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Ausgabe:

1911

Spalte:

198-200

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Merx, Adalbert

Titel/Untertitel:

Der Messias oder Ta’eb der Samaritaner. Nach bisher unbekannten Quellen 1911

Rezensent:

Kahle, Paul

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197

Theologifche Literaturzeitung 1911 Nr. 7.

des Umfangs der pluralifchen Einleitungsrede (PI.) ftimmt
er mir im ganzen zu, wenn er ihr auch aus Kap. iof. etwas
mehr zuerkennt.

Die Analyfe von IO, 12 ff. ift außerordentlich fchwierig, und ich
halte die meinige keineswegs für voll befriedigend, glaube aber, daß
auch P. hier nichts Wefentliches gebefiert hat. In zwei Punkten weicht P.
(Utk von mir ab. Er meint, daß PI. nur nebenbei einmal (5,28) von der
Offenbarung des dtn. Gefetzes rede, in der Hauptfache aber vom Dekalog,
der zunächft dem Volke mündlich mitgeteilt, dann aber auf Steintafeln
gefchrieben Mofe übergeben wurde; er hält daher auch den Dekalog in
Kap 5 für ein von PI. mitgeteiltes Stück. Dem gegenüber muß ich an
meiner Thefe fefthalten, daß die Deutung der Steintafeln auf Dekalog-
tafelu fowohl in E. wie in PI. fekundär ift und PI. das dtn. Gefetz für das
Tafelgefetz hielt. Sodann lehnt P. meine Thefe ab, daß PI. fchon im
Gefetzbuch Jofias ftand, hält die Dtn.-Ausgabe des PI. vielmehr für eine
nachjofianifche. Seine Begründung, PI. habe den Dekalog in das Dtn.
eingeführt, diefer aber komme für das Gefetzbuch Jofias, das lediglich
ein KultusreformprogTainm war, nicht in Betracht, erfcheint mir nicht
flichhaltig. Denn PI. hat mit dem Dekalog nichts zu tun, und die Be-
fchräukung des Gefetzbuches Jofias auf ein bloßes Reformprogramm ift
unberechtigt (f. u.). Aus andern Gründen aber, die ich hier nicht auseinanderfetzen
kann, fcheint mir in der Tat PI. jetzt jüngeren Datums zu
fein, als ich früher annahm.

Schließlich analyfiert P. S. 230—269 das Gefetz felbft,
Kap. 12—26. Diefe Analyfe fcheint mir der fchwächfte
Teil feines Buches zu fein. Verhängnisvoll ift hier die
Tendenz geworden, diejenigen Elemente herauszufinden,
die zum Gefetzbuch jofias gehörten. Dadurch wird die Analyfe
von vornherein unter einen falfchen Gefichtspunkt
geftellt. Nicht die Struktur des Gefetzes ift für fie maßgebend
, fondern feine Verwendung. Wichtige Indizien
für die Analyfe bleiben daher unberückfichtigt, andere
werden nur ungenügend gewertet. Von vornherein wird
der Grundfatz aufgeftellt, zum Urdtn. fei nur das zu
rechnen, was in der Reform Jofias wirkfam wird, alfo das
Gefetz über die Kultuskonzentration und was mit ihm
fachlich zufammenhängt. Es wird ganz überfehen, daß
der Bericht von II Reg. 23 fchon allein darum kein ausreichender
Leitfaden für die Analyfe fein kann, weil wir
keine Gewähr haben, daß dort die Reformen Jofias voll-
ftändig aufgezählt find. S. 258 wird z. B. gegen die Zugehörigkeit
von 15,1 — 11 zum Urdtn. als erfter und
ftärkfter Grund geltend gemacht, daß II Reg. 23 von der
Ausführung nichts berichtet. Daß der Verfaffer des Urdtn.
lediglich ein Reformprogramm ausarbeiten wollte, ift eine
ganz unbeweisbare Vorausfetzung. Man kann über feine
Abfichten nur nach der Befchaffenheit feines Gefetzes
urteilen, darf aber fein Gefetz nicht nach einer unbewiefenen
Vorausfetzung zurechtfchneiden. Es ifl: danach verfehlt,
wenn P. das Urdtn. befchränkt auf 12,13h 17—19. 20*.
21*. 22—24. 26f. '4.22- 23* 24—27. 28f. 15,19—23. 26, if.
5—15. 18, 1*. 3f. 6f. 8*. 16, if. 5-7. 9_i5. 18. 17, 8. 9*.
10. 12*. 13. 19, if. 3b. 4-8a. 9b—12. 15*. 16. 17*. 18—20.
12,29—31. 16,21—17, 2. 3*. 4- 5* 6f. 13, 2—4b. 6f. 8*.
9—15. 16*. 17h 18,9—13. 23, l8f. famt fingularifcher Umrahmung
.

Erwähnt fei noch, daß P. die Vorftellung, daß das
Dtn. auf einem Kompromiß der Propheten- und Priefter-
partei beruhe, ablehnt und erfetzt durch die andere, daß
es aus Priefterkreifen flamme, auf die prophetifche Ideen
Einfluß gewonnen hatten. Das fcheint auch mir im allgemeinen
richtig zu fein; nur glaube ich, daß das prophetifche
Element im Denken des Verfaffers noch ftärker zu
unterstreichen ift, zumal, wenn als Verfafier der Einleitung
nur Sg. in Betracht kommt.

Kann ich P. auch nicht in allen Beziehungen zu-
ft.lnln?,.n'. fo glaube ich doch, daß feine forgfältige, alle
einfchlagige Literatur berückfichtigende, im Urteilen ruhig
abwagende Arbeit nicht bloß eine gute Überficht über
den gegenwartigen Stand der Unterfuchung gibt fondern
diefe an einigen Punkten auch wirklich klärt und fördert.

Halle a- S- C Steuernagel.

Merx, weil. Prof. Adalbert: Der Meffias oder Ta'eb der

Samaritaner. Nach bisher unbekannten Quellen. Mit
einem Gedächtniswort von K. Marti. (Beihefte zur
Zeitfchrift für die altteftamentliche Wiffenfchaft XVII.)
Gießen, A. Töpelmann 1909. (VIII, 92 S.) gr. 8° M. 5 —
Merx hat mit diefem feinem letzten Werke, deffen
Korrekturbogen er noch gelefen, deffen Erfcheinen er
nicht mehr erlebt hat, auf feine frühere Behandlung des-
felben Themas (,Ein Samaritanifches Fragment über den
Ta'eb oder Meffias', Akten des Stockholmer Orientaliften-
kongreffes, Leiden 1893, 23 Seiten) zurückgegriffen. Er
hatte bei einem Befuche der Samaritaner in Nablus (nicht
Nablus) von den famaritanifchen Prieftern erfahren, daß
das von ihm veröffentlichte Fragment ein Teil der Liturgie
für das Verföhnungsfeft ift, er hat nach einigen Verhandlungen
, wie es fcheint, in der Überzeugung, daß folche
Handfchriften in Europa nicht vorhanden find, alle
liturgifchen Werke der Samaritaner für den ganzen Jahrzyklus
angekauft, 11 z. T. recht ftarke und eng befchrie-
bene Bände, verfchiedenen Alters, — der Band für den
Verföhnungstag datiert erft aus 1890. Hiernach hat er
weitere Stücke aus dem Ta'ebliede mitgeteilt S. 6—18,
27—49. Außerdem gibt und befpricht er 3 andere .Abhandlungen
, die den Ta'eb betreffen, die ihm der Hohe-
priefter der Samaritaner überfandt hat.

Merx will bisher unbekannte Quellen zugänglich
machen und befprechen. Als folche können aber doch
beftenfalls nur die beiden letzten, verhältnismäßig unwichtigen
Texte gelten. Denn wohin das von ihm 1893 veröffentlichte
Fragment gehört, hätte er bereits 1873 aus
Heidenheims Auffatz ,Die Chriftologie der Samaritaner',
(in deffen Vierteljahrsfchrift V, Zürich 1873 S. 169—182)
und aus den betreffenden Stellen von Heidenheims .Biblio-
theca Samaritana' (Die Samaritanifche Liturgie) Leipzig
1885 erfehen können, der zweimal die ganzen Texte veröffentlicht
hatte, von denen Merx 1893 nur ein kleines
Fragment bekannt war. Vor allem aber muß man es
Merx zum Vorwurf machen, daß er es nicht für nötig befunden
hat, die vortreffliche Abhandlung A. E. Cowleys,
des verdienten Herausgebers der Samaritanifchen Liturgie
(879 u. 100 Seiten, Oxford 1909 •) zu berückfichtigen, der
im 41. Bande des ,Lvxpofitor' (London 1895 S. 161 —174)
unter dem Titel ,The Samaritan Doctrine of the Messiah'
Merx's Abhandlung von 1893 eingehend kritifiert hat.

Merx hätte daraus lernen können, daß der Vf. des von ihm S. 6_iS

und 27—49 behandelten Liedes, Abifcha ben Phinhas, nicht 1475 Ö
wie M. angibt, fondern fchon 1376 D geftorben ift. Er hätte daraus erfehen
können, daß derfelbe Ibrahim el-K.abäsl2 der der Verf. des
von Merx S. 68—79 abgedruckten und überfetzten Textes ift, auch
ein für die Anfchauung der Samaritaner vom Ta'eb nicht unwichtiges Lied
verfaßt hat, das ebenfalls einen Teil der Liturgie für den Verföhnungstag
bildet (vgl. jetzt in Cowley's ,Sam. Lit.' S. 543 ff).

M. hätte durch Cowley (und Heidenheim) fich darauf
hinweifen laffen können, daß in Europa noch andere, und
zwar beffere Handfchriften für diefe immerhin nicht ganz
leichten Texte zugänglich find als feine eigne Handfchrift
vom Jahre 18903, und wäre ficher bei der Überfetzung
feines Haupttextes vor manchem Fehler bewahrt geblieben,
den Cowley bereits verbeffert hatte.

So z. B. hätte er daraus erfahren können, daß in Zeile 27 des Liedes
die Rede davon ift, daß die Sprache der Araber verwirrt werden foll.
nicht die der Hebräer, wie M. auf Grund eines Druckfehlers B^ISSri
f. D"i2^~!l meint, und was er auf mehr als einer halben Seite vergeblich
zu rechtfertigen fucht (S. 40), oder daß es Z. 46 lauten muß ,0 daß meine
Augen fehen möchten [Cowley fagt; ,had seen', und fo Galter ,gefehen
hätten'] diefen Ta'eb und feine Majeftät!', wo M. wieder überfetzt Es
(Ifrael) befitzt etwas (den Garizim), das dem Sinai entfpricht! Das'ift
der Ta'eb und feine Majeftät', trotzdem auch feine Handfchrift

1) vgl. Bachers Anzeige in Theol. Lit.-Ztg. 1910, Sp. 680 ff.

2) Merx nennt ihn ,Ibrahim aus der Familie Qajas', Gafter, in der
Rezenfion des Merx'fchen Buches in der ZDMG 64 S. 451, wo er Merx
verbeffern will, ,r>abasi', macht alfo felber 2 Fehler im Worte!; das ,Slr
el-Kvalb', das diefer Mann nach Gafter verfaßt haben foll, ift in Wirklichkeit
wohl ein ,sirr el-kalb'.

3) vgl. jetzt für die fam. liturg. Hss. Cowleys Einleitung zur .Samaritan
Liturgie' IX-XVIII, zu dem Text diefes Liedes ib. S. 511 ff.

*