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Ausgabe:

1911 Nr. 9

Spalte:

275-276

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Oesterreich, Konstantin

Titel/Untertitel:

Die deutsche Philosophie in der zweiten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts 1911

Rezensent:

Dorner, August

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275

Theologifche Literaturzeitung 1911 Nr. 9.

276

Kirchenheilige zu werden. Der Klerus, die Minoriten, die Jefuiten treten
nun für die neue Kongregation ein, die fich rafch über Holland und die
Rheinprovinz ausbreitet und ihre Arme dann nach den Sundainfeln, Bra-
filien, Nordamerika, Deutfch-Südweftafrika ausftreckt. Nur vorübergehend
hat der Kulturkampf in Preußen ihrem Wirken Abbruch getan.

Die Gefchichte ift ohne Zweifel zuverläffig dargeftellt, da feit 1869
den Lokaloberinnen die Führung einer Hauschronik offiziell zur Pflicht gemacht
ift, alle Urkunden forgfältig aufbewahrt find und fchon vor Jahren die
älteren Schwertern den Auftrag erhalten hatten, ihre Erinnerungen aus den
erften Jahren zu verzeichnen. Das Ganze ift von Schweiler Paula Münder
und P. Lemmens wohl geordnet, hübfch erzählt, auch das freilich reichliche
Lob id doch nicht fo aufdringlich ausgeteilt, daß es uns die Lektüre
des Buchs verderben würde.

Stuttgart. Lempp.

Oesterreich, Priv.-Doz. Dr. Konftantin: Die deutfche Philo-
fophie in der zweiten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts.

Tübingen, J. C. B. Mohr 1910. (III, 38 S.) 8» M. 1 —

Diefe Habilitationsfchrift fleht im ganzen unter dem
Einfluß der Vorlefungen von Windelband über die Philo-
fophie des 19. Jahrhunderts. Im Gegenfatz zu der überragenden
Stellung der Philofophie in der erften Hälfte
des Jahrhunderts habe fich in der zweiten Hälfte die
pofitive Einzelforfchung der Naturwiffenfchaften der
Hegel-Schellingfchen Naturphilofophie entgegengeftellt
und im Anfchluß daran habe die Philofophie unter dem
Einfluß der Naturwiffenfchaften geftanden. Die Furcht
vor der Metaphyfik habe den Rückgang auf Kant als
Antimethaphyfiker hervorgerufen, zumal man mit feiner
Erkenntnistheorie den Materialismus widerlegen konnte.
Der kritifche Neukantianismus habe dann verfchiedene
Formen angenommen: im Logizismus Cohens, in Langes
phyfiologifchem Standpunkt, im Pofitivismus von Riehl
und Laas, in der Werturteilstheorie von Windelband,
während Paulfen dem Neukantianismus gegenüber Kants
pofitive Bedeutung für die Metaphyfik hervorgehoben
und die Vaihingerfche, rein hiftoriiche Erforfchung Kants
bedeutende Anregung gegeben habe. Dann fei von der
exakten Naturwiffenfchaft, von Mach und Helmholtz eine
rein erfahrungsmäßige, auf die Sinne gebaute Erkenntnistheorie
ausgegangen, gegen die Stumpf opponiert habe,
wie auch der Neovitalismus zu einer teleologifch be-
ftimmten Metaphyfik zurückkehre. Fechner, Paulfen,
Wundt haben dann im Anfchluß an Spinoza einen pfy-
chophyfifchen Parallelismus zum Ausdruck gebracht, bei
Paulfen fei die räumliche Welt Erfcheinung des Bewußt-
feinsinhalts. Endlich haben den Zufammenhang mit dem
Idealismus v. Hartmann, Lotze, Dilthey und Eucken
aufrecht erhalten, Hartmann freilich in einem peffimifti-
fchen Panpneumatismus, während Lotze, von der Naturwiffenfchaft
ebenfalls ausgehend, einem optimiftifchen
Idealismus gehuldigt, die Monadologie Leibnizens erneuert
und die Einheit des Seelenlebens gegenüber
dem bloßen pfychologifchen Mechanismus betont habe.
Eucken dagegen habe den Bruch mit dem Naturalismus
vollzogen und eine Metaphyfik der Geifteswelt, eine
tranfzendente Sphäre, anerkannt, die Erkenntnistheorie
dagegen zurückgeftellt, weil er das Erkennen wie Fichte
von einer philofophifchen Tat abhängig mache, der dann
die Erfahrung von geiftigen Realitäten folge. Dilthey
habe eine idealiftifche Erkenntnistheorie der Geiftes-
wiffenfchaften auf hiftorifcher Grundlage nicht ohne fkep-
tifchen Einfchlag verfucht. Endlich feien noch Spezial-
arbeiten in der Ethik gegeben (Gegenfatz der relativen
und abfoluten Ethik und Nietzfches Oppofition gegen
Peffimismus, Demokratie und feine Behauptung, daß der
Philofoph Gefetzgeber fei), in der Logik, deren Selbftändigkeit
Hufferl gegen die Pfychologie verteidigt habe,
in der Pfychologie, die teils defkriptiv, teils experimentell
gewefen fei und fich zu einer mathematifchen Phyfik
des Seelenlebens, befonders der Sinnesempfindungen entwickelt
habe, während auf der anderen Seite das höhere
Gebiet des Seelenlebens in feiner Selbftändigkeit wieder
anerkannt und der Zufammenhang zwifchen Pfychologie

und Gefchichte angeftrebt, die Pfychologie auch nach
Seiten der Religionsphilofophie bearbeitet werde. Der
Verfaffer ift der Anficht mit Windelband, daß die Philofophie
wieder zum Idealismus in neuer Form zurückkehren
müffe.

Diefe Überficht kann insbefondere in bezug auf die
Angabe der philofophifchen Arbeiten, wie der Verfaffer
felbst zuzugeben fcheint, keinen Anfpruch auf Voll-
ftändigkeit erheben, auch fcheint er mir überfehen zu
haben, daß im Gegenfatz zu dem Naturalismus fich zu-
nächft eine dualiftifcheRichtung geltend machte, indem
man die praktifche Richtung des Geiftes der theoretifchen
entgegenfetzte, was der Neukantianismus befonders in
feinem Gegenfatz von Werturteilen und theoretifcher Erkenntnis
zum Ausdruck brachte. Auch lag der Grund
für die Oppofition gegen die Metaphyfik bei vielen in
der Meinung, daß durch diefelbe der Unterfchied zwifchen
Geift und Natur verwifcht werde. Diefer Anficht gegenüber
habe ich fchon in meinem menfchlichen Erkennen
wie in meinen fpäteren Arbeiten darauf hingewiefen, daß
die Metaphyfik keineswegs nur Metaphyfik der Natur,
fondern auch des Geiftes fei, wie ich auch fchon damals
darauf hingewiefen habe, daß die Theorie des pfychologifchen
Mechanismus durch eine Metaphyfik des Geiftes
ergänzt werden müffe, daß in der Ethik mit der unter
dem Einfluß der Entwicklungstheorie flehenden Relativität
der Ethik ihr abfoluter Charakter nicht aufgegeben
werden dürfe. Von den theiftifchen Philofophen des
vorigen Jahrhunderts, die Drews fo eingehend behandelt
hat, weiß der Verfaffer nur Lotze zu nennen, von den
Religionsphilofophen nur Eucken und Tröltfch. In der
Erkenntnistheorie hat er u. a. die Arbeiten von Volkelt
nicht erwähnt, auch von der eingehenden Kritik der
Werturteilslehre von Lüdemann keine Notiz genommen,
und in der Ethik Claß übergangen; in der Pfychologie
hat er Buffes bekannte Schrift über Seele und Leib
ebenfalls nicht erwähnt. Immerhin ift es erfreulich, daß
der Verfaffer die Notwendigkeit der Rückkehr zum Idealismus
anerkennt, der freilich ohne eine idealiftifche Metaphyfik
, die zugleich auch der Selbftändigkeit der
Natur gerecht wird, fchwer durchführbar fein würde. Es
ift doch wohl nicht ganz zufällig, daß die Andeutungen des
Verfaffers in diefer Beziehung noch ziemlich vage find.
Wir flehen eben in einer Zeit, in der man zwar in der
Philofophie das Bedürfnis der Metaphyfik empfindet, fich
aber fcheut, diefelbe ins Konkrete auszubauen und deshalb
diejenigen, die dies verfuchen, noch nicht genügend
beachtet. Die Folge davon ift eine auf die Dauer unhaltbare
Stellung zur Metaphyfik, die man entweder
weiter auszubauen den Mut haben oder bekämpfen muß,
während man tatfächlich meift in allerlei Halbheiten und
unbeftimmten Andeutungen flecken bleibt.

Königsberg i. Pr. Dorner.

Lipps, Theodor: Leitfaden der Pfychologie. Dritte, teilweife
umgearbeitete Auflage. Leipzig, W. Engelmann 1909.
(VIII, 396 S.) gr. 8° M. 10—; geb. M. 11 —

Lipps' Leitfaden der Pfychologie, der nicht bloß
,Hörern' des Münchener Philofophen, fondern auch,anderen'
dienen, nicht bloß ,einleiten', fondern auch ,Grundlinien
geben' will, erfcheint hier in dritter Auflage. Verglichen
mit der dem Unterzeichneten zur Verfügung flehenden
Auflage von 1903, weift die vorliegende beträchtliche
Veränderungen auf. Die Zahl der Seiten ift von 349 auf
396 gewachfen. Die Difpofition ift ftark modifiziert. Aus
den urfprünglichen fechs Abfchnitten find ihrer acht geworden
: I. Einführung. II. Elemente und Grundgefetze.
III. Die Apperzeption. IV. Das Urteil. V. Erkenntnis
und Irrtum. VI. Der Wille. VII. Das Gefühl. VIII. Be-
fondere pfychifche Zuftände.

Das Verfahren und die Grundgedanken find aller-