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Ausgabe:

1911 Nr. 7

Spalte:

201-203

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Vogels, Heinrich Joseph

Titel/Untertitel:

Die Harmonistik im Evangelientext des Codex Cantabrigiensis. Ein Beitrag zur neutestamentlichen Textkritik 1911

Rezensent:

Soden, Hermann

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Theologifche Literaturzeitung 1911 Nr. 7.

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die den Bedürfniffen des Anfängers ganz angemeffen er-
fcheint. Auf Anführung von Einzelnheiten, die zum
Widerfpruch reizen, möchte ich an diefer Stelle verzichten.
Nicht unerwähnt darf ich laffen, daß ich in der Syntax
wie im Gloüar auf mancherlei Flüchtigkeiten in der Uber-
fetzung geftoßen bin.
Straßburg i. E. S. Landauer.

Vogels, Rel. u. Oberlehr. D. Heinrich Jofeph: Die Harmo-
niltik im Evangelientext des Codex Cantabrigiensis. Ein

Beitrag zur neuteftamentlichen Textkritik. (Texte und
Unterfuchungen zur Gefchichte der altchriftl. Literatur.
3. Reihe, 6. Bd., Heft ia.) Leipzig, J. C. Hinrichs'fche
Buchhandlung 1910. (VI, 119 S.) gr. 8° M. 4 —
,Der Evangelientext des Codex Cantabr. ift durch
eine Evangelienharmonie, ein Diateffaron, ftark beeinflußt'
Das ift die Thefe, welche diefe überaus fleißige, das Material
vollftändig verwertende Studie, erweifen will. Sie
trifft, wie der Vf. einleitend erklärt, fo genau zufammen
mit den kurz vor Fertigftellung feines Buchs veröffentlichten
Ergebniffen der Forfchung des Referenten, daß er
beinahe das Manufkript im Schreibtifch behalten hätte.
Vor allem den Bedenken meiner Kritiker gegen die Ta-
tianhypothefe verdanken wir es, daß er die, mit feinen
Worten zu reden, ,völlig unabhängig von v. S. begonnenen
und auf ganz anderem Weg verlaufenden Unterfuchungen'
der Öffentlichkeit nicht vorenthalten hat.

Vf. weift nach, daß ein großer Teil der im C. C. in
einzigartiger Maffenhaftigkeit fleh findenden Abweichungen
von den von Tifchendorf, Weftcott-Hort, B. Weiß dem
Urtext zugewiefenen Lesarten eine harmonifierende Tendenz
verraten. Er zeigt das zunächft an einer Anzahl
von Varianten, durch die fachliche Differenzen zwifchen
den Ew. ausgeglichen werden, mit dem zutreffenden Urteil
: ,Die Feinheit jener Hand, die diefe harmoniftifchen
Korrekturen vollzog, verdient unfere Bewunderung'. Daneben
ftellt er eine Lifte von fachlich bedeutungslofen
Ausdrucksweifen, in denen die Ew. einander angenähert
werden; und gibt zu bedenken, daß, wenn die fachlichen
Differenzen jeden aufmerkfamen Lefer der Ew. zu Korrekturen
reizen konnten, bei an fleh gleichgiltigen fprach-
lichen Wendungen kein Anlaß zur Harmonifierung vorliege
, ja die leiten Abweichungen in den parallelen Ab-
fchnitten dem Lefer oder Schreiber kaum gegenwärtig
gewefen fein könnten. Wenn auch gelegentlich unwillkürlich
einem Schreiber Reminifzenzen in die Feder ge-
floffen fein können, fo fei doch nicht zu leugnen, daß
die Zahl der Fälle im C. C. dafür zu groß ift, zumal
dann doch wenigftens in einer kleinen Anzahl der vielen
Evangelienhandfchriften dasfelbe pfychologifche Gefetz
fleh hätte wirkfam erweifen müffen. So fchließt der Vf.,
daß ,diefe Perikopenanfänge (es find nicht nur Übergänge,
die er aufzählt, wenn er den Abfchnitt auch fo betitelt
und dadurch fleh abhalten ließ, die Menge der Beifpiele
noch deutlicher zu machen) einer Evangelienharmonie
entflammen, da fie fortwährend auf den Paralleltext Rückficht
nehmen'. In einer dritten Lifte werden ,parallele
Varianten' zufammengeftellt, d. h. Lesarten, die in zwei
Ew. an den parallelen Stellen erfcheinen und in keinem
zum urfprünglichen Text gehören. Es ift zuzugeben,
daß viele der hier etwas wahllos gefammelten Belege
nichts beweifen können, daß u. a. eigentümliche Orthographien
und Wortformen (z. B. e&öero -6oxo, IOax
1 loaax, aXXa vor Vokalen ufw.) gut als Manier des
Schreibers oder als Latinismen (z. B. tpXaysXXovv L rppay-,
haeupa L Kaicupa, die Pluralform des Verbs bei einem
neutrum pluralis) zu begreifen find. Aber auch wenn
man das alles abzieht, bleiben noch genug übrig Am
frappanteften find die Fälle, wo die beidemal vom .Urtext
' abweichende Faffung in beiden Evangelien ganz
genau übereinftimmt (vgl die Nummern 106, 108, III,

Il6, 129 der Lifte); und unter ihnen wieder am frappanteften
diejenigen, wo die im Mk. oder Lk. ganz gleichlautende
Variante nicht aus Mt. flammt, fondern felbft eine
Kombination zwifchen dem Wortlaut der parallelen Stellen
darfteilt. Diefe Kombinationen müffen für eine Evangelienharmonie
formuliert worden fein, ein Schluß, deffen
Sicherheit Vf. noch hätte fteigern können durch den
Nachweis, daß die Kombinationen, immer nach derfelben
Methode vorgenommen find. Am Schluß ftellt Vf. noch
ein 46 Seiten einnehmendes Verzeichnis aller im C. C.
nachweisbaren Paralleleinwirkungen zufammen. Man muß
angefichts diefer Lifte zugeftehen, daß hier zur Erklärung
nicht ein eigenartiger pfychologifcher Zuftand des Schreibers
ausreicht, kraft deffen in den ihm vor Augen liegenden
und von ihm abzufchreibenden Text infolge eines
wunderfames Gedächtniffes unaufhörlich Reminifcenzen
fich einfchmuggeln und fich ihm unter der Hand zu wohl
abgewogenen Kombinationen mit dem hier oder gar nur
in einer Parallele vorliegenden Text geftalten.

Der Name Tatian wird vom Verfaffer nur gelegentlich
erwähnt. Hätte er das arabifch uns erhaltene, min-
deftens auf Tatian zurückgehende Diateffaron herangezogen
, fo hätte er noch zeigen können, wie überrafchend
häufig jene harmonifierenden Varianten des C. C. fich
in diefem Diateffaron ganz genau wiederfinden, und zwar,
worauf er leider nicht geachtet hat, einerlei, ob fie in
der griechifchen Überlieferung häufig oder feiten oder
gar nicht vertreten find. Von den ,Parallelen Varianten'
find z. B. mehr denn 25 im arabifchen Diateffaron nachweisbar
, während naturgemäß die weitaus größte Zahl
in der femitifchen Sprache nicht zur Erfcheinung kommen
kann.

Von den 108 in dem großen Verzeichnis aus Mt. r—16 zufammen-
geftellten Paralleleinwirkungen habe ich folgendes feftgeflellt, I. 6 fallen
weg, da fie m. E. dem Urtext angehören. 40 können im Arabifchen
nicht zum Ausdruck kommen. Von den übrigen 62 finden fich 32 ficher,
3 mit großer Wahrfcheinlichkeit im arabifchen Tatian. Von dem Reil
begegnen 15 in der altlateinifchen, 12 in der altfyrifcheu Cberfetzung,
darunter 7 in beiden. Mag ein Teil der 15 aus dem lateinifchen Text
des bilinguen Kodex in den griechifchen gedrungen fein; die übrigen, insbesondere
die 5 nur im alten Syrer begegnenden parallelen Varianten, die
bei einer Ausdehnung der Prüfung auf das ganze Verzeichnis ficher zu
mehr als 30 anwüchfen, fordern eine Erklärung. Da die beiden alten
Überfetzungen von Tatianismen durchfetzt find, ift die einfachfte Annahme
, daß die ihnen und dem C. C. gemeinfamen Varienten auch in
der Urform des Diateffaron fich fanden und dorther (lammen.

Dennoch bleibt noch ein unerklärter Reft, für deffen
Erklärung fchwerlich die pfychologifche Konftitution des
Schreibers oder des Schöpfers der Textgeftalt des C. C.
ausreicht. Hier bleibt noch ein Rätfei zu löfen, das der
Vf., weil er überhaupt die Frage nach der im C. C. einwirkenden
Evangelienharmonie nicht in feine Ünterfu-
chung aufgenommen hat, nicht deutlich gemacht hat.

Den Schwerpunkt der Unterfuchung hat der Vf. auf
den griechifchen Text des bilinguen Kodex gelegt.
Viel kürzer, zu kurz, um feine Thefe wirklich zu erhärten
, behandelt er den beigegebenen lateinifchen Text.
Und da er wieder neben ihm die andern Zeugen der alten
lateinifchen Überfetzung nicht in die Unterfuchung hereinzieht
, konnte vollends kein abfchließendes Ergebnis
erreicht werden. Seine Thefe ift auch hier: auf den lateinifchen
Text hat ein lateinifches Diateffaron eingewirkt.
Nach meiner Überzeugung ift fie richtig, aber hier nicht
genügend fundiert. Wenn er zunächft eine Anzahl von
Eigentümlichkeiten der Orthographie und der Wortbilder
aufzählt, fo gilt von ihnen, was oben von der analogen
Erfcheinung im griechifchen Text gefagt ift, fie können
Schreibermanier fein. Dagegen find die beigebrachten
,innerlateinifchen Doppelvarianten' ein wenn auch nicht
voll ausreichendes Beweismittel, nicht ausreichend weil
bei der Befchränkung auf den einen lateinifchen Zeugen
nicht andere an fich mögliche Erklärungen diefer Erfcheinung
auf ihre Durchführbarkeit geprüft werden
konnten. Dennoch hat Vf. m. E. nicht nur mit der allerdings
von ihm nur aufgeftellten Behauptung, daß faft

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