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Ausgabe:

1911 Nr. 11

Spalte:

348

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Penzig, Paul

Titel/Untertitel:

Die Ethik Gassendis und ihre Quellen 1911

Rezensent:

Heinzelmann, Gerhard

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Seite 1

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347

Theologifche Literaturzeitung 1911 Nr. 11.

348

Siems, Palt. Fritz: Meine Gemeinde und ich. Gedanken und
Verfuche eines Landpaftors. (Schritten zur ,Dorfkirche'.
Heft 1.) Berlin, Deutfche Landbuchhandlung 1910.
(71 S.) 8» M. 1 —

Das Schriftchen verdient die weitefte Verbreitung
und die ernftefte Beachtung. Es zeigt, wie ernft und mit
wie fchönem Erfolg fich ein Pfarrer in einer unkirchlichen
Landgemeinde bemüht, Volk und Kirche wieder zufammen
zubringen. Das Geheimnis, um das es fich dabei handelt,
gibt er felbft in feinem Schlußwort an: ,Mein ganzes
Beftreben geht darauf, einen immer innigeren und auf
gegenfeitigem Vertrauen gegründeten Konnex zwifchen
meiner Gemeinde und mir zu erreichen'. Der Weg zum
Ziel ift die Veranftaltung von Gemeindeabenden, bei
denen Vorträge aus irgendwelchen die Gemeinde interef-
fierenden Gebieten gehalten werden, bei denen vor allem
aber ein Fragekaftenaufgeftellt wird, inden nicht nur Fragen,
fondern auch vom Pfarrer erbetene Antworten geworfen
werden. So hat S. der Verfammlung die Frage geftellt:
,Warum gehe ich nicht in die Kirche?', und er teilt nun
eine Reihe erhaltener, höchft intereffanter Antworten mit.
Nächftens wird er die Frage ftellen: ,Warumgehe ich nicht
zum Abendmahl refp. was halte ich vom Abendmahl?'
Auf diefem Wege lernt S. feine Gemeinde und fie ihn
kennen; auf diefem Wege flicht fich wieder das zeriffene
Band zwifchen Kirche und Gemeinde. Der von S. ein-
gefchlagene Weg mag längft nicht überall gangbar fein,
dies aber bleibt überall wahr: das Verhältnis der Gemeinde
zur Kirche hängt zunächft ab von ihrem Verhältnis zum
Pfarrer. — Höchft wohltuend berührt der gefunde, gerade
und dabei fo kräftig optimiftifche Sinn des Verfaffers.
Wem wäre es nicht eine Herzensfreude zu lefen: ,Es ift
heute eine Freude, Landpaftor zu fein! Denn das glaube
ich nach meinen Erfahrungen ganz ficher und davon laffe
ich mich durch kein Geunke und Gekrächze abbringen:
Wir find noch lange nicht am Ende kirchlichen Gemeindelebens
, vielleicht fogar erft an einem neuen Anfang
neuer Art, neuen Vertrauens, neuer Kräfte, — aber
des alten Ziels: Menfchenfeelen zu führen zu Gott, von
dem und zu dem und durch den alle Dinge find. Ihm
fei Ehre von Ewigkeit zu Ewigkeit!'

Halle a. S. Paul Drews.

Referate.

Verhandlungen der Synode der evang.-luth. Freikirche in Sachien u.

anderen Staaten auf ihrer 34. Jahresverfammlung in Uelfen 1910.
Zwickau i. S., Verlag des Schriftenvereins der fep. ev.-luth. Gemeinden
in Sachfen (1910). (113 S.) 8° M. 1 —
Enthält: Die Lehre vom geiftl. Prieftertum. (Referat von Paft.
P. Loeffler.) — Von der öftentl. Abbitte. (Referat von Paft.
H Eikmeier.)

Diefer Synodaibericht kann fchwerlich wiffenfchaftliches Intereffe
beanfpruchen. Seiu Wert liegt darin, daß in den beiden Referaten von
Loeffler und Eikmeier deutlich zum Vorfchein kommt, was aus einer
Kombination von Altlutheraner-Doktrinarismus und den gefchichtlichen
Notwendigkeiten einer kleinen auf fich gcftellten Freikirche wird: eine
Überfpannung des Begriffs des allgemeinen Prieftertums zum Independen-
tismus (im Gegenfatz zum fonft üblichen lutherifchen Amtsbegriffe) und
eine Anfpannung der Kirchenzucht, wie fie eben nur in kleinen Bekennt-
nisgemeinfchaften möglich ift, die dadurch noch nicht Reformiert' werden.
Den Statiftiker wird auch der tabellarifche Parochialbericht für das Jahr
1909 intereffieren.
Wittenburg i. Weftpr. Ed. von der Goltz.

Schulthess-Rechberg, Prof. D. Guftav von: Der Kardinal Jacopo

Sadoleto. Ein Beitrag zur Gefchichte des Humanismus.

Rüegg, Priv.-Doz. Arnold: Die Beziehungen Calvins zu Heinrich Bullinger
und der von ihm geleiteten zürcherifchen Kirche.
(Feftfchrift für die Univerfität Genf.) Zürich, Art. Inftitut Orell Füssli
1909. (92 S.) 4° M. 3 —

Die erde diefer Abhandinngen, welche der Genfer Univerfität feitens
der Züricher als Feftgaben zu dem 350. Geburtstag ihre Gründung gewidmet
worden find, füllt 70 Seiten mit dem Lebeusbilde eines Mannes,
der den Genfern in dem bekannten Briefe von 1539 als Polemiker entgegen
trat. Man möchte diefen feinfinnigen Humaniften lieber nicht unter
den Polemikern fehen; aber feine Stellung und die Zeitläufte, ja ein direkter
Auftrag einer Verfammlung kirchlicher Würdenträger haben dem Bifchof

die Feder damals in die Hand gedrückt. Calvin hat ihm bekanntlich in
einer fchneidigen Replik geantwortet, die fein katholifcher Biograph ,eine
der glänzendften Streitfchriften' nennt, ,die je aus feiner Feder gefloffen find'.
Im übrigen wird wie alles fpezififch Theologifche fo auch der Brief Sado-
leto's nur beiläufig hier berührt; dankenswerte Darftellungen feiner philo-
fophifchen Schriften, der pädagogifchen De liberis recte instituendis'
(S. 51 ff) und des 'Hortenfius' oder Phaedrus' (S. 58 fr.) geben dagegen
eine genaue Charakteriftik des Humaniften und Pädagogen. Unter den
Hierarchen feiner Zeit ift er einer der relativ Weitherzigen, die etwa mit dem
Tode Julius'III. abfchließen, umeinerReihe von rückfichtslofen, engherzigen,
dem Humanismus nur noch in fehr befchränktem Maße zugeneigten Vertretern
der Kirche Platz zu machen.

Die zweite der Abhandlungen behandelt ganz kurz (S. 71—92) eine
für die Entwicklung des Proteftantismus nicht allein in der Schweiz belangreiche
Frage. Zweimal ift Calvin in Zürich gewefen: zuerft 1538 nach
der Vertreibung aus Genf, damals von Farel begleitet — dann 1547 tvt
den Verhandlungen, welche den Züricher Consensus' betreffs der Abcnd-
mahlslehre gezeitigt haben. Beides höchft bedeutfame Momente. Schon
1538 ift das vertrauensvolle perfönliche Verhältnis zwifchen dem Führer
des franzöfifchen und des deutfch-fchweizerifchen Proteftantismus begründet
worden, von dem nun der Briefwechfel beider bis zu Calvin's Tode Zeugnis
ablegt. Der Wirkung des Consensus' hat allerdings damals noch
ein fanatifcher Buchftabengeift in dem lutherifchen Deutfchland engere
Grenzen gezogen; aber wirkungsvoll ift doch diefe Frucht der Beziehungen
zwifchen dem Genfer und dem Züricher Reformator geworden, als die
Zeit dafür gekommen war.

Königsberg. Benrath.

Penzig, Dr. Paul: Die Ethik GallendiS und ihre Quellen. (Renaiffance
u. Philofophie, Beiträge z. Gefch. d. Philofophie. 2. Heft). Bonn,
P. Hanftein 1910. (IV, 83 S.) gr. 8° M. 2—

Der Verfafier läßt hier feiner Unterfuchung über ,Pierre Gaffendis
Metaphyfik und ihr Verhältnis zur fcholaftifchen Philofophie' (Renaiffance
und Philofophie, hrsg. von Dr. Dyrofif, I. Heft 190S) eine Darftellung
der ethifchen Anfchauungen Gaffendis und eine Erörterung über deren
Verhältnis zu den Vorgängern folgen. An der Hand genauer Belegftellen
entfleht ein klares Bild der Ethik G.'s, denen Hauptzüge folgende find:
Die Ethik ift eine praktifche Wiffenfchaft (scientia sive mavis, Ars bene
et ex virtute agendi) (S. 1), ihr Ziel ift die Glückfeligkeit des dies-
feitigen Lebens, d. i. ,der Zufland, dem gegenüber ein befferer, lieblicherer
, erftrebenswerterer nicht denkbar ill' (S. 4). Diefer Zufland ift
feinem Inhalt nach: tranquillitas animi et Indolentia corporis (S. 12).
Das Mittel zu feiner Erlangung befteht in der Tugend, d. i. ,dem felbfl-
■ gewählten habitus, der in der richtigen Mitte liegt und beftimmt oder
I begrenzt ift durch die Vernunft und Klugheit' (S. 18). Pfychologifcho
Vorausfetzung der Tugend ift die Freiheit, will fagen: Die Fähigkeit,
,die fich fo betätigt, daß fie den Intellekt bei feiner Funktion intenfiver,
aufmerkfamer, gefpannter auf die Motive des Handelns richtet, auf die
für das Urteil des Intellekts wichtigen Momente' (S. 57). Denn der Intellekt
ift für das Wollen entfeheidend und maßgebend. Daher cxilliert
auch die Freiheit ,primär und per se im Intellekt, nur fekundär und
abhängigerweife im Willen' (S. 53). Die Behandlung des II. Teiles (über
die Quellen der Ethik G.'s) ift im Verhältnis zum I. (S. I —66) verhältnismäßig
kurz (S. 67—83). Sie zeigt neben der Abhängigkeit G.'s von
Epikur die Benutzung des Ariftoteles und des Thomas durch ihn und
feine Beziehungen zu Hobbes auf und führt auch für die Ethik G.'s
damit den Beweis, daß der Philofoph fich nicht nur in der Wiederholung
der Lehren Demokrits und Epikurs erfchöpft hat. Die Arbeit zeichnet
fich durch forgfältige Quellenbenutzung, klar disponierte Darftellung
und umfichtige Einordnung der ethifchen Gedanken G.'s aus und wird
dadurch zu einer empfehlenswerten Monographie.

Göttingen. II einzelmann.

Mitteilungen.

30. Die Tempel von Babylon. Die Deutfche Orient-Gefellfchaft
hat es fich bekanntlich zur Hauptaufgabe geftellt, die Ruinen Babylons
fyftematifch zu erforfchen. Die dortigen Ausgrabungen finden nicht, wie
das früher allgemein üblich war und auch jetzt noch an einigen Ruinen-
ftätten gefchieht, in Geftalt einzelner Expeditionen von befchränkter
Dauer flatt, fondern Prof. Rob. Koldewey ift mit feinen Mitarbeitern
feit 1899 ununterbrochen dort tätig. Es liegt auf der Hand, daß bei
einer folchen Arbeitsweife die wiffenfehaftliche Berichterftattung über
die Ergebniffe nicht nach zeitlichen Abfchnitten gegliedert fein kann,
fondern nur nach fachlichen Gefichtspunkten. In dem foeben bei
J. C. Hinrichs in Leipzig erfchienenen erften Bande der Babylonpublikation
der Deutfchen Orient-Gefellfchaft behandelt demgemäß Prof.
Koldewey die ,Tempel von Babylon'. Unter reichlicher Beigabe von
Plänen, Grundriifen und fonftigen Abbildungen faßt er in diefem grundlegenden
Werke alles zufammen, was die bisher ausgegrabenen Tempel
in baulicher und kultlicher Hinficht lehren. Selbftverfländlich fehlt es
dabei nicht an weittragenden Ausblicken auf Fragen der Kultur- und
Kunftgefchichte des alten Orients. Wir kommen auf das Werk zurück.

3t. Auf der Jahresverfammlung der ,American Oriental Society
', welche am 19. und 20. April in Harvard (Bofton) flattfand, find
unter den gehaltenen Vorträgen folgende zu nennen, welche hier intereffieren
dürften. (Bericht von Morris Jaftrow jun. in ,The Nation' vom
27. April). Prof. Paul Haupt befprach eine Anzahl von Stellen in dem
berühmten babylonifchen Sintflutbericht. Er bewies an der Hand einer