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Ausgabe:

1911 Nr. 10

Spalte:

301-305

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Grisar, Hartmann

Titel/Untertitel:

Luther. 1. Bd.: Luthers Werden. Grundlegung der Spaltung bis 1530 1911

Rezensent:

Harnack, Adolf

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Theologifche Literaturzeitung 1911 Nr. 10.

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Keime fchon vorhanden waren vor dem Befuch Petrarcas | fei es auf Grund leichtfertig hingenommener Legenden,

in Neapel (Februar 1341); unzweifelhaft, wie er denn mit fei es durch böswillige Exegefe Luther'fcher Worte, fei

Recht eine Reihe älterer Vertreter der Hinwendung zum , es durch willkürliche Konfrontationen und Kombinationen

klaffifchen Altertum aus anderen Teilen Italiens namhaft , gewonnen hat, wird hier widerlegt. Teils ftillfchweigend,

macht; nur muß man bei fo hoher Einfehätzung etwa ; teils direkt wird aber auch der Weiß'fche .Luther' wider-

der Überfetzungsliteratur noch weiter zurückgehen, auf; legt, der zwar anders, aber nicht beffer war als der

den Hof Friedrichs EL in Palermo (Hartwig, Zentralbl. i Uenifle'fche. Weiß Hellte alle .Härefien' des 14. und

f. Bibl. III) und deffen Vorgänger. Das Charakteriftifche 1 15. Jahrhunderts vom atlanifchen Ozean bis zu den böh-
des Humanismus liegt doch erft in der Verbindung einer j mifchen Wäldern zufammen, um dann zu verfichern, Lu-

literarifch-fchöngeiftigen Bewegung mit der in Italien im
Grunde fchon feit dem V. Jahrhundert vorhandenen Verehrung
für ein früheres, .klaffifches' Altertum

ther fei eine complexio derfelben und gehe reftlos in
ihnen auf. Den Beweis, daß alle jene Härefien wirklich
auf Luther eingewirkt haben, blieb Weiß dabei fchuldig.

Der Verfaffer ift durch Perfönlichkeit und Studien I Widerlegt erfcheint endlich durchGrifar auch das vulgäre

gegen die moderneÜberfchätzung des mittelalterlich-Kirchlichen
in der fogenannten Renaiffance gefchützt; aber daß
er feine Forfchungen über diefe merkwürdige Weltkultur
eingeleitet hat mit tief eindringenden Unterfuchungen über
Franz von Affifi und diefer Studie über einen halb fcho-
laftifchen, halb moderner Bildung zugänglichen Fürften,
läßt erwarten, daß feinem Bild der Renaiffance gerade
die Züge nicht fehlen werden, die wir bei Jakob Burck-
hardt in der Tat vermiffen.

Göttingen. Brandi.

Grilar, Hartmann, S. J.: Luther. (3. Bände) 1. Band:
Luthers Werden. Grundlegung der Spaltung bis 1530.
Freiburg i. B, Herder 1911. (XXXV, 656 S.) Lex.-8o

ML 12—; geb. M. 13.60

Diefes umfangreiche Werk aufmerkfam durchzulefen
ift keine leichte und vor allem keine anmutige Arbeit.
Es fchildert nicht Luthers Leben im Zufammenhang mit
feiner Zeit als Gefchichte feines Werks (Reformations-
gefchichte); es ift auch nicht der erfte Band einer abgerundeten
, in allen Teilen gleichmäßig ausgearbeiteten
Biographie, fondern es ift in der Hauptfache eine an einem
biographifchen Faden aufgereihte Sammlung von z. T.
fehr weitfehichtigen Einzelunterfuchungen über Luthers
Perfönlichkeit und Entwicklung. Diefe Einzelunterfuchungen
haben aber nicht die Quellen zu ihrer direkten Grundlage
, fondern richten fich zunächft auf die Urteile über
die Quellen, wie folche in den letzten Jahrzehnten in
beiden kirchlichen Lagern hervorgetreten find. Durch
diefes Medium wird der Lefer dann auch an den Stoff
felbft herangeführt. Ein folches Verfahren ift an fich
nicht unftatthaft, ja es läßt fich durch die befondere Lage,
in welcher die Beurteilung Luthers zur Zeit fich befindet,
rechtfertigen; aber wenn über die Unterfuchungen nun

katholifche Lutherbild in vielen Zügen. Daß Luther ein
.Genie' war, wird anerkannt (S. 247. 299. 330), ebenfo die
hinreißende Kraft feiner Sprache, feine Originalität, feine
.finguläre Überreligion' (S. 358) und manches andere Gute.

Alfo hätten wir jetzt, wenn auch mit formalen
Schwächen behaftet, die katholifche Biographie Luthers,
die wir wünfehen müffen und dürfen? Leider nicht; denn
fo fehr der Verfaffer von feinem Standpunkt nach Unparteilichkeit
geftrebt hat, fo Vieles läßt er in diefer
Hinficht noch zu wünfehen übrig. Gewiß, er hat zahlreiche
katholifche Vorwürfe für immer widerlegt, aber
erftlich hat er nur feiten angegeben, wem er die Widerlegung
verdankt — den zwingenden Nachweifungen
proteftantifche Forfcher, namentlich W. Walthers (1906),
hat er meiftens nachgeben müffen —; zweitens endigen
nicht wenige feiner Unterfuchungen mit dem Schlußfatze:
.Freigefprochen wegen mangelnder Beweife', und laffen
fo einen Stachel zurück, den der Verfaffer nach der Lage
der Dinge in der Regel nicht beftehen laffen durfte;
drittens wird an zahlreichen Stellen die Kontroverfe nicht
zu Ende geführt, fondern es wird auf die folgenden Bände
yerwiefen, fo daß der Lefer nachträglich doch noch auf
Überrafchungen gefaßt fein muß und den quälenden
Argwohn zurückbehält, der Verfaffer habe noch etwas
Schlimmes gegen Luther in petto; viertens endlich zeigt
Grifar an einigen Stellen, namentlich aber bei der Behandlung
des ,Turm-Erlebniffes' Luthers, noch Refte der
katholifch-vulgären Kampfesweife. An fich ift es für
Jeden, der nicht für Kinder oder für Buben fchreibt, ganz
gleichgültig, in welcher Lokalität Luther einen beftimmten
Gedanken gefaßt hat. Die Art aber, wie der Verfaffer
die Frage der Lokalität zu einer Kapitalfrage gemacht
hat (S. 307ff. 3l6ffi 323 ff), um dann darauf zu beftehen,
der Gedanke fei Luther auf dem Abtritte gekommen, ift
ein fchlimmes Stück. Bemerkt fei dabei, daß die Ergänzung
,auf dies Cl.' zu ,auf diefer Cloake' (im Bericht

das Gewand der Biographie geworfen wird, fo entfteht | Schlaginhaufen's) an fich (trotz der fpäten Angabe
eine Stilmifchung, die nicht nur die Lektüre eines folchen - 1

Werks erfchwert, fondern auch die Biographie aufs ernft-
lichfte gefährdet, weil alles das zu kurz kommt, was nicht
Gegenftand der Kontroverfe ift. Ich müßte eine lange
Lifte aufftellen, wenn ich alle Defiderata, welche diefer
erfte Band trotz feiner 656 Seiten übrig läßt, aufzählen
wollte. Bibelüberfetzung, Ordnung des Gottesdienfts, Bekenntnisbildung
, erbauliches Wirken Luthers, ufw., auch
Hauptaktionen, wie Worms und Augsburg — alles diefes
wird nur geftreift, während man z. B. über Luthers Freiheitslehre
60 Seiten lefen muß (S. 511—571). Wie Orgelpfeifen
verfchiedenfter Größe und bunt gemifcht ftehen
die Unterfuchungen der .Probleme' nebeneinander. Das
ift die Art der katholifchen Gefchichtsfchreibung und
fpeziell die des Ordens, dem der Verfaffer angehört. Sie
ift immer in Gefahr, die Einheit und eigenwüchfi"-e Größe
der gegebenen Erfcheinung aufzuheben und eine lange
Reihe von Prozeßurteilen nach anftrengenden Verhören
an ihre Stelle zu fetzen. Der Gefchichtsfchreiber fitzt
gleichfam im Beichtftuhl, fungiert als Richter und ladet
den Lefer ein, als Auskultator neben ihm Platz zu nehmen.

WielautennundieUrteile? Allem zuvor muß man fagen:
der größte Teil der empörenden Urteile, die Denifle,

Kafpar Khumer's) fehr unwahrfcheinlich ift und die
Beobachtung gegen fich hat, daß bei Schlaginhaufen
der notwendige Satzteil ,über jene Worte [des Römerbriefes
fpekulierte]', der beim zweiten und dritten Zeugen
fich findet, fehlt, wenn man ihn nicht eben in der Abkürzung
,auf dies Cl.' zu fuchen hat. Sehr wahrfcheinlich
aber hat man ihn hier zu fuchen; denn die Abkürzung
läßt fich am beften alfo ergänzen: ,(Diefe Kunft hat mir
der spiritus sanetus) auf dies Capitulum (eingegeben)'.
Luther hat vom Thurm und vom Hypokauftum im Zufammenhang
mit der Römerbrief-Stelle gefprochen. Da
Hypokauftum ein gelehrtes, nicht Allen verftändliches
Wort war und ,das geheime Gemach' in feiner Nähe lag,
fo ift diefes dafür eingefetzt worden, lediglich um die
Lokalität im Allgemeinen zu bezeichnen (,Wo der geheime
Ort der Mönche war'). Aber wenn es auch anders
wäre, was liegt daran? Wie viel aber liegt umgekehrt
daran, daß ein ernfthafter Gelehrter heute noch darauf
Gewicht legt, Luther habe den Hauptgedanken feiner
reformatorifcher Predigt an einem unreinen Orte gewonnen!
Augenfcheinlich fetzt er voraus, feine Lefer befanden fich
noch in derfelben geiftigen Verfaffung, in der die Orthodoxen
des 4. Jahrhunderts waren, als fie die Kunde