Recherche – Detailansicht

Ausgabe:

1911 Nr. 11

Spalte:

326-327

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Billauer, A.

Titel/Untertitel:

Grundzüge des babylonisch-talmudischen Eherechts 1911

Rezensent:

Bacher, Wilhelm

Ansicht Scan:

Seite 1, Seite 2

Download Scan:

PDF

325

Theologifche Literaturzeitung 1911 Nr. II.

326

kann ich, wie ich fchon öfters ausgefprochen habe, nicht
anders verftehen als in dem Sinne, daß der verwefende
Körper felbft die Verunreinigung bringt. Die Auffaffung
des altteftamentlichen Gefetzes ift aber natürlich nicht
entfcheidend für die urfprüngliche Bedeutung. — Das
dritte Kapitel ,Sympathetic magic' S. 142—174 gehört
nun wirklich zum eigentlichen Thema. Der Verf. verfteht
unter diefer Art der Magie ,die Fähigkeit, einen Dämon
aus feinem Aufenthaltsort in einen Gegenftand zu übertragen
, welcher der Macht des Magiers unterfteht'. Es
wird gezeigt, wie fich Analogien zu den bei vielen
Völkern verbreiteten Manipulationen mit Wachsfiguren,
Fingernägeln, Haaren, Namen ufw. auch im babylonifch-
affyrifchen Altertum finden. — Auf die Konfinierung
der fympathetifchen Magie bafiert der Verf. in einem
vierten Kapitel feine Auffaffung des Sühnopfers S. 175—
218. Dies ift der am meiften originale Teil feiner Darfteilung
. Die ,Sühne' (atonement), nämlich die .Kappara'
— nach dem Verf. eine altfemitifche Vorftellung und
Inftitution —, ift eigentlich die Abwafchung einer durch
einen Dämon verurfachtenUnreinheit, fodaß der dämonifche
Einfluß in das Waffer übergeht. Oder, wo es fich um
ein Tieropfer handelt, der Dämon wird veranlaßt, in das
Tier, fpeziell in das vergoffene Blut des Tieres, überzugehen
. Der Verf. ift fich bewußt, daß die altteftamentliche
Auffaffung der Kappara fich aus diefer .urfprüng-
lichen' Bedeutung nicht direkt ableiten läßt. Er erklärt
die altteftamentliche Darfteilung für .konfus' (S. 197).
Aber die Modifikationen oder Entftellungen des alten
Teftaments müßten doch irgendwie zu begreifen fein. Ich
verftehe nicht, wie die altteftamentliche Änfchauung, daß
die Manipulation mit dem Blute veranlaßt fei durch die
Bedeutung des Blutes als fpezielles Eigentum der Gottheit
und als Sitz der Nephefch hervorgegangen fein foll
aus dem Glauben, daß ,böfe Geifter befonders angezogen
werden durch Blut' (S. 195) — eine überdies in der
Verallgemeinerung fehr problematifche Annahme. Und
um nur noch eines anzuführen: ich finde es im höchften
Grad unwahrfcheinlich, daß die Unreinheit des Weibes
im Kindbett und die dadurch für fie notwendige Kappara
allgemein beruhen foll auf der Eiferfucht von Geiftern,
die dem Weibe den glücklichen Erfolg ihrer Heirat mit
einem Manne mißgönnen (S. 190). Es ift nicht anzufeilen
, weshalb diele Eiferfucht auf eine beftimmte Zeitdauer
befchränkt wäre und nicht andauert, fo lange das
Kind lebt. — Nicht ficher bin ich, ob ich richtig erfaßt
habe, was der fünfte und letzte Abfchnitt ,The redemp-
tion of the firstborn' S. 219—244 mit der Magie zu tun
hat. Wenn ich den Schlußfatz S. 243 f. richtig verftehe,
hat er auch nach des Verf.s Meinung nichts damit zu
tun, und nur der Erfatz für den Erftgeborenen berührt
fich in feiner äußerlichen Geftaltung mit andern Riten, wo
es fich um die Abwehr eines Dämons, alfo um Magie,
handelt. Deutlich jedenfalls denkt der Verf. die Tötung
der Erftgeburt als gefchehend zum Zweck eines Opfermahls
. Da er jedes Opfermahl als Gemeinfchaftsmahl anfleht
, folgert er aus jenem Brauch urfprünglichen Kannibalismus
. Der Verf. weiß wohl, daß einzelne Beobachtungen
dagegen fprechen. Ich meinerfeits möchte jedenfalls
Anthropophagie bei den alten Hebräern aus Num.
24, 8 nicht folgern.

Wenn auch Ref. den Aufftellungen des Verf.s in
vielen Punkten nicht zuzuftimmen vermag, fo behält doch
auch für diefe Beurteilung die in dem Buche vorliegende
Sammlung und Sichtung eines umfangreichen Materials
ihren Wert. Ein fehr eingehendes Regifter erleichtert die
Auffindung, und die befcheidene Art, mit der der Verf.
feine befondern Anfchauungen vorträgt, verföhntmit ihnen,
auch wo fie als einigermaßen extravagant erfcheinen können.

Berlin. Wolf Baudiffin.

Viteau, Dr. J.: Les Psaumes de Salomon. Introduction,
Texte grec et Traduction. Avec les principales
variantes de la version syriaque par Prof. Frangois
Martin. (Documents pour l'etude de la Bible, publies
sous la direction de F. Martin.) Paris, Letouzey et
Ane 1911. (II, 427 p.) 8° fr. 6.75

Mehr als 400 Seiten für die 18 Pfalmen Salomos
fcheint etwas viel; doch nimmt das Regifter allein faft
40 ein. Der Text (links), die Überfetzung (rechts), die
Anmerkungen über beide Seiten herüber, beanfpruchen
120 Seiten; 12 Seiten (240—251) kommen auf die Bibliographie
. Zu den bei Schüren'III (1898) genannten Ausgaben
ift der Sonderdruck von Swete und Ecker's Porta
Sion (1903) hinzugekommen, bei den Überfetzungen eine
ruffifche von A. Smirnow (1896), worüber Bonwetfch
(in diefer Zeitung Febr. 1908) zu vergleichen ift. Alles
was vorhergeht, ift Einleitung, die fo ausführlich ausfiel,
weil Viteau nicht bloß felbftändig die durch diefe Pfalmen
uns geftellten Probleme erörtert, fondern auch berichtet,
(S. 192—239), was feine Vorgänger dazu gefagt haben:
Höfchel, de la Cerda, Nieremberg, Ferrand, Neumann,
Janenski, Huet, Un anonyme 1712, Fabricius, Buddeus,
Ceillier, Bretfchneider, IL Bengel; Movers, Ewald, Delitzfch,
Langen, Keim, A. Geiger, Nöldeke, Hilgenfeld, Hitzig,
Grätz, Carriere, E. Geiger, Fritzfche, Vernes, Wellhaufen,
Drummond, Ledrain, Pick, Stapfer, Stanton.Girbal, Schürer,
Zöckler, Ryle 11. James, Deane, Jacquiers, Renan, O. v. Gebhardt
, Frankenberg, I. Levi, Peyrollaz, Swete, Kittel, Perles,
Volz, Andre, Büchler, Bertholet, Gautier, Reville, Lagrange,
R. Harris. Die durch Fr. Martin vermittelte Verwertung
der durch Harris gefundenen fyrifchen Überfetzung ift
der wefentlichfte Vorzug der neuen Ausgabe vor den
früheren, führt aber auch nicht wefentlich über das bisher
Erreichte hinaus. Das Gleiche wird auch von der
neuen Erörterung der Zeitverhältniffe gefagt werden
muffen. Entftehung des hebr. Originals in Jerufalem, zur
Zeit des Pompejus, der griechifchen Überfetzung zwifchen
40 vor u. 70 nach Chriftus; dem Salomo vielleicht erft
nachträglich zugefchrieben. Gut ift die Überficht über
den Sprachfehatz S. 125—148. Über die Sprachformen
hätte fich vielleicht noch mehr fagen laffen, z. B. über
Jtäv avdga (3,10); ebenfo wäre unter dem Text die Mit-
j teilung weiterer Varianten von Wert gewefen. In der
! Hauptfache haben nun aber die Lefer, für welche diefe
1 Sammlung beftimmt ift, ein Buch, aus dem fie fich über
1 die Pfalmen Salomos fo gründlich unterrichten können,
wie aus den früheren Teilen über Henoch, Ahikar und
die Ascensio Isaiae.

Maulbronn. Eb. Neftle.

Billauer, Dr. A.: Grundzüge des babylonilch-talmudifchen
Eherechts. Berlin, C. Heymanns Verlag 1910. (III,
78 S.) gr. 8° M. 2 —

Die im Titel zu lefende Bezeichnung des Eherechtes,
deffen Grundzüge dargelegt werden follen, als .babylonifch-
talmudifch' ift irreführend, da nur das talmudifche Eherecht
gemeint ift, wie auch die Überfchrift des Hauptteiles
(§. 23) es angibt. Jener Titel will nur befagen, daß
der Verfaffer das jüdifche Eherecht, wie es im babylo-
nifchen Talmud niedergelegt ift, behandeln will. Es
liegt dem Verfaffer auch ferne, etwa die Unterfchiede
zwifchen paläftinenfifch und babylonifch in der Ent-
wickelung des jüdifchen Eherechtes zu betonen; und auch
eine Scheidung zwifchen tannaitifchen und amoräifchen
Quellen liegt ihm ferne, wenn er auch natürlich die
Mifchna, die einen integrierenden Beftandteil des babylo-
nifchen Talmuds als deffen Textbuch bildet, als hauptfächliche
Quelle benutzt. Es begegnet ihm (S. 52), einen
Vorfall aus dem Leben Jochanans, des paläftinenfifchen
Amoräers, als .Beifpiel aus dem praktifchen Leben der