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Ausgabe:

1911 Nr. 9

Spalte:

273

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Luther, Johannes

Titel/Untertitel:

Die Titeleinfassungen der Reformationszeit 1911

Rezensent:

Brandi, Karl

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273

Theologifche Literaturzeitung 1911 Nr. 9.

274

Luther, Johannes: Die Titeleinfaflungen der Reformationszeit.

(In etwa 8 Lieferungen.) Leipzig, R. Haupt 1909.
Ausg. A. Je M. 25 —; Ausg. B. m. Paufen je M. 35 —

Diefes Tafelwerk des längft um die Gefchichte der
Reformation, insbefondere der Kunft und des Buchdrucks
verdienten Bibliothekars verfolgt mannigfache Ziele. Daß
der Herausgeber zunächft als Sachverftändiger der Gefchichte
des Buchdrucks an die künftlerifch reichen und
vielfach auch ftofflich ergiebigen Titeleinfaffungen herangeht
, gibt die unumgängliche wiffenfchaftliche Voraus-
fetzung für jede weitere Benutzung diefer Werke der
(meift) xylographifchen Kleinkunft. Es entfpricht modernen
überlieferungsgefchichtlichen Methoden, daß fein
Augenmerk in erfter Linie auf die Originalftöcke und
deren Schickfale gerichtet ift. Anfangs gehörte ein Stock
einem Drucker, und feine Verwendung kann deshalb mit
gewiffen Vorbehalten auch zur Beftimmung der Druckprovenienz
eines unbezeichneten Druckes dienen. Nicht
feiten freilich ift ein Stock gewandert, verkauft, verändert,
und dann find eben diefe Schickfale ein Stück Druck-
gefchichte. Es liegt auf der Hand, daß in folchen Feft-
ftellungen fehr wertvolle Hilfsmittel für Druck-, Sprach-
und Literaturgefchichte liegen. Zur Unterftützung _ des
Vergleichs der Reproduktionen mit beliebigen Originaldrucken
hat der Verlag eine Ausgabe B hergeftellt, in
der jede Nummer außer auf weißem Karton noch einmal
auf durchfichtigem zum Auflegen geeigneten Papier gedruckt
ift

Die Gefamtpublikation, die am Schluß einen zu-
fammenfaffenden Text (an Stelle der jetzt beigegebenen
vorläufigen Mitteilungen) bringen foll, wird die ficheren
Grundlagen geben für eine nähere Kenntnis nicht nur
des Buchdrucks der Reformationszeit und der in feinem
Dienfte flehenden Kleinmeifter, fondern auch für die
Gefchichte des Ornaments und für die Kenntnis populärer
Ideen und Vorftellungen. Für beides, Ornament und
Volksanfchauungen, find die maffenhaften kleinen und
großen Drucke der Reformationszeit unzweifelhaft ein
äußerft wichtiges Vehikel gewefen. Manche Renaiffance-
Ornamente haben auf diefe Weife und in diefer befon-
deren Form unverhältnismäßig rafch ihren Weg gemacht.

Die erften beiden Lieferungen bringen Wittenberger,
Erfurter und Leipziger Drucker; zu den einzelnen Nummern
freilich auch fogleich die jüngeren (veränderten) Abdrucke
desfelben Stockes, fowie Nachfchnitte der Originale
aus fremden Offizinen. Der Text befchränkt fich einft-
weilen auf die Namen der Drucker und die Angabe der
Zeit (oder der Zeitgrenzen).

Wir werden auf das fchöne und nützliche Unternehmen
wieder zurückkommen.

Göttingen. Brandi.

Schleiermacher und feine Lieben. Nach Originalbriefen der
Henriette Herz. Magdeburg, Creutz 1910. (141 S. m.
6 Tafeln.) 8° M. 3—; geb. M. 6—

Es find im ganzen 47 Briefe der Henriette Herz,
gefchrieben in den Jahren 1801 —1808 an Ehrenfried von
Willich und fpäter deffen Frau Henriette geb. von
MühlenfeE, die hier zum erften Male veröffentlicht
werden. Die Rechtfertigung des Titels ift damit gegeben,
daß die beruhmtefte Perfönlichkeit dieses Kreifes
Schleiermacher ift (Henriette von Willich feit 1809
Schleiermachers Gattin), und daß die Beziehungen zu
Schleiermacher in diefen Briefen allenthalben hervortreten
. Namentlich laffen fich die einzelnen Stadien
feiner unglücklichen Liebe zu Eleonore Grunow verfolgen,
und es läßt sich aus den klugen Bemerkungen der Henriette
Herz dazu fchließen, wie die immer wieder erneuerten
Verfuche Schleiermachers, Eleonore zur Scheidung
ihrer Ehe zu bewegen, auf einer Überfpannung

feines fittlichen Empfindens beruhen. Infofern geben die
Briefe nicht allein einen Beitrag zur Biographie Schleiermachers
in diefer Periode, fondern auch zu der veränderten
Stellungnahme feiner Ethik im Punkte der Ehe-
fcheidung (vgl. die Stelle in den Monologen: ,Werd ich
fie löfen können?' mit der Predigt über die Ehefcheidung).

Das Urteil über die Brieffchreiberin felbft, das feit
Dilthey feftfteht, wird durch diefe Briefe nur beftätigt,
im Gegenfatze zu den boshaften Bemerkungen Varn-
hagens in der Einleitung zu den Briefen Wilhelm von
Humboldts an Henriette Herz (vgl. Briefe von Chamiffo
ufw. 1867 S. 15f.) und Börnes, des Penfionärs im Herz'
fchen Haufe (vgl. Briefwechfel des jungen Börne und
der Henriette Herz, herausgegeben von Ludwig Geiger
1905, und die Einleitung dazu). So bildet die Herausgabe
diefer Brieffammlung eine wertvolle Ergänzung
zu dem, was Joh. Bauer aus dem Schlobitter Archiv
von Briefen der Henriette Herz an den Grafen Wilhelm
zu Dohna in ,Ungedruckte Predigten Schleiermachers
aus den Jahren 1820—1828 mit Einleitung und mit einem
Anhang ungedruckter Briefe von Schleiermacher und
Henriette Herz' (Leipzig, Heinfius ic/09) veröffentlicht
hat. Der Herausgeber, der die Briefe der Vergeffenheit
in einem Antiquariat entriffen hat, Frhr. v. Boenigk in
Halberftadt, hat fein Werk mit einer dankenswerten Einleitung
, einem verftändnisvollen verbindenden Text, einem
fleißigen Namenregifter und — leider auch mit einigen
weniger guten Bildern ausgeftattet.

Köln. L. Vietor.

Münfter, Schweiler Maria Paula: Gelchichte der Kongregation
der Franziskanerinnen von der Buße und der chrift-
lichen Liebe (Heythuizen-Nonnenwerth). Mit einem
Vorwort von P. Leonhard Lemmens, 0. F. M. Mit vier
Bildern und fünf Karten. IVeiburg i. B., Herder 1910.
(XVI, 460 S.) M. 4.40; geb. M. 5.40

Holzapfel zählt in feinem Handbuch der Gefchichte
des Franziskanerordens 6 Kongregationen von franziskani-
fchen Tertiarierinnen auf, die im 19. Jahrhundert entftanden
find, und erklärt, das feien nur die bedeutendften; eine
genaue Statiftik zu geben, fei kaum möglich, die Zahl der
Schweftern fei auf über 50000 zu fchätzen. Die Gefchichte
einer diefer Kongregationen, die im Jahre 1908 2170 Schweftern
zählte und fich hauptfächlich mit Unterricht, aber
auch mit Krankenpflege abgibt, wird in dem vorliegenden
Buch erzählt. Man kann fragen, ob eine folche Gefchichte
ein Intereffe auch außerhalb der nächftbeteiligten Kreife
beanfpruchen kann. Allein ich möchte das doch bejahen.
Es ift auch für uns Fernftehende von Intereffe und Bedeutung
zu fehen, wie diefe Kongregationen entfliehen, fich
ausbreiten, fich einniften, denn auf ihrem Einfluß beruht
zu einem guten Teil die Macht der kath. Kirche; ihr
Wirken unter dem Volk, ihre Art der Frömmigkeit —
ich erinnere nur an den in unferem Buch befonders hervortretenden
maffiven Hoftienkultus — ift von hervorragender
Bedeutung, insbefondere find fie gefchätzte und überall vor-
gefchobene Hilfstruppen der Jefuiten.

Intereffant ift ihre Entftehung. Mit Recht weift Lemmens, der das
Buch bevorwortet und offenbar z. T. ftark überarbeitet hat, darauf hin,
wie der anfängliche Gang in mancher Hinficht den Anfängen des Minori-
tenordeDs ähnlich ift. Ein holländifches Bauernmädchen Katharina Daemen,
das kaum mehr als lefen und fchreiben kann, aber voll naiver herzlicher
Frömmigkeit ift, wird 1825 als Tertiarierin nach Heythuizen bei Roermund
berufen, um dort den Mädchen des Dorfes Unterricht in Handarbeit und
Religion zu geben. Ihre Frömmigkeit beftand hauptfächlich in dem einen
unter allen Umftänden feftgehaltenen Wort: ,Gott wird forgen'. Sie zieht
andere an. Der Pfarrer des Orts nimmt fich nach anfänglichem Mißtrauen
ihrer Sache an. Mit demütiger, aber unbeugfamer Kraft bringt fie es dahin
, daß fie ein Häuschen bauen, dann ein Klofter erwerben kann, endlich
daß ihre Genoffenfchaft von der Kirche anerkannt und ihr ein Ordenskleid
zugeftanden wird. Als fie das erreicht hatte, wurde fie — zum Rücktritt
von der Leitung veranlaßt, eine andere, gebildetere Schweiler wurde an
ihre Stelle gefchoben. Sie ftarb 1858 und ift offenbar auf dem Weg, eine