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Ausgabe:

1911 Nr. 12

Spalte:

360-362

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Holtzmann, Heinrich Julius

Titel/Untertitel:

Lehrbuch der neutestamentlichen Theologie. 2., neu bearb. Aufl 1911

Rezensent:

Heinrici, Carl Friedrich Georg

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Theologifche Literaturzeitung 1911 Nr. 12.

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dem Verfaffer wirkliche Weisfagungen, die noch ihrer
Erfüllung harren (S. 150); wie follte es da auch nur
möglich fein, daß in ihnen eine ausgedehnte Erzählung
mythifcher Herkunft ftündef Diefe Refultate alfo (landen
dem Verfaffer vor der Unterfuchung feft. Er ift hierin
nicht ein objektiver Richter — wie es uns als Ideal bei
unferen wiffenfchaftlichen Unterfuchungen vorfchwebt —,
fondern er ift Partei und kann es gar nicht anders fein.
Alfo bei aller Gelehrfamkeit doch eine tiefe Kluft, die
— wenn wir ganz offen fprechen dürfen — fchließlich
jede Verhandlung unmöglich macht.

Und diefelbe Kluft empfinden wir in der Art der
Beweisführung. Unfer Ideal ift es, uns mit einfachem
und aufgefchloffenem Sinn den Dingen hinzugeben und
ihnen ihre Eigenart abzulaufchen. Und wir meinen, daß
eben diefer innere Sinn für die Natur der Dinge erfi den
Hiftoriker und Exegeten ausmacht. Der Verfaffer aber,
weit von diefem Streben entfernt, operiert mit einem
Scharffinn, der, durch fcholaftifche Schulung hindurchgegangen
, an feinen Diftinktionen und gewundenen Er-
gebniffen (Beifpiele S. 37h 163) fein Gefallen hat. Wir
verfenken uns z. B. in Ap. Joh. 12 und finden, daß diefe
Erzählung in ihrer ganzen Art mit einem Mythus die
merkwürdigfte Ähnlichkeit hat; dem Verfaffer ift ein
folcher Eindruck, auf den wir alles bauen, ,zu fubjektiv'
(S. 159). Wir glauben, daß dem einfachen Denken beim
erften Lefen der Gefchichte von den Weifen aus dem
Morgenlande einleuchten wird, daß der Stern, der vor
den Weifen einherzieht und auf der Wohnung des Kindes
ftillefteht, ein Wunderftern gewefen fei, den keine aftro-
nomifche Berechnung jemals am Himmel finden kann;
der Verfaffer macht daraus mit einer kleinen logifchen
Verfchiebung, daß der Stern über der Wohnung des
Kindes zu ftehen fchien (S. 108), und beweift mit einem
unendlichen Aufwand von Scharffinn und Gelehrfamkeit,
daß es fich möglicher Weife um die bekannte Konjunktion
von Juppiter und Saturn im Jahre 7 n. Chr. handelt.
Bei den biblifchen Vifionen begnügt er fich häufig leichthin
mit einer beliebigen Deutung, etwa der 24 Presbyter
von Ap. Joh. 5 auf die (12!) Patriarchen, Apoftel ,oder
etwas anderes' (S. 129), oder daß die Lammeshörner
des Pfeudopropheten dies Wefen überhaupt als Lamm
bezeichnen follten (S. 141), oder daß fich das Nieder-
fchlagen von einem Drittel der Sterne durch den Schwanz
des Drachen vielleicht auf die Verführung einer großen
Anzahl von Gerechten beziehen laffe (S. 149). — Auch die
.Spezialifierung', in welcher der Verfaffer das Problem behandelt
, wonach er fich faft nur um das babylonifche
Vergleichungsmaterial kümmert, das nicht-Babylonifche
aber nicht oder kaum berückfichtigt, ift zwar bequem, aber
der Sache nicht förderlich. Die Babylonier mögen von
einer jungfräulichen Geburt nichts gewußt haben; aber
diefe Vorftellung kann doch von anderen Völkern erzeugt
und auf Jefus übertragen worden fein; hier wäre
alfo eine Befprechung des gefamten Stoffes notwendig
gewefen. Die Sage vom bethlehemitifchen Kindermord
hat in Babylonien nur ganz entfernte Verwandte, aber
in anderen Völkern um fo nähere, die weit ausführlicher
hätten befprochen werden müffen. Der Stoff von
Ap. Joh. 12 wird nicht auf Babylonifches zurückgehen,
aber griechifche und ägyptifche Mythen find ihm
um fo ähnlicher; der Verfaffer hat fie nicht genügend
behandelt (S. i66ff) und jedenfalls nicht genügend gewürdigt
. — Auch fonft hat fich der Verfaffer feine Sache
etwas leicht gemacht. Er kämpft höchft ausführlich gegen
die Erklärung von Ap. Joh. 12 aus dem Babylonifchen,
die ich in meinem Werke .Schöpfung und Chaos' 1895
vorgetragen habe, obwohl ihm nicht verborgen geblieben
ift (S. 173), daß ich diefe Stellung bereits vor 8 Jahren
(,Zum religionsgefchichtlichen Verftändnis des Neuen Tefta-
ments' 1903, S. 55) wefentlich verändert habe. Nicht ohne
Vergnügen kann ich zufehen, wie er den Platz bombardiert
, auf dem ich vor 16 Jahren geftanden habe. —

Wenn ich alfo auch der Beweisführung des Verfaffers
vielfach nicht beipflichten kann, fo ftimme ich feinem
Gefamtrefultat, daß das Babylonifche zum Verftändnis
der Geburtsgefchichte (und — meine ich — überhaupt
der Gefchichte) Jefu nicht viel beiträgt, im ganzen zu.
Nur finde ich, daß der große Aufwand des Verfaffers
zu diefem Ergebnis in keinem rechten Verhältnis fleht.
Wertvoll erfcheint mir — wenn ich auch dem Urteil der
Affyriologen nicht vorgreifen will — befonders das mitgeteilte
babylonifche Material, befonders das über die
Grundfätze babylonifcher Sterndeutung S. 74fr.

Gießen. Hermann Gunkel.

Holtzmann, weil. Prof. D. Dr. Heinr. Jul.: Lehrbuch der
neuteltamentlichen Theologie. (In 2 Bdn.) 2. neu bearb.
Aufl., hrsg. v. Prof. D. A. Jülicher u. Lic. W. Bauer.
(Sammlung theolog. Lehrbücher.) (In etwa 8 Lfgn.)
1. Lfg. (1. Bd. S. 1—160.) gr. 8°. Tübingen, J. C. B.
Mohr 1911. M. 3.50

Heinrich Holtzmanns Tod hat eine von Vielen empfundene
, fchwer auszufüllende Lücke in dem Kreife der
wiffenfchaftlichen Arbeiter, namentlich der Bibelforfcher,
geriffen. Wie kein anderer hat er die Wandelungen der
Forfchung mit kritifchem Urteil und fachlichem Intereffe
begleitet und ihre Ergebniffe verarbeitet. Er war (lets
bereit zu lernen, auch wenn er ablehnen mußte. Im geraden
Gegenfatz zu aller Senfationsmacherei, auch zu
den felbftbewußten Originalköpfen, denen es genügt, die
eigene Anficht vorzutragen — hinter mir Nacht und vor
mir Tag, daß mich jeder fehen mag —, bewährt fich
feine Arbeitsweife. Es war ihm Bedürfnis, fich allfeitig
umzutun. Er felbfl fagte wohl: es ift mein Verhängnis,
daß ich alles lefen muß. Und er las mit lebhaftem
inneren Anteil, ftets fich auseinanderfetzend, ein nie ermüdender
, beweglicher Geift, deffen Kraft und Art fich
in feinen Augen, die fcharf beobachtend die Umgebung
erfaßten, und in feinem je nachdem gutmütigen oder
farkaftifchen Lächeln ausprägten. So gehörte er auch
im perfönlichen Verkehr zu den innerlich Reichen, die
ftets zu geben wußten und dankbar empfingen, nach
feiner Gefinnung ein Jünger Rothes, wiffenfchaftlich fich
an der Tübinger Kritik orientierend, aber die Ergebniffe
der Schule felbftändig weiterbildend und umformend.
Deshalb weckte er auch den Zorn von David Friedrich
Strauß, als er die Methode von deffen Mytho-
logifierung der evangelifchen Gefchichte mit einem
Vampyr verglich, der der blutreichen evangelifchen Überlieferung
den Lebensfaft ausfauge. Gleicherweife kämpfte
er gegen hyperkritifche Verftiegenheiten (der Ausdruck
(lammt von ihm), gegen die Nebel des Myftizismus und
gegen apologetifche Sophiftik.

Als die Krönung feines viel umfaffenden wiffenfchaftlichen
Lebenswerkes betrachtete er das Lehrbuch der
neuteftamentlichen Theologie, das 1897 in erfter Auflage
erfchien. Die Arbeit für die zweite Auflage nahm ihn
innerlich ganz in Anfpruch während der Jahre der beata
tranquillitas, die er in Baden-Baden verlebte; das
einzige was ihn dabei beunruhigte, war das Beftreben,
nicht dem ,Fluche der Vollftändigkeit1, zu erliegen und
doch keinen beachtlichen Beitrag der Mitarbeiter zu
überfehen. Hatte er fich doch das Ziel gefetzt, in diefem
Werke eine Umfchau zu geben, eine .gleichmäßige >jber-
ficht über die Herkunft und den Stand der Kontroverfen,
eine zuverläffige Darftellung des Kampfes der Meinungen'.
Vor dem Abfchluß der Arbeit nahm ihm der Tod die
Feder aus der Hand. Daß aber die neue Auflage in
feinem Sinne ans Licht tritt, verbürgt der Name ihrer
Herausgeber, Adolf Jülichers und Walter Bauers.

Die zweite Auflage erfcheint, wie die erde, in Lieferungen
. Die von ihm verfaßte Vorrede fpiegelt treu
fein theologifches Denken und feine wiffenfchaftlichen