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Ausgabe:

1911

Spalte:

330-337

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Appel, Heinrich

Titel/Untertitel:

Kurzgefaßte Kirchengeschichte für Studierende. 1. Teil: Alte Kirchengeschichte. 2. Teil: Kirchengeschichte des Mittlalters 1911

Rezensent:

Köhler, Walther

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33°

und mit den andern Chriften verbindet, die Perfon Jefu
und die an ihr erlebte Gotteserfahrung ift und bleiben
wird; aber wenn dies fich fo verhält, dann kann uns der
Rekurs auf das Selbftzeugnis Jefu und auf das Zeugnis
der NTlichen Schriftfteller niemals das Zentrale fein. Wir
können auch niemals dadurch einer Einigung unter den j
Chriften den Weg bereiten, daß wir die komplizierten
kirchlichen Bekenntniffe durch einfachere biblifche Titulaturen
erfetzen, fondern allein dadurch, daß wir in uns
und andern den Sinn wecken und pflegen für die Wohltaten
, die uns Jefus in der Gegenwart bringt.

Bafel. Wernle.

Harnack, Adolf: Die Adrelfe des Epheferbriefs des Paulus.

(Sitzungsberichte d. Kgl. Preuß. Akad. d. Wiff. 1910.
XXXVII.) Berlin, G. Reimer. (S. 696—709.) Lex. 8°

M. — 50

Ausgehend von der Unmöglichkeit, daß der fo im- ,
persönliche Epheferbrief von Paulus an die ihm fo vertraute
Gemeinde zu Ephefus gerichtet fein könne, benutzt
der Verf. zunächft die im Kolofferbrief (4,16) vorkommende
Erwähnung eines gleichzeitig nach Laodicea gerichteten
Briefs, um deffen Identität mit unferm Epheferbrief wahrscheinlich
zu machen. Dann ftützt er diefe auf die Worte
Eph. 6, 21: .Damit auch ihr erfahrt, wie es mir geht' ufw.,
die auf die fehr ähnlichen, nur kein ,auch' zeigenden in
Kol. 4, 7 zurückzuweifen fcheinen und zugleich gegen eine
Beftimmung des Epheferbriefs für eine Mehrzahl von
Gemeinden fprechen. Ferner deutet er den bekannten
Vorwurf Tertullians gegen Marcion, daß er titulum (d. h.
die Adreffe nach Laodicea) interpolare gestit, dahin, daß
ihm (um 140) der Brief als Brief nach Laodicea überliefert
war, da ihm nur dogmatische, nicht hiftorifch-lite-
rarifche Kritik zuzuschreiben fei. Endlich Stellt der Verf.
die Hypothefe auf, der Name Laodicea fei getilgt worden, I
nachdem um 94 die Apokalypfe (3, 14—22) diefer Gemeinde
ein fo Schlechtes Zeugnis ausgestellt hatte, Sofort nach
der Sammlung der paulinifchen Briefe, die in der Provinz
Afia ftattfand, fpäteftens im I.Jahrzehnt des 2. Jahrhunderts
. Man habe unter den immer mehr als heilig
geltenden Schriften des Neueit Teftaments keinen an eine
Solche Gemeinde gerichteten Brief dulden und doch den
Brief felbft nicht miffen mögen. So fei der durch Origenes
und unfre älteften Handfchriften bezeugte Zuftand ent- j
Standen, daß der Anfang des Briefs gar keinen Ortsnamen j
zeigt, wodurch er jedoch finnlos wird. Gleichzeitig aber, I
oder wahrscheinlicher kurz nachher, müffe Ephefus als
Hauptftadt der genannten Provinz eingefügt worden fein, [
da diefer Name allgemein durchgedrungen ift. Nur Mar- I
cion habe noch ein unkorrigiertes Exemplar des Briefs gekannt
.

Gewiß eine intereffante Hypothefe, einigermaßen
ahnlich der andern Harnacks, daß wir den Hebräerbrief
deshalb ohne Verfaffernamen haben, weil er ein Werk
der Prisca fei und — mulier taceat in ecclesia. Allein
löft fie wirklich alle Schwierigkeiten? .Warum Paulus
an die Gemeinde zu Laodicea daneben' (d. h. neben der
Mitbestimmung des Kolofferbriefs für Sie, der ihre konkreten
Verhältniffe zum Teil mit getroffen haben werde)
.einen fo ganz eigentümlich weiten, ideal-abftracten Brief
gefchrieben hat, vermögen wir nicht zu enträtfeln' (S. 700).
Dazu kommt, daß Paulus durch Epaphras über Laodicea,
um das Sich diefer laut Kol. 4, 13 ebenfalls fehr bemüht
hatte, ziemlich ebenfo viel Konkretes wiffen konnte wie
über die ihm perfönlich ja ebenfo unbekannte Gemeinde
zu Koloffä, aus der Epaphras Stammte. Und trotzdem
kennt unfer Epheferbrief bei feinen Lefern nichts Konkretes
außer — Glauben und Liebe (1, 15). Die Tilgung
des Namens Laodicea aus dem angegebenen Grunde
wird man nicht für unmöglich erklären dürfen, auch nicht
ihren durchgreifenden Erfolg. Aber weiß man wirklich, |

daß um 100 und in der Provinz Afia die Sammlung der
paulinifchen Briefe Stattgefunden hat? Doch vielleicht
könnte man den Teil der Hypothefe, der von der Wahl
des Namens Ephefus handelt, durch die Annahme erfetzen
, diefe Stadt fei nur als namhafter Miffionsplatz des
Paulus gewählt worden.

Das Wichtigfte aber ift dies, daß Harnack die Echtheit
des Epheferbriefs vorausfetzt. In feiner großen Ausgabe
der Lehre der 12 Apoftel von 1884 (Texte und
Unterfuchungen II 2, S. 100) erklärte er ihn beftimmt für
unecht. Reff kann aber nicht finden, daß die kritifche
Lage, wie fie z. B. durch Clemen in feinem .Paulus' von
neuem dargeftellt ift, fich feitdem geändert habe. Z. B.
wird fchwerlich erfchüttert fein, was Harnack felbft in
der Zeitfchrift für Kirchengefchichte 1879, S. 391 feft-
geftellt hat, daß es bis zum Ende des 2. Jahrhunderts
immer nur heißt: ,Der Apoftel Paulus', ,der feiige Paulus',
,die guten Apoftel', und daß im 2. Jahrhundert zwar Presbyter
und Märtyrer gelegentlich .heilig' heißen, der Titel
,die heiligen Apoftel' aber außer Eph. 3,5 erft im 3. Jahrhundert
gebraucht wird. — Nun Sagt Harnack zwar, auch
die Beftreiter der Echtheit des Briefs müßten annehmen,
daß diefer als Brief an die_ Laodicener entstanden fei
und dann die befchriebene Änderung feiner Adreffe erfahren
habe. Allein hiergegen möchte Ref. an die z. B.
von Klöpper (im Kommentar von 1891) vertretene Annahme
erinnern: aus Unkenntnis der gefchichtlichen
Verhältniffe fchrieb der nachapoftolifche Verfaffer den
Brief als Brief nach Ephefus; diefe Adreffe wurde als
unmöglich erkannt und gestrichen, und dann wurde auf
Grund von Kol. 4,16 Laodicea als Adreffe vermutet
und eingefetzt. Dies kann vor Marcion, aber auch durch
ihn gefchehen fein; denn wenn wir Harnack auch gewiß
gegen Zahn darin beitreten, daß Marcion keine hiftorifche
Kritik getrieben hat, fo ift dadurch doch nicht aus-
gefchloffen, daß er in einem fo eklatanten Falle das
Fehlen eines Namens (oder die Irrigkeit des Namens
Ephefus) erkannte und durch eine naheliegende Vermutung
Remedur Schaffte.

Zürich. Paul W. Schmiedel.

Acquoy, J. G. EL; Handleiding tot de Kerkgelchiedvorfching
en Kerkgelchiedfchrijving. Tweede herziene en vermeer-
derde druk, bewerkt door Hoogl. Dr. F. Pij per. 's-Gra-
venhage, M.Nijhoff 1910. (XIII, 200 blz.) gr. 8° fl. 2.25

Heuffi, Dr. Karl: Kompendium der Kirchengefchichte. Zweite
verb. Auflage. Tübingen, J. C. B. Mohr 1910. (XXXII,
612 S.) gr. 8° M. 9 — ; geb. M. 11 —

Appel, Lic.II.: Kurzgefaßte Kirchengefchichte für Studierende.
Befonders zum Gebrauch bei Repetitionen. 1. Teil: Alte
Kirchengefchichte. — 2. Teil: Kirchengefchichte des
Mittelalters. Leipzig, A. Deichert, Nachf. 1909.10. (VIII,
170 u. VIII, 292 S. m. Tabellen u. 4 Karten.) gr. 8"

M. 6.60; geb. M. 7.80

Loofs, Prof. Dr. Friedrich: Grundlinien der Kirchengefchichte
in der Form von Dispositionen für feine Vorlefungen.
Zweite, neubearbeitete Auflage. Halle a. S., M. Niemeyer
1910. (XXVI, 430 S.) gr. 8° M. 6 —; geb. M. 7 —

Vier Werke zur Gefamtkirchengefchichtel Sämtlich
primo loco Studentenbücher! Ein erfreuliches Zeichen,
daß diefe Disziplin immer wieder in den Bann ihres In*
tereffes zwingt.

I. Das Buch von Acquoy erfchien in erfter (mir nicht
zugänglicher) Auflage 1894 und war erwachfen aus Vorlefungen
, die der Leidener Profeflor in den Räumen der
dortigen Universitätsbibliothek, wo das Anfchauungsma-
terial fogleich bereit Stand, regelmäßig vor Theologie-
Studenten abzuhalten pflegte. Die notwendig gewordene

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