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Ausgabe:

1911 Nr. 7

Spalte:

216-217

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Eckert, Alfred

Titel/Untertitel:

Einführung in die Prinzipien und Methoden der evangelischen Theologie 1911

Rezensent:

Beth, Karl

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Theologifche Literaturzeitung 1911 Nr. 7.

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fetzung mit den mannigfachften wiffenfchaftlichen Be- j
ftrebungen, fpeziell der Neuzeit, erläutert und bewiefen. 1

Und nun wendet fich der Autor in einem zweiten, j
kürzeren Teil einem fchwierigeren, heftiger umftrittenen,
aber vielleicht noch intereffanteren Problem, dem „Problem
der Wirklichkeit" zu. Er lehnt natürlich die An-
fchauung ab, daß die Wirklichkeit aus einer Anzahl von
Objekten oder Subftanzen beftehe, die dem erkennenden
Subjekt gegeben find und irgendwie von ihm erfaßt
und abgebildet werden; aber auch die Anfchauung,
daß die Wirklichkeit aus einer chaotifchen Summe „fub-
jektiver" Empfindungen beftehe, aus denen das Subjekt
erft die Objekte konftruiere oder die von der Wiffenfchaft
einfach befchrieben oder beliebig geordnet und gefchil-
dert werden. Im Gegenfatz dazu erinnert er daran, daß
es keine Erfahrung, auch nicht die allerprimitivfte, gebe
ohne die Vorausfetzung idealer Richtpunkte, konftan-
ter Idealrelationen, mit Hilfe deren das einzelne erft
fixiert werde. Daher denn die der Wiffenfchaft zugängliche
Wirklichkeit fich in letzter Inftanz erweife als ein
Syftem von Relationen, als ein „Inbegriff von Beziehungen",
welcher Inbegriff die Vorausfetzung bildet für die gedankliche
Entgegenfetzung des relativ Veränderlichen und
Beharrlichen, des Subjekts und des Objekts. Weil freilich
diefer Inbegriff „nur im Urteil felbft und fomit in der
Tätigkeit des Denkens zu erfaffen" .ift, deshalb bedarf j
es einer Reform der modernen Pfychologie, die diefer
Tatfache bis jetzt nicht gebührend Rechnung getragen
hat. Was aber die Frage betrifft, ob jene „Grundrelationen
", auf welche die Analyfe der Erkenntnis geführt hat,
,ein Beftandteil des Seins' oder ,bloße Gebilde des Denkens'
feien, oder ob ,hier eine geheimnisvolle präftabilierte Harmonie
zwifchen dem Geift und der Wirklichkeit' vorliege,
„kraft deren beide notwendig zuletzt in denfelben Grund-
beftimmungen zufammentreffen müffen", fo ift fie abzulehnen
, weil ja doch die betreffenden Relationen die Vorausfetzung
bilden für die durch fie erft ermöglichte Ent- !
gegenfetzung von Subjekt und Objekt, von Denken und
Sein. Überhaupt ift jede Frage nach der „Kaufalität der
Relationen" abzuweifen; „denn das ,Woher' ift felbft nichts
anderes als eine beftimmte Form der logifchen Beziehung
". Ebenfo hat es keinen Sinn, „Materie" und
„Form" der Erkenntnis ihrem Urfprung nach unterfcheiden
zu wollen. Ja, auch die Frage nach dem „abfoluten Wert"
des ganzen Syftems der Beziehungen ift aufzugeben, weil
wiffenfchaftlich nicht zu beantworten.

Nicht oft ift diejenige Gedankenreihe der Kantifchen
Philofophie, die auf Ausfcheidung aller Metaphyfik gerichtet
ift, fo gefchickt ifoliert und fortgebildet worden
wie hier, bei gleichzeitiger Vermeidung eines pofitivifti-
fchen Skeptizismus. Das gibt dem Werk feine Signatur und
verleiht ihm ein hohes Intereffe auch für die Theologie.

Aber freilich darf nicht vergehen werden, daß mit
der Befeitigung der Metaphyfik die vitalen Bedürfniffe
nicht ausgerottet find, die nicht nur in ihr aber mit in ihr
eine zureichende Befriedigung vergebens fuchen, und daß
unter anderm beifpielsweife auch die Frage nach dem
abfoluten Wert der von der Wiffenfchaft erarbeiteten
Wirklichkeit und der Wiffenfchaft felbft nicht zum
Schweigen gebracht ift. Gerade die Verfenkung in
die Betrachtungsweife und Denkrichtung diefes Werks
und in deffen vorfichtige Beftimmungen über die Leiftungs-
fähigkeit der Wiffenfchaft wird unter Umftänden nur
um fo lebhafter das Bedürfnis empfinden laffen nach
Richtmaßen für die Stellungnahme im unmittelbaren Erleben
, die, weil fie die Wiffenfchaft nicht zu geben vermag
, anderwärts zu erheben wären.

Straßburg i. E. E. W, Mayer.

| Fragen des modernen Geisteslebens. Dargeftellt und beantwortet
in neun Vorträgen von Oberftleutn. a. D.
U. von Haffell, Dr. med. et phil. Haufer, Pfr. Kühn,
D. Dr. Hoennicke, Paft. Sawory, Paft. Schwebel,
Pfr. Raak, Paft. Kulemann, Paft. Kaltwaffer. Berlin
, Buchhandlung des Oftdeut. Jünglingsbundes 1910.
(VI, 147 S.) 80 M. 1.80

Als das Bedeutfamfte an diefen Vorträgen erfcheint
derUmftand, daß fie vor dem Publikum eines evangelifchen
Männer- und Jünglingsvereins gehalten worden find. Be-
fonders erfreulich ift unter diefem Gefichtspunkt die Darbietung
Haufers: ,Entwickelungsgedanke und Chriften-
tum'. ,Der chronologifche Aufftieg der Erdgefchöpfe ift
danach als gefichertes wiffenfchaftliches Ergebnis feft-
geftellt.' Davon unterfchieden wird als ,eine rein wiffen-
fchaftliche Theorie, freilich eine fehr fruchtbare und eine
aus vielen Gründen . . . fehr wahrfcheinlich gemachte', daß
,diefem zeitlichen Nacheinander auch ein genetifches Auseinander
der Organismen entfpricht' (S. 31). Eine beftimmte
und zwar eine fehr wenig ausreichende,Erklärungsform
' hierfür ift der Darwinismus (S. 29); deffen Ungenügen
j bedeutet darum nicht das Vertagen des allgemeinen Gedankens
. Der Hauptwiderftand gegen die Entwickelungs-
! theorie ergibt fich nicht vom Gottesglauben her, fondern
i vom Schöpfungsbericht der Genefis, aber nur dann, wenn
man in diefem nicht unterfcheidet, was unvergänglichen
religiöfen Wert hat und was Ausfluß unzulänglicher Er-
kenntniffe jener Zeit ift. Das find gute, klärende Gedanken.
Erfreulich ift auch Pfarrer Kühns klare Abfage an die
alte Infpirationslehre vor diefem Publikum; und von
Haffells Empfehlung der .Biblifchen Zeit- und Streitfragen'.
Befonders hervorheben möchte ich auch den Schlußvortrag
des Herausgebers der ganzen Sammlung.

Daß die Vorträge zumeift nicht gerade das ganze
Problem herausftellen, erklärt fich ja aus der ganzen
j Situation, ebenfo die Neigung, die Sache ins Paränetifche
zu wenden. Sehr ftark überwiegt immerhin die eine
felbftändige Unteilsbildung nicht eigentlich fördernde
Beruhigungsapologetik; befonders in dem Vortrag ,Ethik
und Religion'.

Wenn dort den Vertretern der humanitären Sittlichkeit einfach
vorgeworfen wird: ,Sie taten das Gute . . . nicht wegen feiner felbft, es war
ihnen vielmehr nur ein Mittel zur Erreichung irgend eines felbftfüchtigcn
Zweckes' S. 125, und: ,Wo fein Ideal den bloß Humangefinnten täufcht,
wo es ihm den gehofften Erfolg nicht gewährt, fondern anftatt eines
Nutzens nur Mißerfolg, Undank oder gar Schaden zeitigt, da verläßt ihn
auch fein Edelmut, ja er fchlägt oft fogar auch ins Gegenteil um' (S. 126),
dann arbeitet jeue lieruhigungsapologetik mit ungerechten und unwahren
Behauptungen. Auch daß von Haffell in feinem eröffnenden Vortrag
modern mit Mode zufammenftellt, dient ja gewiß nicht dazu, den von
daher erwachfenden Problemen ein hefonderes Gewicht zu verleihen.

Gnadenfeld. Th. Steinmann.

Eckert, Pfr. Lic. Alfred: Einführung in die Prinzipien und
Methoden der evangelilchenTheologie. Leipzig, G.Strübig's
Verl. 1909. (XI, 512 S.) gr. 8° M. 7.50; geb. M. 9 —

Um feine Grundzüge der theologifchen Wiffenfchaft
,auf dem Boden der Erlanger Theologie' zu entwickeln,
nimmt Verf. feinen Ausgang von Schleiermachers kleiner
Enzyklopädie und deren Einfluß auf die Folgezeit. Dabei
erfährt die berechtigte Kritik von Schleiermachers
Hauptthefe über das Verhältnis von Theologie und Kirche
durch viele Abfchweifungen hindurch doch keine zufrieden-
ftellende Ergänzung, da auch E., indem er die Kirche als
amtlich verfaßte Größe veranfchlagt, jenes Verhältnis nicht
hinreichend zu verinnerlichen vermag. Denn hierzu kann
auch die feltfame Wendung nicht verhelfen, daß das Amt
,feinen Urfprung im Glauben hat', eine Behauptung, die
in den .Grundzügen einer Pfychologie des Glaubens' (S.
97—271) gewonnen wird. Diefer grundlegende Teil, in
dem das Wefen des chriftlichen Glaubens, die Glaubensgewißheit
und die Glaubenswirkungen nach außen um-