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Ausgabe:

1911 Nr. 7

Spalte:

220

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Thrändorf, E.

Titel/Untertitel:

Kirchengeschichte und Erziehung. Vortrag 1911

Rezensent:

Schuster, Hermann

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219

Theologifche Literaturzeitung 1911 Nr. 7.

220

Hauptftückes zu Anfang fcheint mir doch weniger zweckmäßig
, weil dasfelbe gerade in Luthers Erklärung das 2.
Hauptftück vorausfetzt und durch dies außerordentlich
erleichtert wird. Der .heilige Glaube' und das Apofto-
likum werden S. 36fr. identifiziert; letzteres als ,ein Band
des Friedens, welches alle Konfeffionen umfchlingt und
verknüpft', zu bezeichnen, dürfte fchwerlich richtig fein. Für
eine umfaffende Analyfe des Begriffes .Glauben' ift Ebr.
II, I wohl kaum eine genügende Grundlage. Der Übergang
vom 1. zum 2. Artikel ift der Tradition entfpre-
chend eingefchoben und ziemlich ausführlich. Höllenfahrt
und Jungfrauengeburt werden vorausgefetzt, aber nicht
weiter berührt. Als Gaben des Geiftes werden anfchei-
nend Reue und Glauben betrachtet. Die inneren Beziehungen
zwifchen Chriftus und dem heiligen Geilte
kommen nicht klar zum Ausdruck. Am dürftigften ift
die Erörterung des 3. Hauptftückes, bei der Luthers
meifterhafte Worte fehr zurücktreten. — Trotz folcher
Ausheilungen bin ich für die Veröffentlichung diefes
Buchleins fehr dankbar. Es ift knapp und durchfichtig,
didaktifch und feelforgerlich zugleich, nüchtern und dabei
doch finnig, zielbewußt und ficher fortfchreitend, abgeklärt
und aus Einem Guß, auf reicher Erfahrung beruhend
, maßvoll im Urteil, fchlicht und befcheiden im
Ton. Wer auf dem Standpunkt einer milden und feiten
lutherifchen Orthodoxie fleht, wird dies Buch mit Recht
als ein katechetifches Meilterwerk preifen und verwerten.
Aber auch diejenigen, die, wie ich, neben Luthers Katechismus
noch allerlei andern Stoff im Konfirmandenunterricht
verwerten, ja felblt diejenigen, die ganz modern
fein wollen und Luthers Katechismus für den Unterricht
ablehnen, werden es nicht ohne mancherlei Frucht und
Anregung fludieren. Es gehört zu den Büchern, die auch
folche, die theologifch anders Itehn und didaktifch anders
verfahren, innerlich fympathifch und harmonifch berühren
und das Gefühl der religiöfen Zufammengehörigkeit lebendig
machen.

Frankfurt a/Main. Bornemann.

Referate.

Brieger, Theodor: Der Speirer Reichstag von 1526 und die reli-

giöfe Frage der Zeit. Ein gefchichtlicher Umriß. Leipzig, A. Edelmann
1909. (79 S.) gr. 40 M. 2.25
Hat der Speierer Reichstag von 1526, der die Bahn für die
Gründung evangelischer Territorialkirchen freigemacht hat, eine gefetz-
liche Grundlage für diefe Bildungen gefchaffen, oder hat er den Evan-
gelifchen nur eine günftige Gelegenheit geboten, eigenmächtig zur Aus-
geftaltung von Landeskirchen zu fchreiten? das ist die Frage, die Brieger
einer gründlichen Würdigung unterzieht.

Der erfteren Auffaffung hatte, wie es fchien, ein für allemal Ranke
(Deutfche Gefchichte im Zeitalter der Reformation, II S. 244 ff) durch
feine klaffifche Beweisführung zum Siege verholfen, als der Widerfpruch
Janffens (Gefch. des deutfchen Volks, III S. 47 ff), der die letztere
Auffaffung vertrat, aufs neue die Unterfuchung der Frage anregte. Aug.
Kluckhohn (Hift. Ztfchr. 1886 S. 193 ff) ftiromte im ganzen Janffen
zu; Walter Friedensburg nahm in feiner gründlichen, allen Einzelheiten
der Verhandlungen nachgehenden Monographie ,,Der Reichstag zu Speier
1526" (Berlin 1887) eine vermittelnde Stellung ein: die Formel des Reichs-
tagsabfchiedes, ,,es zu halten, wie ein jeder folches gegen Gott und
Kaiferl. Majeftät hoffet und vertraut zu verantworten", habe nur ein
Proviforium gefchaffen; die Auslegung durch die Evangelifchen fei rechtlich
nicht begründet, aber durch die tatsächliche Notlage gerechtfertigt
gewefen. Diefe Auskunft hat im allgemeinen feitdem die Zuftimmung
der Reformationshiftoriker gefunden.

Brieger kehrt zu Ranke zurück. Die Verhältniffe hätten einmal
einen derartigen Kompromiß-Beschluß gebieterifch gefordert, nachdem
die Abficht des Reichstags, durch Herftellung einer gleichmäßigen Ordnung
Ruhe und Einigkeit im Reich für alle zu fichern, durch das Ein-
fchreiten des kaiferl. Statthalters durchkreuzt worden fei; die Verhältniffe
feien aber auch folchem Befchluffe günflig gewefen, da, von der Kurie
ungeftört und von der zur Zeit gebundenen Macht des Kaifers nicht behindert
, die Vertreter der Nation fozufagen, unter fich gewefen feien.
Der Reichstagsabfchied fei durchaus rechtsverbindlich gewesen; der Be-
ftätigung des Kaifers hätte es nicht weiter bedurft, da fein Vertreter,
Erzherzog Ferdinand, mit hinreichenden Vollmachten ausgefluttet, mit
feiner Beftätigung nicht zurückgehalten habe. Auch daß die Gefandtfchaft,
an den Kaifer, die ihn um Suspenfion des Wormfer Edikts angehn follte
nicht ausgeführt worden fei, ändere an der Rechtsgültigkeit des Abfchiedes

nichts. Der Klaufel aber: „bis zum Konzil" habe, wie die Verhältniffe
lagen, unmöglich eine der Parteien Bedeutung beilegen können. Die
Triebe der religiöfen Sonderung hätten, wie Ranke richtig geurteilt, über
die Verfuche, die Einheit durch Reform zu behaupten und fefter zu
(teilen, die Oberhand behalten; das Prinzip der Territorialentwicklung
hätte auch der religiöfen Angelegenheit fich bemächtigt.

Daß es aber fo gewefen ift, das beweift, daß die religiöfen Motive
ftärker gewefen find als die politifchen, daß die aus dem Gewiffen geborene
Reformation den Ständen Gewiffensfache geblieben ift; und das
wieder kräftig geftützt zu haben, ift das vornehmfte Verdienft von Brie-
gers wertvoller Unterfuchung.

Jlfeld a. H. Ferdinand Cohrs.

Thrändorf, Dr.: Kirchengelchichte und Erziehung. Vortrag vor der

Konferenz von Religionslehrern an den höheren Schulen Sachsens.

(Religionspädagogifche Bibliothek, herausg. v. H. Spanuth. Nr. 3.)

Göttingen, Vandenhoeck & Ruprecht 1910. (19 S.) gr. 8°. M. —'50
Der gehaltvolle und fympathifche Vortrag will zeigen, wie die
Kirchengefchichte durch Weckung des Intereffes für das kirchliche Leben
der Gegenwart einen wertvollen Beitrag zur (chriftlichen) Erziehung liefern
kann. Thr. bekennt fich hinfichtlich der Stoffauswahl zu Harnacks
Programm (Vortrag auf dem Bafeler Philologentag): „Der Schüler braucht
aus der Kirchengefchichte nichts zu kennen, was er nicht irgendwie in
der heutigen Kirche wiederfindet." Hinfichtlich der Methode wünfeht
Thr. ein Quellenbuch als Grundlage und Mittelpunkt des Unterrichts.
Hier, fürchte ich, unterfchätzt Thr. die Schwierigkeiten. Für fehr viele
Schüler reden die Quellen (auch Schleiermachers „Reden") eine unver-
ftändliche Sprache, die der Lehrer überfetzen (nicht bloß einleiten und kurz
erläutern) muß. Ebenfo fcheint mir ein „fyftematifcher" Unterricht fchwer
entbehrlich. Natürlich wünfehe ich keine dogmatifche „Glaubenslehre",
aber eine Art Propädeutik (über Wiffen und Glauben, Religionen und Chriften
tum, u. Ähnliches) und vor allem auch eine Erörterung der fittlichen
Grundfragen nebft einer Orientierung in den wichtigften Gegenwarts-
Problemen praktifcher Ethik. Diefe Dinge laffen fich durch die Gefchichte
vorbereiten, aber fchwerlich in ihrer Darftellung befriedigend erledigen
, zumal wenn man den jungen Leuten Gelegenheit zu freier
Ausfprache geben will. Die jetzt mit Recht betonte geschichtliche Orientierung
unferes Unterrichts darf nicht felbft wieder zu einem Dogma
werden.

Hannover. Schüller.

Mitteilungen.

(18) S. Schechter hatte in der Geniza von Cairo, wo fich bereits faft
zwei Drittel des hebr. Urtextes von Jefus Sirach fanden, Texte entdeckt,
von denen er die wichtigften (Bruchftücke zweier Handfchriften aus dem
10. bis 12. Jahrhundert) als Fragments of a Zadokite Work glaubte be-
ftimmen zu können (Cambridge 1910), während Margoliouth (Athenaeum
v. 26. Nov. 1910) die Schrift auf ,The Sadducean Christians of Damascus'
zurückführt. Dagegen unternimmt Hugo Greßmann (Internat. Wocheu-
fchr. 1911 Nr. 9) den Nachweis, daß es fich um eine korrekt pharifäifche
Schrift der jüdifchen Diafpora zu Damaskus handle, die ,etwa rund um
die Zeit Chrifti' anzufetzen fei. Geradezu epochemachend find die Zitate
aus den Jubiläen und den ,Teftamenten der 12 Patriarchen', weil fie die
hebräifche Grundlage diefer Schriften authentifch feftftellen. Mt. 12, 11
tritt in hellere Beleuchtung, fofern es hier heißt: ,Wenn das Vieh am Sabbat
in eine Zifterne oder in eine Grube fällt, dann foll man es nicht heraufholen
.' Auch auf die ,Läfterung des hl. Geiftes' und auf den Begriff
des .Neuen Bundes' fcheint neues Licht zu fallen. Ebenfo find felbftver-
ftändlich für Anfchauung und Verfaffungsform der jüdifchen Gemeinde die
neuen Texte von großer Bedeutung.

(19) Hingewiefen fei auf einen intereffanten Auffatz im März ,Barlington
Magazine': ,The Emblem of St. Ansaro'. Alice Kemp-Welsh weift
nach, daß diefer Schutzheilige von Siena vor der hlg. Katharina und
Bernardino, der feine Lunge und Leber als Märtyrer in der Hand hält
und der vor dem 13. Jahrhundert unbekannt ift, ein wiederaufgelebter
etrufkifcher Harusper ift, in der Stellung des Leberfchauenden Wahrfagers.

M.

(20) Um einem fchon mehrfach geäußerten Wunfeh entgegenzukommen
, hat fich der Verlag des von Profeffor Bertholet herausgegebenen
.Religionsgefchichtlichen Lefebuches' (J.C. B.Mohr [Paul Siebeck)
in Tübingen, f. die Befprechung von Bouffet Theol. Lit.-Ztg. 1910, Sp. 321)
entfchloffen, dasfelbe nun auch in Einzelausgaben zu veröffentlichen.
Bisher erfchienen: Die Religion der alten Chinefen von f Profeffor Dr.
W. Grube, Berlin. M. 1—. Die Religionen der Inder: Vedismus und
Brahmanismus von Profeffor Dr. K. Geldner, Marburg. M. 2—. Der
Buddhismus von Profeffor Dr. M. Wir.ternitz, Prag. M. 1.50. Die zoroa-
ftrifche Religion (Das Avefta) von Profeffor Dr. K. Geldner, Marburg.
M. —80. Von dem Beitrag: Der Islam. Der Koran von Profeffor Dr.
A. Mez ift eine erweiterte Separatausgabe in Vorbereitung. Unter der
Herausgabe von Profeffor D. A. Bertholet werden in zwanglofer Folge
Textfammlungen zu den übrigen alten Religionen erfcheinen.

Erklärung.

In der Rezenfion der Streitfchrift Steudels auf Sp. 137 der ThLZ.
wird mein von Steudel aus dem Zufammenhang geriffenes und zu Unrecht
auf meine abfichtlich ganz kurz und populär gehaltene Brofchüre an-