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Ausgabe:

1911 Nr. 8

Spalte:

248-249

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Krieck, Ernst

Titel/Untertitel:

Persönlichkeit und Kultur 1911

Rezensent:

Steinmann, Theophil

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Seite 1, Seite 2

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247 Theologifche Literaturzeitung 1911 Nr. 8. 248

die fich ebenfowenig irgendwo in der Luft abfpielen
wie es Bewegungen gibt ohne das, was wir bewegte Körper
nennen. Die Seele ift daher nur dann, wenn man
darunter den Gegenftand der Selbftbeobachtung verfteht,
identifch mit der ,Gefamtheit der feelifchen Vorgänge'.
Das, was man im gewöhnlichen Leben unter Seele verlieht
, und was der Pfycholog als exiftierend anerkennen
muß, auch wenn er hinfichtlich der Wefensbellimmung
diefes Gegenftandes mit der populären Auffaffung nicht
übereinftimmt, das ift die Gefamtheit der Dispositionen,
die als beharrendes Subjekt oder Subftrat der feelifchen
Vorgänge aufzufaffen find. Ein drittes Dogma, von dem
die Pfychologie bisher vielfach beherrfcht wurde und das
auch bei Titchener uns entgegentritt, ift der Satz, daß
die Selbftbeobachtung, womöglich die experimentell beeinflußte
Selbftbeobachtung, die einzige Methode der
Pfychologie fei. Diefe Auffaffung hätte eigentlich fchon
dadurch widerlegt werden follen, daß in pfychologifchen
Laboratorien über die Ergebniffe von Farbenmifchungen,
von Tonkombinationen, von allen möglichen Veranstaltungen
der Sinnesreizung Ausfagen gefammelt werden, die
als Refultate pfychologifcher Forfchung gelten und mit
Urteilen der Selbftbeobachtung gar nichts zu tun haben.
Nur die Verwechslung der Gegenstände, die als Farben,
Töne, Gerüche, Temperaturen ufw. unfere Außenwelt
konstituieren, mit unfern Elmpfindungen ließ die Ausfagen
über jene als Urteile über diefe ericheinen. Wer diefer
Verwechslung nicht mehr unterliegt, der muß neben der
Selbftbeobachtung (und neben der Beobachtung anderer
Menfchen oder fonftiger befeelter Wefen, die im Grund
auf die Selbftbeobachtung zurückweift) eine Methode der
Pfychologie anerkennen, bei der die Befonderheit von
Vorftellungs- und Gedankenobjekten durch Akte äußeren
Erfaffens festgestellt wird, worauf ein Rückfchluß auf die
Befchaffenheit der Bewußtfeinsvorgänge erfolgt, die als
Bestandteile unferer Vorstellungen und Gedanken angenommen
werden müffen, wenn Vorftellungs- und Gedankenobjekte
der betreffenden Art uns zweifellos gegeben
find. Diefe Methode, die fleh aus äußerer Beobachtung
und Denken zufammenfetzt und mit der Selbftbeobachtung
nichts zu tun hat, wird von bedeutenden Pfychologen
fchon lange angewandt, ohne daß bisher eine ihre Vor-
ausfetzungen berückfichtigende klare Formulierung stattgefunden
hätte. Deshalb fchleppt fleh das Dogma von
der Selbftbeobachtung als der einzigen Methode der Pfychologie
durch alle Lehrbücher, fetzt fleh im Bewußtfein
der pfychologifch intereffierten Laien fest und wird von
da aus ein Hemmnis für die gefunde Weiterentwicklung
der Pfychologie.

Der prinzipielle Gegensatz zwifchen den Anfchauungen
des Referenten und dem Standpunkt Titcheners macht
fich auch bei Bestimmung der Grundklaffen pfychifcher
Elemente geltend, deren Titchener 2, die der Empfindungen
und der Gefühle, Referent 3, nämlich außer den von
Titchener namhaft gemachten noch die Elementarerlebniffe
des Raumbewußtfeins, der Zeitauffaffung, des Gleichheits-,
Verfchiedenheits- und Einheitsbewußtfeins, kurz die vielleicht
am besten unter dem Namen .Objektivitätsfunktionen'
zufammenzufaffenden Bewußtfeinsvorgänge anerkennt.

Was dagegen Titchener über die Empfindungen und
Gefühle im einzelnen zu fagen hat, das entspricht forg-
fältig durchdachten und ausgewählten Ergebniffen der
pfychologifchen Forfchung, die von den Vertretern ver-
fchiedener Standpunkte gleichmäßig anerkannt werden,
und bezüglich der Behandlung der Aufmerkfamkeit stimmt
Referent zwar nicht durchweg, aber in weitem Umfang
mit Titchener überein.

Bern. E. Dürr.

Krieck, Ernft: Perlönlichkeit und Kultur. Kritifche Grundlegung
der Kulturphilofophie. Heidelberg, C. Winter
1910. (XVI, 512 S.) gr. 8» M. 6.60; geb. M. 8 —

Was der Verfaffer diefes umfangreichen Buches will,
darüber orientiert man fich noch am leichtesten und besten
im Vorwort. In das Weitere einzudringen, kann niemandem
zugemutet werden, dem feine Zeit zu kostbar ift, als
daß er fie ftundenweis mit Rätfeiraten verbringen möchte.

Krieck will mit feinem Buche .mitarbeiten ... an der
Umgestaltung der nationalen Kultur im Sinne einer Vertiefung
und einer Neubelebung des Idealismus' (IV). Zu
dem Zwecke müffen freilich ,die dürren Formen des alten
Idealismus zerfchlagen werden', um eben dadurch den
darin enthaltenen Lebenskeimen zu einer .Auferstehung
in neuer Herrlichkeit' zu verhelfen (IV). Diefer umgefchaf-
fen wiederftandene Idealismus ift ,Bewußtfein der Freiheit
und Göttlichkeit, der inneren Unendlichkeit, aus der
alle Wirklichkeit erwächst'. .Doch ift die pofitive oder

unendliche Freiheit auch nicht letzter Zweck____ Sie ift

nur Durchgang zu einer höheren Lebens- und Wirklichkeitsform
' (XI). ,Die Kraft der Idee drängt über die
Freiheit hinaus zum Schaf fen'. ,Der Schaffende, der pro-
metheifche Gestalter des Lebens, ift der wahre Sieger
und Weltüberwinder' (VII). .Aufrichtung des felbftherr-
lichen Ich als Träger einer göttlichen Idee' ift die Parole
(IX). ,Das Prinzip des Schaffens und Wirkens ift
die Vernunft' (eben diefes felbftherrlichen Ich als Träger
einer göttlichen Idee) (VII). Diefe ift das .Formprinzip der
Wirklichkeit' nicht aber ,Welt- und Wirklichkeitsprinzip
fchlechthin'. .Darum hat die idealiftifche Philofophie über
ihr Mittel, Vernunft und Begriff hinauszuleiten zur Unmittelbarkeit
und Unendlichkeit, zum positiven Grund des
Dafeins. Das oberste Prinzip des Idealismus ift daher
Transzendentalprinzip: ein Weg zum Quell des Lebens,
zum freien Selbst, zum Ding an fich' (VII). Wie das gemeint
ift? Man nehme eine Dofis Fichte, eine Dofis
Stirner, eine Dofis modern pantheiftifcher Allausweitungs-
ftimmung, dann trifft man es fo ziemlich.

Ich will nun gleich bekennen, daß ich die 512 Seiten
nach der Einleitung nicht alle gelefen habe. Ich konnte
nicht; es war mir wirklich nicht möglich. Gleich im
Anfang wird man erfchreckt durch folgende wie aus der
Piftole gefchoffene Behauptung: ,Perfönlichkeit ift die
Gefamtheit der Beziehungen eines Einzelmenfchen als
Wertftufe. Diefe Beziehungen find: 1) Bedingungen des
Werdens (Paffivität der Perfönlichkeit), 2) Betätigungen
(Aktivität der Perfönlichkeit). Perfönlichkeit ift fomit
einerfeits bedingtes, andererfeits unbedingtes bedingendes
Kulturmoment. Sofern beide Seiten nicht äquivalent find,
ift die Perfönlichkeit der Quell alles Seins, aller Bewegung'
(S. 1). Seite 33 erfährt man dann freilich zum Troll, nachdem
man vorher allerlei andere Themata hat durchraten
müffen, ,der Zweck diefer Definition ift, bloß vorläufiges
Schema zu fein'. Ich fürchte aber, auf Seite 33 wird
man fchon längft allen Mut verloren zu haben; fo hat
es um einen herum gerafchelt von den toten Hülfen
und Schalen des nachkantifchen Idealismus: Subjekt,
Objekt, Identität ufw. Die .dürren Formen des alten
Idealismus' hat der Verfaffer nämlich grade übernommen.
Seine ganze Darlegung bewegt fich in von dorther geläufigen
Schematen. Es mutet einen alles an, wie
wenn jemand all feinen Scharffinn üben wollte im Zeichnen
möglichft verwirrender Arabesken mit Zugrundelegung
irgendwelcher alter Motive; und man atmet förmlich
auf, wenn durch diefe logifche Wirrnis einmal etwas
von den aus der Einleitung bekannten Gedanken und
Stimmungen gleichkam unverkleidet hindurchblitzt.

Davon zum Schluß wenigftens eine einzige, beliebig herausgegriffene
Probe: ,Die Gottheit ift die Idee einer zwar beftimmten (vielmehr
fich selbft beftimmenden) und innerhalb diefer Beftimmtheit unendlichen
Spontaneität. Das Bildungsgefetz der Gottheit ift genau dasfelbe wie
das des wifientfehaftlichen Prinzips, z. B. der Gravitation. Sie ift das
Ergebnis der Ifolation zum Zweck der Deduktion (Superpofition). Der