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Ausgabe:

1911 Nr. 12

Spalte:

366-367

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Strauch, Philipp

Titel/Untertitel:

Die Deutschordensliteratur des Mittelalters. Rede 1911

Rezensent:

Werminghoff, Albert

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Theologifche Literaturzeitung 1911 Nr. 12.

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zweiten Abfchnitt (S. 21—65) würdigt er an drei wichtigen
Beachtung heifchenden Stellen — 1. Carmen 805 ff. (Bezugnahme
auf die Eroberung Roms durch Alarich), 2. In-
structio II 10 ,De infantibus' (Beziehung auf eine von
Papft Leo i. J. 458 entfchiedene Tauf frage), 3. Carmen
897—810 (Hinweis auf einen feindlichen Einfall über die
Donau i. J. 466) — die fachliche und methodifche Bedeutung
der von Lejay und Zeller gegen die Abfaffung
der Dichtungen zwifchen 458 und 466 vorgebrachten
Gründe, fowie der Grundlagen der von Zeller und Wey-
man für wahr gehaltenen Anficht. Ich habe der größeren
Schrift Brewers 1907 an diefer Stelle (Theol. Ltztg. Nr. 3,
Sp. 80—82) eine eingehende, der überzeugenden Beweisführung
des Verfaffers unbedingt zuftimmende Befprechung
gewidmet. Ich hätte dem nichts hinzuzufügen. Das Wort,
das ich da von Brewers Leiftung den widerfpruchs-
vollen Anflehten der früheren Forfcher gegenüber gebrauchte
, findet meines Erachtens in vollem Umfange
auch auf deffen jüngfte Gegner Anwendung: Brewer hat
mit überlegener Gefchichts- und Sprachkenntnis (vgl. auch
S. 63, 64, 66—69: ,Der fprachliche Charakter der Dichtungen
') deren Anflehten über die zeitlichen Verhältnifie,
in denen Kommodian lebte und aus denen heraus er
feine Dichtungen verfaßte, ,gleich altem Sauerteige ausgefegt
'. Es verlohnt fich garnicht mehr, näher auf
fie einzugehen. Und ich wiederhole es: Nach J. Stigl-
mayrs S. J. glänzender Löfung der Dionyfiosfrage (1895)
ift H. Brewers S. J. Löfung der Kommodianfrage tat-
fächlich die glücklichfte und überzeugendfte, die auf
patriftifchem Gebiete feitdem zu verzeichnen ift. Wenn
Weyman bedauernd bekennt, es müffe, falls Brewer recht
habe, die Gefchichte der abendländifchen Dichtung beinahe
umgefchrieben werden, fo dürfte doch dem gegenüber
die Frage am Platze fein: Ift denn das ein Unglück?
Solche Nötigungen treten im Dienfte der Wahrheit doch
öfter an uns heran; ich perfönlich habe das auf dem
Gebiete der Patriftik und Byzantiniftik wiederholt erfahren.
A. a. O. Sp. 80 wies ich, um ein Beifpiel anzuführen, auf
die ganz ähnlichen Verhandlungen über das Zeitalter
des Romanos hin, wo es fich auch um einen Unterfchied
von 200 Jahren handelt. Es würde hier zu weit führen,
aus dem großen Gebiete byzantinifchen Schrifttums noch
andre gleichartige Fälle aufzuzählen. Und wie fteht es
mit der Ignatianifchen Frage? Auch da ift das ganze
überlieferte Schrifttum — wegen der tiefen Spuren und
Eindrücke des ausgebildeten Gnoftizismus und der An-
fätze zum Sabellianismus und Monophyfitismus — wie
dort um die gleiche, wenn nicht größere, Spanne Zeit
fpäter anzufetzen, als bisher üblich war. Aber Katholiken
und Anglikaner halten, während unfre proteftantifchen
Väter von jenen Schriften nichts wiffen wollten, aus naheliegenden
Gründen, d. h. wegen des Epifkopalismus, unentwegt
an deren Echtheit feft. Und doch hat Hilgenfeld
, über deffen grundlegende Ignatius-Ausgabe v.J. 1902
ich in der WfklPh. XIX, $1, Sp. 1388—1396 ausführlich
berichtet habe, über die ganze Frage völlig klares Licht
verbreitet, dem die unbefangene Gefchichtswiffenfchaft
(vgl. Meinecke, Hiftor. Ztfchr. 92, N. F. 56, 1904, S. 528)
einfach zu folgen kein Bedenken getragen hat.

Nachfchrift. Als gewiflenhafter Berichterftatter halte ich es für
meine Pflicht, noch einer anderen, fpäteren Veröffentlichung Brewers
hier kurz zu gedenken. In der I.iterar. Beilage Nr. 10 der Köln. Volksztg.
vom 9. März d. J. (S. 73—76) wendet er fich zur Beantwortung der Frage:
,Welcher Zeit entflammen die Dichtungen Kommodians?' gegen Raufchen,
der an derfelben Stelle (Nr. 3) Brewers obengenannte Schrift einer Befprechung
unterzogen hat mit dem Ergebnis, daß auch er, ebenfo wie
die genannten katholifchen Gelehrten, den Verfaffer jener für einen Zeit-
genoffen des Märtyrerbifchofs Cyprian aus der Mitte des 3. Jahrhunderts
erklärte. Aus einer Reihe von quellenmäßig begründeten Erwägungen,
die fich auf das fprachliche Gebiet, den Gebrauch des Wortes Martyrium,
die Erwähnung einer beftimmten Verfolgung, die Äußerungen des Dichters
über Gnade und Prädeftinatiou, die aus dem Nichtvorkommcn des Wortes
pagani und aus dem Instr. II, 25 und 29 befprochener, .Schisma' gezogenen
Schlußfolgerungen, die in der Lehrbefonderheit des Dichters wurzelnden
Anfchauungen des Patripaffianismus und Chiliasmus und endlich auch
die richtige Bewertung des aus den Jahren 465—467 flammenden Zeug-

niffes des Gennadius über Kommodian in feinen Viri illustres beziehen,
hat Brewer nun nochmals den überzeugenden Nachweis geführt, daß
der Dichter Kommodian dem 5. Jahrhundert angehört. Auch Raufchens
Gründe fmd von ihm, ebenfo wie die der zuvor genannten Gelehrten,
als eitel Spreu erwiefen. Erfreulich ift aber die — im gelehrten Streit
um die Urfprungsverhältniffe patriftifcher und auch byzantinifcher Schriften
gewiß feiten zu verzeichnende — Tatfache, daß Raufchen in einem letzten
Wort zur Kommodian-Frage (a. a. O. Nr. 15 vom 13. April), durch Brewers
Gründe überwunden, jetzt offen erklärt hat, ,daß P. Brewer feine
Thefe, Kommodian fei ein arelatenfi fcher Laiendichter aus der Mitte
des 5. Jahrhunderts, mit Erfolg durchgefochten und fich dadurch ein
großes Verdienft um die patriftifche und philologifche Wiffenfchaft erworben
hat'. Dasfelbe habe ja auch ich fchon 1907 an diefer Stelle
(Theol. Ltztg. Nr. 3, Sp. 80—82) behauptet. .Eindringende Forfchung
und mutiges Ausharren gegenüber allen Bedenklichkeiten und Angriffen
der Gegenfeite', fo lauten Raufchens Schlußworte über Brewer, denen
ich mich freudig anfchließe, .haben ihn zum Siege geführt, und zu diefem
wünfehe ich ihm von ganzem Herzen Glück'.

Wandsbeck. Johannes Dräfeke.

Strauch, Philipp: Die Deutfchordensliteratur des Mittelalters
. Rede zur Feier des Geburtstages S. Majeftät
des Kaifers am 27. Januar 1910, gehalten in der Aula
der Univ. Halle-Wittenberg. Halle, M. Niemeyer 1910.
(33 S.) gr. 8« M. -80

Auf verfchiedene Weife ift im vorigen Jahre die Erinnerung
an die Gefchichte des Deutfchen Ordens, feines
Staates und feines Untergangs, aufs neue wachgerufen
worden, zumal da es fich darum handelte, über die Bedeutung
der Schlacht bei Tannenberg (15. Juli 1410) zu
einem abfchließenden Urteil zu gelangen. Auch die
fchöne Rede von Ph. Strauch gehört in den Kreis
diefer Veröffentlichungen, unter denen insgefamt fie als
eine der auffchlußreichften fich darfteilt. Ihr Ziel ift die
Vergegenwärtigung der literarifchen, vornehmlich der
dichterifchen Intereffen des Ordens und feiner Mitglieder,
fodann ihrer poetifchen Betätigung, die nach Art und
Inhalt wiederum deutlich mit dem eigenften Wefen jener
Genoffenfchaft zufammenhängt. Der Verfaffer hat auf
knappem Räume das Material überfichtlich ausgebreitet
und zugleich mit gerechtem Urteil gewertet, wenn er
am Ende feines Überblicks bemerkt:

.Eigentlich gelehrte Studien haben zu keiner Zeit zu den Aufgaben
des Deutfehordens gehört, und in diefem Sinne konnte die Ordensregel
beflimmen, daß die ungelehrten Brüder nur mit Erlaubnis lernen, die
gelehrten dagegen, wenn fie wollten, das Gelernte üben follten. Vielleicht
find . . . Neid und Mißgunft, über die . . . fchriftftellemde Ordensbrüder
gelegentlich zu klagen hatten, die Folge folcher Beftimmungen
gewefen. Wohl aber haben fich einzelne Ordensmitglieder oder doch
| dem Orden naheftehende die Pflege der Dichtung angelegen fein laffen
um, fei es aus eigenem Antrieb oder auf höhere Anregung, in ihrer
Weife des Ordens Ideale ihrer Erfüllung näherzubringen, indem fie die
biblifchen Helden und Heldinnen und die Heiligen der Legende feierten
als Vorbild eigenfter Beftrebungen oder durch Verherrlichungen von ihrer
Vorfahren Heldentaten. Mochte die Deutfchordensdichtung fomit auch
tendenziöfe Zwecke verfolgen und befriedigt fie unfere äflhetifchen
Anforderungen auch nur unvollkommen: fie feffelt den Forfcher als
Nachblüte deutfeher Poefie im fernen Offen zu einer Zeit, wo in Süd-
deutfchland der dichterifche Quell fich bereits erfchöpft hatte. Der
Orden felbft aber hat Sorge getragen, fie bis auf unfere Tage zu erhalten
' (S. 32 f.).

Über die rein literarhiftorifche Betrachtung der erhaltenen
Dichtungen hinaus erweitert fich die Studie zu
einer Gefamtwürdigung des geiftigen Lebens im Orden,
deffen Hiftoriographie allein bisher einläßlich gefchildert
worden war, und gerade um diefes ihres Charakters
willen ift fie mit Freuden zu begrüßen. Vielleicht vermehrt
ihr Verfaffer einen fpäteren Abdruck um Hinweife
auf Handfchriften, Ausgaben und Unterfuchungen, um
durch fie der weiteren Befchäftigung mit ihr die Richtlinien
aufzudecken. Zu S. 13 mag jetzt die Königsberger
Differtation von A. Weller (Die Sprache in den älteften
deutfchen Urkunden des deutfchen Ordens. Breslau 1911;
vollftändig künftig in den Germaniftifchen Abhandlungen)
namhaft gemacht fein, ferner ein Auffatz von A. von
Wretfchko, der den Plänen einer Univerfitätsgründung in
Kulm aus den Jahren 1386 und 1434 nachgegangen ift
und die Urkunde des Kaifers Sigmund vom Jahre 1434