Recherche – Detailansicht

Ausgabe:

1911 Nr. 12

Spalte:

355-356

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Scherer, Carl

Titel/Untertitel:

Neue Fuldaer Bruchstücke der Weingartener Prophetenhandschrift, hrsg 1911

Rezensent:

Nowack, Wilhelm

Ansicht Scan:

Seite 1

Download Scan:

PDF

355

Theologifche Literaturzeitung 1911 Nr. 12.

356

werden auch die Theologen nicht nur vieles finden, was
für die allgemeine Religionsgefchichte von Bedeutung ift,
fondern auch manches, was ihre befonderen Gebiete berührt
. Ich hebe einiges hervor, was für die religiöfe
Entwickelung, in die das Chriftentum eintritt, befonders
charakteriftifch ift: Hellenifierung der römifchen Religion
(S. 21. 22 ff. 78. 107), Verwendung der Zodiakalzeichen als
Fahnenbilder (I), politifche und religiöfe Stimmung des
augufteifchen Zeitalters (VI, IX, XI), Gleichfetzung fremder
Götter mit den römifchen (S. 81 ff. 130 ff. 140), Herrfcher-
kult (XXI und S. 145), Ausbreitung orientalifcher Kulte
(S. 148fr. 167), die Sonnengötter (XXII).

Die Auffätze find faft unverändert abgedruckt. Der
über die Ära pacis (IX) war fchon völlig überholt, als
er neu gedruckt wurde. In die Römeroden (XI) find
ficher allzu viel politifche Beziehungen durch Preffen der
Worte hineingedeutet worden. Die Deutung der unverlierbaren
(ftoifchen) virtus, der die äußeren Ehren gar
nichts gelten, die ihre Ehre in fich trägt, auf Auguftus
(C. III 2, 17 ff) fcheint mir völlig ausgefchloffen: f. z. B.
Hoppe, Die zweite Römerode, Breslau 1906, Progr., der
gegen die einfeitig politifche Ausdeutung überhaupt berechtigte
Bedenken erhebt. In diefen und andern Fällen
hätte die neuere Literatur nachgetragen werden follen. —
Zu XXII (,Die politifche Bedeutung der Religion von
Emefa') vgl. Cumont-Gehrich, die orientalifchen Religionen
S. 282, über Sucellus (S. 81. 131. 134), S. Reinach, Cultes,
mythes et religions I 217 ff. — Gegenüber dem Auffatz
dei certi und incerti (XVII) hat Wiffowa D. L. Z. 1910
Sp. 2334/5 feine Anficht feftgehalten, daß Varros Unter-
fcheidung der dei certi und incerti nur die Sicherheit oder
Unficherheit des Wiffens bezeichne, das Varro von ihnen
habe gewinnen können. Nach D. ,find dei incerti folche,
wo (sie) die Wirkung nicht auf einen beftimmten Gott
zurückgeführt werden kann, dann natürlich auch jene
Götter, deren poteftas nicht klar ift' (168). Die unfichere
Grundlage feiner Auffaffung ift Ufeners Theorie von
Augenblicks- und Sondergöttern, die trotz wertvoller Beobachtungen
doch kein Normalfchema religionsgefchicht-
licher Entwickelung gibt. Die Luftrationsgebräuche (II und
S. 152) find in einem weiteren Zufammenhange in einem
Auffatz von Fowler, den ich demnächft befpreche, erörtert
worden.

Göttingen. Paul Wendland.

Scherer. Oberbiblioth. Dr. Carl: Neue Fuldaer Bruchftücke
der Weingartener Prophetenhandfchrift, herausgegeben.
Mit einer Tafel. (Sonderabdruck aus Z AT W.) Gießen,
A. Töpelmann 1910. (40 S.) gr. 8° M. 1.50

Seit der Publikation der drei Folianten der ,Bibliorum
sacrorum latinae versiones antiquae seu Vetus Italica'
durch den gelehrten Pierre Sabatier 1743—49 ift unfere
Kenntnis der vorhieronymianifchen latein. Überfetzung
der Bibel durch immer neue Funde nicht unerheblich
bereichert worden. Namentlich hat fich E. Ranke durch
feine Veröffentlichungen von Stücken der Weingartener
Prophetenhandfchrift erhebliche Verdienfte erworben. Ursprünglich
gehörte diefer Kodex, der wohl aus dem 5. Jhdt.
flammt, der Dombibliothek zu Konftanz und ift erft
im 14. Jhdt. für buchbinderifche Zwecke zerfchnitten.
Nach Weingarten find diefe Stücke erft um 1630 gekommen
und dort inventarifiert, von dort gelangten fie
nach Darmftadt, Fulda und Stuttgart. Ohne Zweifel find
Konftanzer Handfchriften aber auch nach anderen Orten
verkauft, wie der Fund von St. Paul in Kärnten, den
Vogel 1868 publizierte, beweift. Nachdem noch P. Corffen
1899 zwei neue Fragmente der Weingartener Prophetenhandfchrift
veröffentlicht hat, gelang es Scherer abermals
in Fulda auf verfchiedenen zu buchbinderifchen
Zwecken zerfchnittenen Pergamentblättern der Weingartener
Handfchrift Stücke aus Ezechiel 8. 12. 20, fowie

einige Gloffen zu Ez. 8 und 20 zu entdecken. Die Art
der Veröffentlichung ift diefelbe, wie bei P. Lehmann
(Berichte der Münchener Akademie 1908): zunächft gibt
Sch. den Abdruck der Kolumnen der Handfchrift, fodann
ftellt er den Text der Septuaginta (Swete) dem der Handfchrift
gegenüber, aber fo, daß das, was aus der Itala oder,
wo fie fehlt, aus der Vulgata in dem lateinifchen Text
des Zufammenhangs wegen ergänzt ift, in eckige, was
in den Fragmenten felbft Ergänzung ift, in gebrochene
Klammern gefchloffen ift. Mit Einfchluß diefer von
Scherer veröffentlichten Fragmente befitzen wir nun
von dem Text des Ez. in diefer Handfchrift 8, ifin.
2—17 in. 12,2—6. 13—18 in. 16,52—17,6. 19—18, 9 in.
18, 9—17. 20, 18—21. 21. 22 in. 23—42. 24, 25—25, 14.
26,10—27,7. 7—17. 17—19. 28,1 — 17. 32,4—10. 33,7—
20—30. 34, 6. 8—12. 42, 5. 6. 14. 43, 22—44, 5- 19-45. 2.
46, 9—23. 47, 2 — 12. 48, 22—30.

Scherer's Publikation ift ein Sonderabdruck aus der
Zeitfchrift für Altteftamentliche Wiffenfchaft. Dadurch
erklären fich die beiden jetzt unzutreffenden Zitate: auf
S. 29 Z. 3 v. u. ift S. 33 ft. S. 193 und auf S. 40 Z. 2 v. u.
S. 5 ft. S. 165 zu lefen.

Straßburg i. E. W. Nowack.

Haupt, Prof. Paul, LL. D.: The Book of Esther. Critical
Edition of the Hebrew Text with Notes. (Reprinted
from the American Journal of Semitic Languages and
Literatures. Vol. XXIV, January, 1908.) Chicago, The
University of Chicago Press 1908. (p. 97—186.) gr. 8°

f i-os

Diefe kritifche Ausgabe des hebräifchen Textes des
Eftherbuches nebft Anmerkungen ift ein Separatabdruck
aus the American journal of Semitic languages and
literatures vom Januar 1908. Es ift fehr dankenswert
daß H. diefe feine Arbeit durch Separatabdruck allgemein
zugänglich gemacht hat. Denn ich ftehe nicht an zu
erklären, daß wir im Vorliegenden zurzeit den in fprach-
licher und archäologifcher Hinficht bellen Kommentar
zum Buche Efther befitzen. Wie bei H. üblich, werden
wir in den critical notes mit einer Fülle lehrreicher
Notizen bedacht, die, mögen fie auch fchließlich nicht
alle ftandhalten, doch immer Anregung bieten. Um hier
einige Beifpiele herauszuheben, fei verwiefen auf 1,2 f.,
wo der Verf. mit Recht das «CO bS "iban t"DttO auffaßt
in dem Sinne von: nachdem der König auf den Thron
gekommen war, ufw. Das voraufgehende onü fieht
H. als Schreiberzufatz an. — Ebenfo räumt er in 1,5
mit dem .Gartenplatz' auf, auf dem das Feftmahl ftatt-
findet. Es ift der mit Mofaik belegte Vorplatz des
Palaftes. In 7,8 ift ntrarrby nicht mit ,vor dem Diwan'
zu überfetzen, wie Siegfried tut und fich dann felbft
über das Verhalten des Königs wundert; fondern mit
,hart an dem Diwan'. Zu ergänzen ift (but not insert),
um den Gewandfaum der Königin zu küffen oder etwas
ähnliches. Mit Recht konftatiert H. eine ganze Reihe
von Gloffen und Schreiberzufätzen, die z. B. Siegfried
und Wildeboer unbeanftandet gelaffen haben, fo 8,5 die
Worte: den Plan Hamans, des Sohnes Hamdathas, des
Agagiters; ähnlich in 8,7 und 9 die Schlußfätze. — Beachtenswert
fcheint mir auch H.s Urteil über die LXX
zu Efther. Er fagt: the fact that the text of G does
not read like a translation from the Hebrew is easily
explained by the popularity of E. As soon as a foreign
book becomes populär, the translation become more
idiomatic and free.

Königsberg Pr. Max Lohr.