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Ausgabe:

1911 Nr. 6

Spalte:

181-183

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Collin, J.

Titel/Untertitel:

Henrik Ibsen. Sein Werk - seine Weltanschauung - sein Leben 1911

Rezensent:

Reich, Emil

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Theologifche Literaturzeitung 1911 Nr. 6.

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wunderung gefordert; doch meint diefer Franziskaner, Ibfen
habe das Chriftentum mißverftändlich befehdet, weil er
den weitabgewandten Puritanismus als das Chriftentum
'betrachtet' das aber nur nicht weltgebunden fein wolle,
Weltfreude nicht ausfchließe. Weit ernftlicher erfaßt
Collin in wieweit Ibfen in einem ftrengen, oft felbftquäle-
rifchen Chriftentum haftet. Freilich fchillert Collins Anficht
von Religion von einer fehr weitherzigen bis ins
kirchliche hinüber. Am fchroffften, dementfprechend auch
am übertriebenften, formuliert der erfte Satz, den Lefer
frappierend, das Problem: ,Der Grund, auf dem Ibfens
Verhältnis zum Leben ruht, die tiefften und ftärkften
Wurzeln feiner Weltanschauung find die unbeirrbare und
unbestechliche Erkenntnis der Entartung und des Abfalls
der Menfchheit, das in ihm übermächtige Gefühl von
ihrer Sündhaftigkeit, der hoffnungsvolle Glaube an die
Befreiung und Erlöfung von ihrer Sünde'. Ja, Collin
meint Ibfen habe fich lange felbft zum Religionserneuerer
wie B-Vand, mehr noch zum Religionsftifter berufen gefühlt
; .Kaifer und Galiläer" fei das Bekenntnis diefes überhebenden
Irrtums. In den modernen Dramen fei das
l „n,r^t-ynHerre Zieh .das perfönliche Leben zu fördern
ruffifche Staatszugehörigkeit von den ™oren verlang unverändert[ ^mnktelM menfchlicher Selbft
wurde, hörte das auf. Bis zur Neubegrundung der Uniyer , durcn eineun^ci^ ^ WoVl^^f v^u^u c„i.x„u„:

revolutionären Umtriebe der Jahre 1905—6 hineingezogen
werden konnte (hierbei wurden 2 Paftoren ermordet und
eine Reihe anderer verwundet oder gemißhandelt).

In den kurzen Lebensabriffen find etwa 200 Paftoren als
aus dem Gebiete des heutigen deutfchen Reichs gebürtig
angegeben, zumeift aus Preußen (auch ein jüngerer
Bruder des KönigsbergerPhilofophen, Johann Heinrich
Kant, 1758—1800 zuerft Lehrer, dann Paftor in Kurland)
und aus Sachfen. Faktifch ift ihre Zahl aber viel größer.
Von den Paftoren des 16. und der erften Hälfte des
17- Jahrhunderts konnte der Herkunftsort meift nicht
mehr eruiert werden, lag aber wohl in faß allen Fällen
in Deutfchland. Übrigens war ja Kurland bis 1561 felbft
ein Glied des deutfchen Reichs und fein weftlichfter
Kreis, der Grobinfche, verblieb noch bis zum Jahre
I609 im Befitze Preußens. Aber noch bis ins 19. Jahrhundert
hinein hat Kurland Paftoren aus Deutfchland
bezogen, die zumeift als Studenten oder Kandidaten der
Theologie Hauslehrer in Kurland geworden, dann die
lettifche Sprache gelernt und im Lande geblieben waren.
Erft feit in dem neuen Kirchengefetz von 1832 die

»tat Dorpat (1802) hatten aber auch alle geborenen Kur
länder unter den Paftoren in Deutfchland ftudiert, zumeift
>n Königsberg oder in Roftock. Nach ganz vereinzelten
Fällen in früheren Jahrhunderten wurden feit der Aufhebung
der Leibeigenfchaft (1819) immer häufiger auch
geborene Letten Paftoren. Doch ift in letzter Zeit in
diefer Hinficht ein Rückgang zu verzeichnen, fodaß die
bei weitem überwiegende Majorität der kurländifchen
Paftoren auch heute deutfeher Nationalität ift.

In der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts find eine
Reihe von Paftoren als auf der weftindifchen Infel
labago und in Gambia in Weftafnka amtierend
notiert. Das waren die überfeeifchen Kolonien des
Herzogs Jakob von Kurland (1642—81, Gemahls der
Schweiler des Großen Kuriürften, Luife Charlotte).

Dorpat in Livland. K. Graß.

Collin, J.: Henrik Iblen. Sein Werk— feine Weltanfchau-

ung — fein Leben. Heidelberg, C. Winter 1910. (XII,

610 S.) 8° M. 9—; geb. M. 10 —

Der Titel diefes Buches ftimmt nicht zu feinem Inhalt
. Wäre hier wirklich eine umfaffende und allfeitige
Würdigung Ibfens beabfichtigt, fo müßte man fagen, es
werde wenig Neues zu Tage gefördert, viel Bekanntes
wiederholt, die Wertung der einzelnen Werke fei verfehlt,
da den modernen Dramen, welche Ibfen 1877—1899 veröffentlichte
und durch die er erft weltberühmt wurde,
knapp ein Fünftel des umfangreichen Bandes gewidmet
ift. Doch tragen die Seiten des Buches felbft eine ganz
andere und weit paffendere Überfchrift als Umfchlag und
Titelblatt: ,Henrik Ibfen als religiöfer Dichter'. Es war
nicht gut, nach vollendetem Druck diefe Bezeichnung zu
ändern. Eine gründliche Unterfuchung der inneren Beziehungen
Ibfens zur Religion fehlte bisher, obfehon
Heinrich Weinel ,Ibfen, Björnfon, Nietzfche' (1908) viel
Verdienfthches beifteuerte. Collin verdient Dank dafür,
daß er he lieferte und damit für viele zu weit gehende
Äußerungen Woerners in deffen zweibändigem Ibfenbuch
ein Gegengewicht fchuf. Lange genug glaubten religiös
Ceftimmte aller Bekenntniffe in Ibfen eine Art Antichrift
lehen und befehden zu müffen. Obgleich Ref. die freimütige
Entwicklung Ibfens nicht verkennt, wies er (Ibfens das empfindlichfte Gewiffen einen fich im Dichter zu deffen

fucht. Sein Ideal ift Wahrheit und Freiheit, Schönheit
und Lebensfreude, der Adel des Willens und der Ge-
finnung, die uneigennützige Liebe, kurzum die durch fich
felbft beftimmte ftarke Perfönlichkeit, die nie ihr Selbft
aufgibt, aber bereit ift, fich dem Nächften zu opfern, die
mit der ihr eigenen, urfprünglichen Kraft fich felbft und
den anderen das Glück des Lebens erfchafft'. Das egoi-
ftifche Ich zu überwinden durch das geläuterte Selbft
ift die eigentliche Aufgabe des Individuums, das dadurch
erft recht Perfönlichkeit wird: darin können Gläubige wie
Ungläubige übereinkommen. Collin nennt Ibfens ganze
Dichtung religiös, weil fie diefe Lehre vertritt. In den
verfuchten Einzelnachweifen fehlt Unwahrfcheinliches
nicht, fo wenn bereits der jugendliche Dramaturg in
Bergen fich für den berufenen Retter und Heiland feiner
Zeit gehalten und die drückende Laft diefer Sendung
in feinem Drama ,Frau Inger auf Öftrot' fymbolifiert
haben foll. Hübfeh wird dagegen bei den Kronprätendenten
' die zumeift halb überfehene Sigrid in den Vordergrund
gerückt als Vertreterin des Göttlichen zwifchen
um Irdifches eifernden Menfchen, ebenfo Bifchof Nikolas
als unfreiwillige Urfache dafür hingeftellt, ,daß der Berufene
an Stelle des Berechtigten trat'. Intereffant und neu ift
der wiederholte Vergleich Brands mit Calvin und Aufzeigung
von Ähnlichkeiten des Dichters mit dem Reformator
. In gleicher Weife wird Ibfen dreifach in Julian
wiedergefunden, für den er als Perfönlichkeit den Freiheitsdrang
, als Künftler das Verlangen nach Schönheit,
als religiöfe Natur die Sehnfucht nach einer neuen Religion
beifteuerte. Die Geftalt mißglückte jedoch fchließ-
lich, weil allzuviel auf fie gehäuft wurde, das einander
widerftritt, der gefchichtliche Julian, der von ihm abweichende
, kleinlichere der Kirchengefchichte und der
Dichter als Julian. Von diefen drei Julians ,fteht bald
der eine, bald der andere auf der Bühne'. ,Brand' und
,Kaifer und Galiläer' laden zu eingehendfter Betrachtung
ein, weil fie ja in der Tat die religionsphilofophifcheii
Werke Ibfens find. Die Gebühren, im Streben nach Perfönlichkeit
auf dem Gipfel in Kälte und Froft liebeleer
allein zu flehen und dem Wahnfinn zu verfallen, zeigt dem
Brand die Eiskirche der tollen Gerd. Ererbte Lieblofig-
keit ift Brands Sünde. Rückfichtslofer Wikingermut und

geiltige Entwicklung Ibfens nicht verkennt, wies er (Ibfens I das empfindlichfte Gewillen einen UCD. im Dichter zu deffen
Dramen, 7. Aufl s. SIlf.) darauf hin, wie viel auch in I Schaden; fo ift feine Rehgiofitat ein Ergebnis der Kraft
deffen antikirchlicher Epoche aus unausgetilgten chrift- ' und zugleich der Schwache. Den Tod des Peer Gynt in
hchen Jugendeinflüffen zu erklären fei. Ähnlich nennt 1 Solveigs Armen deutet Collin lo: ,Das von leerer Phan-

Colhn den Dichter mit Recht einen ,Feind der Theologen,
trotzdem zeitlebens unter dem Bann theologifcher Anschauungen
'. Von katholifchen Seite hat P. Expeditus
Schmidt für Ibfens Dichtergröße und fittlichen Ernft Be-

tafie und dünkelhaftem Wahn genährte Natur-Ich wird von
dem aus felbftlofer Liebe geborenen geiftigen Ich überwältigt
'. Selbftlofe Liebe feiert der Dichter in Einklang
mit feiner Perfönlichkeitsforderung, denn ,das Perfönliche