-
fchätzen vermag.

Wenn Tfchackert als Dogma dasjenige beftimmt,
was fich aus den Syftemen der einflußreicheren kirchlichen
Theologen in dem ,dogmatifchen Bewußtfein der
Kirche' als .Gemeingut ablagert', fo würde ich diefe
Definition, falls fie aus dem Dogmenbegriff das Merkmal
einer äußerlich rechtlichen Sanktion der Kirche
wirklich ausfchließen follte, allerdings für fehr viel beffer