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Ausgabe:

1910 Nr. 4

Spalte:

113-116

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Doumergue, Emile

Titel/Untertitel:

Iconographie Calvinienne 1910

Rezensent:

Lobstein, Paul

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H3

Theologifche Literaturzeitung 1910 Nr. 4.

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ander. Es fteht feft, daß Zwingli trotz feiner Theorie Calvinicnnc bildet einen fehr verwickelten Knäuel von
von der Selbftverwaltung der kirchlichen Gemeinde in Fragezeichen, die D. mit fefter und gefchickter Hand zu
der Praxis die weltliche übrigkeit mit kirchenregiment- entwirren weiß. Ift es ihm auch nicht gelungen, die
liehen Funktionen betraut hat. Gerechtfertigt hat er das überaus komplizierten Probleme, die allenthalben fich
felbft in feiner Schrift Subsidium sive Corotiis de Bucha? ftellen, in endgültiger Weife zu löfen, fo ermöglicht er es
ristia (Schüler u. Schultheß, Werke III S. 339) durch doch dem Lefer, die Elemente der fchwebenden Fragen
feine Theorie von der Übertragung des Verwaltungs- : zu würdigen, die vorhandenen Schwierigkeiten in ihrem
rechts, der die Gemeinde ftillfchweigend zugeftimmt , Umfang und ihrer Bedeutung abzufchätzen, und einen
hätte. Hundeshagen (Beiträge zur Kirchenverfaffungs- richtigen und umfaffenden Einblick in den gegenwärtigen
gefch. u. Kirchenpolitik I, Wiesbaden 1864, S. 203) hat Stand der Forfchung zu gewinnen. Zur Behandlung der
diefen Rechtfertigungsverfuch eine Fiktion — bellen- umftrittenen Punkte und zur Befchaffung des einfehlägigen
falls wohl eine Selbfttäufchung — genannt und Sohm Materials hat er keine Mühe gefcheut, nach allen Seiten
(Kirchenrecht I S. 646) hat geradezu getagt, Zwingli Umfchau haltend, die Zeugniffe aus den verfchiedenen
fei von feinem Prinzip abgefallen. Kreutzer vertritt die Jahrhunderten fammelnd und prüfend, durch briefliche
Anficht, daß Zwingli feine theoretifche Unterfcheidung Beziehungen und perfönlichen Verkehr alle kompetenten
zwifchen Staat und Kirche dauernd behauptet und in 1 Kenner und Beurteiler zur Mitarbeit heranziehend. Drucker
feiner Übertragungstheorie wirklich eine innere Löfung und Verleger haben in der Wiedergabe der Bilder alle
gefunden habe, was in dem eigentümlichen Zufammen- durch Kunft und Technik bereit gelegten Mittel zur An-
fchluß von politifchen und religiöfen Zielen begründet wendung gebracht: die 76 in den Text eingerückten
fei. Darin fieht er auch den grundlegenden Unterfchied Stiche und die 26 Lichtdrucke find mit einer bewunde-
von Luther, ja er fleht nicht an, obwohl er auch bei rungswürdigen Sorgfalt und Eleganz ausgeführt. Die
ihm das religiöfe Intereffe überall durchfchlagend und trockenften Detailunterfuchungen geftalten fich, dank der
überwiegend findet, ihn Luther als dem rein religiöfen geiftvollen und glänzenden Darllellungsgabe des Verfaffers,
Reformator gegenüber einfach als den Typus des poli- zu genußreichen Auseinanderfetzungen, zuweilen zu dra-
tifchen Reformators zu bezeichnen. matifchen Kreuzverhören, deren Ergebnis der fcharf-
Kreutzers Refultate find im wefentlichen nicht neu; Tinnige Unterfuchungsrichter mit gewiffenhafter Genauig-
felbft feine Entfcheidung über die Übertragung der keit zu Protokoll bringt Da im vorliegenden Fall Calvins
Kirchengewalt an die Obrigkeit fcheint mir im Grunde Ehre, deren Wahrung Doumergue vor allem am Herzen
von der von Baur (Zwingiis Theologie I S. 491) ge- liegt, nirgends im Spiele ift, arten die Ausfuhrungen des
gebenen nicht abzuweichen. Auch diefer fagt, daß Hiflorikers niemals in fyftematifche Lob-und Verteidigungs-
Zwingli fein Prinzip von der Autorität der Gemeinde reden aus. Auch drangen fich keine dogmatifchen Vor-
in Geftaltung ihrer kirchlich religiöfen Angelegenheiten urteile auf, die den theologifch befangenen Parteiführer
theoretifch feilgehalten habe. Dennoch ift Kreutzers oder Polemiker verraten und die Objektivität feiner Arbeit
Buch wertvoll durch feine forgfältige, allfeitige und trüben könnten. Die Verhältniffe, unter welchen D. feine
in die Tiefe gehende Unterfuchung und Begründung Enquete führt, die Mittel und Kräfte, die ihn dazu be-
und durch die gefchloffene Behandlung des beftimmten fähigen und anregen, find fomit die denkbar günftigften.
Themas. Trotzdem urteilt er felbft, daß feine Leiftung als eine
Wenn ich im ganzen feinen Ausführungen zuffimme, böchft unfertige zu bezeichnen ift, und fie erfcheint dem
fo möchte ich dabei freilich die Frage, ob wirklich die Gelehrten nur als der erfte Schritt auf einer Bahn, die
Reformatoren gewiffermaßen als letzte bedeutende Aus- j er zr ar gebrochen, die aber andere weiter zu verfolgen
läufer der mittelalterlichen Gedankenwelt in Betracht berufen "nd. Diefe Befcheidenheit ift um fo lobenswerter,
kommen, ausfchalten. Kreutzer hat fie nicht abfchließend fls P- ,n ?er {at kaum ?M nennenswerte Vorgänger anbeantwortet
; fo halte ich auch nicht für meine Pflicht, knuPfe" k°nnf e- Abgefehen von zwei teilweife recht
zu ihr eingehender Stellung zu nehmen. Mir fcheint es WgJ» £uJat,zen -Hon"ets Cr9****» de la
fehr wohl vereinbar in der Reformation im eimtehM'A^jÜ^JZ^tT^^^if^ 66' PaR" *7l8j
Zufammenhänge mit dem Mittelalter aufzudecken und ^"^fZ /T ? u M i f8,7°, PKg> 7Z.^J??*
doch im ganzen fie als den Beginn einer neuen Zeit zu der Vf. nur einzelne kleinere Artikel über feltene Bilder
betrachten. Die in ihr neu entbundenen Anfchauungen SJV1JaJ"hf V?era35 kund,ge< .f>. Schiente
find mir zu bedeutend, als daß die mittelalterlichen Ein- ttjl^ff^ Proteftantismus gründlich vertraute
fchläge fie entwerten könnten. Web/ ha firh vorhfn. ang^brten Gefellfchaft, Dr. N.
s ,.' Wem, hat fich nur feiten über diefen Gegenftand ge-
Ilfeld i. Harz. Ferdinand Cohrs. äußert {Bulletin, 1893, p. 542—546; 1898, p. 44-46).

Doumergues Werk zerfällt in zwei Hauptteile, die zu-
nächft die Bilder, die Porträts (S. 7—91), hierauf die Karikaturen
(S. 93—222) behandeln. Zwei fehr wertvolle Appen-

Doumergue, E, leonographie Calvinienne. Ouvrage dedie ä
l'universite de Geneve. Avec 76 gravures dans le texte

et 26 planches en phototypie. Lausanne, G. Bridel , "Z™6™™™ willkommene Ergänzung der Arbeit D s:
D _. ^ r ttt o oft f ■ erltensi dle durch den unermüdlichen und vortrefflich

& Cie 1909. (VII, 280 p.) gr. 8« tr. 3°— | orientierten Sammler Dr. H. Maillard-Goffe hergeftellte

Von dem breit angelegten, wunderfchön ausgeftatteten 1 Befchreibung der vorhandenen, Calvin darfteilenden
Werk Doumergues über Calvin und feine Zeit {Jean oder auf ihn bezüglichen Holz-, Kupfer-und Stahlftiche
Calvin, les homtnes et les choses de son temps) find von (307 Nummern); zum zweiten, das von dem Konfervator
1899—1906 drei Bände erfchienen (vergl. Theol. Litztg. j der numismatifchen Sammlung Genfs, Dr. Demole, ver-
1900, Nr. 15; 1904, Nr. 4; 1906, Nr. 16). Der Verfaffer fertigte Inventar der Calvin betreffenden Denkmünzen

hatte zwei weitere Bände: Le Programme. La lutte et le
triomphe, in Ausficht geftellt. Die Gabe, mit welcher er
im Jahre des Calvinjubiläums feine Lefer überrafcht, ift
nicht die Wiederaufnahme und einfache Fortfetzung der

und Medaillons (96 Stück, unter welchen 22 aus dem
16. Jahrhundert, 43 aus dem 19. flammen, die übrigen
lieh auf das 16., 17. oder 18. Jahrhundert verteilen). —
Diefer reichhaltige Aktenftoß, fagt D., ift nach keiner

begonnenen und bis zum erflen Genfer Aufenthalt weiter- j Seite hin vollftändig 1 s'il fest assez cependant pour pro-
geführten Erzählung. Sie bildet vielmehr ein felbftändiges, . voquer desormais des Hudes vraiment sirieuses, nous
von der bisherigen Darfteilung unabhängiges Ganze. Das j atirons atteint le seul bat que nous pouvions nous p'roposer
gegenwärtige, der Genfer Univerfität gewidmete Buch ! (S. 6). Daß jede fernere Unterfuchung auf der in D.'s
ift der fchwierigen und wertvollen Aufgabe einer kritifchen Werk gegebenen Grundlage weiter zu bauen hat, bedarf
Sichtung der Calvinbilder gewidmet. Die leonographie keines Beweifes.