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Ausgabe:

1911 Nr. 9

Spalte:

262-263

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Grünert, Max

Titel/Untertitel:

Arabische Lesestücke, zunächst für Vorlesungszwecke zusammengestellt. 3. Heft. ‘Arabische Poesie’ vor und nach Muhammad 1911

Rezensent:

Schwally, Friedrich

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Theologifche Literaturzeitung 1911 Nr. 9.

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der Buddhismus in Tibet Eingang gefunden. Um alfo
zu einem richtigen Verftändnis des Lamaismus zu gelangen
, muffen wir uns vor allem mit dem indifchen Yoga
und dem Sivaismus vertraut machen (ein Gefichtspunkt,
den der YYecker'fche Vortrag zu wenig betont). Dabei
ftoßen wir auf eine Fülle zwar intereffanter, aber auch
fchwieriger Probleme, die für die Erkenntnis des Wefens
nicht nur diefer, fondern aller Religion von größter Bedeutung
find. Ob und in wieweit wir aus dem Studium
der transmarginalen (fubliminalen) Bewußtfeinszuftände,
des Hypnotismus und verwandter Tatfachengebiete Auf-
fchlüffe erhalten können, muß die Zukunft lehren. Das
Verftändnis für die Tatfachen des religiöfen Bewußtfeins,
das der Verfaffer an dem fonft verdienftvollen Werke von
Koppen mit Recht vermißt, findet er bei James, The Varie-
ties of Religious Experience (Deutfch: Leipzig 1907).

Einwandfrei find die Ergebniffe, zu denen der Verfaffer
bei der Unterfuchung der Frage gelangt, ob die
Ähnlichkeit zwifchen Lamaismus und Katholizismus auf
eine Einwirkung des Letzteren zurückzuführen ift. Für
Entlehnung äußerer Formen religiöfer Betätigung aus dem
chriftlichen Katholizismus ift trotz aller Übereinftimmungen
ein ficherer Beweis nicht zu erbringen, in den meiften
Fällen ift fogar ein anderer Urfprung pofitiv nachzuweifen.
Was z. B. S. 37 erwähnt wird: .Ehelofigkeit der Geiftlichen,
geiftliche Übungen in Zurückgezogenheit, Heiligenverehrung
, Falten, Prozeffionen, Litaneien und Weihwaffer', ift,
wie mit ganzer Sicherheit feftzuftellen ift, nicht auf abend-
ländifche Einflüffe zurückzuführen; die .geiftlichen Übungen
in Zurückgezogenheit' entflammen dem indifchen Yoga,
auch alles andere in diefem Zufammenhang Genannte ift
indifch. Überdies hält der Verfaffer in richtiger Erkenntnis
,diefe Frage nach den äußeren Beziehungen für ziemlich
belanglos' (S. 39).

Steglitz-Berlin. Hermann Beckh.

Dreyfus, Hippolyte: Babismus und Behaismus.

Carra de Vaux, Baron: Der Islam in feinem Verhältnis
zur modernen Zivilifation.

Vorträge, geh. an der Hochfchule für Sozialwiff.
in Paris. Überfetzt von Margarete Platte. Frankfurt a M.,
Neuer Frankfurter Verlag 19x39. (61 S.) 8° M. —75

Die in diefem Hefte vereinigten Schriften befchäftigen
fich mit dem modernen Islam. Wenn folche Arbeiten in
der Regel auch nur von Leuten gelefen werden, die des
Franzöfifchen kundig find, alfo keiner Überfetzung bedürfen,
fo ift in diefem Falle die Überfetzung doch mit Dank zu
begrüßen, weil dadurch die beiden Vortrage in Deutfch-
land erft bekannt geworden find. Die franzöfifchen Originale
find felbft in Fachkreifen faft unbekannt geblieben.
Jeder Verfuch aber, die großen Probleme, die der moderne
Islam ftellt, dem deutfchen Lefepublikum näher zu bringen,
muß mit Freuden begrüßt werden; denn wir flehen in einer
Zeit, in welcher der Islam für die verfchiedenen Kreife
— nicht nur für die theologifch intereffierten — von wachsendem
Intereffe wird, wie fchon der Umftand beweift, daß
im Verlauf der letzten paar Jahre nicht weniger als vier
islam-wiffenfchaftliche Zeitfchriften entftanden find (Revue
du monde musulman, der Islam, Orientalifches Archiv,
The Moslem World).

Die Zufammenftellung der beiden Arbeiten ift berechtigt
; denn Hippolyte Dreyfus fchildert uns die moderne
fchiitifche Welt, wie fie durch die Gründung des Babismus
und feines jüngften Ablegers, des Behaismus, umge-
ftaltet und für eine Aufnahme europäifchen Geiftes vorbereitet
wurde. Carra de Vaux erörtert die Frage, ob
fich der orthodoxe Islam an die moderne Zivilifation
werde anpaffen können. Über den Babismus erfuhr man
zunächft Näheres durch den bekannten Grafen Gobineau,
deffen Angaben von E. G. Browne beftätigt und vertieft
wurden. In neuerer Zeit hat fich namentlich der Verfaffer,

Dreyfus, viel mit dem Behaismus befchäftigt. Der Babismus
hat feinen Namen von Bäb d. h. Pforte, ein Beiname, den
fich fein Stifter Mirza Ali Mohammed beilegte. Erft nur
,die Pforte', fühlte er fich bald als Verkörperung des Welt-
geiftes, der auch in allen Propheten vor ihm gewirkt hatte.
Sein Streben ging auf eine Vergeiftigung der Lehre Muhammeds
, indem er die meiften Lehren des Islam allegorifch
ausdeutete. Er erlitt 1850 den Märtyrertod. Sein Nachfolger
Behä-Alläh — daher der Behaismus — ging noch
einen Schritt weiter, indem er das Syftem des fpezififch
Islamifchen völlig entkleidete und eine die Bekenner aller
Religionen umfaffende und verföhnende, dogmen- und
ritenfreie neue Weltreligion der Brüderlichkeit predigte.
Er ftarb 1892 in Akka. Der Babismus und der Behaismus
haben unendlich viel zur Aufklärung des modernen Per-
fiens getan, und namentlich der Behaismus fcheint immer
mehr Anhänger zu finden. Auch in Amerika gibt es eine
ganze Reihe von Gemeinden. Der Vortrag führt ganz
hübfch in diefe Fragen ein.

In dem anderen Schriftchen bewegt fich Carra de Vaux,
deffen Hauptverdienfte auf dem Gebiet der islamifchen
Philofophie liegen, auf einem ihm ziemlich fremden Boden.
Trotzdem weiß er als geiftreicher und gewandter Franzofe
zu feffeln und als Kenner auch des modernen Islam zu
belehren. Er unterfucht die religiöfen Pflichten wie die
gefellfchaftlichen und politifchen Vorausfetzungen des
Islam auf ihre Verföhnbarkeit mit der modernen Zivilifation.
Bei Gebet, Pilgerfahrt und Fatalismus hat er weiter keine
Bedenken, fchweren Anftoß nimmt er an der Stellung der
Frau, um dann hauptfächlich die Kalifatsidee und die
untergeordnete Stellung der Nichtmuslime zu erörtern.
Dabei erwähnt er die Beftrebungen der Jungtürken, ohne
natürlich beim Halten feines Vortrages im Jahre 1905 die
türkifche Revolution vorausahnen zu können. Er fchließt
mit einer Skizze der Situation der Muslime in Bosnien
und in Rußland, wo fich die Gläubigen unter chriftlicher
Herrfchaft fehr wohl befinden. Das Refultat feiner Erörterung
faßt er in folgende Sätze zufammen: ,Es gibt im
Orient eine alte Tugend, fo alt wie die Gefchichte des
Orients felbft, die man Weisheit nennt. Die Weisheit ift
nicht diefelbe Geiftesveranlagung wie die Logik und fie
verfteht im Gegenteil manchmal gewifie Anpaffungen der
Strenge der fcholaftifchen Deduktionen und den Forderungen
der Theologie vorzuziehen. Diefe Tugend fcheint
in der Seele der Mohammedaner noch fortzuleben. Sie
wird ihnen, fobald fie über den allgemeinen Zuftand der
Welt nachdenken werden, Mittel finden helfen, die uns
entgehen, fie wird helfen den Islam in die Bahnen modernen
Lebens zu lenken'.

Diefen Refultaten können wir zuftimmen, wenn uns
auch der Vortrag als Ganzes — namentlich auf Franzöfifch
— mehr äfthetifchen als wiffenfchaftlichen Wert zu haben
fcheint. El-Hazar für el-Azhar (S. 49) und Moftartaf für
Moftatraf (S. 43) find wohl nur Schreibfehler der uber-
fetzerin. Man vergißt beim Lefen übrigens nie, daß man
eine Überfetzung vor fich hat. Titel von Zeitfchriften und
Büchern sollte man nie überfetzen, wenn aber, dann voll-
ftändig. ,Revue des chriftlichen Orients' tut direkt weh.
Überhaupt fehlt es der Überfetzerin bei Behandlung diefer
Formalien an Konfequenz.

Hamburg. C. H. Becker.

Grünert, Prof. Dr. Max: Arabifche Leleltücke, zunächft für
Vorlefungszweckezufammengeftellt. 3.Heft. ,Arabifche
Poefie' vor und nach Muhammad. Text und Glofiar.
Prag, G. Neugebauer, 1910. (III, 71 u. 252 autogr. S.)
gr. 40 In Mappe M. 10 —

Das vorliegende 3. Heft der ,Arabifchen Lefeftücke'
ift eine Chreftomathie der arabifchen Poefie. Der Text
(71 S.) enthält eine Auswahl von poetifchen Stücken der

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