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Ausgabe:

1911 Nr. 12

Spalte:

362-364

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Bousset, Wilhelm

Titel/Untertitel:

Gnosis und Gnostiker 1911

Rezensent:

Krüger, Gustav

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361 Theologifche Literaturzeitung 1911 Nr. 12. 362

Ziele wieder. Sie ift fein wiffenfchaftliches Bekenntnis
und ein klaffifches Dokument für den Stand der theo-
logifchen Arbeit, recht aus dem Ringen mit den Problemen
herausgewachfen. Im Gegenfatz zur Forderung einer
urchriftlichen Literaturgefchichte, welche die neutefta-
mentlichen Schriften zugleich mit den fonftigen Reften
der Urfprungszeit verarbeitet, hält er daran feft, daß es
nicht unwiffenfchaftlich fei, die im Neuen Teftament vereinten
Schriften, alfo die klaffifche Literatur des Urchriften-
tums, gefondert zu behandeln. Gegenüber den apolo-
getifchen Ausgleichungen betont er den Abftand diefer
Literatur in ihrer gefchichtlichen Bedingtheit von den
Formulierungen der chriftlichen Glaubenswahrheiten in
der Gegenwart. Gegenüber den Ableitungen, die das
Chriftentum als fynkretiftifche Religion erweifen wollen,
betont er die Eigenart der chriftlichen Grundfätze, die
durch die religionsgefchichtliche Bearbeitung nicht aufgehoben
werde. Gegenüber den Quellenfcheidungen
nimmt er das Recht in Anfpruch, die Schriften, die als
Ganzes gewirkt haben, auch nach ihrem Gedankengehalt
als Ganzes zu behandeln. Grundfätzlich aber fieht er die
biblifche Theologie als Ergänzung der Einleitung an,
welche den hiftorifch-kritifchen Unterbau zu geben habe;
er hält alfo die Frageftellung der Tübinger Schule feft,
nach der die innere Entwickelung des Urchriftentums auf
Grund des Gefchichtsbildes, das die Einleitung ermittelt
hat, nachzuweifen fei. Er verhehlt fich die Schwierigkeiten
nicht, die Aufgabe nach diefem Gefichtspunkte
zu löfen. Inwieweit es ihm gelungen ift, fie zu überwinden
, wird zu unterfuchen fein, wenn fein Werk voll-
ftändig vorliegt. Er felbft bekennt, daß die Bedenken
die ihm entgegengehalten wurden, nicht grundlos find.

Die erfte Lieferung enthält nach der früheren Anordnung
die Einleitung, die über Gefchichte, Begriff und
Einteilung der Disziplin Rechenfchaft gibt, fodann voll

Er weiß, daß die Ergebniffe der hiftorifchen Kritik fich
wandeln und kennt daher auf diefem Gebiete keine
,Schlechthinnigkeit'. Aber die an der Debatte Beteiligten
find verfchieden; die Forfcher, die in der erften
Auflage zum Worte kamen, find teils verfchwunden,
teils ftehen fie im Hintergrund. Ihren Platz nehmen die
neuen Männer ein, deren Arbeiten in den Gang der
Unterfuchungen eingegriffen haben.

Durch diefe Eigenart befitzt Holtzmanns Werk als
Orientier ungsbuch für den Mitarbeiter einen. einzigen
Wert. Es gibt keine reichere und lichtvollere Uberfchau
über den Problemftand, und der Fortgang der Arbeit
an den Problemen tritt bei dem Vergleich der beiden
Auflagen lehrreich heraus. Was Emil Schürer für die
Gefchichte des Judentums im Zeitalter Jefu Chrifti leiftete,
hat Heinrich Holtzmann für die neuteftamentliche Theologie
erarbeitet.

Leipzig. G. Heinrici.

Bouffet, Wilhelm: Gnofis und Gnoltiker. (Aus: Pauly-
Wiffowas Real-Encycl. d. claff. Altertumswiff. 7. Bd.
Sp. 1503—1547.) Nicht im Handel.

Drei Gründe beftimmen mich, diefer Arbeit von
Bouffet, obwohl fie nicht in Buchgeftalt erfchienen ift,
im folgenden eine etwas ausführlichere Betrachtung zu
widmen: 1) fcheint es mir notwendig, die Aufmerkfam-
keit auf fie zu lenken; 2) möchte ich einen gewiffen un-
günftigen Eindruck auslöfchen helfen, der fich infolge der
m. E. unbilligen Befprechung der ,Hauptprobleme der
Gnofis' durch Harnack (diefe Zeitung, 1908, Sp. 10 ff.)
feftgefetzt haben kann; 3) möchte ich doch wieder zeigen,
warum ich in wefentlichen Punkten mit Harnack gehe,
ohne mich deshalb zu Bouffet in Gegenfatz zu wiffen.
ftändig das erfte Kapitel des erften Hauptteils, die reli- I Der erfte Punkt ift rafch erledigt. Eigentlich ift
giöfe und fittliche Gedankenwelt des gleichzeitigen dazu nur zu fagen, daß fich jeder felbft im Licht fteht,

gleichzeitigen

Judentums. Der Umfang desfelben ift nicht unwefentlich
erweitert, und mit welcher Sorgfalt das Ganze durchgearbeitet
ift, zeigt der Vergleich jeder Seite. Die Form
ift fall durchweg umgegoffen. Auch auf die Literaturangaben
ift die größte Sorgfalt verwandt, zugleich ift
ihre Gruppierung kennzeichnend fowohl für den Fortgang
der Forfchung, wie auch für die Wertungen des Autors.
Dies möge der Vergleich der Angaben zur Einleitung in
der erften und zweiten Ausgabe belegen. In der erften
find fie in fieben Gruppen gegliedert, in der zweiten in
fünf. Zuerft: die Anfänge; jetzt ift auch Neanders Gefchichte
der Pflanzung ufw. in diefe übernommen, die
vorher die zweite Gruppe eröffnete. Diefe trägt vorher
die Überfchrift: die kritifche Richtung, jetzt: die kritifche
und radikale Richtung. Statt ,apologetifche Richtung,
heißts jetzt: die apologetifche und die konfervative
Richtung; in diefer ift auch Albrecht Ritfehl untergebracht.
Was er wohl dazu fagen würde? In der erften Auflage
folgt: 4. Die Gegenwart; dafür tritt in der zweiten ein:
fyftematifierende und dogmatifche Bearbeitungen. Hier
find recht auseinanderftrebende Geifter zufammengebracht,
wie Hofmann und Biedermann, neu hinzutreten unter
andern Kaftan, Schlatter und Feine. Als letzte Gruppe
bringt die neue Auflage: einzelne Lehrbegriffe, womit
die kaum durchführbare Unterfcheidung der erften Auflage
zwifchen: einzelne Lehrbegriffe und: einzelne Lehrpunkte
befeitigt ift.

Der gruppierten Literaturangabe entfpricht die Darfteilung
, die knapp und lebendig gefaßt ift. Der Lefer
fühlt fich in eine wiffenfehaftliche Konferenz verfetzt, in
der Heinrich Holtzmann den Vorfitz führt. Ihre Mitglieder
find überwiegend Gefinnungsgenoffen, aber auch
anders gerichteten fteht der Zutritt offen. Jedem wird
das Wort erteilt, die Debatte wird freundlich und überlegen
geleitet und abgefchloffen durch die Stellungnahme
des Vorfitzenden. Sein Standpunkt ift derfelbe geblieben.

fagen, daß fich jeder
der fich nicht forgfältiger Lektüre von Bouffets Artikeln
unterzieht. Es dürfte zur Einführung in die Probleme,
die uns die Gnofis bietet, überhaupt nichts Befferes und
Lehrreicheres als diefe Artikel geben. Alfo: tolle, lege.
Bouffets Stellung muß ich im allgemeinen als bekannt vorausfetzen
. Sie läßt fich übrigens aus der Dispofition, die
dem Artikel Gnofis vorangeftellt ift, leicht erheben. Diefe
Dispofition weift folgende Gliederung auf: 1. Name, Zeit,
Heimat der Bewegung. 2. Gnoftifche Literatur. 3. Literatur
der Gegner. 4. Der vorchriftliche Grundcharakter
der Bewegung. 5. Der Dualismus. 6. Die Geftalt der
Sieben; die Aftrologie in der G. 7. Der unbekannte Gott.
8. Der Glaube an die Mutter. 9. Die übrige Welt der
Äonen. 10. Erlöfergeftalten. 11. Die anthropologifche und
foteriologifche Grundanfchauung. 12. Die Myfterienpraxis.
13. Die Askefe. 14. Verhältnis zum Judentum. 15. Verhältnis
zum Chriftentum. Der Anziehungspunkt für beide
Religionen: die Soteriologie. 16. 17. Einfluß des Chriften-
tums auf die G. 18. 19. Einfluß der G. auf die Entwicklung
des Chriftentums. 20. Literatur. Aus diefer Überficht
ergibt fich, daß B. den Nachdruck darauf legt, die
Gnofis in ihren Grundzügen zu begreifen, ohne auf das
Chriftentum Rückficht zu nehmen. Sie ift ihm eine eigene
Religion vor und neben dem Chriftentum, mit dem fie
Kompromiffe abgefchloffen hat; und fie aus ihren eigenen
Prämiffen zu verliehen, erfcheint als Pflicht. Darum bedeutet
das, was B. unter Nr. 5—13 ausführt, ihm die
»Hauptprobleme' der Gnofis, zunächft ganz ohne Rückficht
darauf, was daraus geworden ift, als die Berührung mit
Judentum und Chriftentum eintrat, der als einer wichtigen
religionsgefchichtlichen Tatfache in Nr. 14—19 natürlich
ausführlich gedacht wird, die aber, auf das Ganze ge-
fehen, doch nicht als etwas den Grundcharakter der Bewegung
(Nr. 4) Änderndes angefehen werden kann.

Zum Zweiten. Harnack (a. a. 0.13) hat gemeint: ,Wenn
fortab Hauptprobleme fein follen, was Bouffet hier in bezug