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Ausgabe:

1911 Nr. 8

Spalte:

232-236

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Schaefer, H.

Titel/Untertitel:

Jesus in psychiatrischer Beleuchtung 1911

Rezensent:

Weber, Wilhelm

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Theologifche Literaturzeitung 1911 Nr. 8.

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Gefchäftsleute hinzukamen, da die Grenzfeftung auch finden
Handel nach Nubien von großer Wichtigkeit war.

In Beziehung auf das Egor der Juden in Elephantine,
das mitten in der Stadt und an der Straße lag, f neigt
Peters zu der Anficht Nöldekes u. a., daß es ein vaog mit
Altar war, obwohl er die Möglichkeit offen läßt, daß es
nur ein ummauertes refisvoc gewefen fein könne. Die
Gründung des dem Jahu geweihten Heiligtums fetzt er
in die Zeit bald nach der Zerftörung Jerufalems durch
die Chaldäer; dann läßt fich freilich nicht recht einfehen,
warum er danach nicht auch die Einwanderung der Juden
zu datieren wagt. Die Zerftörung des Heiligtums durch
den von den ägyptifchen Prieftern des Chnub beftochenen
Sohn des Gouverneurs Vaidrang, während der Abwefen-
heit des Satrapen Arfcham, hält er für ein Vorfpiel der
Revolte der Ägypter nach dem Tode des Darius II.
(404 vor Chr.). Wie die Juden felbft wegen der Hetze,
deren Opfer fie waren, verklagt werden konnten, erklärt
er nicht, verwirft jedoch die Annahme Hoonackers, daß
fie fich eigenmächtig Rache an Vaidrang genommen
haben und dafür zur Verantwortung gezogen feien. Über
die weiteren Schritte, die fie taten, um die Erlaubnis zur
Reftitution ihres Kultus zu erlangen, äußert er allerhand
nicht befonders förderliche Vermutungen. Daß der Jahve-
kultus in Elephantine anders zu beurteilen fei als der
inLeontopolis, leugnet er. Unbekannt könne dasDeutero-
nomium und der Priefterkodex den Prieftern von Elephantine
fo wenig gewefen fein wie dem Onias; übrigens
laffe ihre Haltung doch erkennen, daß fie fich bewußt
waren, in fchiefer Stellung zu fein. Zum Schluß handelt
er noch von der befchränkten Jurisdiktion der Juden und
von ihrem Eherecht.

Ich kann an diefer Stelle nicht ausführen, an welchen
Punkten ich von Peters abweiche. Ich vermiffe, daß er
z. B. nicht darauf eingeht, daß die Juden in ihrer Eingabe
an die perfifche Oberbehörde fo gefliffentlich heraus-
ftreichen, daß nicht bloß ihr Gotteshaus, fondern auch
ein großer Brunnen zerftört fei, welcher der perfifchen
Garnifon das Waffer lieferte. Fragen möchte ich, ob
nicht Oftanes der Bruder des Anani überfetzt werden
darf, nach fpäterem Sprachgebrauch. Im übrigen erkenne
ich die Sorgfalt und Belefenheit des Autors mit Freuden an.

Göttingen. Wellhaufen.

Zapletal, V.: Das Buch Kohelet. Kritifch und metrifch unter-
fucht, überfetzt und erklärt. Freiburg i. Schw., Uni-
verfitätsbuchh. 1905. (243 S.) gr. 8° M. 8 —

Eine wiffenfchaftliche Förderung kann ich in Zapletal's
, Kohelet' nicht fehen. Aber für einen katholifchen Forfcher
wie Z. bedeutet es doch fchon eine Tat, wenn er gegen
die kirchliche Tradition Kohelet nicht von Salomo herleitet,
fondern in die Zeit nach Alexander dem Großen verfetzt
(S. 62). Wie lange werden folche Behauptungen unter
der Herrfchaft des Anti-Modernifteneides möglich bleiben?
Gewiffe Ähnlichkeiten zwifchen Äußerungen Kohelet's und
Dictis der zeitgenöffifchen Philofophie werden zugegeben;
fie beruhen aber nicht auf Abhängigkeit des jüdifchen
Weltweifen von den griechifchen Philofophen (S. 61). Bedenklich
ift, daß Z. das Werk Kohelet's einheitlich fein
läßt. Die Widerfprüche in der Weltanfchauung Koh.s
gibt Z. zwar zu. Er befeitigt fie aber durch die billige
Annahme, daß Koh. zu verfchiedenen Zeiten von ver-
fchiedenem Standpunkt und aus verfchiedener Stimmung
heraus über ein und diefelbe Sache zu verfchiedenen
Anflehten gelangt fei S. 14. 33 ff. So kann z. B. Koh. 3,16
fagen, daß es drüber und drunter in der Welt zugehe
Unrecht da regiere, wo Recht oben auf fein follte, und 3,17
dann das beruhigende Pflafter auf diefe Zweifel an einen
gerechten Weltlauf legen durch die Bemerkung: Gerechte
und Ungerechte werden von Gott gerichtet (S. 33). Oder
fo kann Koh. 7,26 das Weib bittrer als den Tod und es

ein Fangnetz nennen, unmittelbar darauf aber behaupten,
daß nur die fchlechten Männer böfe Weiber kriegen
(S. 182/3). Dabei benutzt Z. die Gelegenheit, feinen Lefern
einige mifogyne Äußerungen orientalifcher und okziden-
talifcher Schriftfteller nicht vorzuenthalten. 3, 20 darf alles
zum Staub, 12,7 aber der Geift zu Gott zurückkehren.
Auch für den Epilog braucht Z. an keinen anderen Ver-
faffer als für das Ganze zu denken. 12,9—11 hält er für
das Selbftlob des Verfaffers (S. 71—73). ,Daß die Formel
in 12,8 den ganzen Inhalt des Buches refumiere, ift nicht
richtig' (S. 73). Nun wenn 12,8 es heißt bnn bon ,Alles
ift eitel', 12,13 aber es heißt: ,vmtETiiO KT n^nbxrrTiit
TIE© ,Furchte Gott und halte feine Gebote' fo find das
greifbare Widerfprüche. Denn jemanden auffordern, zu
arbeiten, dem Nächften Gutes zu tun u. dgl. und ihm
gleichzeitig zu fagen: alles ift zwecklos, kann nur ein
Querkopf, der über ein und diefelbe Sache zu verfchiedenen
Zeiten verfchieden denkt! Das ift die Konfequenz
logifcher Disziplinlofigkeit.

Heidelberg. Georg Beer.

Werner, emer. Paftor Hermann: Die pfychilche Gelundheit

Jefu. (Biblifche Zeit- und Streitfragen, herausg. von
Fr. Kropatfcheck. IV. Serie, 12. Heft.) Gr.-Lichter-
felde, E. Runge 1908. (III, 64 S.) 8° M. — 70

Schaefer, Irrenanft.-Oberarzt Dr. H.: Jefus in pfychia
trilcher Beleuchtung. Eine Kontroverfe. Berlin, E. Hofmann
& Co. 1910. (178 S.) 8° M. 2.40; geb. M. 3.20
Seligmüller, Geh. Med.-Rat Prof. Dr. Adolph: War
Paulus Epileptiker? Erwägungen eines Nervenarztes.
Leipzig, J. C. Hinrichs'fche Buchhandlung 1910. (III,
82 S.) 8« M. 1.60

Die beiden Jefusbücher find Kontroverfen gegen
einige Abhandlungen, die fich mit der pfychifchen Per-
fönlichkeit Jefu befchäftigen: de Looften, Jefus Chriftus
vom Standpunkt des Pfychiaters, und Rasmuffen, Jefus,
eine vergleichende pfychopathologifche Studie. Es handelt
fich hier alfo um fog. ,Pathographien'; aus dem über
hiftorifche Perlönlichkeiten vorhandenen biographifchen
Material, bei Schriftftellern auch aus ihren Werken,
werden pathologifche Züge nachgewiefen, die entweder
in ihrer Gefamtheit ein ausgefprochenes pfychifches Krankheitsbild
ergeben oder wenigftens durch die Aufdeckung
pathologifcher Momente ein tieferes pfychologifches Ver-
ftändnis der Gefamtperfönlichkeit und ihres Schaffens
ermöglichen, am letzten Finde auch das alte Problem
der Beziehungen zwifchen Genie und geiftiger Abnormität
erhellen follen.

Die Pathographie als wiffenfchaftliche Methode hat
ihre fehr bedenklichen Seiten; darüber hilft uns ihre
meifterhafte Handhabung durch Möbius (Das Pathologifche
bei Goethe) nicht weg. Das wichtigfte Moment
zur Stellung einer klinifchen Diagnofe: die eigene Be>
obachtung des Betreffenden fällt weg. Statt deffen ift
man auf ein oft mangelhaftes, immer aber fubjektiv gefärbtes
biographifches Material, angewiefen. Man befindet
fich da in derfelben unangenehmen Lage, wie wenn man
ein pfychiatrifches Gutachten lediglich aus dem Aktenmaterial
abzugeben hat. Und im letzten Fall kennen
wir doch meiftens das Milieu des betreffenden Falles,
weil er eben in der Gegenwart fpielt. Bei der Beurteilung
hiftorifcher Perfönlichkeiten fehlt uns auch die objektive
Kenntnis ihres Lebensmilieus. Es ift aber für die pfycho-
logifche und pfychopathologifche Würdigung eines Men-
fchen außerordentlich wichtig, zu wiffen, wie die Lebens-
verhältniffe, die kulturellen und fittlichen Anfchauungen
feiner Zeit wie feiner nächften Umgebung find. Dann
kommt noch eins hinzu: Naturgemäß befchäftigen fich
die ,Pathographien' mit hiftorifchen Perfönlichkeiten, die